[Rezension] ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ | Jonas Hassen Khemiri

Jonas Hassen Khemiri ist ein schwedischer Schriftsteller und gilt in der dortigen Literaturszene als „Star“. Bereits mit seinem Debütroman ‚Das Kamel ohne Höcker‘ erlangte er internationalen Erfolg. ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ ist sein vierter Roman und in 25 Ländern erschienen.

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In ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ geht es um Samuel. Samuel ist tot, aber nicht vergessen, denn er lebt in den Erinnerungen seiner Freunde und Familie weiter. Diese wissen aber alle nicht so recht, was nun eigentlich passiert ist. War es ein Unfall? War es Selbstmord? Wenn ja, wer oder was hat ihn so weit gebracht? Und, wer war Samuel eigentlich wirklich? Denn Samuel hat viele Gesichter und für jeden ein anderes. Das Herauszufinden versucht ein namenloser Journalist, zeitweise gleichzeitig der Erzähler, der dazu mit den Personen spricht, die mit Samuel in Kontakt gestanden haben. Er interviewt Nachbarn, Krankenschwestern und -pfleger und versucht, auch zu Samuels Familie und näheren Freunden Kontakt aufzunehmen. Nach und nach setzt sich so aus einzelnen Fragmenten und Puzzleteilen der wahre Samuel – oder zumindest ein Teil dessen – zusammen.

Es gibt drei Personen, denen Samuel besonders nahegestanden hat. Da ist zunächst Vandad, Samuels bester Freund, nach außen knallhart, Typ Möchtegern-Gangster mit ewig anhaltenden Geldsorgen. Laide, Samuels große Liebe, zum Teil schwer durchschaubar und so für Samuel kaum greifbar und für Vandad ein Dorn im Auge sowie „die Pantherin“, eine gemeinsame Freundin Samuels und Vandads, in die Samuel früher vielleicht sogar verliebt gewesen ist und die mittlerweile in Berlin lebt. Alle haben, wenn auch in Schweden geboren bzw. aufgewachsen, arabische Wurzeln und das ist es, was sie, neben Samuel als Knotenpunkt, am Stärksten miteinander verbindet.

Zunächst mag ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ den|die Leser|in verwirren, denn es ist schon etwas schwierig auszumachen, wer nun erzählt. Ist es Vandad, Laide, der namenlose Interviewer oder jemand ganz anderes? Anhand der drei Teile ‚AM‘, ‚Laide‘ und ‚PM‘ kann man sich etwas orientieren und generell gilt: ein Abschnitt Interviewer (Gegenwart), einer Vandad (Vergangenheit), einer Laide (Vergangenheit) – das stimmt nicht immer, aber so grob. ‚AM‘ beschreibt den Zustand, bevor der Leser Samuel näher kennt. Er|Sie lernt diesen in dem Abschnitt etwas, aber noch nicht richtig, kennen. Im zweiten Teil, ‚Laide‘, kommt Samuels Freundin Laide hinzu. Hier lernen wir Samuel besser kennen, nämlich unter dem Einfluss Laides. ‚PM‘ beschreibt mögliche Auslöser, die zu Samuels Tod geführt haben können und ist der rasanteste Abschnitt, den man vorzugsweise am Stück lesen sollte. Khemiris Schreibstil baut, aufgrund fehlender Anführungszeichen, moderner Sprache, eigensinniger Grammatik und der eben erwähnten häufigen Perspektivwechsel sowie Zeitsprünge eine unglaublich fesselnde und intensive Dynamik auf. Man spürt förmlich den eigenen Herzschlag während des Lesens von ‚Alles, was ich nicht erinnere‘, ganz so, als würde man mit den Figuren einen wilden Roadtrip durchleben. Rasant, energiegeladen und voll Spannung, aber auch Trauer und Schmerz schildert der Autor eine faszinierende Geschichte, die sich so schnell nicht vergessen lässt und die uns letztlich fragen lässt, kann man eine einzelne Person tatsächlich kennen oder bleibt immer etwas im Verborgenen? Lernt man einen Menschen nicht immer nur aus der eigenen Perspektive kennen? So, wie man diesen sehen und haben will? Nebenbei beleuchtet Khemiri in Ansätzen die Schwierigkeiten und Problematiken von Migranten in Schweden, die wohl als Parallele zum Leben des Autors gesehen werden können.

Es fiel mir tatsächlich etwas schwer, das Buch in Worte zu fassen, gerade weil es (und das fällt mir wiederum leicht) mir außerordentlich gut gefallen hat. Sobald ich verstanden hatte, wer nun wann berichtet (und das ist zunächst wirklich etwas schwierig), war ich im Sog des Buches gefangen. Ich kann es daher nur empfehlen, allerdings muss man zu Beginn etwas durchhalten, um das Erzählergewirr zu entknoten. Danach ist es ein unglaublich faszinierender Roman mit Suchtgefahr, für den jedes weitere Wort eines zu viel wäre.

Ganz herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann – DVA Belletristik – 336 S. – ISBN: 978-3-421-04724-3

2 Kommentare zu „[Rezension] ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ | Jonas Hassen Khemiri“

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