Kurzrezension zu Eleanor Catton – „Die Anatomie des Erwachens“

Sprachlich toll, aber eine für mich unzusammenhängende und teils verwirrende Geschichte

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Eleanor Catton konnte mich bereits mit ihrem preisgekrönten Buch „Die Gestirne“ überzeugen, weshalb ich mich sehr darauf gefreut habe, ihren Erstling „Die Anatomie des Erwachens“ zu lesen. Für „Die Gestirne“ habe ich drei Anläufe gebraucht, um mich in die Geschichte einfinden zu können. Das lag zum einen an der raffiniert konstruierten Geschichte und zum anderen an den vielen Personen, die ich erst nach einiger Zeit richtig miteinander in Verbindung bringen konnte. Es ist Cattons Schreibstil zu verdanken, dass ich am Ball geblieben bin, denn der ist wirklich phänomenal.

Beim Lesen von „Die Anatomie des Erwachens“ stand ich vor einem ähnlichen Problem. Ich habe zwar keine drei Anläufe gebraucht, dafür war es mir schlichtweg einfach nicht möglich, Zugang zu den Personen und der Geschichte zu finden.

Eleanor Catton schreibt in „Die Anatomie des Erwachens“ von einem Skandal (die 17-jährige Victoria hat eine Affäre mit ihrem Lehrer), der dazu führt, dass die Mädchen um sie herum sich ihrer eigenen Sexualität bewusst werden. Es geht darum, was passiert, wenn junge Menschen ihre eigene Sexualität begreifen wollen, sich ausprobieren und welche Probleme bzw. Konsequenzen daraus resultieren können.

Zu den Hauptpersonen gehören Victoria, ihre Schwester Isolde, Julia, Bridget und Stanley, sowie die Saxophonlehrerin, die als Dreh und Angelpunkt für alle fungiert. Es gibt zwei parallel laufende Erzählstränge – einerseits die Mädchen, über die man viel über ihr Leben und ihre Probleme in Gesprächen mit der Lehrerin erfährt und andererseits die Schauspielschule, die eine Aufführung über den Skandal geplant hat. Einer ihrer Schüler ist Stanley, der die teils obskuren Methoden der Schauspielschule beobachtet und beschreibt.

Im ganzen Buch geht es um kleinere und größere Skandale und der Entdeckung der eigenen Macht der Sexualität, ohne dabei „sexuell“ zu sein. Das Buch erzählt lediglich und das sehr gut, jedenfalls sprachlich. Leider fehlt mir der Zusammenhang oder ich konnte diesen einfach nicht herstellen. Für mich scheinen die einzelnen Erzählungen und Personen erst am Ende zusammenzufinden. Erzählstil und Idee Eleanor Cattons sind bewundernswert, aber die Ausführung ist ihr in diesem Buch meiner Meinung nach nicht so gut gelungen, da die Geschichte zu verwirrend konstruiert ist. Man erfährt zum Teil nur wenig über die Personen, die deshalb lose und unverbunden bleiben und es dem Leser erschweren, Sympathien und Antipathien aufzubauen. Es ist, als würde einem Catton immer wieder einen Ball zuwerfen, den man nicht fangen kann. Nichtsdestotrotz ist „Die Anatomie des Erwachens“ sprachlich so gelungen, dass ich es dahingehend sehr empfehlen kann und trotzdem gerne mehr von ihr lesen möchte.

btb Verlag – 397 Seiten – Originaltitel ‚The Rehearsal‘

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