[Rezension] „Das Rauschen in unseren Köpfen“ | Svenja Gräfen

Über die Liebe und die damit verbundenen Gefühle schreiben kann beinahe jede|r, weil das fast jede|r in irgendeiner Form selbst schon mal erlebt hat. Dieses auf und ab, dass einem ganz schwindelig und schlecht wird. Dieses neben sich stehen, von Emotionen übermannt und teils völlig aus der Bahn geworfen sein. Über die Liebe schreiben und dabei unaufgeregt, aber doch zärtlich und poetisch mitten ins Herz zu treffen, das kann nicht jede|r, Svenja Gräfen dafür umso mehr.

In ihrem Roman „Das Rauschen in unseren Köpfen“ schreibt sie von Lene und Hendrik, einer solchen (gar nicht mal so seltenen) Zufallsbegegnung, aus der Liebe wird. Die erste ganz große, die einfach passiert und alles ändert. Das Denken, das eigene kleine Leben und die Verbindung zu Personen, die man kennt, die einem vertraut sind. Die erste große Liebe, an die man sich sein Leben lang erinnern wird. Weil sie so schön und gleichzeitig so schmerzvoll ist. Weil sie so unecht erscheint und doch so real ist.

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Beinahe rauschvoll stürzt sich Lene in ihre Beziehung zu Hendrik, der ihr Halt gibt, aber doch immer ein kleines bisschen fremd bleibt. Manchmal, da verbringen sie viel zu viel Zeit miteinander. Manchmal wiederum wartet Lene auch stundenlang auf eine Nachricht. Irgendwas ist da, verborgen, heimlich auf der Lauer, um vielleicht alles zu zerstören, was doch gerade so schön zu sein scheint. Denn irgendwann tauchen aus den Untiefen Hendriks Vergangenheit kleine, aber umso wichtigere Details auf. Der Tod seines Vaters, der die ganze Familie und vor allem Hendrik geprägt hat. Und Klara. Immer wieder Klara. Eine Traurigkeit, die mehr ist als das, wandert in „Das Rauschen in unseren Köpfen“ von Person zu Person, droht diese zu ersticken, von innen zu packen und sie beinahe zu zerreißen. Aber das Leben schreitet unaufhaltsam voran, egal, wie gut oder schlecht es Lene und Hendrik gerade geht. Egal, wie sehr die beiden auf die Stopp-Taste drücken möchten. Ein moderner, hochaktueller Roman, der ans Herz geht.

Abwechselnd – mal Gegenwart, mal Lenes Vergangenheit, mal Hendriks Vergangenheit, offenbart Svenja Gräfen eine Liebes-, Freundschafts- und Familiengeschichte, die authentisch, die greifbar ist und die nahegeht, weil sie die Seele in einen Schraubstock packt und einen an gestern, an morgen, an das, was war, was ist und was sein könnte denken lässt.

Das klingt dramatisch, dabei bleibt Svenja Gräfen immer dezent undramatisch, wodurch der Roman an Stärke gewinnt. Vor allem wird sich wohl die Generation 20+ hier wiederfinden und öfter mal an das eigene Leben erinnert fühlen. Aber auch alle anderen Leser|innen werden sich alleine schon an der wunderbaren Sprachfarbe erfreuen können. Absolute und ganz klare Leseempfehlung, weil das Buch etwas mit einem macht, was beinahe unbeschreiblich ist. Und bitte Zeit einplanen, man legt es nämlich nicht mehr aus der Hand.

Ganz herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Ullstein fünf im Ullstein Buchverlag – 240 S. – ISBN 978-3-96101-004-2