[Rezension] „Wenn nachts der Ozean erzählt“ von Zana Fraillon

Von Zana Fraillon, die in Australien lebt, sind bereits mehrere Kinderbücher erschienen (‚No Stars To Wish On‘; ‚Monstrum House‘) – „Wenn nachts der Ozean erzählt“ (‚The Bone Sparrow‘) ist ihr neuestes und wohl auch bekanntestes Werk, obwohl sie wünscht, sie hätte es niemals schreiben müssen. Dennoch hat sie es getan, um an die Menschen und die Schicksale hinter den Statistiken einer gnadenlosen Flüchtlingspolitik zu erinnern.

In „Wenn nachts der Ozean erzählt“ berichtet Zana Fraillon von Subhi und Jimmie. Zwei Kinder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und doch sind sie sich in zwei Dingen sehr ähnlich: Trauer und Hoffnung. Davon erzählt bereits die Covergestaltung, die Teile eines Maschendrahtzaunes zu einem stilisierten Vogel werden lassen. Gefängnis und Freiheit liegen nahe beieinander. Leider zu häufig im gestern, heute und morgen.

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Subhi wächst in einem Flüchtlingslager, umgeben von Maschendrahtzäunen, Krankheit und Elend auf. Nachts – manchmal auch tagsüber – träumt er sich weit weg. Ans Meer. An den Ozean, welches ihm Geschichten ins Ohr flüstert, die ihn die Zeit im Lager erträglicher erscheinen lassen. Subhi ist nicht alleine, aber doch einsam. Seine Schwester Queeny nimmt ihn nicht ernst und seiner Mutter fehlt die Kraft. Sie ist krank, ihr Herz gefangen und „nie viel hungrig“. Jimmie lebt auf der anderen Seite des Zauns, eigentlich in Freiheit, aber innerlich doch genauso gefangen wie Subhi. Eines Tages steht sie plötzlich vor Subhi und zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte, lebenserhellende Freundschaft, die ihnen wieder Kraft und Stärke verleiht. Doch es kommt zu unvorhergesehenen Ereignissen, die Subhi und Jimmie viel Mut abverlangen…

„Wenn nachts der Ozean erzählt“ ist eine bedrückende und wunderschöne Geschichte zugleich, die aus zwei Perspektiven erzählt wird: Subhis und Jimmies. Zana Fraillon erschafft beeindruckende Figuren, die uns mitfühlen lassen und wachrütteln wollen. Ihre Worte schwimmen leicht wie auf Wellen, machen aber unter ihrer poetischen Kraft eine hässliche Wahrheit deutlich.

„Alle beobachten wir dieselben Lichter, als wären wir noch zusammen, auch wenn wir nie alle gleichzeitig zusammen waren.“

Jimmie und Subhi geben sich Halt in einer Zeit, in der Nächstenliebe und Verständnis alles andere als selbstverständlich geworden sind. Auch Schicksale anderer Figuren wie Eli, ein guter Freund Jimmies, der für die Veröffentlichung der Missstände in dem Flüchtlingslager kämpft, und Harvey, einer der wenigen – teilweise – netten Aufseher im Lager, gehen ans Herz.

Es fällt mir etwas schwer, Kritik an einem Buch auszusprechen, welches ein Thema behandelt, was so bedeutend ist. Doch auch wenn ich die Geschichte sehr schön finde und das Thema als besonders wichtig betrachte, gibt es in dem Buch einige kleine Logikfehler, die sich eingeschlichen haben und manche Dinge bleiben einfach offen (diese kann ich, ohne zu viel vom Inhalt preiszugeben, an dieser Stelle nicht verraten). Manche Abschnitte und Personen wirken zu gestellt, auch wenn sie wichtig sind und ich verstehe, warum die Autorin diese so gewählt hat bzw. beschreibt. Z.B. ist Harvey so eine Figur, die mir zu konstruiert erscheint (auch wenn mir seine Person ans Herz geht). Man muss sich außerdem vor dem Lesen darüber im Klaren sein, dass es sich um eine Geschichte für Kinder handelt. Das merkt man an ein paar Passagen sehr deutlich, z.B. trägt Subhi einen „Shakespeare-Enterich“ mit sich herum, den er von Harvey bekommen hat und der zu ihm spricht. Für Kinder erfüllt die Ente bestimmt eine zweckdienliche und verständliche Rolle, mich als Erwachsene hat sie – ehrlicherweise – etwas gestört. An anderen Stellen, besonders zum Ende hin, werden die Szenen dann teils etwas brutaler, was wiederum für kleine Kinder vielleicht „zu viel“ sein könnte. Dieser Sprung vom Kindlichen ins Erwachsene ist ein wenig hart, auch wenn er wahrscheinlich die Realität wiederspiegeln soll.

Die Geschichte von Subhi und Jimmie ist eine traurige, aber dennoch hoffnungsvolle, mit der die Autorin Zana Fraillon eine wichtige Mission verfolgt: unwissende, die Augen verschließende Menschen aufrütteln. Die Autorin versucht dieses wichtige, politische Thema Kindern greifbar zu machen und dabei Schönes und Hässliches miteinander zu verbinden. Das ist ihr gelungen und ich hoffe, dass wird es auch weiterhin, auch wenn sie mich persönlich leider nicht gänzlich überzeugen konnte.

Ganz herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Claudia Max – cbt Verlag – ISBN: 978-3-570-16476-1

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