[Rezension] Neuerscheinung im Januar – „Die Terranauten“ von T.C. Boyle

T.C. Boyles neuester Roman, „Die Terranauten“, ist kürzlich auf Deutsch im Hanser Verlag erschienen und verknüpft, ganz grob gesagt, Wissenschaft mit Psychoanalyse. Das klingt jetzt erst einmal ziemlich hoch gegriffen, doch tatsächlich sind das die beiden Schlagworte, die mir spontan zu „Die Terranauten“ einfallen. Aber klar, das ist natürlich nicht alles.

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Zunächst ist es wohl spannend zu wissen, dass „Die Terranauten“ auf einem wissenschaftlichen Experiment, dem Biosphäre-2-Versuch (Biosphere 2), beruht, welches Anfang der 90er Jahre in den USA stattgefunden hat. Hierbei wurde ein riesiger Gebäudekomplex in Arizona erschaffen, den man sich wie ein enorm großes Terrarium vorstellen kann. Alle Außenwände wurden verglast und unterhalb der Glaskuppel entstand die „Biosphäre-2“ („Biosphäre-1“ entspricht dabei der Erde), welche ein komplett selbstständiges Ökosystem inkl. Selbstversorgung durch Nahrungsanbau und verschiedenster Tierpopulationen, sein sollte. Zu diesem Zweck wurden Teams bestehend aus je vier Frauen und Männern aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen für zwei Jahre auf freiwilliger Basis dort „eingeschlossen“ und beobachtet. So der Plan, mit dem man beweisen wollte, dass es möglich ist in einem komplett geschlossenen, eigenen Ökosystem zu leben. Sozusagen leben auf dem Mars, nur doch auf der Erde. Mission 1 (von 1991 – 1993) scheiterte, Mission 2 (1994) ebenso.

„Die Terranauten“ übernimmt die gegebenen Fakten und setzt an der Stelle ein, an der die Mitglieder für Mission 2 ausgewählt werden, nachdem Mission 1 gescheitert war. Mit großem Medienaufgebot werden die vier Männer (Tom, der Technosphärensupervisor; Richard, der Missionsarzt; Ramsay, der Kommunikationsoffizier und Leiter der Bereichs Wassermanagement sowie Troy, der Leiter des Bereichs Analytische Systeme) und vier Frauen (Dawn, die Nutztierwärterin; Gretchen, die Wildbiotopsupervisorin; Diane, die Kapitänin und Nutzpflanzensupervisorin sowie Stevie, die Spezialistin für Meeresökologie) bei ihrem Einzug begleitet und die ganze Zeit über beobachtet. Quasi Bio Big Brother. Was man unbedingt vermeiden möchte, ist ein erneutes Scheitern des Experiments, denn Mission 1 musste abgebrochen werden, die Luftschleuse wurde geöffnet und der Sauerstoff der Biosphäre-1 konnte sich mit dem der Biosphäre-2 wieder vermischen. Das soll kein zweites Mal geschehen und Mission 2 ist daher gewillt, alles dafür zu tun, damit es nicht so weit kommt. Alles? Denn sicher gibt es auch bei Mission 2, die doch alles so viel besser machen will, kleinere und größere Katastrophen, Streitigkeiten, welche die Gruppendynamik stören, Liebeleien und und und. Was eben so passiert, wenn Menschen mit zu wenig und einseitiger Ernährung, kaum Ablenkung und ohne realen Außenkontakt eingeschlossen sind. Klingt irgendwie menschlich, oder?

Der Roman berichtet abwechselnd aus der Perspektive von Dawn Chapman, Ramsay Roothoorp und Linda Ryu. Alle sprechen immer mal wieder den Leser an, als ob sie ihre Geschichte in einem Interview erzählen würden, was dem Leser das Gefühl gibt, Boyle berichte wirklich die Geschichte aus Biosphäre-2 (auch wenn das, was er erzählt, zum größten Teil fiktiv um das herum gebaut ist, was wirklich geschehen ist).

Dawn und Ramsay sind Terranauten der Mission 2, sie haben das Privileg, an diesem einzigartigen Experiment teilzunehmen. Linda Ryu nicht. Sie verkörpert den Typ Außenseiterin, die in Dawn Chapmans Schatten steht, aus dem sie gerne hervortreten würde, es aber einfach nicht schafft. Die Freundschaft zwischen Linda und Dawn wird ein ums andere Mal auf die Probe gestellt, während sich zwischen Dawn und Ramsay eine Romanze entwickelt, die später für einigen Tumult sorgen wird. Für den Roman interessant wird es dadurch, dass wir mittels der verschiedenen Perspektiven immer wieder eine andere Position einnehmen und so die ganze Geschichte, das ganze Ausmaß der Geschehnisse, sowohl von innen als auch außen betrachten können. Hört ein Kapitel auf, setzt das nächste an dieser Stelle, aber mit einem anderen Erzähler ein, sodass immer wieder Spannung entsteht und der Leser dazu geneigt ist, Position für den ein oder anderen zu ergreifen. Mittels der Erzähler lernen wir auch die anderen Beteiligten und für das Geschehen wichtige Personen wie den „Gottvater“ (kurz GV), Judy (GV’s Assistentin und Geliebte Ramsays), Johnny (Dawns Freund vor dem Einschluss) und Gavin (ein Anwärter auf Mission 3) kennen und so entsteht für den Leser ein Gesamtbild, gleichzeitig ein Blick auf die Bühne wie hinter die Kulissen.

Hauptsächlich thematisiert „Die Terranauten“ die tiefsten, menschlichen Neigungen zu Neid, Missgunst, Rivalität, Liebe und Hass – sowohl innerhalb der Biosphäre-2 als auch außerhalb. Was sind Menschen bereit zu tun, wenn sie nichts mehr oder im Gegenteil alles zu verlieren haben? Wie verhalten sich Menschen in einer Gruppe, in der Zusammenhalt so wichtig und doch so schwer ist, weil das Eigenwohl irgendwie mehr wiegt?

Auch im Fokus, aber eher als Begleiterscheinung, liegt der wissenschaftliche Aspekt des Experiments. Boyle arbeitet die Ergebnisse und Hindernisse, die so tatsächlich im echten Biosphäre-2 Versuch stattgefunden haben in „Die Terranauten“ mit ein, zum Beispiel die „ungebetenen Gäste“ (Kakerlaken), die einseitige und dadurch entstehende Mangelernährung der Terranauten und im Ganzen der Aufbau der Biosphäre-2 und bastelt die Geschichte um Dawn, Ramsay, Linda und all die anderen drumherum. Das, was sie erleben, das wer-mit-wem, der Neid, die Rivalitäten mag ein wenig an eine Soap oder gar an Big Brother erinnern, aber mit schlauen und wortwitzigen Eingebungen Boyles , die ich für sehr gelungen halte (denn ich gehe stark davon aus, dass es im Boyleschen Sinn ist, nicht alles so bierernst zu nehmen)!

Wer auf einen rein wissenschaftlich fundierten Biosphären-Roman hofft, der wird ihn in „Die Terranauten“ nicht finden, dafür aber jede Menge Unterhaltung mit dem ein oder anderen Nachhall. Manch eine Situation wirkt ein wenig zu arrangiert und mehr Tiefe hätte der ein oder anderen Figur sicher auch nicht geschadet, aber dafür liest sich der Roman spannend und unterhaltsam bis zur letzten Seite. (Und das sind bei knapp 600 schon eine Menge!)

Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren – Carl Hanser Verlag – 608 Seiten – ISBN: 978-3-446-25386-5

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