[Rezension] „Das Umgehen der Orte“ von Fabian Hischmann

„Das Umgehen der Orte“ ist Fabian Hischmanns zweites Buch und da mich sein Debütroman „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ so umgehauen hat, dass ich es innerhalb eines Abends am Stück gelesen habe, war ich sehr gespannt auf seinen zweiten Roman. Die Erwartungen sind da natürlich groß, aber auch die Angst vor einer Enttäuschung. Kann mich das Buch wieder so stark Zeit und Raum vergessen lassen? Werde ich auch hiervon noch tagelang sprechen und sämtliche kreativen Kniffe geistig analysieren wollen? (Denn kreativ schreiben, das kann der Hischmann allemal.)

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In „Das Umgehen der Orte“ treffen verschiedene Figuren in unterschiedlichen Situationen aufeinander und sind doch alle miteinander verbunden – vor allem im Umgehen „ihrer“ Orte. Da gibt es „die dicke“ Lisa, die einfach nicht frieren kann und eines Tages ihren toten Vater auf der Toilette findet. Sie lernt Anne kennen, das neue Nachbarmädchen, die mit ihr zusammen die Welt auf den Kopf stellen will. Sie beide gegen den ganzen miesen Rest. Aber irgendwann wirft auch diese Liebe einen dunklen Schatten voraus. Spätestens als Magnus ins Spiel kommt.

– Cut – Es treten neue Personen auf –

Niklas, der in einer Seehundstation arbeitet und irgendwie immer noch an Samuel, seiner (damals nicht eingestehen wollenden?) Liebe, hängt, welcher mittlerweile tot ist. Eines Nachts begegnet er Lennart. Vielleicht ist er der Richtige?

Wir treffen auf Tim, Timmy, dessen Bekanntschaft wir bereits auf den letzten Seiten von „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ machen durften und zusammen mit ihm taucht noch ein weiterer Bekannter auf: Max Flieger, die Hauptfigur aus eben jenem ersten Roman.

Dylan, Katja, Silke, Philip, Clara, Theo, Robin, Hannes, Matteo… – alles Figuren, die mal kurz aufblitzen, dann wieder verschwinden. Alle werden von etwas angetrieben oder auch vertrieben. Sie sind schwer greifbar, aber doch wichtig.

– Erneuter Cut –

Anne taucht wieder auf und mit ihr gegen Ende auch wieder Lisa. Der Kreis schließt sich und die Geschichte beginnt Sinn zu machen. Jetzt ist der Leser gefragt, denn so langsam dämmert es ihm, dass da mehr dahinter steckt.

Alle Personen in „Das Umgehen der Orte“ sind auf irgendeine bestimmte oder unbestimmte Art und Weise miteinander verbunden. Oft bemerkt man das beim ersten Lesen nicht, man muss schon genauer hinschauen, zurückblättern, nachdenken, Verbindungen und Verbindungsnetze herstellen. Doch nicht nur das, hier „muss“ man alles lesen – vor allem Überschriften und zwischen den Zeilen, dann erkennt man sogar die kleinen Links zu „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ und die übergreifenden Motive in beiden Büchern. Zum Beispiel das Tiermotiv (eine Figur hat immer einen Hang zu Tieren, sei es nun Fotografie/Film oder bloß das Arbeiten mit ihnen), das Todesmotiv eines oder gleich beider Elternteile, das Beziehungs- und Liebeswirrwar und bestimmt noch etliche Dinge, die ich bisher auch noch nicht erkannt habe.

Man kann Hischmann nur für seine Art zu schreiben bewundern. Auch wenn einem während des Lesens oft nicht ganz klar ist, wo das alles hinführen soll, einem manche Stellen zu vulgär oder gar unnötig erscheinen, ergibt am Ende alles einen Sinn – und dann ist das auch noch so klug und kreativ umgesetzt. Es macht Spaß als Leser selbst gefordert zu sein, die Kniffe und kreativen Einfälle zu entdecken und da darf man manchmal auch denken: Äh, was soll denn das? Das ist ok. Das soll so. Irritieren, verwirren und dann zusammenführen, das macht „Das Umgehen der Orte aus“ – sprachlich schwankt Hischmann dabei zwischen gewöhnlich und außergewöhnlich – auch das soll vermutlich so – und es fügt sich gut ein.

Vermutlich sind Fabian Hischmanns Romane nicht jedermanns Sache und höchst wahrscheinlich spricht er eher das jüngere Publikum an – und das ist gut. Wir brauchen mehr junge deutsche Literatur, die bewegt und kunstvoll ist. Auch wenn ich länger gebraucht habe, um mich für „Das Umgehen der Orte“ begeistern zu können als bei „Am Ende schmeißen wir mit Gold“, so finde ich es jetzt umso großartiger. Ich freue mich auf einen hoffentlich dritten Roman von Fabian Hischmann, der mit Sicherheit noch mehr literarisch-kreative Überraschungen bereithält.

Meinen herzlichsten Dank an den Berlin/Piper Verlag für die freundliche Zusendung eines Rezensionsexemplares!

Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH – 208 S. – ISBN: 978-3-8270-1292-0

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