[Nachgedacht] über Plagiate und Plagiatsvorwürfe am Beispiel „Nina & Tom“ von Tom Kummer

Vor ein paar Tagen begann ich „Nina & Tom“ von Tom Kummer zu lesen und kam erst einmal nicht weit. Nicht, weil es sich schlecht lesen lassen würde (im Gegenteil), aber weil mich die liebe Mara von buzzaldrins.de auf einen Artikel des boersenblatt.net aufmerksam gemacht hat, in dem es um Plagiatsvorwürfe dem Autor gegenüber geht. Laut Artikel soll er sich in Teilen bei Frédéric Beigbeder („39,90″), Richard Ford („Rock Springs“) und Kathy Acker („Harte Mädchen weinen nicht“) bedient haben (erkannt hat dies Tobias Kniebe in einer Besprechung für die „Süddeutsche Zeitung“). (Quelle/zum vollständigen Artikel: hier) Liest man sich Tom Kummers Lebenslauf durch, so liegt das wohl nicht allzu fern. (Um 2000 sorgte er bereits mit fiktiven Interviews für Furore.)

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Mittlerweile hat sich der Verdacht erhärtet. In einem weiteren neueren Artikel auf boersenblatt.net (Quelle/zum vollständigen Artikel: hier) stellt der Blumenbar/Aufbau Verlag klar, dass Kummer „von seinem Vorhaben nicht abzubringen [sei]“, die Textstellen aber in der nächsten Ausgabe bzw. Auflage genannt werden würden.

Mir stellt sich nicht die Frage, ob das moralisch verwerflich ist (irgendwie klar), sondern eher, wie gehe ich nun als Leser damit um? Zwischen Autor|in und Leser|in herrscht eine Art Vertrauensverhältnis. Ich als Leser|in vertraue dem|der Autor|in, dass das, was er|sie schreibt zwar vielleicht fiktiv, aber doch ehrlich von ihm|ihr stammt. Auch wenn die Erzählung nicht oder nur zum Teil auf wahren Fakten basiert, so muss ich ihm|ihr trotzdem während und auch nach dem Leseprozess den Inhalt, die Gefühle abnehmen. Lässt sich nun ein Autor|eine Autorin bei anderen zu sehr „inspirieren“ oder montiert da Passagen aus fremder Hand in seinen|ihren eigenen Text, ohne dies zu kennzeichnen, ist das Vertrauensverhältnis irgendwie gestört. Mir geht es also nicht darum, dass evtl. etwas von anderen übernommen wird, sondern vielmehr darum, dies zu verheimlichen. Man kann das Rad nicht neu erfinden, Inspiration kommt von überallher und das ist auch total ok, solange man seine Quellen offen und ehrlich nennt. Und so sollte das meiner Meinung nach auch im Medium Buch sein (ist es ja zum größten Teil auch). Fiktiv oder nicht. Ich möchte nicht vorm Lesen eines Buches zunächst mal den|die Autorin auf mögliche Vertrauensbrüche untersuchen.

Die zweite Hälfte des Buches habe ich dann nämlich mit einem blöden Gefühl im Bauch gelesen und mich ständig gefragt, ob das jetzt von mir nicht ok ist, dass ich es dennoch weiterlese und habe selbst versucht, die eventuell übernommenen (zu dem Zeitpunkt waren die Vorwürfe noch in Überprüfung) Passagen herauszulesen (was ich selbstverständlich nicht konnte). Weiterhin habe ich mich gefragt, ob ich das Buch vielleicht gar nicht hätte kaufen sollen, aber um ehrlich zu sein, hatte ich von diesem damaligen Medienwirbel um Tom Kummer keine Ahnung. Nachdem ich dann im Buch die Informationen zum Autor gelesen hatte, hätte ich es da weglegen sollen? Denn ich habe mich schon gefragt, ob dann am Text nicht evtl. auch etwas gedreht sein könnte. Richtig unangenehm blöde Fragen, die in meinem Kopf herumschwirrten – und dazu ist lesen nun wirklich nicht da, um sich als Leser schuldig zu fühlen. Und, das Buch ist auch noch wirklich gut. Ok, ein paar Passagen sind mir etwas zu platt und gleichzeitig hart, aber abgesehen davon, gut! Darf man das dann noch sagen? Das Buch ist literarisch gut, auch wenn ein paar Sachen „gemopst“ sind? Es ist schwierig. Denn selbst wenn das Buch gefällt, man Textauszüge ganz wunderbar findet, so hat man immer ein kleines bisschen im Hinterkopf, dass es vielleicht doch nicht ganz „echt“ ist. Das ist schade. Das muss nicht sein. Und es macht viel kaputt. 

Dabei wäre es so einfach gewesen, denn Kummer geht in seinem Buch mehrfach auf das Thema Plagiat ein, verarbeitet in Ansätzen seine Vergangenheit und hätte damit die perfekte Möglichkeit gehabt, einfach mal ehrlich zu sein und mit dem Thema abzuschließen. Hätte, hätte… Ja, der kann halt nicht anders… Kann man damit wirklich alles rechtfertigen? Nicht wirklich. Aber Kummer scheint unverbesserlich zu sein. Da ist nun der|die Leser|in selbst gefragt, inwiefern er|sie damit umgehen kann und möchte. Hätte ich das Buch nicht schon gehabt und angelesen, ich hätte es vielleicht nie lesen wollen – und liegt das nun wirklich in Kummers Absicht, seine Leser|innen zu vergraulen? (Wohl kaum.)