[Rezension] „Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan.

Was ist Wahrheit, was ist Fiktion?

Delphine de Vigans neuester Roman „Nach einer wahren Geschichte“ lässt den Leser bzw. Hörer an die Grenzen von Wahrheit und Fiktion gehen, bis beides verschwimmt und nicht mehr klar auszumachen ist: Was ist echt und was nicht?

In „Nach einer wahren Geschichte“ trifft die angesehene Schriftstellerin Delphine auf die Ghostwriterin L. Beinahe sofort entsteht eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden. Sie tauschen sich aus, fühlen einander verbunden. Sie führen Diskussionen über den Wahrheitsgehalt von Geschichten. L. ist der Ansicht, dass Geschichten immer wahr sein müssten. Das irritiert Delphine und lässt sie an sich zweifeln. So sehr, dass sie in eine schwerwiegende Schaffenskrise gerät, in der ihr kein Text mehr gelingen will, ja, es sogar soweit geht, dass sie nicht einmal mehr ihren Computer anschalten kann, um einfache Mails zu beantworten. Da ist L. zur Stelle. Sie hört ihr nicht nur zu und versteht sie, sondern hilft ihr auch, indem sie ihr viele Dinge im Haushalt, aber auch ihrer künstlerischen Tätigkeit abnimmt. Sie beantwortet Mails, sagt Interviews ab und bittet den Verlag um zeitlichen Aufschub. Delphine ist erleichtert und sieht in L. eine Verbündete, wie es ihre bisherigen Freunde und Freundinnen nie waren. L. fasziniert sie. L. ist immer da. L. kann sie vertrauen und L. kennt sie besser als Delphine sich selbst, aber irgendetwas ist da, was sie stört, was ihr merkwürdig vorkommt. Kann ein Mensch wirklich so selbstlos sein? Und ist L. die eine Person, der sie vertrauen kann?

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Martina Gedeck verleiht Delphine eine ausdrucksvolle Stimme, wodurch die Lesung an Kraft und Stärke und die Personen an Authentizität gewinnen. Die ruhige, aber doch bestimmende Tonart der Sprecherin unterstreicht den Inhalt und die Aussage des Buches auf gekonnte Art und Weise, weshalb ich es nicht bereue, mich für die Hörbuchversion entschieden zu haben.

Der Roman selbst kommt ohne Ausschmückungen daher, ist klar und präzise erzählt, wenn nicht sogar ein wenig unterkühlt. Dennoch handelt es sich um einen Psychothriller, den man so schnell nicht mehr vergisst. Es sind die Kleinigkeiten im Geschehen, die auf den Leser/Hörer bedrückend und mitreißend zugleich wirken. Zum Beispiel der Name, L., der nie im Ganzen genannt wird und ihr dadurch eine Art mystischen, unnahbaren, aber doch interessanten Charakter verleiht. Bis zum Schluss und vielleicht sogar darüber hinaus wird eine beinahe unerträgliche Spannung aufgebaut und aufrechterhalten, die einen letzten Endes an allem Zweifeln lässt. Was ist Wahrheit, was ist Fiktion? Diese Frage lässt sich auch nach Beendigung des Buches nicht beantworten, das ist aber auch gar nicht gewollt. Vielmehr hat die „wahre Geschichte“ die Intension den Leser etwas verwirrt, aber vor allem nachdenklich zu hinterlassen. Er soll sich fragen, ist die Geschichte wahr oder ist sie es nicht? Das ist de Vigan auf höchst unspektakuläre, aber sehr intensive Art und Weise gelungen. Man wird sich noch lange fragen: Spricht sie von sich selbst oder ist es doch bloß Fiktion?

Random House Audio – Ungekürzte Lesung ca. 9h 37 Minuten – ISBN: 978-3-8371-3641-8

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