[Rezension] „Das Amerika der Seele“ von Karl Ove Knausgård

Auf „Das Amerika der Seele“ von Karl Ove Knausgård bin ich zum einen aufgrund des Titels aufmerksam geworden, der, neben „Die Liebe unter Aliens“, definitiv zu meinen diesjährigen Lieblingstiteln gehört – und zum anderen, nachdem ich so viel Interessantes (sowohl Positives als auch Negatives) über sein autobiographisches Projekt „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“, „Leben“, „Träumen“, „Kämpfen“ gelesen und gehört habe. Da ich nicht sofort mit der Reihe beginnen, sondern mich erst einmal in den Schreibstil Knausgårds einlesen wollte, sah ich in „Das Amerika der Seele“ einen guten Start.

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Hierin enthalten sind achtzehn Essays, die sich mehr oder weniger um das Leben mit und um Kunst und Künstler drehen. Vor allem geht es aber um die Verknüpfung von Leben und Kunst. Hängt das nicht alles irgendwie zusammen? Betrachten wir die Dinge um uns nicht alle irgendwie als kunstvoll? Und ist der Mensch selbst nicht ein Kunstwerk, indem er sich selbst darstellt, präsentiert und in Form von Texten, Gemälden, Fotografien etc. Selbstverwirklichung findet?

Knausgårds Schreibstil ist bestechend. Er schreibt, als ob man in seinen Gedanken sitzen würde und schafft es alltägliche Vorgänge so detailliert zu beschreiben, als ob man in Echtzeit dabei wäre. Das könnte prinzipiell recht langweilig sein, wenn er es nicht gleichzeitig schaffen würde, „so schön“ zu schreiben und immer wieder neue Denkanstöße zu geben. Es ist einfach eine Freude, Knausgårds Texte zu lesen, weil es immer wieder erstaunlich ist, wie er aus einfachen, alltäglichen Beschreibungen plötzlich zu ganz tiefen Sinneseindrücken gelangt. Und ja, manchmal stellt er auch ziemlich irrsinnige Vergleiche an, die dann aber dennoch enorm schlüssig sind, sodass man ihn nur dafür bewundern kann. Auch für seinen Mut. Denn welcher Literat traut sich schon den „Akt des Scheißens“ mit dem Tod zu vergleichen? Und damit erreicht er nämlich genau das, was er will: Man regt sich darüber auf – oder auch nicht. Ganz egal, aber man spricht darüber, denn Knausgård provoziert gerne. Er greift radikale und soziale Themen auf, schreibt von der Moderne und dem was-wäre-wenn und gibt immer wieder neue Impulse. Alles begreifen und alles mitnehmen kann man beim ersten Mal durchlesen von „Das Amerika der Seele“ sicher nicht und, ich muss es leider zugeben, nicht alle Essays empfinde ich als inhaltlich gänzlich gelungen. Dafür sind Knausgårds Texte sprachlich großartig und deshalb freue ich mich darauf bald mit seinem autobiographischen Projekt fortzufahren. Da ich mir gut vorstellen kann, dass Knausgårds Gedanken und seine Art diese wiederzugeben nicht jedermanns Sache ist, ist daher „Das Amerika der Seele“ als Einstieg ziemlich gut. Mich hat es in jedem Fall überzeugt, dass Knausgård zurecht zu den wichtigsten norwegischen Gegenwartsautoren zählt.

Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg – 496 S. – Luchterhand Verlag – ISBN: 978-3-630-87455-5