[Rezension] „Tony & Susan“ von Austin Wright

Erst das Buch lesen, dann den Film schauen – das ist normalerweise meine Vorgehensweise. Doch ab und an läuft es auch umgekehrt ab, wie in dem Fall von „Tony & Susan“ von Austin Wright. Bevor ich den Film „Nocturnal Animals“ im Kino gesehen habe, ist mir gar nicht bewusst gewesen, dass es dazu einen Roman gibt, aber nachdem mich der Film so irritiert, ein wenig verstört und vor allem voller Fragen zurückgelassen hat, habe ich ein wenig recherchiert und Google sowie @literarischernerd sei Dank, dieses Buch aus dem btb Verlag gefunden (einen ganz herzlichen Dank an Randomhouse für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplares).

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Das Grundgerüst der Geschichte ist relativ schnell erzählt. Susan bekommt von ihrem Ex-Mann Edward, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hat, ein Manuskript geschickt. Edward, der sich bereits vor Jahren schon als Schriftsteller versucht hat, dabei aber kläglich gescheitert ist, (was gleichzeitig einer der Gründe dafür ist, warum die Beziehung zwischen Susan und Edward ebenfalls missglückt) versucht nun mit „Nachttiere“ einen Neustart. Das Manuskript soll die Wende in seiner „Karriere“ beschreiben und ihm endlich seinen wohlverdienten Erfolg bescheren. Susan, die zugleich besorgt und neugierig ist, liest sich in das Manuskript ein und gerät in einen tiefen Sog um die darin enthaltene Geschichte von Tony und dessen Familie, die während eines Ausflugs von zwielichtigen Männern von der Straße abgebracht werden, womit eine lange Reihe an sich überbietendem Unglück beginnt. „Nachttiere“ lässt Susan nicht mehr los. Sie kann fast nicht mehr unterscheiden, was Fiktion und was Realität ist und so beginnt sie sich Tony nahe zu fühlen, seinem Elend, seiner Unfähigkeit, seiner Wut und Verzweiflung – so nahe, dass sie beginnt, sich zu fragen, ob Edward auf eine verschlüsselte Art und Weise vielleicht sogar von ihr erzählt?

„Tony & Susan“ ist ein raffiniert und gut geschriebener Roman, der nicht nur Susan, sondern auch den Leser an seine Grenzen des möglich Denkbaren bringt. Was ist Wahrheit? Was ist Fiktion? Dieses literarische Spiel kommt zwar häufiger in Romanen vor, aber nicht immer glückt es auch. In dem Fall von „Tony & Susan“ gelingt es insofern, dass der Leser aufgrund der Perspektive, die er mit Susan einnimmt, sozusagen doppelt Leser ist. Einmal von außen betrachtet (die „normale“ Leseposition) und dann noch einmal im Lesevorgang selbst mit Susan, die als Figur des Romans wiederum einen Roman liest. Dadurch, dass die von Susan gelesene Geschichte „Nachttiere“ („Nocturnal Animals“, nachdem der Film später benannt wird) so spannend und erschütternd und vom Autor so gut inszeniert ist, wird nicht nur die Figur des Romans in den Sog der Geschichte gezogen, sondern auch wir als Leser. Vor und nach jedem Abschnitt des Manuskripts, das Susan liest, werden ihre Gedanken und Erlebnisse wiedergegeben, sodass man als Leser seine eigenen Gefühle beim Lesen von „Nachttiere“ mit denen Susans vergleichen kann und zusätzlich dem Rätsel um Susans und Edwards Vergangenheit auf die Spur kommt bzw. kommen möchte, denn dieses Geheimnis wird immer undurchsichtiger. Was ist damals mit Susan und Edward passiert? Und was ist mit Tony und seiner Familie geschehen? Zwei Erzählstränge, die den Roman „Tony & Susan“ ebenso spannend und erschütternd wirken lassen wie den Film „Nocturnal Animals“. Beides, Film und Buch, ist inhaltlich sogar relativ identisch (bis auf ein paar klug veränderte Details im Film, sodass der Film noch mehr mit Realität und Fantasie spielen kann).

Ich persönlich bin vom Buch fast schon ein wenig enttäuscht, da der Film so gut umgesetzt ist, dass mir „Tony & Susan“ kaum neue Erkenntnisse bringen kann. Offene Fragen, die ich nach „Nocturnal Animals“ gehabt habe, habe ich zum Teil noch immer, aber nichtsdestotrotz sind Buch und Film beide unbedingt lesens- und sehenswert. Vor allem, wenn man ein kluges Verwirrspiel, spannende Szenen, ein wenig verstörende Elemente und offene, fragen hinterlassende, aber dadurch zum Nachdenken anregende Geschichten mag. Lange hat mich kein Film und kein Roman mehr so sehr beschäftigt wie „Tony & Susan“ / „Nocturnal Animals“.

Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth – btb Verlag – 416 S. – ISBN: 978-3-442-74704-7

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