[Rezension] „Die Geschichte der Bienen“ | Maja Lunde

Maja Lunde ist eine norwegische Autorin, die in ihrem Heimatland vor allem für ihre Dreh-, Kinder- und Jugendbücher bekannt ist. „Die Geschichte der Bienen“ ist nun ihre Premiere auf dem Gebiet der erwachsenen Literatur – und ein Erfolg auf ganzer Linie. Erst national, denn „Die Geschichte der Bienen“ stand lange Zeit auf der norwegischen Bestsellerliste und wurde sogar mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis prämiert, und nun international. In Deutschland steht „Die Geschichte der Bienen“ nämlich aktuell auf Platz eins (!) der Spiegel Bestsellerliste. (Stand: 21.05.2017).

Dabei ist der Titel erst einmal irreführend, lässt er doch irgendwie eher an ein Sachbuch als an einen Roman denken. Wobei, ganz so irrig ist diese Annahme auch wieder nicht, denn Maja Lunde verknüpft in „Die Geschichte der Bienen“ feinfühlig und gekonnt wissenswertes über die Bienen und mögliche Umweltszenarien anhand fiktiver historischer Beispiele mit einzelnen Familienschicksalen. Klingt kompliziert? Ist es gar nicht.

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In „Die Geschichte der Bienen“ taucht der|die Leser|in in drei Erzählstränge ab, die später miteinander verknüpft werden. Wir befinden uns sowohl zeitlich als auch örtlich in unterschiedlichen Bereichen:

Tao – Zukunft

„Die Geschichte der Bienen“ beginnt mit der Arbeiterin Tao in China, 2098. Ihre Aufgabe besteht darin, Bäume von Hand zu bestäuben, weil Bienen längst ausgestorben sind. Sie hat kein einfaches Leben und wünscht sich nichts mehr, als eine sorgenfreie Zukunft für ihren Sohn Wei-Wen und ihre kleine Familie. Doch diese Zukunft scheint auf dem Spiel zu stehen, die Natur und alles mit ihr ist im Begriff zu verfallen – und dann hat Wei-Wen einen schrecklichen Unfall, der Tao mitten in den Sturm ziehen lässt, um für ihn, für sich, für die Natur und Zukunft zu kämpfen.

George – Gegenwart

Mit dem Imker George befinden wir uns als Leser|in in Ohio, 2007, zu einer Zeit, in der das Bienensterben einen Namen bekommt: CCD – Colony Collapse Disorder. George ist engagiert, steht hinter seinem traditionsreichen Hof und versucht trotz Kapitalismus auf Ökologie zu setzen. Er hofft auf Unterstützung von seinem Sohn, welcher jedoch den Traum vom Journalismus verfolgt. George ist frustriert, fühlt sich im Stich gelassen und als dann noch die Bienen verschwinden, steht er scheinbar vor einer unüberwindbaren Mauer. Er muss sich nun entscheiden, ob er weitermachen oder seinen Traum verbunden mit jahrelanger, harter Arbeit aufgeben wird.

William – Vergangenheit

Gemeinsam mit dem Biologen und Samenhändler William reisen wir nach England ins Jahr 1852. William ist deprimiert, er fühlt sich als Versager, weil er weder sein Geschäft am Laufen halten kann, noch andere Forscher und Wissenschaftler von seinen Ideen und Projekten überzeugen kann. Seine Hoffnung ruht auf seinem Sohn Edmund, der sich aber leider als – in Williams Augen – Taugenichts entpuppt. Dafür hat seine kluge Tochter Charlotte viele Ideen, die auch Williams Forschergeist wieder auf Trab bringen. Es soll ein völlig neuer Bienenstock entwickelt werden.

Drei verschiedene Zeiten. Drei verschiedene Orte auf der Welt. Je ein Kapitel. Doch alle sind verbunden durch eine kleine summende Spezies: Bienen. Wie wichtig Bienen für Umwelt, Natur und den Stoffwechsel des Lebens sind – nicht nur aus biologischer Perspektive, sondern auch gesellschaftlicher – ist etwas, das leider oft in Vergessenheit gerät, auch wenn es schon oft thematisiert worden ist. Maja Lunde gelingt es feinfühlig, dies wieder in unser Bewusstsein zu bringen. Sie schreibt spannend von unterschiedlichen Leben, Familien, die alle ihr eigenes Schicksal im Zusammenhang mit Bienen haben und irgendwie sogar über die Jahre miteinander verbunden sind. William taucht bei George auf – als derjenige, der den Bienenstock revolutioniert hat; George und sein Sohn Tom tauchen bei Tao auf – als diejenigen, die als erstes vom CCD in den USA betroffen gewesen sind und irgendwie taucht dort auch William auf – wiederum durch die Revolution des Bienenstocks. Auch wenn im Mittelteil des Buches mal ein wenig Flaute herrscht, weil es sich ein kleines bisschen zieht, hat es mir das Buch sehr angetan. Vor allem die Geschichten um Tao und George lesen sich sehr gut und man möchte unbedingt wissen, wie es nun weitergeht.

Williams Geschichte ist gleichwohl interessant, aber er wirkt als Figur teilweise etwas unsympathisch auf mich, vor allem aufgrund seines Verhaltens gegenüber Frauen, was sich selbstverständlich durch die Zeit, in der er lebt, erklärt. Nichtsdestotrotz ist dies ein Grund, warum mir persönlich das Lesen der William-Kapitel etwas weniger Spaß gemacht hat, auch wenn sie enorm wichtig und interessant für den Fortgang der Geschichte sind.

Das erste und das letzte Drittel des Romans sowie die wichtige Message des Buches haben mich vollkommen überzeugen können. Maja Lunde schreibt nicht belehrend, aber sie regt dennoch zum Umdenken (wenn es nicht eh schon geschehen ist) an. Nämlich dazu, sich näher mit den Geschöpfen unserer Natur auseinanderzusetzen und nicht kompromisslos auf Profit oder Eigenwohl zu setzen. Es ist das, was zwischen den Zeilen steht, was nachsummt. Ein wichtiges, ein kluges, ein interessantes Buch, das zudem unterhält. Ein absolutes Frühjahrshighlight.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein – btb Verlag – 512 S. – ISBN: 978-3-442-75684-1

3 Kommentare zu „[Rezension] „Die Geschichte der Bienen“ | Maja Lunde“

  1. Eine sehr schöne Rezension eines wunderbaren Buches. Ich habe es hier auch schon auf meinem Blog vorgestellt. Dem Buch wünsche ich möglichst viele Leser, so dass wenigstens in den Köpfen vieler Menschen ein Umdenken beginnt… Leider bewegt sich in der Politik und der Landwirtschaftsindustrie bislang nichts in die richtige Richtung.
    Liebe Grüße
    Andrea

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