[Rückblick] Nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse #LBM17

Da ist sie schon wieder rum, die Leipziger Buchmesse 2017. Viel gesehen, viel gehört, viel gelesen, so könnte man sie in etwa zusammenfassen. Nicht mal annähernd ein Teil dessen, was ich mir vorgenommen hatte, habe ich letzten Endes geschafft. Doch irgendwie war das zu erwarten. Man trifft hier wen und dort wen, verquatscht sich oder braucht schlichtweg eine Pause von dem ganzen Trubel. Trotzdem war es schön.

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Ich habe Martin Suter, Chris Kraus und Susann Pásztor auf den jeweiligen Bloggertreffen vom Diogenes und Kiepenheuer & Witsch Verlag treffen dürfen (lieben Dank dafür!), was doch immer für Aufregung sorgt. Ist der|die Autor|in so, wie man ihn|sie sich vorstellt? Wirkt das Gelesene nach dem Kennenlernen anders oder lesen sich gar die Bücher in einer ganz neuen Tonart?

Hier kann ich sagen, dass mir alle Autoren und Autorinnen, die ich auf der Buchmesse „kennengelernt“ habe, durchweg sympathisch gewesen sind und ihre Texte, Worte und Geschichten allenfalls für mich noch an Authentizität gewonnen haben. In eine von Takis Würgers Lesungen aus „Der Club“ bin ich irgendwie so reingestolpert (war gut) und weil ich am Samstag keinen Nerv mehr für Messemenschenmassen hatte, bin ich in der Stadt auch mehr durch Zufall in Nadja Schlüters Lesung aus „Einer hätte gereicht“ gelandet (war auch gut!). Zufällige Begegnungen gab es unter anderem mit einigen lieben (Blog-)Menschen wie charlisabethsnivispluma, Bröselchen, nordbreze, murmeltier_reads. Einige andere habe ich leider verpasst (doch es gibt immer ein nächstes Mal!)

Sicher, ich hätte noch viel mehr sehen, hören und lesen können, aber für mich hat es vollkommen ausgereicht. Denn, wozu von einer Veranstaltung zur nächsten hetzen, von einem Termin zum anderen eilen, hier ein Wort, da vielleicht sogar zwei Worte, wenn man eigentlich nirgends richtig anwesend ist? Ich habe gelernt, das abzuschalten. Dieses: ich muss dahin, auch wenn ich gar nicht wirklich muss, aber denke, ich müsste.

Auch dieses Mal gilt: Nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse. Einige neue lesenswerte Bücher stehen auf meiner persönlichen Frühjahrsliste oder habe ich sogar bereits aus Leipzig mitgebracht, aber darüber werde ich sicher noch berichten – und, hej, dann ist auch schon bald wieder Zeit für die Frankfurter Buchmesse.

[Rezension] „Das Buch der Spiegel“ | E.O. Chirovici

„Das Buch der Spiegel“ ist wohl momentan in aller Munde. Die Pressestimmen sind begeistert, Denis Scheck beurteilt den Roman wie folgt: „Das ist Unterhaltungsliteratur auf hohem Niveau, im Thriller-Genre ein herausragendes Buch.“ Dabei ist der ukrainische Autor E.O. Chirovici hierzulande noch gänzlich unbekannt. Chirovici stammt aus einer rumänisch-ungarisch-deutschen Familie aus Transsilvanien (klingt schon mal spannend) und hat in seinem Heimatland nicht nur etliche Romane veröffentlicht, sondern auch eine namhafte Zeitung sowie einen Fernsehsender geleitet. Nun ist sein erstes englischsprachiges Buch gleich in 38 Länder verkauft worden, was seinen Bekanntheitsgrad vermutlich deutlich ändern wird.

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Worum geht es nun, in diesem hochgelobten Roman? Zum einen um ein Buch im Buch. Um einen Mord, der nie aufgeklärt worden ist und Figuren, die alle irgendwie ein Geheimnis haben, welches sie um alles in der Welt verbergen möchten. „Das Buch der Spiegel“ beginnt damit, dass Peter Katz, Literaturagent, ein Manuskript von Richard Flynn zugeschickt bekommt, der in diesem von einer Geschichte, von einem Mord erzählt, der uns in „Das Buch der Spiegel“ beschäftigen soll. Er berichtet von einem Mord an dem etwas fragwürdigen Psychologieprofessor Joseph Wieder, der sich 1987 zugetragen hat und für den Flynn selbst als Verdächtiger gegolten hat. Richard Flynn schreibt in dem Manuskript weiterhin von Personen, unter anderem seiner ehemaligen Mitbewohnerin Laura Baines, die uns im weiteren Verlauf des Buches noch häufiger begegnen werden und auf gewisse Weise alle verdächtig wirken. Das Manuskript endet leider abrupt und Richard Flynn ist mittlerweile verstorben, sodass Peter Katz einen Detektiv beauftragt, der ihm bei der Suche nach dem Manuskript helfen soll. Immer wieder tauchen Charaktere auf, die rätselhaft sind, die ein Motiv gehabt haben könnten, aber wird sich das Geheimnis wirklich lüften lassen?

„Das Buch der Spiegel“ wird aus drei Perspektiven (= in drei Abschnitten) fortlaufend erzählt. Zum einen von Peter Katz, der das Manuskript von Richard Flynn erhält und so die Geschichte ins Rollen bringt. Der zweite Erzähler ist der Detektiv Joseph Keller, der weitere Nachforschungen zum Verbleib des Manuskripts anstellt und so tiefer in die Geschichte eintaucht. Der dritte und letzte Erzähler ist der pensionierte Polizist Roy Freeman, der versucht, die Stränge zu entwirren und der eine wichtige Spur verfolgt.

Was wie ein spannender Campusroman voller Intrigen und dubioser Machenschaften beginnt, endet leider in einer etwas langatmigen, wenig nervenaufreibenden Story. Der erste Teil hat mir noch sehr gut gefallen, aber danach ist es mir schwergefallen, am Ball zu bleiben. Immer öfter habe ich das Buch zur Seite gelegt, habe mich ablenken lassen und irgendwie hat es mich gar nicht mehr so wirklich interessiert, was noch passieren würde. Denn was mir hier eindeutig gefehlt hat: das Herzrasen, das Mitfiebern, das Miträtseln. Die Grundidee, die äußerst gelungen ist, hätte man in dieser Richtung besser bzw. weiter ausbauen können, auch wenn der Schluss mit dem „Oh!“-Effekt versucht, den flacheren (im Sinne von weniger spannenden) Mittelteil auszugleichen. Eigentlich schade, denn die Geschichte hat auf alle Fälle Potential.

Meiner Meinung nach ist „Das Buch der Spiegel“ ein kluges Buch, in feinem Schreibstil verfasst, das sich gut nebenbei lesen lässt, aber der Thriller-Faktor, das bis-zur-letzten-Seite-in-atemloser-Spannung-weiterlesen hat mir hier leider sehr gefehlt.

Aus dem Englischen von Werner Schmitz und Silvia Morawetz, Goldmann Verlag, 384 S., ISBN: 978-3-442-31449-2

[Rezension] „Durch Mauern gehen“ | Marina Abramović mit James Kaplan

Auf starke Frauen sollte man nicht nur am Weltfrauentag blicken. Man sollte sie nicht nur zu bestimmten Anlässen ehren, hervorheben und ihren Mut, ihren Willen, ihre Kraft betonen. Nein, man sollte das an jedem Tag tun. Marina Abramović gehört für mich zu dieser „Kategorie Frau“ (darf man das so nennen?). Egal. Ich tue es, denn „Kategorie Frau“ meine ich nicht mal ansatzweise abwertend. Es ist für mich keine Schublade, in die ich gedanklich alle Frauen stecke, die irgendwie irgendwas Besonderes geleistet und erreicht haben. Nein, ich meine damit Frauen, die ich aufrichtig bewundere und von denen es immer noch zu wenige gibt. Denn die meisten starken Frauen bleiben doch im Hintergrund. Das, ist aber wieder eine ganz andere Sache.

Marina Abramović ist eine außergewöhnliche Performance-Künstlerin. Sie hat sich seit den Siebzigerjahren immer wieder körperlichen Extremsituationen ausgesetzt, ist bis an die Grenzen des körperlich zumutbaren gegangen. Hat sich mit einer Glasscherbe ein Pentagramm in den Bauch geritzt, ein Messer in die Finger, so lange geschrien, bis ihr die Stimme versagt hat, hat sich an den Haaren gerissen und 2010 für 75 Tage lang je sieben Stunden stumm auf einem Stuhl im MoMa New York ausgeharrt. Abramović fasziniert, weil sie so radikal, so stark ist und unheimlich erbittert an etwas festhält. Man weiß nicht genau, wogegen sie kämpft. Gegen alles und nichts, so scheint es. Eine Verfechterin des selbst, der Welt, der Kulturen? Aber vor allem, dass Kunst die Ideologie einer Gesellschaft verändern kann, soll und darf und nicht bloß als ästhetisch wertvoll anzusehen ist.  Anlässlich ihres siebzigsten Geburtstags erschien nun ihre Autobiographie, die in Zusammenarbeit mit James Kaplan entstanden ist. Vielleicht gibt uns diese etwas mehr Einblick in den Mythos Abramović, in ihr Leben, ihre Kunst.

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„Durch Mauern gehen“ heißt Abramovićs Autobiografie und hat damit einen sehr sprechenden Titel. Ist es nicht irgendwie Abramovićs selbstgewählte Aufgabe, durch Mauern zu gehen? Ihre körperlichen Grenzen auszuloten und körpereigene Mauern zu durchbrechen? Das Buch beginnt mit Abramovićs Kindheit, die im kommunistischen Jugoslawien als Tochter zweier Partisanen aufgewachsen ist und so um Liebe und Aufmerksamkeit kämpfen musste. Dadurch geprägt wird sie eine Ausnahmekünstlerin, das Durch- und Aushalten in Extremsituationen hat sie von klein auf gelernt. Wir begleiten sie in dem Buch durch die verschiedenen Stationen ihres Lebens und ihrer Kunst. Momente, die sie persönlich und ihr (künstlerisches) Leben beeinflusst und vorangetrieben haben. Ihre ersten Erfahrungen mit Performances, wie sich das alles bis heute gewandelt hat und natürlich ihre beiden großen Lieben: Ulay und Paolo. Ich möchte gar nicht zu viel vom Inhalt verraten, denn Abramovićs Lebensgeschichte ist wirklich eine spannende, eine interessant zu lesende, durch Mut und Stärke geprägte, die sich erst während des Lesens voll entfalten kann.

Die Autobiographie lässt sich flüssig und gut lesen, ist aber sicher kein Meisterstück der Literatur (und das klingt jetzt böser als es gemeint ist). Das darf man jedoch auch gar nicht erwarten – und habe ich auch nicht. Deshalb bin ich positiv überrascht. Klar, der Einfluss bzw. die Schreibhilfe von James Kaplan hat sicherlich viel dazu beigetragen, aber es ist doch der Inhalt, Abramović Geschichte, ihr Leben, welches fasziniert und Seite um Seite Neues enthüllen lässt. Abramović ist selbstbewusst, das zeigt sich deutlich, nicht nur in ihrer Kunst, sondern auch in dem Buch. Ich mag nicht selbstverliebt sagen, das wäre vielleicht zu viel, aber sie verfügt doch über ein gesundes Ego. Man kann es ihr nicht verdenken, sie hat viel geschafft, viel geleistet, aber doch spürt man dieses Ego zwischen den Zeilen. Ja, das kann man als störend empfinden, aber für mich hat sich das einfach nur authentisch angefühlt. Wer sich, wie ich, erhofft hat, hinter diesen Mythos Abramović zu blicken, wird etwas enttäuscht sein, aber im Nachhinein leuchtet es auch ein. Abramović will und soll ein Mythos bleiben.

Abramović Autobiografie, die mit vielen Bildern untermauert (ha!) ist, ist eine wunderbare Ergänzung zu ihrer sonst so radikalen Kunst. Es ist eine Zusammenfassung ihrer atemberaubenden Leistungen, eine Erzählung ihres Lebens, auch in Teilen sehr persönlich und sicher absolut zu empfehlen.

Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer & Norbert Möllemann – Luchterhand Verlag – 480 S. (mit 141 Schwarz-Weiß-Fotos und 16 Seiten Farbbildteil) – ISBN: 978-3-630-87500-2

Leipziger Buchmesse 2017 | wo, was, wie, wann?

Pünktlich zum Frühlingsanfang steht die Leipziger Buchmesse vor der Tür – als das Ereignis für uns Buchliebhaber im Frühjahr. Hier treffen Autoren, Verlage, Journalisten, Buchblogger und „der Leser“ an sich zusammen. Neben Autorenlesungen, Verlagsterminen, Bloggertreffen, stöbern in den Buchvorschauen etc. lädt Leipzig mit Lesenächten und -parties oder einfach einem Kaffee zwischendurch sehr zum Verweilen ein. Besonders schön finde ich „Leipzig liest“. Hier finden nämlich zeitgleich zur Buchmesse noch zahlreiche weitere Lesungen in Leipzig, auch außerhalb des Messegeländes, statt. Das macht das Ganze noch etwas offener und freundlicher. Für mich ist es der erste „offizielle“ Besuch. Vor vier Jahren bin ich zufällig während der Buchmesse in Leipzig gewesen (ich war eigentlich aus einem ganz anderen Grund dort) und kann die Atmosphäre nicht anders beschreiben als: familiär. Das klingt vielleicht schräg, aber wenn man Frankfurt und Leipzig miteinander vergleicht – nicht die Städte, die Buchmessen – dann kann man das nicht anders ausdrücken. Leipzig ist kleiner und irgendwie bunter, wirkt nicht ganz so „geschäftsmäßig“ wie Frankfurt, ist aber mindestens genauso stressig (jedenfalls für die, die Menschenmassen als Stress empfinden und da zähle ich mich definitiv dazu).

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So ein schier endloses Angebot an Lesungen und Veranstaltungen lässt schnell mal zusätzlich den Stresspegel in die Höhe schießen. Ich habe dieses Jahr zwar ein paar Termine und Veranstaltungen, an denen ich sehr gerne teilnehmen möchte, aber ich setze mich nicht unter Druck. Wenn es nicht klappt, dann klappt es nicht. Es gibt nichts Schlimmeres als von einem Termin zum nächsten zu hetzen und dabei gar nicht wirklich anwesend zu sein, weil man gedanklich noch an all die anderen Dinge denkt, die man sehen, hören und tun möchte. Furchtbar. Dennoch habe ich ein paar oder auch ein paar mehr der – für mich und hoffentlich auch für euch – interessantesten Veranstaltungen auf der Leipziger Buchmesse herausgepickt. Vielleicht sieht man sich ja? Und, das sind lediglich Tipps, denn ich kann mich (zum Glück) noch nicht Dreiteilen. Ich habe bestimmt auch trotz fleißiger Recherche die ein oder andere gute Sache vergessen aufzulisten, bitte verzeiht und schreibt ruhig, falls ihr noch mehr Tipps parat habt! (Alle Angaben sind ohne Gewähr!)

Lesungen und Gespräche

22. März | 20:00 Uhr | Felix Lobrecht „Sonne und Beton“ | Lesung und Gespräch | Täubchenthal, Markranstädter Strasse 1

23. März | 11:00 Uhr | Margarete Stokowski „Untenrum frei“ | Gespräch | taz.studio. Halle 5 H408

23. März | 11:00 – 11:30 Uhr | Clemens Meyer „Die stillen Trabanten“ | Gespräch | LVZ-Autorenarena Halle 5, Stand C100

23. März | 15:45 – 16:30 Uhr | Fatma Aydemir „Ellbogen“ | Zwischen Deutschland und Türkei – eine junge Frau auf der Suche nach Heimat. | Lesung und Gespräch | taz.studio, Halle 5, Stand H408

23. März | 20:00 Uhr | Ada Dorian „Betrunkene Bäume“ | Lesung und Gespräch | Moritzbastei, Ratstonne, Universitätsstraße 9

23. März | 23:00 Uhr | Jens Eisel „Bevor es hell wird“ | Lesung und Gespräch | Deutsches Literaturinstitut/Saal

23. März | 23:15 Uhr | Lena Gorelik „Mehr Schwarz als Lila“ | Lesung | Moritzbastei, Oberkeller, Universitätsstraße 9

24. März | 13:00 – 13:30 Uhr | Martin Suter „Elefant“ am Diogenes Stand | Diogenes Stand, Halle 4 B103 (Lesung z.B. am 24. März 14:00 – 15:00 Uhr | ARD-Forum, Halle 3 B400)

24. März | 13:30 – 14:30 Uhr | Chris Kraus „Das kalte Blut“ am Diogenes Stand | Diogenes Stand, Halle 4 B103 (Lesung z.B. am 25. März | 15:30 – 16:00 Uhr | Forum Literatur, Halle 4 F100)

24. März | 17:00 Uhr | Takis Würger „Der Club“ | Halle 4 / Stand C 300

24. März | 17:00 – 17:30 Uhr | Eva Menasse „Tiere für Fortgeschrittene“ | Kuriose Tiermeldungen und was sie uns über die Gattung Mensch erzählen | Gespräch | ARD-Forum Halle 3, Stand B400

24. März | 19:00 Uhr | Fabian Hischmann „Das Umgehen der Orte“ | Deutsches Literaturinstitut Leipzig, Wächterstraße 34 , 04107 Leipzig

24. März | 19:00 Uhr | Evangelio“ Ein Luther-Roman | Feridun Zaimoglu erzählt mit Kenntnisreichtum und dramatischer Zuspitzung von Luther, einer Zeit im Umbruch und der Macht und Ohnmacht des Glaubens. | Alte Nikolaischule | Richard-Wagner-Aula, Nikolaikirchhof 2, 04109, Leipzig (Zentrum)

24. März | 19:30 Uhr | Benedict Wells „Vom Ende der Einsamkeit“ | Lesung | Deutsche Nationalbibliothek, Deutscher Platz 1

Sonstige Lesungen und Gespräche 

23. März | 14:00 Uhr | How Indie Are You? Die Zukunft der unabhängigen Verlage | CCL Mehrzweckfläche 4

24. März | 14:30 – 15:00 Uhr | Engagiert euch! Warum Autorinnen und Autoren politisch werden müssen | Nina George, Janet Clark und Anke Gasch über den Buchmarkt im Wandel und Must-dos für AutorInnen | Forum autoren@leipzig Halle 5, Stand D600

24. März | 16:30 – 17:00 Uhr | Start der Hotlist 2017 | Gespräch zum Auftakt des neuen Hotlistjahres mit den Preisträgern von 2016 | Forum DIE UNABHÄNGIGEN Halle 5, Stand H309

24. März | 16:30 – 17:00 Uhr | Preis der Literaturhäuser 2017 mit Terézia Mora | Das Blaue Sofa Glashalle, Stand 04

24. März | ab 20:00 Uhr | Die Lesung der unabhängigen Verlage | Lindenfels Westflügel

25. März | 11:30 – 12:00 Uhr | Literaturentdecker und ausgezeichneter Verleger | MDR – Glashalle Stand 17

Rundgänge und Ausstellungen 

24. März | 17:00 Uhr | Leipziger Literaturrundgang | Ein fesselnder Rundgang durch die Leipziger Literaturgeschichte – auf den Spuren der berühmten Dichter | Ort: Nikolaikirchhof, Gedenksäule, Gedenksäule auf dem Nikolaikirchhof, 04109, Leipzig (Zentrum) | 9 €

23. – 26. März | 10:00 – 18:00 Uhr | LEIPZIGER LESEKOMPASS: Ausstellung der Siegertitel 2017 | Ausstellung Leipziger Lesekompass Halle 2, Stand C311/D310

23. – 26. März | 10:00 – 18:00 Uhr | Schönste Bücher aus aller Welt | Über 600 international prämierte Bücher | Stiftung Buchkunst Halle 3, Stand D500 (Preisverleihung am 24. März von 16:00 bis 17:30)

23. – 26. März | 11:00 Uhr (Sa auch 15:00 Uhr) | Independent-Rundgang – Junge, unabhängige Verlage stellen sich vor. | Geführter Rundgang zu ausgewählten Verlagen an der Leseinsel in Halle 5. Treffpunkt: Büchertisch an der Leseinsel | Leseinsel Junge Verlage Halle 5, Stand G200

23. – 26. März | 11:00 – 18:00 Uhr | Zeichen – Bücher – Netze | Von der Keilschrift zum Binärcode – Dauerausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums | Ort: Deutsche Nationalbibliothek, Deutsches Buch- und Schriftmuseum, Deutscher Platz 1, 04103, Leipzig (Süd)

Für Buchblogger und Bookstagrammer 

Neben dem Fachprogramm findet ein täglicher Austausch in der Bloggerlounge in Halle 5 statt!

24. März | 12:00 – 13:00 Uhr | Bookster Bloggen – Recht für Buchblogger | Urheberrecht, Impressumspflicht & Co. | Studium rund ums Buch Halle 5, Stand E510

25. März | 11:00 – 12:00 Uhr | Hier erscheint, was neu erscheint: VLB-TIX für Blogger und Journalisten | Fachforum 1 (Verlagsforum) Halle 5, Stand F600

25. März | 12:30 – 14:30 Uhr | Bloggeraward „Aphrodite 2017 – Der Romance-Blog des Jahres“ | Read & Meet. Die Netzwerkfläche der Leipziger Buchmesse Halle 5, Stand C500

25. März | 16:00 – 16:30 Uhr | Kreativ schreiben, Impulse sammeln | Verband der freien Lektorinnen und Lektoren Halle 5, Stand G309

26. März | 10:30 – 15:00 Uhr | buchmesse:blogger sessions 2017 – Das Fachprogramm für Blogger und jene, die es werden wollen | Workshop (nur mit Anmeldung!) | Ort: Congress Center Leipzig (CCL)

Party & mehr 

23. März | 19 Uhr | Lange Leipziger Lesenacht | In der Moritzbastei | VVK 10€ | Abendkasse 14€/10€ ermäßigt | hier für mehr Infos und das ganze Programm

24. März | ab 22 Uhr | Party der jungen Verlage | Westwerk Leipzig, Karl-Heine-Straße 85-93

24. – 26. März | The Millionaires Club | Kunstverein Leipzig, Hopfe, MZN – Kolonadenstraße

Übrigens, wer nicht dabei sein kann, der hat bei Buzzaldrins Bücher die Möglichkeit sozusagen mit auf dem „Blauen Sofa“ zu sitzen.

[Rezension] „Eine englische Ehe“ von Claire Fuller

Claire Fuller ist die Neuentdeckung aus England. Mit ihrem Debütroman ‚Our Endless Numbered Days‘ wurde sie mit dem Eliot Award ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman ‚Swimming Lessons‘ („Eine englische Ehe“) wird aktuell in zehn weitere Sprachen übersetzt. Mich hat – neben der Besprechung auf zahlreichen Blogs – vor allem das Cover neugierig gemacht. Es zeigt eine Frau, die eins mit dem Meer zu werden scheint, deren Haare sich im Sog der Wellen bewegen. Das passt irgendwie so gar nicht zu den fröhlichen, mir fast schon zu bunten Farben des Covers. Klar, dass ich da mehr erfahren möchte… Worum geht es nun in „Eine englische Ehe“?

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Ingrid Coleman hat für ihren Literaturprofessor und späteren Mann Gil alles aufgegeben, wovon sie geträumt hat. Karriere, Freiheit, Selbstbestimmung. Alles, was sie bedrückt, vor allem Gils nach weiblicher Anerkennung gierendes Verhalten, schreibt sie in schlaflosen Nächten auf und versteckt diese Briefe in Büchern der hauseigenen Bibliothek. Eines Tages verschwindet Ingrid spurlos im Meer und hinterlässt ein Rätsel. Zwölf Jahre später meint Gil seine Frau wiederzusehen und hat prompt einen Unfall, der alle Familienmitglieder auf den Plan ruft. Darunter die beiden Töchter Nan und Flora. Nan, die „Erwachsene“, die ältere Schwester, vernünftig und überlegt, die die Mutterrolle nach deren Verschwinden übernommen hat. Flora, die „Kindgebliebene“, aufbrausend, künstlerisch nach ihrem Vater kommend, an dem sie sehr hängt. Werden sie herausfinden, was eigentlich passiert ist oder bleiben die Briefe, die sicher einiges erklären könnten, für immer im Verborgenen?

„Eine englische Ehe“ behandelt, wie der Titel bereits vermuten lässt, das Thema einer Ehe, der Schwierigkeiten darin, auch Veränderungen in Kauf zu nehmen, die zwangsläufig mit dem Bund der Ehe, der Gründung einer Familie einhergehen und um die Bereitschaft alte Gewohnheiten und Dinge, die einem einst wichtig waren, aufzugeben. Dass das nicht immer einfach ist, davon berichtet der Roman aus zwei unterschiedlichen Erzählsträngen heraus. Einer der Erzählstränge wird durch die Briefe von Ingrid an Gil bestritten, die je in einem separaten Kapitel stehen und so eine Episode aus dem gemeinsamen Leben erzählen, vom Kennenlernen bis zu dem Tag des Verschwindens Ingrids. Auf diese Weise erfährt der Leser viel aus Ingrids Gedanken und Gefühlen und mit welchen Problemen und Ängsten sie in ihrer Ehe zu kämpfen hat. Auch Gils Seite wird beleuchtet, obwohl die Briefe größtenteils Ingrids Sicht der Dinge zeigen. Besonders schön: die Briefe stecken in je einem zum Inhalt passenden Umschlag. Zum Beispiel liegt ein Brief, der die Zukunft beider betrifft, in „Prophezeiungen. Was vor uns liegt.“ von Oswald J. Smith. Der zweite Erzählstrang wird aus der Sicht eines außenstehenden Erzählers geschildert, der die Geschehnisse nach dem Verschwinden Ingrids beleuchtet, was mit der Familie passiert, in welcher Beziehung die beiden Schwestern Nan und Flora zueinander, zu ihrer Mutter und ihrem Vater stehen und wie die Familie mit ihrem Unglück umgeht.

Claire Fuller erzählt in einer zarten, unaufdringlichen Sprache von einer Familientragödie, von einem Eheleben, wie es sicher häufiger vorkommt und bleibt dabei doch relativ neutral. Auch wenn die Autorin sich mehr auf die Interessen Ingrids einlässt und ihr durch die Briefe eine aussagekräftige Stimme verleiht, merkt man doch, dass auch Gil gezeichnet ist. Er wird nicht als der Buhmann schlechthin dargestellt, als das personifizierte Böse, für das man ihn halten könnte, sondern schlichtweg als Mensch, der Fehler gemacht hat, die ihn belasten und nicht mehr loslassen. Genauso Nan und Flora, die beide ihre Macken haben, wie ihre Eltern, und sich doch lieben. Man möchte die Figuren eigentlich gar nicht mögen, aber ihre Menschlichkeit, ihre Fehlbarkeit, machen sie so lebensecht, dass man doch mitfühlt. Die Protagonisten sind es dabei gar nicht, die mir besonders im Gedächtnis bleiben, sondern eher die Nebenfiguren: Richard und Jonathan, denen eindeutig meine Sympathiepunkte gehören. Sie wirken wie unparteiische Schiedsrichter, die das Geschehen begleiten und dadurch etwas Ruhe in die Entwicklung bringen, auch wenn sie sicher nicht gänzlich unparteiisch sind.

„Eine englische Ehe“ ist ein Frauenroman, ja, aber elegant geschrieben, mit viel Liebe zum Detail und gerade deswegen wunderbar lesbar.

Aus dem Englischen von Susanne Höbel – Piper Verlag – 356 S. – ISBN: 978-3-492-05791-2

[Büchertalk] Indiebookday 2017

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Heute ist Indiebookday! Was das heißt? Ihr geht in die örtliche Buchhandlung eurer Wahl, richtig super wäre natürlich noch eine unabhängige kleine Buchhandlung, und ersteht dort das Buch oder die Bücher eurer Wahl. Einzige Bedingung: es sollte aus einem unabhängigen/kleinen/Indie-Verlag stammen – und das ist gar nicht mal schwer, gibt es doch so viele tolle unabhängige, kleine Verlage mit wundervollen und interessanten Titeln, denen wir mehr Beachtung schenken sollten! Wer da jetzt unsicher ist, was ist ein unabhängiger Verlag, woran erkenne ich diesen, etc., der schaut am besten mal hier vorbei:Liste unabhängiger Verlage (Deutschland) !

Anschließend postet ihr, wenn ihr mögt, euer erstandenes Buch in den sozialen Medien unter #indiebookday und schreibt vielleicht sogar noch einen kleinen Text dazu.

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Bei mir ist es „Oh Schimmi“ von Teresa Präauer aus dem Wallstein Verlag geworden und das hat mehrere Gründe. Erstens finde ich Affen generell eher abstoßend (ja, ich weiß, enthaltet euch bitte jeglicher Kommentare 😀 ), aber gerade deswegen bin ich auf das Cover aufmerksam geworden. Zweitens heißt es da: „Ich habe so einen Hass auf alles und gleichzeitig so eine Liebe für alles, ich kann es euch gar nicht sagen.“ (versteht sich von selbst, warum mich das neugierig macht) und drittens hat der Wallstein Verlag seinen Sitz in Göttingen, was quasi um die Ecke von mir ist. Support your local team und so!

Ich bin gespannt, was ihr so erstanden habt. Mögt ihr berichten?

[Rezension] „Bis an die Grenze“ von Dave Eggers

Bekannt geworden ist Dave Eggers mit seinem Debütroman „Ein herzzerreissendes Werk von umfassender Genialität: eine wahre Geschichte“ (‚A Heartbreaking Work of Staggering Genius‘), welches autobiographische Züge aufweist und daher als Mischform aus Roman und Autobiographie gehandelt wird und das 2001 für den Pulitzer-Preis nominiert worden ist. Im deutschsprachigen Raum ist er spätestens seit der Erscheinung seines Romans „Der Circle“ (‚The Circle‘) und „Ein Hologramm für den König“ (‚A Hologram For The King‘) vielen Lesern (und Nichtlesern) ein Begriff. Eggers polarisiert. Nicht nur, weil er gesellschaftskritische Themen aufgreift, sondern auch, weil sein Schreibstil aneckt. Er übertreibt gern mit seinen Beobachtungen und Ironisierungen, das ist nicht jedermanns Geschmack, aber dadurch schafft er es immer, [mich] auf sich aufmerksam und neugierig zu machen. So auch mit seinem neuesten Werk „Bis an die Grenze“ (‚Heroes of the Frontier‘), in dem Eggers ein ums andere Mal sein Erzähltalent unter Beweis stellt.

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In „Bis an die Grenze“ begibt sich der Leser zusammen mit Josie und ihren beiden Kindern Paul und Ana auf einen Roadtrip durch Amerika, genauer, nach Alaska – und das in einem klapprigen Wohnwagen, dem „Chateau“. Josie kehrt nicht nur ihrem Ex-Mann Carl den Rücken, sondern auch ihrer Zahnarztpraxis. Ersterer ist in Josies Augen ein mehr oder weniger liebevoller Nichtsnutz, ein ewig Kindgebliebener und die Praxis hat ihr letztlich nur noch Ärger gebracht. Josie ist also auf der Flucht. Auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart und am allermeisten vor sich selbst. Im Laufe der Geschichte erfährt der Leser immer mehr aus Josies Vergangenheit, zwar oft nur Bruchstücke, aber doch lässt sich so erahnen, warum Josie handelt wie sie eben handelt und es gibt viel, was sie versucht zu verdrängen…

Dave Eggers neuester Roman erzählt eine düstere Geschichte vom Amerika des hier und jetzt, vom Verlassen (werden), von Gerichtsklagen und traumatischer Kindheit. Gemeinsam mit Josie, Paul und Ana fahren wir durch ein kahles, tristes Land, das viele Gefahren birgt. Von Waldbränden über bewaffnete Veteranen und anderen kauzigen Menschen bis hin zu einer verlassenen Silbermine. Nicht immer ist es die Natur, die Angst macht, sondern vor allem die Spezies Mensch, die bedrohlich wirkt und vor der Josie zu fliehen versucht. Immer wieder holt sie die Vergangenheit ein, bei ihrer „Schwester“ Sam hält sie es nicht lange aus, zu deutlich werden ihr hier ihre Probleme vor Augen geführt. Ihre Unfähigkeit sich um sich selbst zu kümmern, um ihre Kinder, die zum einen schon erwachsener sind als sie und ihr Ex-Mann Carl (Paul) oder die verzweifelt und mit allen Mitteln nach Aufmerksamkeit schreiende (Ana). Josie belügt ihre Kinder oft, erfindet Geschichten, teils um sie zu schützen, doch vielmehr noch um sich zu schützen und unangenehmen Dingen aus dem Weg zu gehen.

Die Erzählung an sich schweift immer wieder ab, wird durch Josies Gedankenwirrwarr und Rückblenden unterbrochen. Anekdoten verschwimmen mit der Geschichte, was den Leser ab und an etwas durcheinanderbringen kann, gleichzeitig macht es die Verwirrtheit Josies nur umso deutlicher und die soll und muss man beim Lesen spüren. Auch Josies Kindheit, die in Teilen angerissen wird, ist irgendwie „verrückt“ und klingt manchmal nicht ganz glaubhaft. Aber, hej, gibt es in den USA irgendwas, was es nicht gibt?

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Ein paar Passagen in „Bis an die Grenze“ sind anstrengend, sie sollen die Tragik-Komik des Lebens, der hier berichteten Geschichte unterstreichen, wirken aber auf mich etwas deplatziert (z.B. die Fäkalienheizung und unnötig vulgäre Szenen). Ich bin da einfach kein Fan von. Diese Dinge erzählen allerdings von der Erniedrigung, der sich Josie ein ums andere Mal hingibt. Will sie sich bestrafen? Hasst sie sich so sehr? Man weiß es nicht, mag es aber vermuten. Fakt ist, es geht immer weiter. Egal, wie schlimm oder gut es gerade laufen mag, es gibt immer ein Morgen und das ist wohl auch die Quintessenz, die man als Leser aus „Bis an die Grenze“ mitnehmen soll.

Was ich an dem Buch besonders gemocht habe (auch wenn es komisch klingt), ist die deprimierte Stimmung, die Düsternis, die schon beinah an ein Endzeitszenario erinnert, das von etwas Getrieben sein – weil wir das in Teilen alle kennen und es so menschlich, so natürlich ist. Nicht alles in „Bis an die Grenze“ klingt glaubwürdig, aber dazu ist es schließlich ein Roman und wozu sollte man keine Bücher lesen, die einem das absurd Mögliche vor Augen führen? Zumal die Angst vor dem Leben, den Problemen und Verpflichtungen darin, gar nicht mal so abwegig ist. Wer also einen Gesellschaftsroman fernab der Norm sucht, liegt mit „Bis an die Grenze“ genau richtig.

Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann – 496 S. – Kiepenheuer & Witsch Verlag – ISBN: 978-3-462-04946-6

[Rezension] „Wenn nachts der Ozean erzählt“ von Zana Fraillon

Von Zana Fraillon, die in Australien lebt, sind bereits mehrere Kinderbücher erschienen (‚No Stars To Wish On‘; ‚Monstrum House‘) – „Wenn nachts der Ozean erzählt“ (‚The Bone Sparrow‘) ist ihr neuestes und wohl auch bekanntestes Werk, obwohl sie wünscht, sie hätte es niemals schreiben müssen. Dennoch hat sie es getan, um an die Menschen und die Schicksale hinter den Statistiken einer gnadenlosen Flüchtlingspolitik zu erinnern.

In „Wenn nachts der Ozean erzählt“ berichtet Zana Fraillon von Subhi und Jimmie. Zwei Kinder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und doch sind sie sich in zwei Dingen sehr ähnlich: Trauer und Hoffnung. Davon erzählt bereits die Covergestaltung, die Teile eines Maschendrahtzaunes zu einem stilisierten Vogel werden lassen. Gefängnis und Freiheit liegen nahe beieinander. Leider zu häufig im gestern, heute und morgen.

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Subhi wächst in einem Flüchtlingslager, umgeben von Maschendrahtzäunen, Krankheit und Elend auf. Nachts – manchmal auch tagsüber – träumt er sich weit weg. Ans Meer. An den Ozean, welches ihm Geschichten ins Ohr flüstert, die ihn die Zeit im Lager erträglicher erscheinen lassen. Subhi ist nicht alleine, aber doch einsam. Seine Schwester Queeny nimmt ihn nicht ernst und seiner Mutter fehlt die Kraft. Sie ist krank, ihr Herz gefangen und „nie viel hungrig“. Jimmie lebt auf der anderen Seite des Zauns, eigentlich in Freiheit, aber innerlich doch genauso gefangen wie Subhi. Eines Tages steht sie plötzlich vor Subhi und zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte, lebenserhellende Freundschaft, die ihnen wieder Kraft und Stärke verleiht. Doch es kommt zu unvorhergesehenen Ereignissen, die Subhi und Jimmie viel Mut abverlangen…

„Wenn nachts der Ozean erzählt“ ist eine bedrückende und wunderschöne Geschichte zugleich, die aus zwei Perspektiven erzählt wird: Subhis und Jimmies. Zana Fraillon erschafft beeindruckende Figuren, die uns mitfühlen lassen und wachrütteln wollen. Ihre Worte schwimmen leicht wie auf Wellen, machen aber unter ihrer poetischen Kraft eine hässliche Wahrheit deutlich.

„Alle beobachten wir dieselben Lichter, als wären wir noch zusammen, auch wenn wir nie alle gleichzeitig zusammen waren.“

Jimmie und Subhi geben sich Halt in einer Zeit, in der Nächstenliebe und Verständnis alles andere als selbstverständlich geworden sind. Auch Schicksale anderer Figuren wie Eli, ein guter Freund Jimmies, der für die Veröffentlichung der Missstände in dem Flüchtlingslager kämpft, und Harvey, einer der wenigen – teilweise – netten Aufseher im Lager, gehen ans Herz.

Es fällt mir etwas schwer, Kritik an einem Buch auszusprechen, welches ein Thema behandelt, was so bedeutend ist. Doch auch wenn ich die Geschichte sehr schön finde und das Thema als besonders wichtig betrachte, gibt es in dem Buch einige kleine Logikfehler, die sich eingeschlichen haben und manche Dinge bleiben einfach offen (diese kann ich, ohne zu viel vom Inhalt preiszugeben, an dieser Stelle nicht verraten). Manche Abschnitte und Personen wirken zu gestellt, auch wenn sie wichtig sind und ich verstehe, warum die Autorin diese so gewählt hat bzw. beschreibt. Z.B. ist Harvey so eine Figur, die mir zu konstruiert erscheint (auch wenn mir seine Person ans Herz geht). Man muss sich außerdem vor dem Lesen darüber im Klaren sein, dass es sich um eine Geschichte für Kinder handelt. Das merkt man an ein paar Passagen sehr deutlich, z.B. trägt Subhi einen „Shakespeare-Enterich“ mit sich herum, den er von Harvey bekommen hat und der zu ihm spricht. Für Kinder erfüllt die Ente bestimmt eine zweckdienliche und verständliche Rolle, mich als Erwachsene hat sie – ehrlicherweise – etwas gestört. An anderen Stellen, besonders zum Ende hin, werden die Szenen dann teils etwas brutaler, was wiederum für kleine Kinder vielleicht „zu viel“ sein könnte. Dieser Sprung vom Kindlichen ins Erwachsene ist ein wenig hart, auch wenn er wahrscheinlich die Realität wiederspiegeln soll.

Die Geschichte von Subhi und Jimmie ist eine traurige, aber dennoch hoffnungsvolle, mit der die Autorin Zana Fraillon eine wichtige Mission verfolgt: unwissende, die Augen verschließende Menschen aufrütteln. Die Autorin versucht dieses wichtige, politische Thema Kindern greifbar zu machen und dabei Schönes und Hässliches miteinander zu verbinden. Das ist ihr gelungen und ich hoffe, dass wird es auch weiterhin, auch wenn sie mich persönlich leider nicht gänzlich überzeugen konnte.

Ganz herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Claudia Max – cbt Verlag – ISBN: 978-3-570-16476-1

[Rezension] „Applaus für Bronikowski“ von Kai Weyand

Mit „Applaus für Bronikowski“ schaffte es Kai Weyand 2015 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises und obwohl ich mich immer sehr für diesen interessiere, ist dieser Titel (leider) an mir vorübergegangen. Das sollte sich mit Erscheinen der Taschenbuchausgabe aber schleunigst ändern, klingt der Inhalt doch unglaublich vielversprechend!

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Nies ist gerade mal dreizehn, als seine Eltern beschließen nach Kanada auszuwandern und die Verantwortung für Nies von nun an auf seinen großen Bruder übertragen – oder vielmehr auf Nies selbst. Da ist der Punkt erreicht, von dem an Nies trotzig beschließt nicht mehr länger Nies zu sein, sondern „NC“, No Canadian. Während Bernd, NC’s großer Bruder, von Jahr zu Jahr erfolgreicher wird, versucht sich NC mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten und scheint auch mit dreißig kaum ein Stück erwachsener geworden zu sein. Er überlässt sein Leben lieber dem Zufall und den Empfehlungen von Frau März, die ihm nicht nur Streusel, sondern auch die Holpenstraße ans Herz legt, in der er seine neue Arbeitsstelle gefunden zu haben scheint: ein Bestattungsunternehmen! NC arbeitet von nun an als Bestattungshelfer und lernt, dass jeder Tote seine ganz eigene Geschichte und eine individuelle, würdevolle Behandlung verdient. Doch NC wäre nicht NC, wenn er auch dort nicht für Aufsehen sorgen würde…

Dieses knapp 187 Seiten dünne Büchlein beinhaltet eine bitterzarte und tragischkomische Geschichte, die ans Herz geht, ohne dabei zu schwer zu sein. Kai Weyand schafft es mit klugem Wortwitz, viel trockenem Humor und einer leichten, neutralen, aber brillanten Sprache einen herzensguten Außenseiter, eine Art verschrobenen Antihelden bildhaft auferstehen zu lassen. NC, für den Freundschaften schon allein deswegen unmöglich erscheinen, weil das Wort

„Freundschaft“ mit einem „F“ beginnt und er: „Wörtern, die mit F beginnen grundsätzlich nicht trau[t]. Vom Buchstaben E aus gesehen, fehlt dem F ein Stück, und zwar die Basis, vom G aus gesehen, fehlt ihm der Schwung, und insgesamt betrachtet, ist der Buchstabe nicht ausbalanciert.“

ist ein herrliches Unikat. Es macht Spaß an seinen Gedanken teilhaben zu dürfen:

„Es kam ihm vor, als wären die Wörter auch nichts anderes als Zahlen, formbar wie Schlangen. So wie man im Handumdrehen aus einer 6 eine 9 machen konnte, so stellten auch Wörter Dinge auf den Kopf, wenn man nicht aufpasste.“

Auch wenn man seine Denkweise nicht immer nachvollziehen kann, weil sie teilweise doch ein wenig verrückt anmutet, macht ihn das nur umso sympathischer und authentischer. Nach und nach verdichtet sich die Geschichte und man kommt sowohl der Covergestaltung (ich sage nur: dreibeiniger November) als auch dem Titel auf die Schliche. „Applaus für Bronikowski“ ist ein Buch, das einen nachdenklich und beschwingt zugleich zurücklässt und damit ganz nach meinem Geschmack, ich kann es nur weiterempfehlen!

Ganz herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

btb Verlag – 192 S. – ISBN: 978-3-442-71434-6

[Rezension] „Die Tiere von Picasso“ von Boris Friedewald

„Picasso liebt oder hasst Menschen, aber er hängt an allen Tieren; sie sind ihm ebenso unentbehrlich wie Frauen … Wäre es nach ihm gegangen, hätte er wie Noah Tiere aller Art um sich versammelt …“ Brassaï

Picasso wird beschrieben als ein Mensch, der das Leben geliebt hat. Vor allem Tieren müssen dies wohl gespürt haben, denn kaum einer vermag eine solche Nähe zu seinen tierischen Begleitern aufgebaut zu haben wie Picasso. Egal ob Tauben, Katzen, Hunde, Affen, Pferde, Eulen, Ziegen, Fische, Stiere. Sie alle haben Picasso faszinieren können – und wohl auch umgekehrt. Von Picasso muss eine Aura der Wärme und Zuneigung ausgegangen sein, die sich nur schwer beschreiben lässt. Zeigen lässt sie sich aber in vielen seiner Werke.

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Aus diesem Grund befasst sich „Die Tiere von Picasso“ in neun tierischen Kapiteln mit den zuvor genannten Tieren, wie sie Picassos Leben beeinflusst haben und auf welche Art und Weise er sich mit ihnen künstlerisch auseinandergesetzt hat. Der Autor Boris Friedewald beschreibt um diese Tiere herum Picassos Welt, seine Familie, seine Frauen, seine Kinder, seine Art, die Dinge zu betrachten und aus ihnen Kunst zu machen. Jedes Tier könnte man sozusagen als eine weitere Phase Picassos bezeichnen. Mit dem einzigen Unterschied, dass diese Phasen oft dauerhafter Natur gewesen sind, z.B. im Falle seines Hundes Lump. Es macht Spaß, durch die 144 Seiten des Buches zu blättern, mehr über Picasso, diesen faszinierenden Künstler, zu erfahren und über seine Tierliebe, die mir bisher zwar entfernt bekannt, aber doch nicht so stark bewusst gewesen ist. Die beispielhaften Abbildungen sind gut gewählt und man bekommt einen Eindruck davon, wie Picassos Werke (zum Teil) entstanden sind. Er hat Kunstwerke in den alltäglichsten Gegenständen gesehen, bevor sie anderen überhaupt hätten bewusstwerden können. Zum Beispiel erkennt er in einem alten Sattel und einer Lenkstange einen Stierkopf (Abbildung S. 127) – beide Dinge, einzeln betrachtet, sind bloß Dinge. Zusammengeschweißt ergeben sie jedoch Kunst.

Am Ende des Buches findet sich zusätzlich eine Zusammenfassung von Picassos Lebensstationen, die ich aufgrund ihrer Übersichtlichkeit für sehr empfehlenswert halte. Alles in allem ist dieses wunderbare kleine Buch eine herrliche Mischung aus Biographie und Kunstband. Boris Friedewald, dessen Werk „Dalís Bärte“ mich bereits begeistern konnte, hat es hier noch einmal geschafft, Wissen um einen individuellen Künstler und die Betrachtung seiner Kunst gekonnt und liebevoll zu kombinieren.

Ganz herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Prestel Verlag – 144 S. – ISBN: 978-3-7913-4989-3