[Rezension] „Jetzt, Baby“ von Julia Engelmann

„Jetzt, Baby“ ist nach „Eines Tages, Baby“ und „Wir können alles sein, Baby“ der aktuelle Band mit Poetry-Slam-Texten von Julia Engelmann, die vielen durch ihr Video von „One Day“ bekannt sein dürfte, das sich unglaublich schnell im Internet verbreitet hat. Nun, mit Erscheinen des dritten Bands, siegt meine Neugierde dann doch, denn ich habe weder die Vorgänger gelesen, noch das Video komplett gesehen. Vor allem stellt sich mir aber eine Frage: Ist Julia Engelmann die vielen positiven Stimmen wert?

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In 28 Texten geht es in „Jetzt, Baby“ um Liebe, Leid und die ganz großen und ganz kleinen Gefühle inklusive Selbstzweifel, Angst und der Sehnsucht nach dem Abenteuer, gleichwohl der Sehnsucht nach dem Ankommen. Einige Seiten sind mit Zeichnungen von Julia Engelmann selbst versehen und recht minimalistisch gehalten. Diese hätten, für meinen Geschmack, ruhig noch öfter auftauchen und weniger zaghaft sein dürfen. Besonders „Van Gogh“ vs. „Kahlo“ bei „Selfie“ mag ich (bitte mehr davon!)

Das Buch beginnt, wenn man das Intro außen vor lässt, mit „Liegst du niemals nachts wach?“, einem Text, der wohl alle ansprechen soll. Denn ganz gleich ob jung, ob alt, wirklich jeder kennt das Gefühl, nachts wach zu liegen, vor Kummer und Sorgen oder einfach, weil die Gedanken rasen. Sie spricht oft von der Liebe, modernen Beziehungsformen und was so passiert, wenn soziale Netzwerke dazwischenfunken. Häufig thematisiert wird die Angst, erwachsen und den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Auch „Selfie“ ist so ein Text, der die Frage nach der eigenen Identität aufwirft und genau den wunden Punkt vieler trifft, die sich dadurch verstanden fühlen. Etwas persönlicher hingegen wird es zum Beispiel in „Für meine Großeltern“ und „Für meinen Bruder“ – Und dann gibt es da auch noch ein paar Texte, die wie zufällig gewählte Anekdoten wirken, die man eingefügt hat, weil noch Platz war. Dadurch ergibt der Band leider kein Ganzes und man kann die Texte nur schwer hintereinander lesen.

Engelmann hat ihre eigene Sprache, ihren Sound, ihren Rhythmus gefunden, regt oft zum Nachdenken an und lässt einen Staunen, wie gut sie sich und ihre Generation versteht (und das auch noch gekonnt wiedergeben kann), aber manches wiederholt sich dann doch zu sehr. Das ist auch der Grund, warum ich „Jetzt, Baby“ ’nur‘ okay finde und nicht absolut herausragend. Es ist gut, aber es ist nicht so, dass die Texte mein Denken oder mein Lebensgefühl großartig verändern würden. Mit vielen Dingen kann ich mich einfach nicht identifizieren und manches ist mir persönlich zu oberflächlich. Vielleicht hat man über die Themen auch schon zu oft gesprochen oder vielleicht treffen sie nur nicht genau meinen Nerv, das ist aber okay. Ich kann verstehen, was viele an Julia Engelmann imponiert, denn sie bringt das zur Sprache, was viele andere genauso empfinden, es aber nicht ausdrücken können. Mir persönlich gibt es jedoch nicht so viel und dadurch kann ich dem ganzen Trubel um Julia Engelmann leider kaum etwas abgewinnen, auch wenn ein paar schöne Texte dabei sind. Wer sich für Poetry-Slam interessiert oder einfach nur neugierig ist, der wird bestimmt dennoch Spaß an „Jetzt, Baby“ finden und macht sich vorzugsweise selbst ein Bild (oder Selfie) davon!

„Jetzt, Baby“ von Julia Engelmann erschienen im Goldmann Verlag / ca. 121 Seiten

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