[Weil ich ein Leben habe] #1

Ich wollte als Baby nie krabbeln, generell schrie ich viel und geschlafen habe ich nur, wenn mich meine Eltern in der Kindertrage im Auto umherfuhren. Ja, so Schreikinder, die gibt es halt, haben sie zu meiner Mutter gesagt, sorg dich da mal nicht. Sie sorgte sich aber. Anstatt zu krabbeln, rutschte ich also auf dem Hosenboden vorwärts (so ging es ja auch) und lernte lieber gleich zu laufen. Doch relativ bald lief ich nicht mehr, sondern humpelte. Meine Mutter war sich schnell ziemlich sicher, woran das liegen könnte, fuhr mit mir von Arzt zu Arzt, doch was sie sich dort zum Teil anhören musste, war nicht unbedingt nett und hilfreich noch viel weniger. Haben Sie in der Verwandtschaft jemanden, der humpelt? Na, sehen Sie. Da haben Sie’s doch! Irgendwann, ich weiß das ja selbst nicht so genau, hörte ihr dann doch mal jemand richtig zu und überwies mich, nach zahlreichen herumdoktorischen Episoden, in eine „Spezialklinik“.

Als ich noch ganz klein war, da war ich also bereits zum x-ten Mal im Krankenhaus. Ich kann mich noch so gut daran erinnern (oder meine zumindest, dass ich es kann, vielleicht sind es bloß Erinnerungen meiner Mutter, die auf mich übergegangen sind, weil wir uns oft darüber unterhalten haben), wie ich da in dem sterilen weißen Bett mit der fusseligen brackigbraunen Tagesdecke lag, im Familienzimmer hinten rechts. Dort, wo es nur ein ganz kleines Fenster im oberen linken Quadranten des Raumes gab, durch das sich ein paar wenige Sonnenstrahlen gekämpft hatten. Meine Mutter saß am abgewetzten beigen Tisch mir Gegenüber und zeichnete ein Bild der ‚Freunde‘ von Helme Heine. Das weiß ich so genau, – und ich bin mir jetzt doch sicher, dass es meine eigene Erinnerung ist – weil es so eine prägende Erfahrung für mich war. Ich kann mich noch so gut an das Gefühl der Einsamkeit erinnern, dass sich in meinem kleinen Herzen breitgemacht hatte und auch ein wenig an die Schmerzen, aber daran nur ganz blass, denn selbst der schlimmste Schmerz wirkt in der Erinnerung nur noch ganz dumpf wie ein leichter, sanfter Nachhall. Ich kann mich ebenso gut daran erinnern, dass meine Mutter mir mit dem Bild eine Freude machen wollte und dass sie es geschafft hat. Weder das danach noch das davor ist als klare Erinnerung in meinem Gedächtnis präsent, aber als eine nicht fassbare Erinnerungsblase, ein Empfinden, das ich noch heute ganz genau spüren kann, wenn ich daran denke. Ich weiß nicht mehr, wie lange dieser erste für mich erinnerbare Krankenhausaufenthalt ging. Ich weiß auch nicht mehr, was dort alles mit mir gemacht wurde und lange Zeit habe ich mich gesträubt, Berichte, Tests und Befunde durchzulesen. Noch heute, viele Jahre später, mache ich das nur ungern und wenn ich es tue, bin ich erstaunt darüber, was ein Körper alles aushalten kann. Jedes Mal, wenn ich einen meiner Berichte für neue Arztbesuche oder Untersuchungen hervorholen muss, ist es, als müsste ich in einem fremden Tagebuch lesen, bin das wirklich ich? Die Aktenordner schreien geradezu: Du bist nicht normal. Du bist krank. Und krank ist für mich immer noch sowas wie ein Schimpfwort. Aber normal, das will ich auch nicht sein. Denn normal, das hieße, Krankheit aus genau dem Blickwinkel zu sehen, der mich viele Male an die Grenzen des (Er)tragbaren gebracht hat.

(…)

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