[Rezension] „Sonne und Beton“ | Felix Lobrecht

Gibt man in diesem Internet in die Suchmaske bei Google „Felix Lobrecht“ ein, findet man unter anderem jede Menge lustige Videos, Links zu Comedyseiten und -netzwerken und seine eigene Homepage. Klickt man auf Letzteres, springt einem ein großes Foto von ebenjenem Felix Lobrecht entgegen. Ein bisschen weiter nach unten gescrollt steht da: „Felix Lobrecht ist lustig. Außerdem schreibt er Bücher.“ – und damit wäre dann wohl alles geklärt. Sprich, so viel zu seinem Humor und zu dem, was er macht, denn Felix Lobrecht ist (so steht es auf der Autorenwebseite des Verlages) Stand-Up-Comedian, einer der erfolgreichsten Slampoeten und jetzt eben auch: Autor.

„Sonne und Beton“ ist Felix Lobrechts erster längerer (Solo-)Roman und schlägt etwas andere, irgendwie ernstere Töne an als man vielleicht erwarten würde. Eins schon vorweg: ich bin positiv überrascht!

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Vier Jungs im Berlin Neuköllner Sommer. Ihr Alltag besteht aus Sprüche klopfen, Schule schwänzen, kiffen, hier und dort mal eine Schlägerei, hier und dort mal etwas mitgehen lassen. Ihr Alltag besteht aber auch darin, all die persönlichen, oft nicht gerade kleinen Probleme zu bewältigen. Von Problemen in der Familie, über Geldsorgen bis hin zum Gefühl, von niemandem ernst und/oder unterstützt zu werden – am wenigsten von Lehrern, die oft hilflos und eingeschüchtert zusehen. Der Plan der vier Jungs: sich so durchboxen. Eines heißen Sommertages beschließen sie jedoch etwas „Größeres zu reißen“. Eine Entscheidung, die Folgen haben wird. Für jeden auf andere Weise.

Der Roman wird aus der Ich-Perspektive von Lukas erzählt, der bei seinem alleinerziehenden Vater lebt. Lukas großer Bruder (das Vorbild) ist längst ausgezogen, macht irgendwie sein eigenes Ding, was genau, erfährt man nicht, man mag es aber ahnen. Ein Neuköllner Paradebeispiel. Die Erzählweise vermittelt eine gewisse Authentizität, eine Möglichkeit zu verstehen, wie das Leben in Neukölln wohl so ist (wenn man es nicht schon selbst kennt). Die Sprache, die Felix Lobrecht nutzt, dient eben jener Authentizität. Sie ist flapsig, sie ist derb, sie ist echt (wenn auch für einige bestimmt zunächst gewöhnungsbedürftig). Ungefähr so hört es sich aber an, wenn man in bestimmten Gegenden einer Großstadt – hier natürlich Berlin Neukölln – aufgewachsen ist. „Alter“, „Dicker“, „Shu“, „Dings“ und, klar, es wird berlinert. Lobrecht schlägt aber auch leisere Töne an, zum Beispiel, wenn Lukas über sein Leben nachdenkt, wenn er versucht, irgendwie wieder hinzubiegen, was er verbockt hat. Der harte Sound des Berliner Ghettos trifft auf die leisen Gedanken der Jungs, die eigentlich alle nur eines wollen: irgendwie was aus sich machen. Die Realität in Berlin Neukölln ist keine weichgezeichnete Welt von hilfsbereiten Menschen und einer Portion Glück, sondern vielmehr ein trister Alltag, dem man nur mit viel Mut und Stärke begegnen kann. Lobrecht schafft es, diesen ganz eigenen Sound wiederzugeben und bleibt dabei verdammt ehrlich. Absolut lesenswert!

Weiterführende Links:

http://www.resonanzboden.com/unterwegs/neukoelln-ist-home-felix-lobrecht-gespraech-bezirksbuergermeisterin-franziska-giffey/

http://felixlobrecht.de/

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Ullstein fünf im Ullstein Buchverlag – 224 S. – ISBN: 978-3-96101-002-8

[Rezension] „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ | Marlon James

Marlon James ist ein Wahnsinnstyp. Anders kann ich ihn (unbekannterweise) gar nicht beschreiben – und das meine ich positiv! Oder doch: Marlon James ist ein Wahnsinnsautor. Er schreibt kraftvoll, energisch, aber zugleich beinahe poetisch in einer rauen Sprache, die einem den Atem raubt. Das ändert sich auf keiner der über 850 Seiten, womit „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ alles andere als eine kurze Geschichte ist.

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Wie gibt man nun den Inhalt eines Buches wieder, das sowohl politisch als auch gesellschaftlich so viel vorzuweisen hat, das einem fast der Kopf brummt (aber auf gute Weise!)? Vielleicht zunächst mit dem Dreh- und Angelpunkt des Romans: Der Anschlag auf Bob Marley vom 03.12.1976. An diesem besagten Tag dringen sieben Unbekannte in das Haus Marleys und seiner Frau Rita ein. Es folgen Pistolenschüsse. Bob Marleys Manager wirft sich über den Sänger und fängt somit die schlimmsten Schüsse ab. Auch Rita wird verletzt. Marley selbst kommt mit leichten Verletzungen davon und steht kurze Zeit später für ein Friedenskonzert auf der Bühne. Welche Gründe hinter der Tat stecken oder wer die Männer sind, die auf Marley geschossen haben, bleibt unklar. Vermutlich ist der Überfall politischer Natur, ein Ausdruck von Bandenrivalitäten, die von je unterschiedlichen politischen Gegnern unterstützt werden. Denn: Wenige Tage nach dem Anschlag sind Wahlen angesetzt und Bob Marley soll eine Verbindung zu dem Staatschef gehabt haben.  (Quellen: hier  und hier )

Dies bildet den Mittelpunkt des Romans. Bob Marley, der im Buch immer nur „Der Sänger“ genannt wird, das Attentat auf ihn, mögliche Hintergründe dafür und ein Stimmungsbild Jamaikas, welches beispielhaft an dem Anschlag festgemacht wird bzw. sich um diesen herum manifestiert. „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ist Politthriller, Krimi, Historie, Fiktion und sprachlicher Reggae. Knapp 80 Personen erzählen aus ihrer Perspektive vom Jamaika der 70er und 80er, von Drogen, Gewalt, Homophobie, Korruption und politischen Intrigen – nicht selten sind diese Erzähler Mitglied in einer Gang. Ebenfalls nicht selten sind sie bereits tot, denn beinahe alle sieben Seiten stirbt eine Person, noch viel häufiger geht es gewaltsam zu. Die Sprache ist hart, sie ist rau, sie ist ehrlich. Manche Sätze klingen wie Reggae-Musik, manche sind einfach nur brutal (aber eben authentisch). Trotz vieler Slang- und Ghettoworte (z.B. „Bombocloth“, „Gunman“, „Dawta“, „Battyboy“), ist es nicht schwierig zu verstehen, was gemeint ist. Auch wenn es im Anhang ein Glossar dieser Wörter gibt, schaut man eher selten nach, denn Marlon James schafft es, diese praktisch im Kontext zu erklären. Das muss man erst mal können!

Die Sätze reihen sich oft nahtlos aneinander und greifen ineinander über, Satz für Satz, Wort für Wort. So entsteht eine atemlos machende Dynamik und Spannung. Marlon James verwendet keine Anführungszeichen in wörtlicher Rede, sondern einen fließenden Übergang. Wenn ein Gespräch besonders betont werden soll, steht es Zeile für Zeile, mit einem Spiegelstrich markiert, so dass man als Leser|in gleich merkt: Aha. Hier wird es jetzt aber besonders interessant!

Die Sprachgewaltigkeit und Kunstfertigkeit des Autors machen dieses Buch zu einem sogartigen Leseerlebnis, auch wenn der Inhalt oft verwirrend und nicht unbedingt leicht verständlich, geschweige denn leichte Kost ist. Es fällt mir sogar schwer, den Inhalt konkret wiederzugeben, es passiert einfach so viel, aber irgendwie ist das in diesem Fall auch gar nicht schlimm, wenn man nicht alles versteht. Der Roman trägt einen auch so in ein faszinierendes Leseerlebnis, das teils ohnmächtig macht, angesichts dessen, was alles geschieht.

Mit dem Empfehlen wird es jetzt etwas schwierig, nicht, weil dieser Roman nicht empfehlenswert ist (Im Gegenteil! Marlon James hat meiner Meinung nach auch völlig zurecht den Man Booker Prize für dieses beeindruckende Werk gewonnen!), sondern weil das Buch nicht für jeden geeignet ist. Zum einen aufgrund der Gewalt, die aber nun mal Bestandteil der Authentizität und der Geschichte ist und zum anderen aufgrund des Verwirrtheitsgefühls, welches beim Lesen doch schon öfter mal auftritt. Da darf man keine Angst vor haben, wenn man eventuell nicht alles 1 zu 1 versteht – soll man vielleicht auch gar nicht, wenn man nicht tief in der Materie steckt, aber doch wühlt der Roman auf und, auch wenn ich mich wiederhole, die Sprachgewalt Marlon James besticht so sehr, dass allein das Grund genug ist, zumindest mal reinzulesen (und wahrscheinlich bleibt ihr dann im Buchsog stecken!).

Hier und hier findet ihr interessante Interviews mit Marlon James.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner, Kristian Lutze – Heyne Hardcore – 864 S. – ISBN: 978-3-453-27087-9

 

 

[Rezension] „Die Geschichte der Bienen“ | Maja Lunde

Maja Lunde ist eine norwegische Autorin, die in ihrem Heimatland vor allem für ihre Dreh-, Kinder- und Jugendbücher bekannt ist. „Die Geschichte der Bienen“ ist nun ihre Premiere auf dem Gebiet der erwachsenen Literatur – und ein Erfolg auf ganzer Linie. Erst national, denn „Die Geschichte der Bienen“ stand lange Zeit auf der norwegischen Bestsellerliste und wurde sogar mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis prämiert, und nun international. In Deutschland steht „Die Geschichte der Bienen“ nämlich aktuell auf Platz eins (!) der Spiegel Bestsellerliste. (Stand: 21.05.2017).

Dabei ist der Titel erst einmal irreführend, lässt er doch irgendwie eher an ein Sachbuch als an einen Roman denken. Wobei, ganz so irrig ist diese Annahme auch wieder nicht, denn Maja Lunde verknüpft in „Die Geschichte der Bienen“ feinfühlig und gekonnt wissenswertes über die Bienen und mögliche Umweltszenarien anhand fiktiver historischer Beispiele mit einzelnen Familienschicksalen. Klingt kompliziert? Ist es gar nicht.

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In „Die Geschichte der Bienen“ taucht der|die Leser|in in drei Erzählstränge ab, die später miteinander verknüpft werden. Wir befinden uns sowohl zeitlich als auch örtlich in unterschiedlichen Bereichen:

Tao – Zukunft

„Die Geschichte der Bienen“ beginnt mit der Arbeiterin Tao in China, 2098. Ihre Aufgabe besteht darin, Bäume von Hand zu bestäuben, weil Bienen längst ausgestorben sind. Sie hat kein einfaches Leben und wünscht sich nichts mehr, als eine sorgenfreie Zukunft für ihren Sohn Wei-Wen und ihre kleine Familie. Doch diese Zukunft scheint auf dem Spiel zu stehen, die Natur und alles mit ihr ist im Begriff zu verfallen – und dann hat Wei-Wen einen schrecklichen Unfall, der Tao mitten in den Sturm ziehen lässt, um für ihn, für sich, für die Natur und Zukunft zu kämpfen.

George – Gegenwart

Mit dem Imker George befinden wir uns als Leser|in in Ohio, 2007, zu einer Zeit, in der das Bienensterben einen Namen bekommt: CCD – Colony Collapse Disorder. George ist engagiert, steht hinter seinem traditionsreichen Hof und versucht trotz Kapitalismus auf Ökologie zu setzen. Er hofft auf Unterstützung von seinem Sohn, welcher jedoch den Traum vom Journalismus verfolgt. George ist frustriert, fühlt sich im Stich gelassen und als dann noch die Bienen verschwinden, steht er scheinbar vor einer unüberwindbaren Mauer. Er muss sich nun entscheiden, ob er weitermachen oder seinen Traum verbunden mit jahrelanger, harter Arbeit aufgeben wird.

William – Vergangenheit

Gemeinsam mit dem Biologen und Samenhändler William reisen wir nach England ins Jahr 1852. William ist deprimiert, er fühlt sich als Versager, weil er weder sein Geschäft am Laufen halten kann, noch andere Forscher und Wissenschaftler von seinen Ideen und Projekten überzeugen kann. Seine Hoffnung ruht auf seinem Sohn Edmund, der sich aber leider als – in Williams Augen – Taugenichts entpuppt. Dafür hat seine kluge Tochter Charlotte viele Ideen, die auch Williams Forschergeist wieder auf Trab bringen. Es soll ein völlig neuer Bienenstock entwickelt werden.

Drei verschiedene Zeiten. Drei verschiedene Orte auf der Welt. Je ein Kapitel. Doch alle sind verbunden durch eine kleine summende Spezies: Bienen. Wie wichtig Bienen für Umwelt, Natur und den Stoffwechsel des Lebens sind – nicht nur aus biologischer Perspektive, sondern auch gesellschaftlicher – ist etwas, das leider oft in Vergessenheit gerät, auch wenn es schon oft thematisiert worden ist. Maja Lunde gelingt es feinfühlig, dies wieder in unser Bewusstsein zu bringen. Sie schreibt spannend von unterschiedlichen Leben, Familien, die alle ihr eigenes Schicksal im Zusammenhang mit Bienen haben und irgendwie sogar über die Jahre miteinander verbunden sind. William taucht bei George auf – als derjenige, der den Bienenstock revolutioniert hat; George und sein Sohn Tom tauchen bei Tao auf – als diejenigen, die als erstes vom CCD in den USA betroffen gewesen sind und irgendwie taucht dort auch William auf – wiederum durch die Revolution des Bienenstocks. Auch wenn im Mittelteil des Buches mal ein wenig Flaute herrscht, weil es sich ein kleines bisschen zieht, hat es mir das Buch sehr angetan. Vor allem die Geschichten um Tao und George lesen sich sehr gut und man möchte unbedingt wissen, wie es nun weitergeht.

Williams Geschichte ist gleichwohl interessant, aber er wirkt als Figur teilweise etwas unsympathisch auf mich, vor allem aufgrund seines Verhaltens gegenüber Frauen, was sich selbstverständlich durch die Zeit, in der er lebt, erklärt. Nichtsdestotrotz ist dies ein Grund, warum mir persönlich das Lesen der William-Kapitel etwas weniger Spaß gemacht hat, auch wenn sie enorm wichtig und interessant für den Fortgang der Geschichte sind.

Das erste und das letzte Drittel des Romans sowie die wichtige Message des Buches haben mich vollkommen überzeugen können. Maja Lunde schreibt nicht belehrend, aber sie regt dennoch zum Umdenken (wenn es nicht eh schon geschehen ist) an. Nämlich dazu, sich näher mit den Geschöpfen unserer Natur auseinanderzusetzen und nicht kompromisslos auf Profit oder Eigenwohl zu setzen. Es ist das, was zwischen den Zeilen steht, was nachsummt. Ein wichtiges, ein kluges, ein interessantes Buch, das zudem unterhält. Ein absolutes Frühjahrshighlight.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein – btb Verlag – 512 S. – ISBN: 978-3-442-75684-1

[Weil ich ein Leben habe] #3

… hier zu #1

… hier zu #2

Chronisch krank, im Speziellen Rheuma, in jungen Jahren zu haben ist ein bisschen so wie mit dem „Benjamin Button Effekt“ zu leben – nur unaufhaltsam, in der Alterungsphase stecken bleibend.

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Bereits im Kleinkindalter verbachte ich einen Großteil meiner Freizeit in Arztpraxen, bei der Krankengymnastik, in Krankenhäusern. Der ganze Körper eine einzige Baustelle. Meine Schuhe durfte ich – offiziell jedenfalls – nur orthopädisch wertvoll tragen und vorzugweise eine Nummer zu groß, damit optional noch Raum für Einlagen war. (Ich betete im Stillem immer, dieser Fall möge doch bitte nicht eintreten.) Mit der Kleidung und dem „hip“ sein war das demnach auch so eine Sache. Als Kind geht das alles noch, da sind eher die Eltern unter sich die Giftspritzen, die sich über andere Kinder echauffieren, aber je älter man zahlenmäßig wird (der Körper ist ja gefühlt bereits 80+), da fangen dann die anderen an, sich direkt über einen lustig zu machen, sobald man nur ein wenig aus dem Rahmen fällt. Und ich fiel nicht nur ein bisschen aus dem Rahmen, ich war das bunte Einhorn in der Klasse – was damals definitiv nicht cool war!

In der Grundschule fing es also an. Das Außenseitertum. Ich muss sagen, mir fiel das zunächst gar nicht wirklich auf. Entweder hatte ich Scheuklappen, ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein oder war schlichtweg einfach zu naiv, um zu verstehen, was da vor sich ging. Jedenfalls nahm ich das die ersten Jahre so hin, ohne mich wirklich ernsthaft als Außenseiterin zu fühlen, auch wenn ich das wohl schon immer war. Ab der zweiten Klasse wurde mir ärztlich der Schulsport untersagt (Man ging damals davon aus, dass nur bestimmte Bewegung förderlich sei – heute sieht man das etwas anders. Ja. Schade. Das hätte mir einiges erspart.), ich saß also auf der Bank und langweilte mich. – Nicht. – Ich war „Ballranholerin“, „Netzaufstellerin“, „Strichlistenführerin“ und im Ganzen „Deppin vom Dienst“. Das war nicht wirklich schön, sondern eine meiner frühesten demütigenden Erfahrungen. Stellt euch vor, ihr müsstet immer die Aufgaben erledigen, die eure Mitschüler als Strafaufgaben bekommen, wenn sie z.B. ihre Sportsachen „vergessen“. Das ist eine doppelte Erniedrigung. Für einen selbst, weil man gerne mitmachen würde, aber nicht darf und dann auch noch deswegen Strafaufgaben erledigen muss. Im Ernst. Pädagogisch wertvoll geht anders. Irgendwann sind wir dann auf die Idee gekommen während des Schulsports zur Krankengymnastik zu fahren, das hat aber einerseits zeitlich nicht immer hingehauen und ließ mich andererseits den Neid meiner Mitschüler spüren. Ihr seht, egal wie, man macht es immer falsch.

Im Unterricht fiel ich auf, weil ich oft fehlte. Ich habe mir nicht zu Hause eine schöne Zeit gemacht, sondern es ging mir wirklich schlecht (ja, das muss man vielen tatsächlich erklären), noch dazu war mein Immunsystem durch starke Medikamente zusätzlich geschwächt (sprich, neben mir hustet jemand – ein, zwei Tage später: zack, erkältet!) und dann noch diese elenden, nie enden wollenden ärztlichen Termine und Krankenhausaufenthalte. Ein Hamsterrad, dem man nicht entkommen kann. Um dem Ganzen in der Schule noch die Krönung aufzusetzen bekam ich einen zweiten Satz Schulbücher. Das sollte mich körperlich entlasten, belastete dafür aber meine Seele. Kinderneid kann wirklich grausam sein. Hinzu kam später das Problem der Medikamenten-Nebenwirkungen. Ich bekam ein Cortisongesicht, verlor Haare auf dem Kopf, die dafür auf dem Rücken und der Oberlippe wuchsen und wurde in der Sonne knallrot. Schwimmbadbesuche, DLRG oder sonstige freizeitliche Aktivitäten in der Gruppe fielen für mich aus den eben genannten Gründen also aus. Noch ein großer Faktor, der mich immer mehr zur Einsiedlerin machte. So läuft das, wenn du nicht „der Norm“ entsprichst.

Aus heutiger Perspektive klingt das vielleicht harmlos, aber für ein Kind ist das sehr belastend. Auch wenn ich in der Grundschule diese Belastung nur gespürt, aber gar nicht hätte benennen können, war sie nun einmal da. Ich weiß, dass ich vieles mit Humor genommen habe (wie ich das auch heute noch tue), vieles bewusst vielleicht gar nicht an mich herangelassen habe und mich stattdessen lieber in die Welt der Bücher verkrochen habe, aber ich kann euch genau den für mich damals schlimmsten Tag nennen.

Ich war neun oder zehn Jahre alt, als ich einen heftigen rheumatischen Schub hatte. Es ging wirklich nichts mehr und mir furchtbar schlecht. Mein linkes Sprunggelenk war am ärgsten betroffen, es hatte die Größe eines Tennisballs, war heiß wie glühende Kohlen und zum Laufen kaum noch zu gebrauchen. Kennt man. Mein Kinderarzt – dem ich bis heute unfassbar dankbar für seine liebevolle, selbst in schlimmen Situationen niemals aufgebende, mit Humor verpackte Art sehr dankbar bin – überwies mich zum x-ten Mal in die Kinderrheumaklinik und da war ich nun. 9 Wochen lang. N-E-U-N ganze Wochen mit Schmerzen, Angst, Kummer und so manch blödem Ärztegeschwätz (wirklich, auch oder gerade hier gibt es – neben vielen tollen Ärzten und Ärztinnen – auch eine ganze Menge Dödel), mit Heimweh und trotz OPs zur klinikeigenen Schule gehend, die Nachmittage im Rollstuhl bei McDonalds verbringend (weil die „schickeren“ Cafés die „behinderten“ Kinder nicht haben wollten). Und dann, dann kam ich endlich nach Hause, war den ersten Tag wieder in der Schule und hatte keine Freunde mehr.

– to be continued –

Übrigens, ich bin niemandem böse, auch wenn einige haarige Dinge passiert sind, über die ich gar nicht schreiben werde. (Heute bin ich sogar froh, dass ich sagen kann, ihr habt mich stark gemacht!) Ich bin kein besonders nachtragender Mensch, ich mache doch selbst genügend Fehler und bin alles andere als perfekt. Doch als mich vor einiger Zeit mal eine sehr junge Ärztin darauf angesprochen hat, wie das denn so sei, sein Leben lang damit zu leben und dass ich doch sicher keine großen Probleme gehabt hätte, war ich erst perplex, dann wütend und anschließend habe ich den Entschluss gefasst, das mal etwas aufzuschreiben. Für mich war zu keiner Zeit meines Lebens irgendetwas einfach, ich habe mir alles hart erarbeitet und ich habe nichts geschenkt bekommen (abgesehen von gratis Taschentüchern in der Apotheke). Und ich finde, dass man das ruhig mal erzählen darf.

[Rezension] „Das Rauschen in unseren Köpfen“ | Svenja Gräfen

Über die Liebe und die damit verbundenen Gefühle schreiben kann beinahe jede|r, weil das fast jede|r in irgendeiner Form selbst schon mal erlebt hat. Dieses auf und ab, dass einem ganz schwindelig und schlecht wird. Dieses neben sich stehen, von Emotionen übermannt und teils völlig aus der Bahn geworfen sein. Über die Liebe schreiben und dabei unaufgeregt, aber doch zärtlich und poetisch mitten ins Herz zu treffen, das kann nicht jede|r, Svenja Gräfen dafür umso mehr.

In ihrem Roman „Das Rauschen in unseren Köpfen“ schreibt sie von Lene und Hendrik, einer solchen (gar nicht mal so seltenen) Zufallsbegegnung, aus der Liebe wird. Die erste ganz große, die einfach passiert und alles ändert. Das Denken, das eigene kleine Leben und die Verbindung zu Personen, die man kennt, die einem vertraut sind. Die erste große Liebe, an die man sich sein Leben lang erinnern wird. Weil sie so schön und gleichzeitig so schmerzvoll ist. Weil sie so unecht erscheint und doch so real ist.

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Beinahe rauschvoll stürzt sich Lene in ihre Beziehung zu Hendrik, der ihr Halt gibt, aber doch immer ein kleines bisschen fremd bleibt. Manchmal, da verbringen sie viel zu viel Zeit miteinander. Manchmal wiederum wartet Lene auch stundenlang auf eine Nachricht. Irgendwas ist da, verborgen, heimlich auf der Lauer, um vielleicht alles zu zerstören, was doch gerade so schön zu sein scheint. Denn irgendwann tauchen aus den Untiefen Hendriks Vergangenheit kleine, aber umso wichtigere Details auf. Der Tod seines Vaters, der die ganze Familie und vor allem Hendrik geprägt hat. Und Klara. Immer wieder Klara. Eine Traurigkeit, die mehr ist als das, wandert in „Das Rauschen in unseren Köpfen“ von Person zu Person, droht diese zu ersticken, von innen zu packen und sie beinahe zu zerreißen. Aber das Leben schreitet unaufhaltsam voran, egal, wie gut oder schlecht es Lene und Hendrik gerade geht. Egal, wie sehr die beiden auf die Stopp-Taste drücken möchten. Ein moderner, hochaktueller Roman, der ans Herz geht.

Abwechselnd – mal Gegenwart, mal Lenes Vergangenheit, mal Hendriks Vergangenheit, offenbart Svenja Gräfen eine Liebes-, Freundschafts- und Familiengeschichte, die authentisch, die greifbar ist und die nahegeht, weil sie die Seele in einen Schraubstock packt und einen an gestern, an morgen, an das, was war, was ist und was sein könnte denken lässt.

Das klingt dramatisch, dabei bleibt Svenja Gräfen immer dezent undramatisch, wodurch der Roman an Stärke gewinnt. Vor allem wird sich wohl die Generation 20+ hier wiederfinden und öfter mal an das eigene Leben erinnert fühlen. Aber auch alle anderen Leser|innen werden sich alleine schon an der wunderbaren Sprachfarbe erfreuen können. Absolute und ganz klare Leseempfehlung, weil das Buch etwas mit einem macht, was beinahe unbeschreiblich ist. Und bitte Zeit einplanen, man legt es nämlich nicht mehr aus der Hand.

Ganz herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Ullstein fünf im Ullstein Buchverlag – 240 S. – ISBN 978-3-96101-004-2

[Lesemonat] April 2017

An dieser Stelle folgt eine kurze Zusammenfassung meines Lesemonats April 2017. Wie immer gilt, dass ich so lese, wie es mir Spaß und Freude bereitet. Das heißt, dass ich mir kein besonderes Leseziel setze. Sicher habe auch ich ein paar Bücher hier liegen, z.B. Lese- bzw. Rezensionsexemplare, die ich möglichst bald lesen „muss“, aber dieses „muss“ bleibt bei mir dennoch relativ neutral besetzt. Außerdem möchte ich im Mai gerne etwas „unabhängiger“ lesen. Für mich bedeutet das, immer im Wechsel zu lesen. Also ein, zwei Neuerscheinungen, dann wieder ein, zwei Bücher, die schon etwas „älter“ sind. Das können Klassiker sein oder auch einfach mal wieder ein Krimi, ein Jugendbuch, ganz egal, aber mir muss gerade der Sinn danach stehen und es sollte nicht gerade neu herausgekommen sein.

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Mir haben eigentlich alle Bücher, die ich im April gelesen habe, gut gefallen. Allerdings hatte ich mit „Altes Land“ von Dörte Hansen doch so meine Probleme. Es war aus verschiedenen Gründen einfach nicht mein Buch. (Das könnt ihr aber auch in meiner Rezension nachlesen.) Mein Lesehighlight April war „So, und jetzt kommst du“ von Arno Frank. Es ist eine etwas andere Familiengeschichte mit zartbitterer Tragikomik. Eigentlich passiert in dem Buch nicht viel, aber gerade das liest sich ganz wunderbar. Ich habe richtig mitgefiebert und am Ende sogar ein Tränchen vergossen, was ich relativ selten beim Lesen tue. Ein wenig Kummer hatte ich mit Tom Kummers „Nina & Tom“, weil ich mitten im Buch steckte als die Plagiatsvorwürfe gegenüber Kummer veröffentlicht wurden und ich dann sozusagen in einem moralischen Dilemma steckte. „Darf“ ich das Buch jetzt weiterlesen oder nicht? Muss ich mich dann schlecht fühlen? „89/90“ von Peter Richter behandelt die Thematik der deutschen Geschichte zur Zeit der Wende. Sehr authentisch, lebensnah, aber auch chaotisch und – für mich besonders schön – mit viel Musik aus den 80ern/90ern. „Die Erfindung der Flügel“ von Sue Monk Kidd behandelt historisch den Aspekt der Sklaverei, aber auch den der Rolle der Frau im Amerika Anfang des 19. Jahrhunderts. Es ist nicht nur interessant, sondern auch noch wunderbar geschrieben. „Der Scheik von Aachen“ von Brigitte Kronauer ist für all jene Buchliebhaber, die es sprachgewaltig mögen. Es ist auf jeden Fall ein wirklich tolles Buch, aber wahrscheinlich doch eher speziell. „Lanz“ von Flurin Jecker ist ein Coming-of-Age-Roman, der auch vor allem durch seine Sprache lebt. Ebenso „Alles, was ich nicht erinnere“ von Jonas Hassen Khemiri, welches auf mich eine richtige Sogwirkung ausübte. „Soloalbum“ von Benjamin v. Stuckrad-Barre war interessant zu lesen, da man, wenn man „Panikherz“ bereits gelesen hat, auch in „Soloalbum“ allerhand Persönliches herauslesen kann, sodass einiges mehr Sinn ergibt (so habe ich es zumindest empfunden). „Das Buch der Wunder“ von Stefan Beuse ist in der Tat ein wundersames Buch. Ich weiß nicht so ganz, ob es nun Krimi, Abenteuer, Fantasy oder Drama ist, aber ich denke, genau das macht es auch aus. Je nach eigener Persönlichkeit entwickelt das Buch eine Art Eigendynamik. „Did you ever have a family“ („Fast eine Familie“) von Bill Clegg ist ein Familienroman voller Tragödien. Zum Mitfiebern, Mittrauern und Mitmenschlichsein – und endlich mal wieder ein englischsprachiger Roman. Das sollte ich wohl auch dringen ändern. (Wieder mehr im Original lesen!)

[Rezension] „89/90“ | Peter Richter

Peter Richters Roman „89/90“ wurde 2015 für den Deutschen Buchpreis nominiert und ist kürzlich als Taschenbuch im btb Verlag erschienen. Der Roman ist autobiografisch aus der Perspektive eines Jugendlichen geschrieben, der das Ende der DDR bis hin zur deutschen Wiedervereinigung beschreibt. Chaotisch. Turbulent. Lebensnah.

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„Sie sind der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen darf – damals in Dresden vom Sommer vor der Wende bis zur Wiedervereinigung: die lauen Freibadnächte und die Ausweiskontrollen durch die »Flics« auf der »Rue«, die Konzerte im FDJ-Jugendklub »X. Weltfestspiele« oder in der Kirche vom Plattenbaugebiet, wo ein Hippie, den sie »Kiste« nennen, weil er so dick ist, mit wachsamem Blick Suppe kocht für die Punks und ihre Pfarrerstöchter.

Sie sind die Letzten, die noch »vormilitärischen Unterricht« haben. Und sie sind die Ersten, die das dort Erlernte dann im Herbst 89 erst gegen die Staatsmacht anwenden. Und schließlich gegeneinander. Denn was bleibt dir denn, wenn du zum Fall der Mauer beiträgst, aber am nächsten Tag trotzdem eine Mathe-Arbeit schreiben musst, wenn deine Freundin eine gläubige Kommunistin ist und die Kumpels aus dem Freibad zu Neonazis werden?“ (Aus der Beschreibung des Buches entnommen, da es so passend ist. Quelle: hier)

Der Ich-Erzähler schildert in kurzen Episoden das Leben einer jungen und rebellischen Generation zur Zeit der Wende. Die Namen der Personen bleiben abgekürzt, was die Anonymität der Figuren bewahrt (obwohl der Autor im Vorfeld deutlich macht, alle Figuren seien reine Fiktion), gleichzeitig aber auch Distanz herstellt, was es einem als Leser|in schwer macht, den Personen „näher“ zu kommen und Sympathien aufzubauen. So bleiben sie immer zum Teil etwas abstrakt und weniger greifbar, aber auch interessant. Durch die Anonymität wird gleichzeitig die Neugierde geweckt, so als würden die Figuren ein Geheimnis bewahren, denn, wenn man etwas vermeintlich nicht wissen soll, möchte man es doch umso mehr.

Nicht nur die episodenhafte Erzählung, auch die vielen Anmerkungen zum Autor lassen den Leser immer wieder innehalten. Tendenziell hat mir das außerordentlich gut gefallen, an manchen Stellen hätte ich mir jedoch gewünscht, einfach weiterlesen zu können, ohne erst den Anmerkungen folgen zu müssen. Das kann man schon machen, sollte man aber vermeiden, denn oft werden nicht bloß einfach Begriffe erklärt, sondern auch persönliche Anekdoten eingestreut.

Der ganze Erzählstil vermittelt eine Unmittelbarkeit, die einem das Gefühl gibt, man wäre entweder dabei gewesen oder aber man erkennt sich bzw. viel Bekanntes wieder. Das ist es, was „89/90“ ausmacht. Es gibt das Gefühl einer ganzen Generation wieder, nicht nur durch Wort und Schrift, sondern durch Erlebnisse und ganz, ganz viel Musik. Dadurch, dass der Roman autobiografisch ist, Richter also selbst Teil dieser „Wende-Generation“ ist, steckt unglaublich viel Detail und Detailwissen in dem Buch, weshalb ich es gerne gelesen habe. Auch wenn ich erwähnen muss, dass es mir manchmal etwas schwerfiel, dem Buch zu folgen. Eben aufgrund der Episodenhaftigkeit, der gekürzten Namen, der Anmerkungen und der Längen, die die Geschichte ab und an aufweist. Trotzdem fand ich es erlebnisreich, die Zeit des Umbruchs aus einer anderen Perspektive zu lesen und nicht nur aus elterlicher Sicht ein paar Geschichten erzählt zu bekommen. Von daher empfehle ich „89/90“ jedem|jeder, der|die sich für diese Zeit interessiert, ob nun aus eigener oder keiner Erfahrung heraus, denn das Buch vermittelt nicht nur politische Einblicke, sondern vor allem sehr viel Persönliches. Und: die Musik! (Hier geht es zur Playlist 89/90).

Vielen herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

btb Verlag – 416 S. – ISBN: 978-3-442-71465-0

[Nachgedacht] über Plagiate und Plagiatsvorwürfe am Beispiel „Nina & Tom“ von Tom Kummer

Vor ein paar Tagen begann ich „Nina & Tom“ von Tom Kummer zu lesen und kam erst einmal nicht weit. Nicht, weil es sich schlecht lesen lassen würde (im Gegenteil), aber weil mich die liebe Mara von buzzaldrins.de auf einen Artikel des boersenblatt.net aufmerksam gemacht hat, in dem es um Plagiatsvorwürfe dem Autor gegenüber geht. Laut Artikel soll er sich in Teilen bei Frédéric Beigbeder („39,90″), Richard Ford („Rock Springs“) und Kathy Acker („Harte Mädchen weinen nicht“) bedient haben (erkannt hat dies Tobias Kniebe in einer Besprechung für die „Süddeutsche Zeitung“). (Quelle/zum vollständigen Artikel: hier) Liest man sich Tom Kummers Lebenslauf durch, so liegt das wohl nicht allzu fern. (Um 2000 sorgte er bereits mit fiktiven Interviews für Furore.)

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Mittlerweile hat sich der Verdacht erhärtet. In einem weiteren neueren Artikel auf boersenblatt.net (Quelle/zum vollständigen Artikel: hier) stellt der Blumenbar/Aufbau Verlag klar, dass Kummer „von seinem Vorhaben nicht abzubringen [sei]“, die Textstellen aber in der nächsten Ausgabe bzw. Auflage genannt werden würden.

Mir stellt sich nicht die Frage, ob das moralisch verwerflich ist (irgendwie klar), sondern eher, wie gehe ich nun als Leser damit um? Zwischen Autor|in und Leser|in herrscht eine Art Vertrauensverhältnis. Ich als Leser|in vertraue dem|der Autor|in, dass das, was er|sie schreibt zwar vielleicht fiktiv, aber doch ehrlich von ihm|ihr stammt. Auch wenn die Erzählung nicht oder nur zum Teil auf wahren Fakten basiert, so muss ich ihm|ihr trotzdem während und auch nach dem Leseprozess den Inhalt, die Gefühle abnehmen. Lässt sich nun ein Autor|eine Autorin bei anderen zu sehr „inspirieren“ oder montiert da Passagen aus fremder Hand in seinen|ihren eigenen Text, ohne dies zu kennzeichnen, ist das Vertrauensverhältnis irgendwie gestört. Mir geht es also nicht darum, dass evtl. etwas von anderen übernommen wird, sondern vielmehr darum, dies zu verheimlichen. Man kann das Rad nicht neu erfinden, Inspiration kommt von überallher und das ist auch total ok, solange man seine Quellen offen und ehrlich nennt. Und so sollte das meiner Meinung nach auch im Medium Buch sein (ist es ja zum größten Teil auch). Fiktiv oder nicht. Ich möchte nicht vorm Lesen eines Buches zunächst mal den|die Autorin auf mögliche Vertrauensbrüche untersuchen.

Die zweite Hälfte des Buches habe ich dann nämlich mit einem blöden Gefühl im Bauch gelesen und mich ständig gefragt, ob das jetzt von mir nicht ok ist, dass ich es dennoch weiterlese und habe selbst versucht, die eventuell übernommenen (zu dem Zeitpunkt waren die Vorwürfe noch in Überprüfung) Passagen herauszulesen (was ich selbstverständlich nicht konnte). Weiterhin habe ich mich gefragt, ob ich das Buch vielleicht gar nicht hätte kaufen sollen, aber um ehrlich zu sein, hatte ich von diesem damaligen Medienwirbel um Tom Kummer keine Ahnung. Nachdem ich dann im Buch die Informationen zum Autor gelesen hatte, hätte ich es da weglegen sollen? Denn ich habe mich schon gefragt, ob dann am Text nicht evtl. auch etwas gedreht sein könnte. Richtig unangenehm blöde Fragen, die in meinem Kopf herumschwirrten – und dazu ist lesen nun wirklich nicht da, um sich als Leser schuldig zu fühlen. Und, das Buch ist auch noch wirklich gut. Ok, ein paar Passagen sind mir etwas zu platt und gleichzeitig hart, aber abgesehen davon, gut! Darf man das dann noch sagen? Das Buch ist literarisch gut, auch wenn ein paar Sachen „gemopst“ sind? Es ist schwierig. Denn selbst wenn das Buch gefällt, man Textauszüge ganz wunderbar findet, so hat man immer ein kleines bisschen im Hinterkopf, dass es vielleicht doch nicht ganz „echt“ ist. Das ist schade. Das muss nicht sein. Und es macht viel kaputt. 

Dabei wäre es so einfach gewesen, denn Kummer geht in seinem Buch mehrfach auf das Thema Plagiat ein, verarbeitet in Ansätzen seine Vergangenheit und hätte damit die perfekte Möglichkeit gehabt, einfach mal ehrlich zu sein und mit dem Thema abzuschließen. Hätte, hätte… Ja, der kann halt nicht anders… Kann man damit wirklich alles rechtfertigen? Nicht wirklich. Aber Kummer scheint unverbesserlich zu sein. Da ist nun der|die Leser|in selbst gefragt, inwiefern er|sie damit umgehen kann und möchte. Hätte ich das Buch nicht schon gehabt und angelesen, ich hätte es vielleicht nie lesen wollen – und liegt das nun wirklich in Kummers Absicht, seine Leser|innen zu vergraulen? (Wohl kaum.)