[Rezension] „Lanz“ | Flurin Jecker

„Lanz“ ist der Debütroman eines jungen Schweizer Autors mit dem wunderbar lautmalerischen Namen: Flurin Jecker. Dieses Buch ist nach eigenen Worten des Autors „mehr oder weniger zufällig“ (Quelle: hier) gleichzeitig seine Abschlussarbeit am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel geworden und nun bei Nagel & Kimche im Hanser Literaturverlag erschienen.

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Lanz, der titelgebende Vierzehnjährige Protagonist, nimmt in der Schule an einem Kurs teil, der da heißt: ‚Ich schreibe einen Blog.‘ Klingt genauso langweilig, wie Lanz es findet – und trotzdem sitzt er jetzt in diesem Kurs. Wegen Lynn. Doch die erscheint am ersten Kurstag gar nicht, dafür aber sein ungeliebter Lehrer Herr Gilgen, der Gilgonator. Lanz sieht sich von nun an gezwungen, einen Blog zu schreiben, in dem er von seinem Leben erzählt, seinen geschiedenen Eltern, wie es sich für ihn anfühlt, mal bei seiner Mutter, mal bei seinem Vater zu leben und auf welche Art sie jeweils mit ihm umgehen, ihn erziehen oder auch nicht erziehen. Weiterhin schreibt er von Lynn, auf welche Weise er versucht ihr näher zu kommen (und das scheinbar nicht so richtig funktionieren will) seinen Freunden und (Nicht-) Freunden, ja, einfach von seinem kompletten alltäglichen Leben bis hin zu den tiefsten geheimen Empfindungen, die in jedem stecken. Als Lanz alles zu viel zu werden scheint, vor allem, als Gilgen von seinen Kursteilnehmern verlangt, ihre jeweiligen Blogs l-a-u-t vorzulesen, muss Lanz ganz dringend weg. Denn, was da in seinem Blog steht, das soll bitte möglichst keiner lesen. Bloß nicht.

Auf ganz frische und moderne Art, weil einzigartig und sich selbst treu (so meine außenstehende Beobachtung), schildert Flurin Jecker eine Kindheit im Übergang zum Erwachsenwerden. Seine Sprache besticht nicht nur durch seine Eigenwilligkeit, sondern vor allem durch eine nötige Wärme, die dem Geschehen an Authentizität verleiht – viel mehr als es jeder noch so hippe Jugendjargon könnte. Jedes Kapitel entspricht einem Blogeintrag Lanz‘ und liest sich – nicht allein deswegen, aber auch – sogartig weg. Besonders gelungen finde ich die Überschriften, die man sich am besten ganz langsam mit Zeit zum darüber Nachdenken oder auch mal Grinsen durchliest.

Jecker schreibt von einer Kindheit, wie sie sicher viele erleben oder erlebt haben: elterliche Scheidung, eigenes Seelenchaos, wohin mit mir?, etc. . Auch wenn Jeckers Protagonist Lanz einen Blog – also etwas ziemlich Modernes (oder ist das schon wieder out?) – schreibt, erreicht er damit nicht nur die tatsächlich Jüngeren, sondern vor allem auch die im Herzen jung Gebliebenen oder die, die sich zumindest noch an das Gefühl ihrer Kindheit erinnern können. Denn letztlich ist ein Blog in vielen Fällen nichts anderes als ein Tagebuch und wird von Lanz auch als solches genutzt: ein Ventil für seine Gedanken- und Gefühlswelt.

Auch wenn ich zu Beginn einige Zeit gebraucht habe, um mich in das Buch einzufühlen, so gefällt es mir im Nachhinein immer besser. Während des ersten Lesens hatte ich noch meine Bedenken, wo das hinführen sollte, was mir der Roman sagen möchte –  und war teils etwas verwirrt aufgrund der Namen, der vielleicht ‚schwyzerdütschen‘ sprachlichen Eigenarten. Nach dem zweiten Anlesen und Durchblättern (in dem mir oft kleine Details erst richtig bewusstwerden, die das nötige, vielleicht noch fehlende Puzzleteil zum großen Ganzen sind) kann ich sagen: Ich mag es sehr gerne! Es ist aber sicher ein Buch, das aufgrund seiner sprachlichen Eigenheit nicht jedermanns Geschmack trifft. Wer sich für Adoleszenzromane, ‚Coming-of-Age‘-Geschichten und frischem sprachlichen Wind begeistern kann, dem wird der Roman sicher gefallen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Nagel & Kimche im Hanser Literaturverlag – 128 S. – ISBN: 978-3-312-01022-6

3 Kommentare zu „[Rezension] „Lanz“ | Flurin Jecker“

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