[Rezension] „Lettipark“ von Judith Hermann

Judith Hermann ist mir seit ihrem Erzählband „Sommerhaus, später“ bekannt, aber vor allem durch „Alice“ im Gedächtnis geblieben. Sie schafft es mit schnörkelloser Sprache tiefe Emotionen zu wecken. Auch „Lettipark“ ist wieder kein Roman, sondern ein Buch (in diesem Falle Hörbuch) voller mitreißender Erzählungen, die unter die Haut gehen.

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An dieser Stelle baue ich den Klappentext des Buches ein, was ich bisher noch nie gemacht habe (das soll auch nicht unbedingt zur Regel werden), aber es erscheint mir hier sehr passend, da ich den Erzählband nicht treffender hätte zusammenfassen können:

„In einem einzigen Moment ändert sich ein ganzes Leben. Ein Fotograf betrachtet seinen Adoptivsohn, interessiert und distanziert, und vielleicht wird über diesem Blick alles zerbrechen. Ein alter Mann glaubt sich an eine Umarmung zu erinnern, die viele Jahre zurückliegt. Wie nah können wir den Menschen sein, die wir lieben? Kinder, Exzentriker, ein Vater, der aus der Psychiatrie verschwindet – Menschen kreuzen unseren Lebensweg, begleiten uns, machen uns glücklich und bleiben unfassbar. In kurzen Erzählungen spürt Judith Hermann diesen alles entscheidenden Momenten nach, die man so leicht übersieht. So konzentriert wie leicht setzt sie die Worte, zwischen denen sich das unbeschreibliche Drama der Existenz zeigt.“

Die Hörbuchfassung von „Lettipark“ wird von der Autorin selbst gelesen und hat daher, so wie ihre Erzählungen, einen ganz eigenen Ton. Diesem zu folgen ist mir aber leider zunächst etwas arg schwergefallen. Judith Hermann hat einen mir fremden Leserhythmus, sie pausiert und betont dabei Wörter an Stellen, an denen ich es beim Lesen vielleicht nicht getan hätte. Das ist auch vollkommen in Ordnung, aber dadurch fiel es mir wirklich schwer zuzuhören und ich habe das ein oder andere Mal viel von der eigentlichen Erzählung verpasst, was ich persönlich sehr schade finde. Denn die Erzählungen an sich – und das ist es ja, worum es eigentlich geht – sind wunderbar wie immer. Aus diesem Grund habe ich „Lettipark“ zweimal gehört und beim zweiten Zuhören gelang es mir viel besser, mich mit Judith Hermanns Ton anzufreunden und ich konnte endlich wirklich Zugang zu den Figuren, Orten und Geschehnissen finden.

Judith Hermann vermag es den Leser*innen ihre Figuren in „Lettipark“ nahe zu bringen, ohne dabei viele Worte zu verlieren. Sie macht aus dem Alltäglichen etwas Besonderes und ihre Erzählungen gewinnen dadurch an Stärke, dass sie scheinbar mitten im Geschehen aufhören. Was sie tatsächlich gar nicht tun, denn es bleibt ein Nachhall, etwas, das in der Geschichte mitschwingt, um dann in unseren Gedächtnissen nachzuklingen. So führt jeder Leser die Erzählung in seinem Kopf – oder vielleicht im Gespräch mit anderen – fort. Wir nehmen die Figuren mit, schicken sie auf eine neue Reise, vergleichen sie mit uns und mit anderen. Die Autorin gibt uns Denkanstöße, Momentaufnahmen und Persönlichkeiten, die wir wie kleine oder große Geheimnisse behandeln sollten.

Für mich ist und bleibt Judith Hermann eine der besten deutschsprachigen Erzählerinnen, auch wenn ich das nächste Mal lieber wieder auf das gedruckte Buch umsteigen werde, da ich mich mit ihrer Art zu lesen vielleicht doch nicht komplett anfreunden kann.

Der Hörverlag  – ca. 210 Min Laufzeit – 978-3-8445-2135-1

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