Junge, starke Stimmen in Debütromanen. Mag ich. Ein paar Eindrücke.

Ich mag neue Stimmen, starke Stimmen, junge Themen und gerne auch ungewöhnliche oder für sich sprechende Buchtitel. Wo bin ich da am Besten aufgehoben? Bei Debütromanen! (Wobei ich dieses Wort nicht mag, dabei muss ich unweigerlich an Ballett und Tütus denken und das ist nun gänzlich unpassend). Ich schweife ab. Kameraschwenk zu ein paar meiner favorisierten, deutschsprachigen Debütromanen (ach, da ist es schon wieder..), die es definitiv wert sind, gelesen zu werden.

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Tino Hanekamp – So was von da

Ein Roman wie eine durchzechte Nacht. Vom großen, ganzen Leben, dem kleinen Ich darin und den Fragen: Wer bin ich? Was will ich? Und macht das überhaupt Sinn, was ich hier tue? Hamburg. Oskar Wrobels Leben ist eine einzige Party. Wären da nicht ein ehemaliger Zuhälter, seine langsam durchdrehenden Freunde, (s)ein Club und dessen Abrissparty und Mathilda. Immer wieder Mathilda. Von der ersten Seite an, zieht einen die Geschichte und die Sprache in eine Art Sog. Ist man da erst mal drin, kommt man nicht mehr heraus. Ich persönlich habe sogar vergessen aus der Bahn auszusteigen und bin munter bis zur Endhaltestelle durchgefahren. Also, Obacht! Dieses Buch gefährdet euer Zeitmanagement!

Erster und sehr eindrücklicher Satz: „Ich befürchte, ich bin wach.“ (Tino Hanekamp, ‚Sowas von da‘, Kiepenheuer & Witsch)

Fabian Hischmann – Am Ende schmeissen wir mit Gold

Quasi der Gegenpart zu ‚So was von da‘, denn obwohl wirklich viel passiert, bleibt Hischmanns Ton ruhig und melancholisch. Es geht um das Erwachsenwerden in einer Zeit, in der Erwachsenwerden ein ewiger Prozess ist. Als Max, um den es hier geht, das Haus seiner Eltern hüten soll, hat er noch keine Ahnung, was alles auf ihn zukommt, welchen Katastrophen er sich stellen muss und dass er sich letzten Endes mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen muss. Nüchtern-emotional, nicht so soghaft wie Hanekamp, aber dennoch lesenswert.

Und wie wacht Max auf?: „Ich wache auf. Die Uhr sagt Mittag.“ (Fabian Hischmann, ‚Am Ende schmeissen wir mit Gold‘, Berlin Verlag)

Stefanie de Velasco – Tigermilch

Tigermilch ist großartig. Ganz, ganz großartig! Warum? Weil es um zwei Mädchen in der Großstadt geht, der eigenen Identitätsfindung, dem Erwachsenwerden und den Problemen zerrütteter Familien. Jameelah und Nini wachsen nicht wohlbehütet in einer Kleinstadt mit Haus, Zaun drum, Hund, Garten und liebevollen Eltern auf. Jameelah und Nini leben in einer grauen Wohnsiedlung, Tristesse deluxe inklusive, trinken auf dem Schulko Tigermilch (Milch, Mariacron und Maracujasaft) und planen ihre Entjungferung. Es geht um das Aushalten, das Durchhalten schon in jungen Jahren und es passiert viel, auch Trauriges. De Velascos Ton ist mal hart, mal zart, aber immer unfassbar gut.

„Im Fernsehen wachen Menschen, denen was Schlimmes passiert ist, schweißgebadet aus ihren Träumen auf, (…). Genau daran merkt man, dass das alles nur Schauspieler sind, (…). In Wirklichkeit ist es nämlich genau umgekehrt. Nachts ist alles ruhig und dunkel, aber wenn am Morgen die Helligkeit durch mein Fenster fällt, ist alles wieder da, (…)“ (Stefanie de Velasco, ‚Tigermilch‘, Kiepenheuer & Witsch Verlag)

Philipp Winkler – Hool

Ok. Von „Hool“ dürften spätestens seit der Nominierung zum Deutschen Buchpreis 2016 viele gehört und gelesen haben. Leider habe ich auch vielerorts mitbekommen, dass eine Menge von dem Buch abgeschreckt sind. Der harsche Ton, die Brutalität, das Thema. Also gut, ich nehme euch mal die Angst. Es geht um Heiko, dessen Vater Alkoholiker und dessen Mutter das Weite gesucht hat. Bedingt durch seine Kindheitserfahrungen flüchtet sich Heiko zu seinem Onkel und seinen besten Freunden in die Welt der Hooligans. Die Hools, das ist seine Wahlfamilie. Nach und nach zerbricht diese Welt. Heikos Freunde werden erwachsen, distanzieren sich von dieser Welt. Und Heiko? Der rutscht immer tiefer rein bis alles eskaliert. Doch was bleibt ihm noch, ohne Hools? Ja, die Geschichte ist hart und zum Teil brutal erzählt. Aber zwischendurch, wenn Heiko an früher denkt, den Alkoholismus des Vaters, an die Mutter, die plötzlich einfach geht, seine Schwester, die ihn nicht beschützen kann, aber will, an Freunde, die unwiederbringlich verloren sind, da schwingt zwischen all der harschen Worte, etwas ganz Sanftes mit. Es ist nicht greifbar, es ist nicht wirklich zeigbar, aber es ist da und das macht das Buch aus.

„Nachdem ich mich erst mal zeitlich verordnet und gecheckt habe, dass ich bis spät in den Nachmittag hinein gepennt habe, gehe ich runter in die Küche. Die Hunde bellen sich die Scheiße aus dem Arsch und hören gar nicht mehr auf. Arnims Retourgekläffe, dass sie die Schnauze halten sollen, stachelt sie nur noch weiter an.“ (Philipp Winkler, ‚Hool‘, Aufbau Verlag)

Weitere Debütromane (die ich aber zum Teil bisher nur angelesen habe):

Simone Hirth, ‚Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft‘, Kremayr & Scheriau Verlag. Über den Aufbau eines neuen Lebens(konzepts), wenn das Eltenhaus plötzlich buchstäblich in Trümmern liegt. Humorvoll-authentisch.

Paula Fürstenberg, ‚Familie der geflügelten Tiger‘, Kiepenheuer & Witsch Verlag. Über die Suche nach Erinnerungen an den eigenen Vater, der eigenen Geschichte und vielleicht auch dem eigenen Ich.

Nele Pollatschek, ‚Das Unglück anderer Leute‘, Galiani Berlin Verlag. Über eine außergewöhnliche, zum Teil verrückt anmutende Familie auf tragischkomische Weise erzählt.

 

 

2 Kommentare zu „Junge, starke Stimmen in Debütromanen. Mag ich. Ein paar Eindrücke.“

  1. Ich liebe auch Debüts, weil sie so erfrischend anders sind und auch mal etwas wagen. Ich lese auch selten mal einen Autor doppelt, weil ich so gerne neue Dinge entdecke. Und ich habe das Gefühl bei Debüts sind die Chancen auf tolle Entdeckungen ungleich höher. Außerdem gefällt mir, dass viele junge Autoren und Autorinnen tatsächlich jung sind und auch diesen frischen Blick auf die Welt mitbringen.
    Autoren, die bereits bekannt sind, schreiben ja meist nur nach Schema XY oder immer ähnliche Sachen, weil sich das ja bereits bewährt hat.

    Liebe Grüße, Anja

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