[Weil ich ein Leben habe] #2

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Krankheit ist ein Thema, über das öffentlich ungerne gesprochen wird (jedenfalls, wenn man noch jung ist) – und ich meine jetzt nicht den allgemeinen Schnupfen und die jährliche Grippewelle, darüber wird ausführlich und gerne eine gesellschaftliche Debatte geführt. Nein, ich spreche von chronischen Erkrankungen, psychischen Erkrankungen und den anderen fiesen Sachen, die häufig mit einem weiteren unaussprechlichen Thema verbunden sind: dem gesellschaftlichen Tod.

Dabei ist nicht darüber reden genauso uncool wie zu viel. Eine Krankheit will Aufmerksamkeit – und die holt sie sich, egal wie. Sie komplett zu ignorieren (zumindest im „Außenleben“) ist also keine Lösung. Viele scheuen sich – und ich kann das total gut nachvollziehen – denn man möchte ja unbedingt,  unbedingt ein „normales“ Leben leben, weiß aber ganz genau, dass das eben nicht so ganz möglich ist. Dieser Spagat zwischen kranksein und dennoch nicht auffallen ist für viele Betroffene unglaublich wichtig. Für mich auch. Ich wollte das immer können, aber irgendwann ist mir klargeworden: das geht nicht. Jedenfalls nicht im Ganzen. (Eine Ballerina wird leider auch nie aus mir, auch wenn die Werbung suggeriert: Mit den richtigen Medikamenten kannst auch du Tänzerin werden.) Und seitdem fühle ich mich sehr viel wohler. Ich bin ok so wie ich bin, auch wenn ich viele, viele Dinge eben nicht mitmachen kann und manchmal fluchend zu Hause sitze, weil ich das natürlich nicht will, dieses nein sagen. Wer will das schon? Dennoch, an diesen Punkt zu kommen, an dem ich wirklich von ganzem Herzen sagen kann: Ich bin ok, auch wenn ich nicht mit meinen Freunden am Wochenende ausgehen kann. | Ich bin ok, auch wenn ich keine Karriere machen kann. | Ich bin ok, auch wenn ich vielleicht keine Familie gründen kann. | Ich bin ok, auch wenn ich nicht ok bin., das hat eine kleine Ewigkeit gedauert.

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Ich habe sehr früh die Erfahrung gemacht, dass einen nicht nur die Krankheit an sich zu einem kleinen Alien macht, sondern alles, was damit verbunden ist. Das Leben läuft in der Regel mit ein, zwei und mehr chronischen Erkrankungen (ich spreche weiterhin „nur“ davon, da es mich betrifft, ich meine aber generell alle vorhin genannten Erkrankungen und mehr) nicht nach einem genormten Muster ab. Klar geht man in den Kindergarten, zur Schule, macht eine Ausbildung oder ein Studium, trifft Freunde, unternimmt Sachen, kurz: nimmt am öffentlichen Leben teil. Aber mit Abstrichen und unter teils vollkommen anderen Bedingungen. Was vielen nicht bewusst ist: es kann verdammt hart sein – in den kleinsten Dingen. Niemand sieht, dass man Schmerzen hat und man sagt natürlich auch nichts. Wäre ja blöd, soll man da jede Sekunde „Aua“ rufen?! Also, bitte… Niemand weiß, dass man morgens erstmal ne Portion Tabletten benötigt, um die Morgensteifigkeit aus den Gliedern zu verbannen. Und wenn, dann kann man sich das nicht vorstellen. Erst, wenn man selbst krank ist, kann man sowas wirklich nachvollziehen (und das meine ich gar nicht böse, es ist einfach so!). Noch so eine Sache: Medikamente nehmen heißt nicht, dass man plötzlich alles kann. Sie erleichtern manches, hemmen Entzündungen, schwächen Schmerzen etc., aber sie können nicht zaubern. Und: Medikamente haben Nebenwirkungen. Viele. So wird dann schwupps aus einer chronischen Erkrankung noch eine… und noch eine. Oder ganz einfach ausgedrückt: aus den Fußschmerzen werden etwas leichtere Fußschmerzen mit Bauchschmerzen. Ich könnte da jetzt ganz viele Beispiele nennen, so aus dem täglichen Leben, aber ich möchte niemanden langweilen. Stellt euch einfach vor, ihr hättet furchtbar schwer Grippe. So mit Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Bauchweh, sich fühlen wie einmal durchgekaut und wieder ausgespuckt, wie vom Laster überfahren und so gelenkig wie eine Eisenbahnschiene. Ja, so ungefähr fühlt man sich z.B. mit einer Polyarthritis & Co. Und trotzdem steht man auf und macht und tut, nicht nur, weil man muss, sondern vielmehr, weil man will. Denn, was oft gedacht wird, aber gar nicht der Wahrheit entspricht: immer krank zu sein bedeutet nicht, auch immer unglücklich zu sein. Klar ist vieles echt… eh… scheiße, aber: es gibt vieles, was einen trotzdem glücklich macht. Bei mir ist das so: Nicht die Karriere steht im Vordergrund, sondern alles, was ich mir im Kleinen erarbeite. Nicht der nächste Urlaub im Großen, aber der kleine Tagesausflug. Die Sonne nach einer Woche „wenn-nichts-mehr-geht“ genießen, auch wenn ich im Schatten (nicht nur metaphorisch) laufen muss. Gerüche und Geräusche, die Erinnerungen wachrufen, die ich längst für vergessen hielt. Ja, und wenn ich anderen mit meinen Gedanken und Gefühlen irgendwie ein wenig helfen kann, dann macht mich das auch glücklich. Darum schreibe ich. Und, ich betone es noch einmal: Über Krankheit zu reden heißt nicht, darin aufzugehen oder gar ihr „Raum zur freien Entfaltung zu geben“, sondern sich einen Weg zu erarbeiten, damit umzugehen. (Dazu muss man ja nicht 24/7 in die Welt herausschreien: Hallo! Ich bin krank! Die Welt ist so ungerecht! Alles ist scheiße! – Das darf man auch mal denken, ja, aber dann ist es auch wieder ok. Das bringt nämlich mal so gar nichts, außer Verbitterung und Weltschmerz – und die beiden braucht keiner.) Denn den Raum nimmt sich eine Erkrankung so oder so. Man kann dann entweder verbittert oder verbiestert sein oder einen Weg finden, wie man trotzdem glücklich sein kann. Und den habe ich gefunden. Nicht zuletzt durch Bücher natürlich!

(…)

4 Kommentare zu „[Weil ich ein Leben habe] #2“

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