[Rezension] „Bis an die Grenze“ von Dave Eggers

Bekannt geworden ist Dave Eggers mit seinem Debütroman „Ein herzzerreissendes Werk von umfassender Genialität: eine wahre Geschichte“ (‚A Heartbreaking Work of Staggering Genius‘), welches autobiographische Züge aufweist und daher als Mischform aus Roman und Autobiographie gehandelt wird und das 2001 für den Pulitzer-Preis nominiert worden ist. Im deutschsprachigen Raum ist er spätestens seit der Erscheinung seines Romans „Der Circle“ (‚The Circle‘) und „Ein Hologramm für den König“ (‚A Hologram For The King‘) vielen Lesern (und Nichtlesern) ein Begriff. Eggers polarisiert. Nicht nur, weil er gesellschaftskritische Themen aufgreift, sondern auch, weil sein Schreibstil aneckt. Er übertreibt gern mit seinen Beobachtungen und Ironisierungen, das ist nicht jedermanns Geschmack, aber dadurch schafft er es immer, [mich] auf sich aufmerksam und neugierig zu machen. So auch mit seinem neuesten Werk „Bis an die Grenze“ (‚Heroes of the Frontier‘), in dem Eggers ein ums andere Mal sein Erzähltalent unter Beweis stellt.

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In „Bis an die Grenze“ begibt sich der Leser zusammen mit Josie und ihren beiden Kindern Paul und Ana auf einen Roadtrip durch Amerika, genauer, nach Alaska – und das in einem klapprigen Wohnwagen, dem „Chateau“. Josie kehrt nicht nur ihrem Ex-Mann Carl den Rücken, sondern auch ihrer Zahnarztpraxis. Ersterer ist in Josies Augen ein mehr oder weniger liebevoller Nichtsnutz, ein ewig Kindgebliebener und die Praxis hat ihr letztlich nur noch Ärger gebracht. Josie ist also auf der Flucht. Auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart und am allermeisten vor sich selbst. Im Laufe der Geschichte erfährt der Leser immer mehr aus Josies Vergangenheit, zwar oft nur Bruchstücke, aber doch lässt sich so erahnen, warum Josie handelt wie sie eben handelt und es gibt viel, was sie versucht zu verdrängen…

Dave Eggers neuester Roman erzählt eine düstere Geschichte vom Amerika des hier und jetzt, vom Verlassen (werden), von Gerichtsklagen und traumatischer Kindheit. Gemeinsam mit Josie, Paul und Ana fahren wir durch ein kahles, tristes Land, das viele Gefahren birgt. Von Waldbränden über bewaffnete Veteranen und anderen kauzigen Menschen bis hin zu einer verlassenen Silbermine. Nicht immer ist es die Natur, die Angst macht, sondern vor allem die Spezies Mensch, die bedrohlich wirkt und vor der Josie zu fliehen versucht. Immer wieder holt sie die Vergangenheit ein, bei ihrer „Schwester“ Sam hält sie es nicht lange aus, zu deutlich werden ihr hier ihre Probleme vor Augen geführt. Ihre Unfähigkeit sich um sich selbst zu kümmern, um ihre Kinder, die zum einen schon erwachsener sind als sie und ihr Ex-Mann Carl (Paul) oder die verzweifelt und mit allen Mitteln nach Aufmerksamkeit schreiende (Ana). Josie belügt ihre Kinder oft, erfindet Geschichten, teils um sie zu schützen, doch vielmehr noch um sich zu schützen und unangenehmen Dingen aus dem Weg zu gehen.

Die Erzählung an sich schweift immer wieder ab, wird durch Josies Gedankenwirrwarr und Rückblenden unterbrochen. Anekdoten verschwimmen mit der Geschichte, was den Leser ab und an etwas durcheinanderbringen kann, gleichzeitig macht es die Verwirrtheit Josies nur umso deutlicher und die soll und muss man beim Lesen spüren. Auch Josies Kindheit, die in Teilen angerissen wird, ist irgendwie „verrückt“ und klingt manchmal nicht ganz glaubhaft. Aber, hej, gibt es in den USA irgendwas, was es nicht gibt?

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Ein paar Passagen in „Bis an die Grenze“ sind anstrengend, sie sollen die Tragik-Komik des Lebens, der hier berichteten Geschichte unterstreichen, wirken aber auf mich etwas deplatziert (z.B. die Fäkalienheizung und unnötig vulgäre Szenen). Ich bin da einfach kein Fan von. Diese Dinge erzählen allerdings von der Erniedrigung, der sich Josie ein ums andere Mal hingibt. Will sie sich bestrafen? Hasst sie sich so sehr? Man weiß es nicht, mag es aber vermuten. Fakt ist, es geht immer weiter. Egal, wie schlimm oder gut es gerade laufen mag, es gibt immer ein Morgen und das ist wohl auch die Quintessenz, die man als Leser aus „Bis an die Grenze“ mitnehmen soll.

Was ich an dem Buch besonders gemocht habe (auch wenn es komisch klingt), ist die deprimierte Stimmung, die Düsternis, die schon beinah an ein Endzeitszenario erinnert, das von etwas Getrieben sein – weil wir das in Teilen alle kennen und es so menschlich, so natürlich ist. Nicht alles in „Bis an die Grenze“ klingt glaubwürdig, aber dazu ist es schließlich ein Roman und wozu sollte man keine Bücher lesen, die einem das absurd Mögliche vor Augen führen? Zumal die Angst vor dem Leben, den Problemen und Verpflichtungen darin, gar nicht mal so abwegig ist. Wer also einen Gesellschaftsroman fernab der Norm sucht, liegt mit „Bis an die Grenze“ genau richtig.

Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann – 496 S. – Kiepenheuer & Witsch Verlag – ISBN: 978-3-462-04946-6

2 Kommentare zu „[Rezension] „Bis an die Grenze“ von Dave Eggers“

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