[Rezension] „Eine englische Ehe“ von Claire Fuller

Claire Fuller ist die Neuentdeckung aus England. Mit ihrem Debütroman ‚Our Endless Numbered Days‘ wurde sie mit dem Eliot Award ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman ‚Swimming Lessons‘ („Eine englische Ehe“) wird aktuell in zehn weitere Sprachen übersetzt. Mich hat – neben der Besprechung auf zahlreichen Blogs – vor allem das Cover neugierig gemacht. Es zeigt eine Frau, die eins mit dem Meer zu werden scheint, deren Haare sich im Sog der Wellen bewegen. Das passt irgendwie so gar nicht zu den fröhlichen, mir fast schon zu bunten Farben des Covers. Klar, dass ich da mehr erfahren möchte… Worum geht es nun in „Eine englische Ehe“?

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Ingrid Coleman hat für ihren Literaturprofessor und späteren Mann Gil alles aufgegeben, wovon sie geträumt hat. Karriere, Freiheit, Selbstbestimmung. Alles, was sie bedrückt, vor allem Gils nach weiblicher Anerkennung gierendes Verhalten, schreibt sie in schlaflosen Nächten auf und versteckt diese Briefe in Büchern der hauseigenen Bibliothek. Eines Tages verschwindet Ingrid spurlos im Meer und hinterlässt ein Rätsel. Zwölf Jahre später meint Gil seine Frau wiederzusehen und hat prompt einen Unfall, der alle Familienmitglieder auf den Plan ruft. Darunter die beiden Töchter Nan und Flora. Nan, die „Erwachsene“, die ältere Schwester, vernünftig und überlegt, die die Mutterrolle nach deren Verschwinden übernommen hat. Flora, die „Kindgebliebene“, aufbrausend, künstlerisch nach ihrem Vater kommend, an dem sie sehr hängt. Werden sie herausfinden, was eigentlich passiert ist oder bleiben die Briefe, die sicher einiges erklären könnten, für immer im Verborgenen?

„Eine englische Ehe“ behandelt, wie der Titel bereits vermuten lässt, das Thema einer Ehe, der Schwierigkeiten darin, auch Veränderungen in Kauf zu nehmen, die zwangsläufig mit dem Bund der Ehe, der Gründung einer Familie einhergehen und um die Bereitschaft alte Gewohnheiten und Dinge, die einem einst wichtig waren, aufzugeben. Dass das nicht immer einfach ist, davon berichtet der Roman aus zwei unterschiedlichen Erzählsträngen heraus. Einer der Erzählstränge wird durch die Briefe von Ingrid an Gil bestritten, die je in einem separaten Kapitel stehen und so eine Episode aus dem gemeinsamen Leben erzählen, vom Kennenlernen bis zu dem Tag des Verschwindens Ingrids. Auf diese Weise erfährt der Leser viel aus Ingrids Gedanken und Gefühlen und mit welchen Problemen und Ängsten sie in ihrer Ehe zu kämpfen hat. Auch Gils Seite wird beleuchtet, obwohl die Briefe größtenteils Ingrids Sicht der Dinge zeigen. Besonders schön: die Briefe stecken in je einem zum Inhalt passenden Umschlag. Zum Beispiel liegt ein Brief, der die Zukunft beider betrifft, in „Prophezeiungen. Was vor uns liegt.“ von Oswald J. Smith. Der zweite Erzählstrang wird aus der Sicht eines außenstehenden Erzählers geschildert, der die Geschehnisse nach dem Verschwinden Ingrids beleuchtet, was mit der Familie passiert, in welcher Beziehung die beiden Schwestern Nan und Flora zueinander, zu ihrer Mutter und ihrem Vater stehen und wie die Familie mit ihrem Unglück umgeht.

Claire Fuller erzählt in einer zarten, unaufdringlichen Sprache von einer Familientragödie, von einem Eheleben, wie es sicher häufiger vorkommt und bleibt dabei doch relativ neutral. Auch wenn die Autorin sich mehr auf die Interessen Ingrids einlässt und ihr durch die Briefe eine aussagekräftige Stimme verleiht, merkt man doch, dass auch Gil gezeichnet ist. Er wird nicht als der Buhmann schlechthin dargestellt, als das personifizierte Böse, für das man ihn halten könnte, sondern schlichtweg als Mensch, der Fehler gemacht hat, die ihn belasten und nicht mehr loslassen. Genauso Nan und Flora, die beide ihre Macken haben, wie ihre Eltern, und sich doch lieben. Man möchte die Figuren eigentlich gar nicht mögen, aber ihre Menschlichkeit, ihre Fehlbarkeit, machen sie so lebensecht, dass man doch mitfühlt. Die Protagonisten sind es dabei gar nicht, die mir besonders im Gedächtnis bleiben, sondern eher die Nebenfiguren: Richard und Jonathan, denen eindeutig meine Sympathiepunkte gehören. Sie wirken wie unparteiische Schiedsrichter, die das Geschehen begleiten und dadurch etwas Ruhe in die Entwicklung bringen, auch wenn sie sicher nicht gänzlich unparteiisch sind.

„Eine englische Ehe“ ist ein Frauenroman, ja, aber elegant geschrieben, mit viel Liebe zum Detail und gerade deswegen wunderbar lesbar.

Aus dem Englischen von Susanne Höbel – Piper Verlag – 356 S. – ISBN: 978-3-492-05791-2

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