[Rezension] „Realitätsgewitter“ von Julia Zange

Real, blitzend und donnernd schreibt Julia Zange in „Realitätsgewitter“ von einer Welt, die dominiert wird von iPhones, Instagram, Facebook und Twitter und in der sich jeder ganz schnell verlieren kann.img_7096

Marla, die Protagonistin in Zanges „Realitätsgewitter“, lebt in einer Welt, an einem Ort (hier: Berlin), in der sich jeder selbst definieren kann, soll und muss. Alle sind irgendwie „Künstler“, machen irgendwas freiberuflich und versuchen dabei so individuell und hip wie möglich zu sein, um sich aus der Masse an individuellen und hippen Menschen hervortun zu können – und tun es dadurch eben nicht. Da kann man Marla zunächst auch nicht von ausschließen. Sie ist überheblich, immer leicht neben der Spur, permanent auf der Suche nach sich selbst oder dem nächsten Kick, hat tausende Facebook-Freunde, aber keine echten – und dabei ist sie irgendwie doch voller Gefühle, die zuzulassen ihr schwerfallen und die zu kompensieren sie nicht in der Lage ist. Marla kennt nämlich nur zwei. Gefühl eins, das Versprechen, eine „naive Hoffnung“ auf irgendwas, das irgendwie gut wird. Und Gefühl zwei, welches Gefühl eins zu Fall gebracht hat. Eine Art geradlinige, alles betäubende Traurigkeit, die nicht zuletzt dann auftritt, nachdem Marlas Eltern ihr den Geldhahn zugedreht haben. In diesem ‚Gefühl-zwei-Zustand‘ rauschen wir als Leser gemeinsam mit ihr durch einsame Nächte, vollgestopfte, aber doch leere Partys, führen viele Handygespräche und lernen unterschiedliche Typen von Männern kennen, die doch alle gleich sind. Wir reisen mit ihr nach Hause, machen einen Abstecher nach Sylt und landen dann schlussendlich wieder in Berlin. Hat Marla währenddessen Gefühl drei – ‚Alles wird gut‘ oder auch ‚Sowas-wie-Liebe‘ kennengelernt?

„ >>Du bist echt so ein sozialer Schmetterling, Marla …<<“

Ich lächle gequält.

Ich kann auf- und zuklappen wie ein Butterfly-Messer.“

Julia Zange fängt mit „Realitätsgewitter“ wunderbar authentisch das moderne Lebensgefühl der urbanen ‚Jugend‘ (was heute auch gut und gerne noch 30-Jährige + beinhaltet) inklusive ‚kenn-ich-von-Instagram‘ – ‚ich-mach-mal-eben-ein-Selfie‘ sowie dem Gefühl der Leere, was einen angesichts gehäufter banaler Oberflächlichkeit überfällt, ein. Dabei sitzt jeder Satz, jede Anspielung, jeder mehr oder weniger leicht zynisch-ironische Kommentar und Marla, ja, die muss man nicht unbedingt gut leiden können. Zwar lässt Julia Zange mit Marla auch kein Stereotyp aus, aber als Leser kann man sich trotzdem oder gerade deswegen wunderbar in sie hineinversetzen, vieles kennt man vielleicht sogar von sich selbst. Auch alle anderen Figuren in „Realitätsgewitter“ sind (leicht) übertrieben dargestellt – beispielsweise Marlas Eltern. Marlas Mutter ist eine hysterische Frau, ihres Zeichens selbsternanntes Medium und ‚Helferin der Armen und Hilfsbedürftigen‘. Sie gibt sich nach außen hin als hilfsbereit, bedarf dabei aber selbst einiger Hilfe. Zwischen Marla und ihr herrscht ein – gelinde gesagt – merkwürdiges Verhältnis. Marlas Vater, Mediziner und Forscher, versucht sich aus allem herauszuhalten und denkt, für jedes Problem, gibt es eine Lösung in Pillenform. Ständig unzufrieden mit allem, sogar mit – im Vergleich zu – Marlas erfolgreichem Bruder (denn nie kann einer irgendwas richtigmachen), herrscht nicht gerade Harmonie in der Familie. Die Darstellungsweise ist dabei stark überzeichnet, aber in „Realitätsgewitter“ passt es einfach. So wundert man sich auch nicht, dass Marla am Ende eigentlich nichts gelernt hat, aber trotzdem klüger geworden ist.

Ich habe während des Lesens oft gelacht, zig Stellen markiert und die Treffsicherheit der Autorin bewundert (das tue ich auch jetzt noch). Vor allem Julia Zanges Beobachtungsgabe, ihr Sinn für hoch aktuelle Themen einer uns alle überfordernden Gesellschaft und der scharfsinnige, trockene Humor sind es, die für mich das Buch lesens- und absolut empfehlenswert machen.

„>>Siri, ich habe Liebeskummer.<<

Dagegen hilft nur Schokolade.<<“

Einen herzlichen Dank an den Aufbau Verlag für das digitale Rezensionsexemplar!

Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag – Aufbau Verlag –  157 S. – 978-3-351-03658-4

 

4 Kommentare zu „[Rezension] „Realitätsgewitter“ von Julia Zange“

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