[Rezension] „Jürgen“ | Heinz Strunk

Heinz Strunk ist nicht erst seit „Der goldene Handschuh“ einer meiner liebsten deutschen Autoren, ach was, Künstler. Ich mag seine unkonventionelle Art, den bissigen Wortwitz, seine ganz eigene Ausdrucksweise, die sich Zeile für Zeile, Wort für Wort in seinen Texten wiederfinden lässt. Wer Strunk schon einmal live gesehen und gehört hat, der hat beim Lesen immer das Gefühl, dieser würde direkt zu einem sprechen. Denn liest man ein Buch von Heinz Strunk, ist das immer ein bisschen wie sich abends in der Kneipe was erzählen. Nicht immer ist alles ernst zu nehmen, oft wird parodiert und übertrieben, aber immer steckt ein wahrer Kern (und meistens mehr) darin. Vieles hat autobiographische Züge, manches beruht auf der Geschichte anderer. Sein neuester Roman „Jürgen“ ist irgendwie ein bisschen von allem Möglichen. Autobiographie, Erzählung, (nicht ganz ernst gemeinter) Lebensratgeber und papierne TV-Show.

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In „Jürgen“ geht es, wer hätte es gedacht, um Jürgen. Aber auch ein bisschen um Bernd. Jürgen Dose (ein Alter Ego Strunks) und Bernd Würmer, „bester“ und zänkischter (weil getreu dem Motto: wer im Rollstuhl sitzt darf das) Freund Jürgens, sind auf der Suche nach Liebe. Egal, ob beim Speed-Dating, in Polen via ‚Eurolove‘ oder im Supermarkt zwischen Rohrreiniger und Handwerkerfrühstück. Es läuft halt nicht so, mit den Frauen. Vielleicht, weil Jürgen bei seiner pflegebedürftigen Mutter lebt. Da ist es nämlich schon mal schlecht mit: Kommste noch auf einen Kaffee mit hoch? Oder: Willst du meine Briefmarkensammlung sehen? Vielleicht auch, weil Jürgen ein Willi ist, wie all die anderen Willis auch. Da liest er eben noch einen Flirtratgeber: Wie ist denn jetzt noch mal dieses Haare zurückwerfen zu deuten? Heißt das, sie steht auf mich? Ein rasanter und amüsanter Ritt durch die Irrungen und Wirrungen des modernen Flirtens und Liebens – Schwiegertochter gesucht á la Heinz Strunk.

Mit „Jürgen“ kehrt Heinz Strunk wieder zurück zu Altbekanntem: Autobiographisches vermischt mit Textstücken und viel besonderem Humor. Wer also mit einem zweiten goldenen Handschuh gerechnet hat, dem sei hier schon mal gesagt: Nö. Mir macht das gar nichts, denn auch in „Jürgen“ bleibt sich Strunk seinem Schreibstil treu. Sich selbst und seine Figuren nicht allzu ernst nehmend wirft er hier einen Blick auf die „Datingszene“ und die Möglichkeiten, die sich dem Liebessuchenden heute so bieten. Ja. Und da gibt es nun eine Menge abstruses. Ob nun Speed-Dating mit verzweifelten Seelen, eine Busfahrt nach Polen, um dort die Liebe seines Lebens … eh … mit Geschenken zu locken …  oder die neuesten Tipps der Flirtratgeber. Dass das alles nicht wirklich hilfreich und eigentlich nur „Geldmache“ ist, weiß man ja. Eigentlich. Dieses eigentlich führt uns Strunk vor Augen. Ist ein bisschen so wie spätnachmittags oder abends den Fernseher einzuschalten. Nur in gut. Wenn zwischendurch dann mal Stellen „von früher“ (ob nun Jürgens oder Heinz‘ Vergangenheit – oder ob das konformgeht) aufblitzen, naja, das muss jetzt nicht zwingend sein und wenn da Passagen aus früheren Projekten Strunks übernommen worden sind, ja, dann ist das meiner Meinung nach auch nicht schlimm, denn: das Gesamtpaket stimmt.

Auch wenn „Jürgen“ nicht so dicht gestrickt ist wie „Der goldene Handschuh“ oder „Junge rettet Freund aus Teich“ habe ich mich köstlich amüsiert gefühlt und darum geht es doch. Wer das mag, der darf hier also gerne zuschlagen und loslesen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Rowohlt Verlag – 256 S. – Hardcover – 19, 95€ – ISBN: 978-3-498-03574-7

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