[Rezension] „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ | Marlon James

Marlon James ist ein Wahnsinnstyp. Anders kann ich ihn (unbekannterweise) gar nicht beschreiben – und das meine ich positiv! Oder doch: Marlon James ist ein Wahnsinnsautor. Er schreibt kraftvoll, energisch, aber zugleich beinahe poetisch in einer rauen Sprache, die einem den Atem raubt. Das ändert sich auf keiner der über 850 Seiten, womit „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ alles andere als eine kurze Geschichte ist.

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Wie gibt man nun den Inhalt eines Buches wieder, das sowohl politisch als auch gesellschaftlich so viel vorzuweisen hat, das einem fast der Kopf brummt (aber auf gute Weise!)? Vielleicht zunächst mit dem Dreh- und Angelpunkt des Romans: Der Anschlag auf Bob Marley vom 03.12.1976. An diesem besagten Tag dringen sieben Unbekannte in das Haus Marleys und seiner Frau Rita ein. Es folgen Pistolenschüsse. Bob Marleys Manager wirft sich über den Sänger und fängt somit die schlimmsten Schüsse ab. Auch Rita wird verletzt. Marley selbst kommt mit leichten Verletzungen davon und steht kurze Zeit später für ein Friedenskonzert auf der Bühne. Welche Gründe hinter der Tat stecken oder wer die Männer sind, die auf Marley geschossen haben, bleibt unklar. Vermutlich ist der Überfall politischer Natur, ein Ausdruck von Bandenrivalitäten, die von je unterschiedlichen politischen Gegnern unterstützt werden. Denn: Wenige Tage nach dem Anschlag sind Wahlen angesetzt und Bob Marley soll eine Verbindung zu dem Staatschef gehabt haben.  (Quellen: hier  und hier )

Dies bildet den Mittelpunkt des Romans. Bob Marley, der im Buch immer nur „Der Sänger“ genannt wird, das Attentat auf ihn, mögliche Hintergründe dafür und ein Stimmungsbild Jamaikas, welches beispielhaft an dem Anschlag festgemacht wird bzw. sich um diesen herum manifestiert. „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ist Politthriller, Krimi, Historie, Fiktion und sprachlicher Reggae. Knapp 80 Personen erzählen aus ihrer Perspektive vom Jamaika der 70er und 80er, von Drogen, Gewalt, Homophobie, Korruption und politischen Intrigen – nicht selten sind diese Erzähler Mitglied in einer Gang. Ebenfalls nicht selten sind sie bereits tot, denn beinahe alle sieben Seiten stirbt eine Person, noch viel häufiger geht es gewaltsam zu. Die Sprache ist hart, sie ist rau, sie ist ehrlich. Manche Sätze klingen wie Reggae-Musik, manche sind einfach nur brutal (aber eben authentisch). Trotz vieler Slang- und Ghettoworte (z.B. „Bombocloth“, „Gunman“, „Dawta“, „Battyboy“), ist es nicht schwierig zu verstehen, was gemeint ist. Auch wenn es im Anhang ein Glossar dieser Wörter gibt, schaut man eher selten nach, denn Marlon James schafft es, diese praktisch im Kontext zu erklären. Das muss man erst mal können!

Die Sätze reihen sich oft nahtlos aneinander und greifen ineinander über, Satz für Satz, Wort für Wort. So entsteht eine atemlos machende Dynamik und Spannung. Marlon James verwendet keine Anführungszeichen in wörtlicher Rede, sondern einen fließenden Übergang. Wenn ein Gespräch besonders betont werden soll, steht es Zeile für Zeile, mit einem Spiegelstrich markiert, so dass man als Leser|in gleich merkt: Aha. Hier wird es jetzt aber besonders interessant!

Die Sprachgewaltigkeit und Kunstfertigkeit des Autors machen dieses Buch zu einem sogartigen Leseerlebnis, auch wenn der Inhalt oft verwirrend und nicht unbedingt leicht verständlich, geschweige denn leichte Kost ist. Es fällt mir sogar schwer, den Inhalt konkret wiederzugeben, es passiert einfach so viel, aber irgendwie ist das in diesem Fall auch gar nicht schlimm, wenn man nicht alles versteht. Der Roman trägt einen auch so in ein faszinierendes Leseerlebnis, das teils ohnmächtig macht, angesichts dessen, was alles geschieht.

Mit dem Empfehlen wird es jetzt etwas schwierig, nicht, weil dieser Roman nicht empfehlenswert ist (Im Gegenteil! Marlon James hat meiner Meinung nach auch völlig zurecht den Man Booker Prize für dieses beeindruckende Werk gewonnen!), sondern weil das Buch nicht für jeden geeignet ist. Zum einen aufgrund der Gewalt, die aber nun mal Bestandteil der Authentizität und der Geschichte ist und zum anderen aufgrund des Verwirrtheitsgefühls, welches beim Lesen doch schon öfter mal auftritt. Da darf man keine Angst vor haben, wenn man eventuell nicht alles 1 zu 1 versteht – soll man vielleicht auch gar nicht, wenn man nicht tief in der Materie steckt, aber doch wühlt der Roman auf und, auch wenn ich mich wiederhole, die Sprachgewalt Marlon James besticht so sehr, dass allein das Grund genug ist, zumindest mal reinzulesen (und wahrscheinlich bleibt ihr dann im Buchsog stecken!).

Hier und hier findet ihr interessante Interviews mit Marlon James.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner, Kristian Lutze – Heyne Hardcore – 864 S. – ISBN: 978-3-453-27087-9

 

 

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