[Rezension] „Durch Mauern gehen“ | Marina Abramović mit James Kaplan

Auf starke Frauen sollte man nicht nur am Weltfrauentag blicken. Man sollte sie nicht nur zu bestimmten Anlässen ehren, hervorheben und ihren Mut, ihren Willen, ihre Kraft betonen. Nein, man sollte das an jedem Tag tun. Marina Abramović gehört für mich zu dieser „Kategorie Frau“ (darf man das so nennen?). Egal. Ich tue es, denn „Kategorie Frau“ meine ich nicht mal ansatzweise abwertend. Es ist für mich keine Schublade, in die ich gedanklich alle Frauen stecke, die irgendwie irgendwas Besonderes geleistet und erreicht haben. Nein, ich meine damit Frauen, die ich aufrichtig bewundere und von denen es immer noch zu wenige gibt. Denn die meisten starken Frauen bleiben doch im Hintergrund. Das, ist aber wieder eine ganz andere Sache.

Marina Abramović ist eine außergewöhnliche Performance-Künstlerin. Sie hat sich seit den Siebzigerjahren immer wieder körperlichen Extremsituationen ausgesetzt, ist bis an die Grenzen des körperlich zumutbaren gegangen. Hat sich mit einer Glasscherbe ein Pentagramm in den Bauch geritzt, ein Messer in die Finger, so lange geschrien, bis ihr die Stimme versagt hat, hat sich an den Haaren gerissen und 2010 für 75 Tage lang je sieben Stunden stumm auf einem Stuhl im MoMa New York ausgeharrt. Abramović fasziniert, weil sie so radikal, so stark ist und unheimlich erbittert an etwas festhält. Man weiß nicht genau, wogegen sie kämpft. Gegen alles und nichts, so scheint es. Eine Verfechterin des selbst, der Welt, der Kulturen? Aber vor allem, dass Kunst die Ideologie einer Gesellschaft verändern kann, soll und darf und nicht bloß als ästhetisch wertvoll anzusehen ist.  Anlässlich ihres siebzigsten Geburtstags erschien nun ihre Autobiographie, die in Zusammenarbeit mit James Kaplan entstanden ist. Vielleicht gibt uns diese etwas mehr Einblick in den Mythos Abramović, in ihr Leben, ihre Kunst.

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„Durch Mauern gehen“ heißt Abramovićs Autobiografie und hat damit einen sehr sprechenden Titel. Ist es nicht irgendwie Abramovićs selbstgewählte Aufgabe, durch Mauern zu gehen? Ihre körperlichen Grenzen auszuloten und körpereigene Mauern zu durchbrechen? Das Buch beginnt mit Abramovićs Kindheit, die im kommunistischen Jugoslawien als Tochter zweier Partisanen aufgewachsen ist und so um Liebe und Aufmerksamkeit kämpfen musste. Dadurch geprägt wird sie eine Ausnahmekünstlerin, das Durch- und Aushalten in Extremsituationen hat sie von klein auf gelernt. Wir begleiten sie in dem Buch durch die verschiedenen Stationen ihres Lebens und ihrer Kunst. Momente, die sie persönlich und ihr (künstlerisches) Leben beeinflusst und vorangetrieben haben. Ihre ersten Erfahrungen mit Performances, wie sich das alles bis heute gewandelt hat und natürlich ihre beiden großen Lieben: Ulay und Paolo. Ich möchte gar nicht zu viel vom Inhalt verraten, denn Abramovićs Lebensgeschichte ist wirklich eine spannende, eine interessant zu lesende, durch Mut und Stärke geprägte, die sich erst während des Lesens voll entfalten kann.

Die Autobiographie lässt sich flüssig und gut lesen, ist aber sicher kein Meisterstück der Literatur (und das klingt jetzt böser als es gemeint ist). Das darf man jedoch auch gar nicht erwarten – und habe ich auch nicht. Deshalb bin ich positiv überrascht. Klar, der Einfluss bzw. die Schreibhilfe von James Kaplan hat sicherlich viel dazu beigetragen, aber es ist doch der Inhalt, Abramović Geschichte, ihr Leben, welches fasziniert und Seite um Seite Neues enthüllen lässt. Abramović ist selbstbewusst, das zeigt sich deutlich, nicht nur in ihrer Kunst, sondern auch in dem Buch. Ich mag nicht selbstverliebt sagen, das wäre vielleicht zu viel, aber sie verfügt doch über ein gesundes Ego. Man kann es ihr nicht verdenken, sie hat viel geschafft, viel geleistet, aber doch spürt man dieses Ego zwischen den Zeilen. Ja, das kann man als störend empfinden, aber für mich hat sich das einfach nur authentisch angefühlt. Wer sich, wie ich, erhofft hat, hinter diesen Mythos Abramović zu blicken, wird etwas enttäuscht sein, aber im Nachhinein leuchtet es auch ein. Abramović will und soll ein Mythos bleiben.

Abramović Autobiografie, die mit vielen Bildern untermauert (ha!) ist, ist eine wunderbare Ergänzung zu ihrer sonst so radikalen Kunst. Es ist eine Zusammenfassung ihrer atemberaubenden Leistungen, eine Erzählung ihres Lebens, auch in Teilen sehr persönlich und sicher absolut zu empfehlen.

Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer & Norbert Möllemann – Luchterhand Verlag – 480 S. (mit 141 Schwarz-Weiß-Fotos und 16 Seiten Farbbildteil) – ISBN: 978-3-630-87500-2

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