[Rezension] „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ von Kees van Beijnum

Ein zartes, zerbrechliches und doch ausdrucksstarkes Buch.

„Die Zerbrechlichkeit der Welt“ lautet der Titel des neuesten Romans von Kees van Beijnum, welcher zu den bekanntesten Autoren der Niederlande zählt und bisher elf Romane veröffentlicht hat. Für mich war es das erste Werk von ihm, wovon ich höchst angetan bin.

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Mit „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ entführt uns van Beijnum ins Tokio der Nachkriegszeit, 1946. Japan ist zerrüttet, zerstört, die Menschen hungern, kämpfen um ihr Überleben und sind gleichzeitig mutig und voller Kraft und Tatendrang, ihr Land wiederaufzubauen. Mittendrin: Der Niederländer Rem Brink, der als Richter im internationalen Tribunal japanische Kriegsverbrecher verurteilen soll. Ihm geht es allerdings weniger um das Verurteilen selbst als um einen fairen Prozess, womit er bei seinen Kollegen auf Unverständnis stößt. Immer öfter sucht er Zerstreuung im Tokioter Nachtleben und trifft dort auf die junge Sängerin Michiko. Zwischen beiden entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Doch Brink befindet sich im Zwiespalt zwischen Michiko, die ihm ein völlig neues Gefühl seiner selbst gibt und seinem alten, geregelten Leben als Ehemann und Vater dreier Kinder in Europa. Er steckt in einer Art Identitätskrise zwischen den Werten seines europäischen Lebens und denen Japans fest. Auch Michiko hat zu kämpfen, denn als stolze und traditionsbewusste Japanerin fällt es ihr ebenfalls nicht leicht mit dem Widerstand, auf den ihre Affäre trifft, umzugehen. Als der Cousin Michikos, Hideki, der als Kriegsinvalide gleichermaßen eine Identitätskrise zu bewältigen hat, auf die Hilfe des Richters angewiesen ist, muss dieser eine Entscheidung zwischen seiner beruflichen Ehre und seinen Gefühlen zu Michiko treffen.

In drei Teilen erzählt die „Zerbrechlichkeit der Welt“ abwechselnd aus der Perspektive der drei Hauptpersonen, Brink, Michiko und Hideki. Die Geschichte wird ruhig und sehr atmosphärisch beschrieben und manchmal ist man als Leser erstaunt, was für wunderschöne, bildhafte und gleichzeitig hauchzarte Worte der Autor für zum Teil ganz einfache Begebenheiten findet.

In den einzelnen Kapiteln begleitet der Leser jeweils eine der Hauptfiguren und verfolgt so das Geschehen der Reihe nach, aber immer wieder aus einem anderen Blickwinkel heraus. Nicht allen Autoren gelingt der Übergang von einem Kapitel zum nächsten und einer Figur zur nächsten so fließend wie Kees van Beijnum. Denn auch wenn sich die Figuren an ganz anderen Orten und in ganz anderen Situationen befinden, schafft er es doch immer, eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen und oft fügen sich der jeweils letzte und erste Satz der aufeinanderfolgenden Kapitel so zusammen, dass sie an Übergange in einem Kinofilm denken lassen.

„Die Zerbrechlichkeit der Welt“ erzählt keine romantische, „verzärtelte“ Liebesgeschichte, sondern vielmehr von einem Land im Umbruch, in der die Personen aufgrund unterschiedlicher Schicksale und Erfahrungen mit ihrer eigenen Identität zu kämpfen haben. Fast jeder hat etwas oder jemanden verloren, es herrscht Unverständnis, Egoismus und Korruption und inmitten all dieser Wirrnisse und Missstände schreitet das Leben unbarmherzig voran. Der Roman schildert eindrücklich, was ein Mensch zu geben bereit ist, auch wenn er am Abgrund steht. Besonders Michiko und Hideki müssen einiges erdulden und zeigen dennoch bewundernswert viel Stärke und Mut.

Auch wenn „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ an ein paar Stellen Längen aufweist, in denen viel erzählt wird, was man sicher auch hätte kürzer verfassen können, hat mich das Buch sehr positiv überrascht. Besonders der Ton und die klare Eleganz mit denen der Autor auch trostlose Situationen auf wundersam schöne Art und Weise beschreibt, haben mich begeistert. „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ trägt den Leser bis zum letzten Satz durch das Japan der Nachkriegszeit und hinterlässt eine gewisse angenehme Melancholie diesen Ort und die Figuren verlassen zu müssen.

Kees van Beijnum – „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ – erschienen im C. Bertelsmann Verlag / ca. 480 Seiten

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