[Rezension] „Summertime. Die Farbe des Sturms“ | Vanessa Lafaye

Vanessa Lafaye ist in Tampa, Florida aufgewachsen, wo Wirbelstürme beinahe jährlich für Unruhen und Zerstörung sorgen. Sie kennt sich also bestens mit dem Thema ihres Buches „Summertime. Die Farbe des Sturms.“ aus. Hierbei geht es nämlich um den (tatsächlich stattgefundenen) schlimmsten Hurrikan Nordamerikas am Labour Day 1935 – zu einer Zeit, in der Rassentrennungsgesetze und Lynchjustiz den Alltag und das Leben bestimmt haben. Die von Vanessa Lafaye geschilderten Ereignisse und Personen sind dabei fiktiv, geben aber sicher ein gutes (im Sinne von wahrheitsgemäßes) Stimmungsbild der wirklichen Geschehnisse wider.

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Heron Key. Es ist Mitte der 30er Jahre, der erste Weltkrieg ist überstanden, aber einige andere Dinge liegen noch stark im Argen. Unter anderem der Rassenkonflikt einhergehend mit diskriminierenden Rassentrennungsgesetzen und Lynchjustiz. Nach dem ersten Weltkrieg kehren nach und nach viele Kriegsveteranen zurück auf die kleine Insel, aber nicht zu ihren Familien, sondern in ein sogenanntes „Kriegsveteranenlager“. Viele rauchen, trinken, prügeln sich, benehmen sich schlichtweg „nicht angemessen“ und sorgen so für Streitereien und Unruhen. Henry ist einer von ihnen. Der eigentlich liebevolle und strebsame junge Mann kehrt gebrochen zurück. Missy, die als Dienst- und Kindermädchen bei den Kincaids (bestehend aus dem Ehepaar Nelson und Hilda sowieso deren Sohn Noah) arbeitet, erkennt ihn kaum wieder. Die Stimmung unter den Bewohnern Heron Keys heizt sich immer weiter auf. Denn nicht nur die Kriegsveteranen sorgen für Unruhen, sondern auch viele andere Bewohner. Jeder, egal ob weiß oder schwarz, hat ein kleines oder großes Geheimnis, das er mit sich trägt. Wer ist der Vater des „milchkaffeefarbenen“ Babys der hellhäutigen Campbells? Wo verbringt Mr. Kincaid seine Zeit, wenn er versucht, seiner aus Einsamkeit essenden und trinkenden Frau aus dem Weg zu gehen? Als es am 04. Juli, dem einzigen Tag, an dem Schwarze und Weiße gemeinsam dem Fest zur Feier des Labour Days beiwohnen dürfen, zu weiteren Auseinandersetzungen kommt, spitzt sich die Situation zwischen den Einwohnern Heron Keys zu. Und dann ist da noch ein Sturm im Anmarsch, dessen Ausmaß sich keiner vorzustellen vermag…

Zu Beginn des Buches werden zunächst die Hauptfiguren, Missy, die Familie Kincaid, Doc, Dwayne, Selma, Henry etc. vorgestellt. Manchmal springt die Perspektive ein wenig zu schnell. Gerade sind wir noch bei Missy, dann schon wieder bei Doc, bei Dwayne, oft habe ich zurückblättern müssen, weil ich so den Inhalt natürlich aus einem anderen Blickwinkel gelesen ganz anders gedeutet habe, das hat mich ein klein wenig gestört. Nachdem die Figuren vorgestellt, der Leser sich ein Bild von der vorherrschenden Situation gemacht hat, hätte eigentlich der Hurrikan kommen können, stattdessen besinnt sich die Autorin aber auf eine andere Art von Sturm: dem inneren. In Heron Key wirbelt nicht nur ein Wirbelsturm, eine Naturgewalt sondergleichen, die Gemüter auf, sondern es ist vor allem auch die von Menschen gemachte, hauseigene Zerstörungswut, mit denen die Figuren des Romans zu kämpfen haben. Der Autorin gelingt es sehr gut, den Hurrikan als Ausdruck der inneren Unruhe der Insel zu benutzen und darzustellen. Leider dämpfen die unterschiedlichen Personen und Geschehnisse etwas die Spannung, denn die eigentliche „Hauptattraktion“, der Hurrikan, tritt erst auf den letzten Seiten auf – dafür umso gewaltiger. Die Vorgeschichte, die Probleme der Bewohner, vor allem die Rassenkonflikte und das hohe Gewaltpotenzial sind interessant und keineswegs langweilig, aber doch dümpelt es manchmal ein wenig vor sich hin. Das turbulente Ende hingegen macht einiges wieder wett. Man sollte sich also nicht von dem farbenfrohen Cover täuschen lassen. Sie spiegeln lediglich die vorgetäuschte Fröhlichkeit Heron Keys und deren Bewohner wider. Für mich ist „Summertime. Die Farbe des Sturms“ ein interessantes Buch mit wahrem Kern. In Ansätzen (z.B. Dienstmädchen, die alle hässlichen Dinge der Familien, für die sie arbeiten, überblicken und Rassendiskriminierung, wenn auch in „Summertime“ aufgrund der früheren Zeit, in der das Buch spielt, noch stark verschärft) hat es mich an „Gute Geister“ von Kathryn Stockett erinnert und wem diese Art von Buch gefällt, der wird sicher auch mit „Summertime“ seine Freude haben (auch wenn ich persönlich „Gute Geister“ etwas besser ausgearbeitet und flüssiger zu lesen finde).

Aus dem Amerikanischen von Andrea Brandl  | Limes Verlag | 416 S.

[Lesemonat] März 2017

Ich habe hin und her überlegt, ob ich noch Lesemonate online stellen sollte. Letztendlich habe ich mich – zunächst – dafür entschieden, aber ich möchte etwas vorwegschicken: Es ist mir überhaupt nicht wichtig, wie viele Bücher ich oder jemand von euch in einem Monat liest, geschweige denn wie viele Seiten sich bei mir oder euch monatlich, jährlich oder in einem ganzen Leben ansammeln. Lesen ist für mich kein Leistungssport, sondern mein allerliebstes und größtes Hobby, vielleicht sogar etwas mehr als das. Niemand sollte sich unter Druck gesetzt fühlen, weil er „zu wenig“ oder „zu viel“ liest oder vielleicht auch „zu trendbewusst“ oder „zu unabhängig“. Sicher ist das schwer, in Zeiten von sozialen Medien und quasi Daueronlinepräsenz seinen eigenen Weg zu finden und es ist auch nicht schlimm, sich etwas beeinflussen zu lassen. Das gehört dazu. Ich nehme mich da kein Stück von aus. Oft denke ich mir, ich sollte unabhängiger lesen, vielleicht sogar weniger lesen, aber dann denke ich mir wiederum: Wieso etwas kaputt überlegen, was mir so viel Freude bereitet? Dennoch liegt es mir am Herzen, noch mal zu betonen, dass es vollkommen in Ordnung ist, mal keine Lust auf ein Buch zu haben, sondern lieber den Abend mit seinen Freunden oder seiner Familie oder einer guten Serie, Sport, was auch immer, zu verbringen. Genauso ist es total ok, lieber ein Buch zu lesen und den Abend „alleine“ zu bleiben. Macht das, worauf ihr Lust habt, dann habt ihr auch Spaß daran. Das Leben ist nicht planbar, darum auch nicht, wie viel und was man liest. Manchmal steht einem der Sinn eben mal nach einem Krimi, einem historischen Roman, einer Liebesschnulze, einem Comic, whatever, auch wenn man sonst eher „gehobenere“ Literatur liest. Ich finde das nicht tragisch, im Gegenteil, ich finde das absolut menschlich und vertretbar. Wo kämen wir denn hin, wenn alle nur noch geradeaus schauen würden, ohne den Blick schweifen zu lassen?

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Ein weiterer Grund, warum mir Lesemonate online stellen schwerfällt, ist der, dass ich einfach nie „vollständige“ Fotos werde zeigen können. Ich lese momentan unheimlich viele Bücher, manche leihe ich aus, viele verleihe ich wiederum und ab und zu lese ich auch mal unterwegs elektronisch (wenn auch ungern). Da bleibt am Ende des Monats nie das Gesamtpaket vorzeigbar im Regal. Für mich ist das nicht schlimm, Bücher und Geschichten sind zum Teilen da (auch wenn ich manche am Ende doch lieber wieder zu Hause haben möchte, es sind halt gute Bekannte geworden). Bevor ich jetzt noch weiter aushole, folgt ein Ausschnitt meines Lesemonats März zwanzigsiebzehn:

‚Die Widerspenstigkeit des Glücks‘ von Gabrielle Zevin

‚Licht‘ von Anthony McCarten

‚Jahre wie diese‘ von Sadie Jones

‚Die Tiere von Picasso‘ von Boris Friedewald

‚Applaus für Bronikowski‘ von Kai Weyand

‚Die Unvollendete‘ von Kate Atkinson

‚Wenn nachts der Ozean erzählt‘ von Zana Fraillon

‚Bis an die Grenze‘ von Dave Eggers

‚Eine englische Ehe‘ von Claire Fuller

‚Durch Mauern gehen‘ von Marina Abramović

‚Das Buch der Spiegel‘ von E.O. Chirovici

‚Panikherz‘ von Benjamin v. Stuckrad-Barre

‚Der Club‘ von Takis Würger

‚Die stillen Trabanten‘ von Clemens Meyer

‚Jürgen‘ von Heinz Strunk

Nicht zu jedem Buch gibt es eine Besprechung. Auch wenn ich sehr gerne schreibe, fehlt doch manchmal die Zeit, die Energie und ab und an möchte ich ein Buch auch nicht „auseinandernehmen“. Vor allem dann, wenn es mir besonders gut gefallen hat. Über manche Bücher kann und möchte ich nicht viel schreiben, weil ich sie in Gedanken als ein besonderes Erlebnis, ein außerordentliches Gefühl bewahren möchte. Beinahe jede Zeile wäre in diesem Fall zu viel. Ich hoffe, ihr versteht das.