[Rezension] „Ebbe & Blut. Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus.“ | Luisa Stömer & Eva Wünsch

„Frau sein ist viel mehr als nur nicht Mann sein.“

Denn, auch wenn die Frau von heute gerne mal so tut, als sei sie grenzenlos aufgeklärt und ihr Wissen über ihren eigenen Körper unendlich, so ist das doch – seien wir mal ehrlich – häufig nicht der Fall. Mich eingeschlossen. Nehmen wir nur das Beispiel der Pille, die von vielen (vor allem jungen Mädchen) als eine Art „Wundermittel“ angesehen wird (ohne dabei wertend zu sein, also bitte nicht falsch verstehen!). Die Pickel verschwinden, der Busen wächst, der Zyklus ist regelmäßig und schwanger werden kann man auch nicht. Wie schön! Aber, was passiert mit dem weiblichen Körper nun wirklich unter der Einnahme künstlicher Hormone? Und generell, wie läuft denn so ein Zyklus überhaupt ab und was passiert währenddessen mit und in der Frau? Diesen und anderen – spannenden sowie wichtigen – Fragen gehen die beiden jungen Autorinnen und Illustratorinnen Luisa Stömer und Eva Wünsch in „Ebbe & Blut. Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus.“ nach. Liebevoll und wunderschön beschreiben und zeigen die beiden Freundinnen den weiblichen Körper mit all seinen Wundern und Macken.

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Auf 240 Seiten führen uns Luisa Stömer und Eva Wünsch durch das Mysterium des weiblichen Körpers. Es zeigt sich (auch wenn wir das sicher schon gewusst haben), dass dieser eine wahre Wunderwelt beherbergt. Mit viel Charme, Witz, Humor und – ganz wichtig – Ästhetik werden in „Ebbe & Blut“ mit Hilfe unterschiedlicher Kapitel die wichtigsten Themen behandelt. Vom eigenen Körperverständnis, über den Zyklus und seine Eigenarten, Schwangerschaft(swunsch), bis hin zu Verhütungsmethoden aller Art und vielen Tipps & Tricks zur richtigen Ernährung und Hilfestellung bei starker Beschwerden (z.B. unter PMS) ist alles dabei – und noch mehr. Dabei wird der weibliche Körper sowohl in Text- als auch in Bildform immer als das absolut Wunderbarste auf der Welt gezeigt (was er ja auch ist!). Keine Frau sollte sich dafür schämen müssen, was mit ihrem Körper passiert, wenn die Menstruation naht oder gerade stattfindet u.ä. Und keine Frau sollte sich dafür schämen müssen, mal nicht „funktionieren zu können“, weder der weibliche noch der männliche Körper sind Maschinen, aber der weibliche hat eben noch ein paar Aufgaben mehr zu bewältigen. Er trägt schließlich die Wiege des Lebens (wie es die beiden Autorinnen sehr schön in der Einleitung betonen).

Dieses Buch ist ein Fest für jede Frau, die ihren Körper besser verstehen möchte, um ihn noch ein wenig mehr zu mögen als bereits zuvor. Denn das eigene Körperbewusstsein und auch ein bisschen Liebe für diesen jenen ist so, so wichtig! Nur wer auf seinen Körper achtgibt, wird die kleinen und manchmal auch großen Signale richtig deuten und sich selbst sehr viel besser verstehen können. Das wirkt sich auch auf das ganze Leben aus. Klingt etwas überzogen? Nö. Find ich nicht. „Ebbe & Blut“ ist kein staubtrockenes Aufklärungsbuch, wie man sich das jetzt vielleicht so vorstellen würde. Es ist wunderschön mittels ästhetisch ansehnlicher und thematisch durchdachter Collagen illustriert und die Texte dazu sind zwar oft recht kurzgehalten, enthalten aber dennoch die wichtigsten Fakten.

„Ebbe & Blut“ befasst sich mit wichtigen weiblichen Themen, die allgemein (immer noch) häufig verschwiegen werden, weil sie als „unfein“ deklariert werden, da sie eben nicht zum alltäglichen Smalltalk gehören. Warum eigentlich? Der weibliche Körper ist so etwas Tolles – und das beweisen Luisa Stömer und Eva Wünsch hier absolut.

Summa summarum, holt euch dieses Buch und schämt euch nicht dafür. Weder dafür, ein Buch über den weiblichen Zyklus zu besitzen (und es toll zu finden), noch für euren wunderbaren Körper. Er will nur verstanden und wohl behandelt werden!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Euer Exemplar gibt es hier zu erstehen (oder beim Buchhändler des Vertrauens):

Gräfe und Unzer | 240 S. | ISBN: 978-3-8338-6112-3

[Weil ich ein Leben habe] #5

Die Sache mit den Vorurteilen

Schon mein Leben lang habe ich mit Vorurteilen und Oberflächlichkeiten zu kämpfen. Das hat wohl jeder mal, aber bei mir tritt es in letzter Zeit gehäuft auf. Oft werde ich gefragt: Ja, ist das denn wirklich so schlimm? Oft höre ich auch: Das fällt doch gar nicht auf. Einerseits ist das natürlich schön, man will nicht „krank“ wirken, dahingehend auffallen, aber es ist auch belastend. Belastend, weil es sich anfühlt, als würde man nicht ernst genommen werden – und das ist kein schönes Gefühl. Es ist nämlich schlichtweg egal, was man tut, alles ist irgendwie „falsch“. Geht man weg, obwohl es einem nicht gut geht, sieht es nach außen hin so aus, als würde man lügen (der allgemeine Konsens: bist du krank, hast du zuhause zu bleiben); bleibt man daheim, weil es einem nicht gut geht, steckt man einen in die Schublade Einzelgänger|in.

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Bereits als Kind war das so: Hatte ich einen Arzttermin während der Schulzeit (z.B. zum Blutbild, was morgens abgenommen werden muss) und sah man mich dann nachmittags draußen oder im Auto meiner Eltern, hieß es: die schwänzt. Ging ich zur Schule, obwohl es mir schlecht ging, hieß es: die nimmt nicht am Unterricht teil. Das ist heute noch so oder so ähnlich. Ich bin schon oft gefragt worden, warum ich so grimmig schauen würde. Zum einen, ist das mein normaler Blick (Girls don’t have to smile!), zum anderen habe ich permanent Schmerzen, da kann man nicht immer auf gute Laune machen. Wenn ich das allerdings erwähne, stoße ich doch häufig auf gewaltiges Misstrauen. Ich sehe ja nicht so aus, als sei ich wirklich ernsthaft krank. Dass ich, egal, was ich tue, immer mit Widrigkeiten zu kämpfen habe, ist nun mal so. Wer mich sieht, denkt das nicht. Oft nicht mal Menschen, die mich näher kennen und wissen, dass ich krank bin. Weil das mit dem eigenen Denken schwierig in Einklang zu bringen ist. Wieso kann jemand, der so normal, so gesund, so fit aussieht, dann so krank sein und solche Dinge erzählen? Von Chemomedikamenten, von Krankenhausaufenthalten mit insgesamt über 4 Jahren Lebenszeit, von täglichem Cortison (die ist ja nicht mal dick), von Haarausfall bis hin zur Perücke (die hat doch jetzt eine schöne Frisur), von täglichen Schmerzen, von einem vom Tremor geschüttelten Körper.

Und.

So.

Weiter.

Fakt ist, dass das Gehirn Vorurteile und das Einordnen in Schubladen nutzt, um es sich einfacher zu machen. Bis zu einem gewissen Grad absolut verständlich und menschlich. Jeder macht das. Was mich allerdings wurmt ist die Tatsache, dass viele nicht über ihren Tellerrand hinausschauen können oder wollen. Man sieht einem nicht immer an, wie es einem geht. Man sieht auch nicht, welche Krankheiten jemand hat, was er bisher durchgemacht hat. Krank auszusehen bedeutet nicht gleich, krank zu sein. Gesund auszusehen bedeutet nicht gleich, gesund zu sein. Man muss sich schon näher mit der jeweiligen Person befassen, um das feststellen zu können. Eigentlich in der Theorie eine ganz einfache Formel. In der Praxis leider selten umgesetzt.

Dieses Denken: Du bist blass, deine Haare sind dünn und deine Augen stumpf, du hast abgenommen gleich du bist krank, dir geht es nicht gut und umgekehrt du bist gebräunt, deine Haare und Augen strahlen, du siehst fit aus gleich du bist gesund, dir geht es gut ist falsch. So falsch! Ich erinnere mich an einen Klinikaufenthalt mit 18 oder 19. In dieser Phase versuchte ich mich von meinen Eltern abzukapseln und auf Teufel komm raus ein „normales Leben“ zu führen. Ich habe meine Krankheit damals so gut es ging ignoriert, ich ging viel feiern, hatte meinen ersten festen Freund und fühlte mich zwar einerseits gut, weil ich endlich sowas wie einen Platz in der Gesellschaft hatte, wusste aber auch, dass das körperlich sicher nicht lange gutgehen würde. Die Ärzte waren damals begeistert von mir, schrieben in den Arztbericht „fit und gebräunt“ statt „adipös und blass“, die Entzündungen, die ich auch zu der Zeit hatte und die nachweisbar waren, ach die würden sich schon wieder geben und ich durfte nach relativ kurzer Zeitspanne wieder nach Hause fahren.

Versteht ihr den Punkt? Selbst Ärzte lassen sich gerne blenden.

Ich mache immer und immer wieder die Erfahrung, dass man nicht ernst genommen wird, wenn man nicht krank aussieht. Es kann einem noch so schlecht gehen, solange man gesund aussieht, ist das vielen einfach entweder egal oder sie verstehen es nicht. Auch bei Ärzten. Und das macht das Leben nicht gerade einfach. Oft höre ich Sachen wie: Ist das wirklich so schlimm? | Ach, du hast jetzt gerade Schmerzen? | Dafür siehst du aber ganz normal aus! | Wie, das merkt man aber gar nicht! – bis hin zu: Stell dich nicht so an! Meistens sind es die Blicke, die sogar noch mehr sagen und die mich schier in den Wahnsinn treiben und manchmal auch unglaublich w-ü-t-e-n-d machen.

Ich weiß irgendwie nie, ob ich mich freuen oder um mich hauen soll, wenn man mir sagt, wie toll ich aussehen würde, wie gesund, dass man mir ja nichts anmerken würde etc. Ja, ich weiß, dass das nett gemeint ist: Dankeschön! Aber bitte, nehmt mich doch auch mal ernst. Hört mir zu. Versucht, mich zu verstehen, den Menschen zu sehen, nicht die Hülle außenherum. Mit beinahe dreißig Jahren Erfahrung als „chronisch Kranke“ weiß ich mir selbst zu helfen. Ich schminke mich, auch wenn es mir scheiße geht. Wickele ein großes Haargummi um meinen dünnen Pinsel von Haaren, der mir noch geblieben ist. Ziehe weite Pullover und T-Shirts an, wenn der Cortisonbauch wächst. Trinke Tee, Tee, Tee, gegen Erkältungen und Übelkeit, auch wenn er mir nicht schmeckt. Trage Jeans, auch wenn mir eher nach Jogginghose ist. Setze auch mal ein Lächeln auf, selbst wenn mir nach weinen zumute ist.

Wie man das halt so macht.

Chronische Erkrankungen werden gerne und oft mit äußeren Faktoren in Einklang gebracht. Der Stress sei schuld, die falsche Ernährung, das falsche Umfeld, zu viel Arbeit, etc.

Nur weil man chronische Erkrankungen nicht immer sieht, heißt das nicht gleich, das sei Stress oder gar Einbildung. Wenn ich sowas höre, da möchte ich mir manchmal schon gerne an den Kopf fassen und nicht mehr loslassen, vor so viel Unverständnis. Und Unverständnis gibt es überall. Sehr viel häufiger als Verständnis.

Chronische Erkrankungen haben viele Formen und Farben und nur, weil man in der Forschung diese vielen verschiedenen Wege noch nicht alle wissenschaftlich erkundet hat, kann und darf man nicht alles über einen Kamm scheren. Zum Beispiel ist eine rheumatoide Arthritis in jungen Jahren nicht gleichbedeutend mit einer im Alter auftretenden rheumatischen Erkrankung. Rheuma kann alle Teilbereiche des Körpers befallen, die Gelenke, die Sehnen und Muskeln, die Augen, die Organe, das Gehirn. Diese Erkrankung kann plötzlich einfach so auftreten, aufgrund einer Infektion oder einer anderen Erkrankung, sie kann aber auch angeboren sein (wie bei mir). Sie kann im Blutbild nachweisbar sein, muss es aber nicht zwangsläufig. Denn: Jeder Körper ist anders, jeder Körper ist individuell und vor allem – schlau!

Als Kleinkind wurde in meinem Blutbild der Rheumafaktor überdeutlich nachgewiesen. Meine Werte waren so abnorm, dass sie doppelt und dreifach kontrolliert werden mussten. Heute, etliche Jahre später, sind z.B. meine Entzündungswerte häufig auch einfach im Normbereich. Das freut natürlich meine Ärzte („Alles in Ordnung!“), die Erfolge vorweisen möchten und müssen. Das hat mich lange Zeit sehr irritiert. Wieso sagen die, dass alles in Ordnung sei, wenn ich doch trotzdem Schmerzen habe? Wieso ist mein Fuß dick und glühend heiß? Wieso kann ich nicht richtig laufen, schreiben, sitzen? Wieso, wieso, wieso…? I Ich musste verstehen, dass mein Körper kein einfach lesbarer Text ist, sondern dass man zwischen den Zeilen schauen muss. Außerdem nehme ich schon seit beinahe 30 Jahren starke, entzündungshemmende Medikamente. Natürlich ist da das Blutbild nicht mehr unbedingt aussagekräftig! Was ich zudem noch verstehen musste: mein Körper ist sehr gewitzt und manchmal eine richtige Bitch.

Vieles, womit ich zu kämpfen habe, steht so in keinem Lehrbuch. Ich bin kein beispielhafter Fall. Und das ist nicht einfach. Vor allem für Ärzte. Sie müssen um die Ecke denken, sie müssen von ihrem Lehrstoff abweichen und ich muss mich beweisen, mich erklären, mich verständlich machen. Das erfordert Mut, Selbstbewusstsein, Stärke und viel Kraft. Und manchmal habe ich es einfach satt, das zu tun. Satt, mich zu erklären. Ich will einfach nur mein Leben leben, ohne ständig jemandem erklären zu müssen, wieso das jetzt gerade nicht geht oder wieso ich mich im Moment ganz gut fühle, das aber in ein paar Stunden ganz anders sein kann. Ich weiß nie, wie es mir morgen oder übermorgen geht (ja, noch nicht mal in einer Stunde!), weil Entzündungen sich nun mal an keinen Terminplan halten und auch Medikamente Nebenwirkungen haben (man wirft also nicht mal eben eine Pille ein und supi dupi alles gut), das macht mein Leben unplanbar und ungewiss – und vor allem für mein Umfeld zum Teil nicht nachvollziehbar. Weil: Man sieht ja nichts. Wobei dieses man sieht ja nichts mittlerweile überholt ist durch Tremor und Muskelkrämpfe, aber selbst das… Das ist ja „nur Stress“. Wie oft habe ich mir den Mund fusselig geredet, versucht zu erklären, dass das eine körperliche Ursache hat. Dass da kleine Entzündungsherde, Läsionen in meinem Gehirn sind, die irgendwas fehlleiten. Dass das einzige, was mich gerade stresst, der- oder diejenige ist, der oder die mir einreden will, dass ich gestresst sei! Dass es völlig egal ist, wo ich gerade bin, was ich gerade mache. Ob ich in einer Menschenmasse stehe oder alleine zu Hause bin. Es passiert einfach. Mal sieht man nichts. Mal sieht man es doll. Aber zu 3/4 ernte ich diesen ungläubigen Blick, der mir so zum Hals raushängt. Ehrlich, ich habe es so satt in eine Schublade gesteckt zu werden, die mir viel zu klein ist.

Würdet ihr zu jemandem mit Parkinson oder Epilepsie sagen, er solle sich doch bitte nicht so aufregen und aufhören mit dem Zittern?

Nein?

Wieso dann zu mir?

Eigentlich will ich mich gar nicht mehr erklären. Wer es nicht glaubt, der soll in seinem beengten Kosmos weiterleben. Ist ja so schön, nur schwarz oder weiß zu sehen. Aber manchmal, da sage ich halt doch was und ärgere mich dann. Wozu Energie verschenken?

Wenn ich arbeite oder was unternehmen möchte, muss ich fast immer zusätzliche Medikamente einnehmen, nur um einigermaßen zu funktionieren. (Und ich weiß, dass das viele machen müssen. Das ist auch so ein gesellschaftliches Ding, das noch zu vielen Problemen führen wird.) Das sieht man nicht, klar, aber es ist so – und es ist so unfassbar anstrengend. Sicher ist es ein tolles Gefühl zu arbeiten, TROTZ allem. Es ist dieser Trotz, der einen anführt und der einen stolz macht. Aber um welchen Preis? Man schadet sich körperlich und seelisch. Wie oft habe ich mich an die Arbeit gequält, obwohl ich eigentlich wirklich nicht konnte, um dann zu hören, ach, dann kann es ja nicht so schlimm sein. Von Ämtern, Ärzten, Bekannten, Freunden. Und trotzdem mache ich das auch immer noch, wenn auch weitaus weniger, um nicht am unteren Ende der sozialen Leiter zu stehen, sondern vielleicht zwei Stufen darüber. Und auch das wird nicht ewig gutgehen.

Lange Zeit habe ich versucht, so normal und unauffällig wie möglich zu sein – in allen Bereichen. Auch heute noch schäme ich mich manchmal dafür, dass ich chronisch krank bin, dass ich anders bin, dass ich nicht so mithalten kann – und das, obwohl ich relativ offen mit meiner Erkrankung umgehen kann. Doch niemand sollte sich dafür schämen müssen, (chronisch) krank zu sein. Niemand sollte sich dafür schämen müssen, anders zu sein. Niemand sollte sich dafür schämen müssen, wenn er oder sie nicht so mithalten kann. Aber man sollte vielleicht manchmal die Schubladen, in die man andere steckt, einfach schließen – oder noch besser: gleich zulassen.

zu #4

zu #3

zu #2

zu #1

[Rezension] documenta 14: Daybook

When in Kassel… Alle fünf Jahre ist es soweit und Kassel wird dank der documenta zum Dreh- und Angelpunkt von Künstler|innen und Kunstbegeisterten weltweit. Wenn man dann schon in Kassel wohnt und (wenn auch auf Laienniveau) kunstbegeistert ist, sollte man sich doch etwas näher mit der documenta beschäftigen. So der Plan. Mir hilft es im Allgemeinen sehr – egal bei welcher Art Kunstbetrachtung – ein Buch zur Hand zu haben, das mir die Künstler|innen und deren Ideen näherbringt, weil ich doch an mehr als der bloßen Betrachtung der Kunstwerke/Performances/Installationen etc. interessiert bin. Ein wenig Hintergrundwissen schadet nie.

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Auf gut 163 Einträgen gibt es nun also im „documenta 14: Daybook“ einiges über die jeweiligen Künstler|innen zu lesen. Wissenswertes über ihr Wirken, ihr Ansinnen und zu ihrer Person, wobei hier jedem|jeder Künstler|in eine Doppelseite gewidmet ist. Diese Doppelseite beschäftigt sich nicht bloß mit dem|der Künstler|in und dem jeweiligen documenta 14 Projekt, sondern geht darüber hinaus. Oben rechts befindet sich je eine Art Kalendereintrag, womit alle Tage von Beginn der documenta 14 am 08. April 2017 in Athen bis hin zum Ende am 17. September 2017 in Kassel abgedeckt sind. Raum und Zeit bilden insofern eine universalgültige Einheit, weil Zeit für jeden immer und überall gleich ist, wenn auch nicht auf der Uhr, so doch vom Gefühl her. Dadurch wird auch der räumliche Unterschied von Athen zu Kassel nichtig – in der Kunst verschwimmen Zeit und Raum. Es ist eine Art Spiel mit der Wahrnehmung, die auf politische und persönliche Ereignisse abzielt, die in der Vergangenheit, aber auch genauso gut noch in der Zukunft liegen können – oder eben im hier und jetzt. In einer weiteren dunkel hinterlegten Box (links unten) auf jeder Kalenderdoppelseite befindet sich ein zweites Datum – und zwar eines, das dem|der Künstler|in besonders am Herzen liegt, was ihm|ihr in persönlicher Erinnerung geblieben ist – und dieses Datum ist (optional) mit einem Foto aus dem eigenen Fundus hinterlegt. Aus allen Zeitebenen zusammen ergibt sich ein historischer, chronologischer und persönlicher Diskurs, der äußerst interessant und vielfältig ist.

Jede Künsterdoppelseite ist mit Fotos, Einträgen und Kurzbiografien von unterschiedlichen Autoren|Autorinnen hinterlegt und somit weitaus mehr als bloß ein documenta 14 Begleitbuch, Ausstellungsführer oder gar reine Informationsquelle (daher auch sehr empfehlenswert für alle, die nicht auf der documenta 14 zugegen sein werden). Auf den Umschlagtaschen des im A4 Format gehaltenen Daybooks befinden sich sowohl vorne als auch hinten ein Index aller Künstler|innen, was das Nachschlagen deutlich vereinfacht. Wissenswertes zur documenta 14 finden sich im Vor- und Nachwort, in dem unter anderem auch die einzelnen Autoren des Buches genannt werden. Ergänzend finden sich zwei Map Booklets – je eines für Athen und eines für Kassel -, die als Karte und Orientierungshilfe in den jeweiligen Orten dienen.

Ich kann das „documenta 14: Daybook“ guten Gewissens jedem weiterempfehlen, der sich für die documenta 14 und deren Künstler|innen im Speziellen sowie für Kunst in allen Facetten im Allgemeinen interessiert. Es gibt einen guten Überblick über die einzelnen Künstler|innen hinaus, ohne dabei zu viel vorweg zu nehmen und so der eigenen Gedanken noch Spielraum zu lassen. Mit dem großen Format ist es vielleicht etwas unhandlich, aber dafür gut durchdacht und praktisch einsetzbar.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Quinn Latimer (Hrsg.) | Adam Szymcyk (Hrsg.) | Prestel Verlag | ISBN: 978-3-7913-5654-9

[Rezension] „Beklage deine Sünden“ | Deborah Crombie

Ich lese nicht mehr allzu häufig Krimis und|oder Thriller. Warum? Sie wiederholen sich oft, haben einen ähnlichen Plot, sind voraussehbar und wenig überraschend. Bei Deborah Crombie mache ich aber immer wieder gerne eine Ausnahme. Crombie war – neben ‚Sherlock Holmes‘, ‚Miss Marple‘ und ‚Tina und Tini‘ als Kind – meine erste „richtige“ Krimi-Leseerfahrung, geprägt durch meine Mutter, der ich die Bücher mit vierzehn (oder so) heimlich aus dem Regal gemopst habe.

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Deborah Crombies Romane spielen allesamt in Großbritannien/Schottland, was wohl der Grund ist, warum ich sie so mag, und handeln von dem Ermittlerduo Duncan Kincaid und Gemma James, die mittlerweile nicht nur im Beruf eine Einheit bilden. Obwohl Crombie in den USA lebt ist alles irgendwie ziemlich typisch britisch. Vom Schreibstil über den Handlungsort bis hin zu den Figuren. Es bleibt elegant und unaufgeregt, aber dennoch spannend.

„Beklage deine Sünden“ ist der nun mittlerweile 17. Fall des Ermittlerteams Kincaid & James und führt den|die Leser|in in ein nobles Wohngebiet in Notting Hill, wo die Leiche einer 24-jährigen Frau entdeckt wird, einem Kindermädchen aus Gemma James näherem Bekanntenkreis. Während Gemma hartnäckig an diesem Fall arbeitet, der immer mysteriöser zu werden scheint, muss Kincaid sich mit einem längst abgeschlossen geglaubten Fall erneut beschäftigen. Sein ehemaliger Vorgesetzter Denis Childs ist zurück und wird nach einem gemeinsamen Treffen zusammengeschlagen im Park gefunden. Sind die Gründe dafür in den polizeiinternen Reihen zu suchen? Duncan befürchtet, nicht nur sich selbst, sondern auch Gemma und den Rest seiner Familie in Gefahr zu bringen, aber doch muss er die Wahrheit herausfinden…

Band 17 der Kincaid & James Reihe setzt einiges an Wissen der vorangegangenen Bände voraus. Das heißt nicht, dass man nicht auch so in die Thematik einsteigen könnte, aber doch ist es von Vorteil und erleichtert den Lesefluss, was gleichzeitig den Lesespaß erhöht. (Logisch.) Ich persönlich habe es gerne, wenn viele Personen auftreten, es unterschiedliche Handlungsstränge gibt und doch irgendwie alles zusammengehört. Das mag aber nicht jedem so gehen und denjenigen sei gesagt: dann könnte es hier leserlich etwas anstrengend werden. Denn Crombie verbindet in ihren Büchern immer sehr schön die jeweiligen Kriminalfälle mit dem Privatleben der Ermittler und so auch oft der Nebenfiguren und in diesem Band treten neben Kincaid und James auch zahlreiche andere Figuren in Aktion, die in irgendeiner Form beleuchtet werden. Da kann man schon mal durcheinanderkommen. In „Beklage deine Sünden“ bleiben deshalb manche Details etwas auf der Strecke – das ist jetzt allerdings jammern auf hohem Niveau. Wer Lust auf einen Krimi mit britischem Flair ohne Blut und sonstigem Horror, dafür aber mit einer gut erzählten Story hat, der liegt hier goldrichtig!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Urban Hofstetter – Goldmann Verlag – 512 S. – ISBN: 978-3-442-48024-1

[Vorschau] Büchervorfreude Sommer|Herbst 2017

Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. So sind unter Buchliebhabern die Vorschauen der Verlage immer ein kleines Highlight. Da dieses Jahr – meiner Meinung nach – unglaublich viele tolle Titel dabei sind, mag ich euch heute ein paar der Bücher vorstellen, die sehr wahrscheinlich ihren Weg zu mir finden werden (wenn sie nicht schon da sind). Denn, geteilte Vorfreude ist doch gleich noch mal schöner!

„Exit West“ | Mohsin Hamid

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Dieser Roman erscheint am 22.08.2017 auf Deutsch im Dumont Verlag (Originaltitel ebenfalls ‚Exit West‘) und gehört bereits jetzt zu den vielbesprochenen Büchern der letzten Monate. Warum? Ich denke, der Verlagstext wird euch einen Einblick geben können:

„In einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, in einem muslimisch geprägten Land, das am Rande eines Bürgerkriegs steht, in einer Stadt, die namenlos bleibt, lernen sie sich kennen: Nadia und Saeed. Sie hat mit ihrer Familie gebrochen, fährt Motorrad, lebt säkular und trägt ihr dunkles Gewand nur als Schutz vor den Zudringlichkeiten fremder Männer. Er wohnt noch bei seinen Eltern, ist eher schüchtern und nimmt die Ausübung seiner Religion sehr ernst. Doch während die Stadt um sie herum in Flammen aufgeht, sich Anschläge häufen und die Sicherheitslage immer prekärer wird, finden die beiden zusammen. Sie wollen eine gemeinsame Zukunft, in Freiheit. Und da sind diese Gerüchte über Türen, die diejenigen, die sie passieren, an ferne Orte bringen können. Doch den Weg durch diese Türen muss man sich mit viel Geld erkaufen. Als die Gewalt weiter eskaliert, entscheiden sich Nadia und Saeed, diesen Schritt zu gehen. Sie lassen ihr Land und ihr altes Leben zurück …
›Exit West‹ ist ein überaus berührender Roman, der sich mit den zentralen Themen unserer Zeit beschäftigt: Flucht und Migration. Mohsin Hamid beweist, dass Literatur poetisch und zugleich politisch sein kann.“ (Quelle des Verlagstextes und der Coverabbildung: http://www.dumont-buchverlag.de/buch/hamid-exit-west-9783832198688/)

Politische Thematik poetisch verpackt gehört momentan zu meinen Lesevorlieben. Daher freue ich mich ungemein auf diesen Titel.

„Heimkehren“ | Yaa Gyasi

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Dieser Roman erscheint ebenfalls am 22.08.2017 auf Deutsch im Dumont Verlag (Originaltitel: ‚Homegoing‘) und gehört auch zu den vielbesprochenen Büchern der letzten Monate. Es ist Yaa Gyasis Debütroman, mit dem sie in den USA wochenlang auf den Bestsellerlisten stand und u.a. mit dem PEN/Hemingway Award ausgezeichnet wurde.

„Obwohl Effia und Esi Schwestern sind, lernen sie sich nie kennen, denn ihre Lebenswege verlaufen von Anfang an getrennt. Im Ghana des 18. Jahrhunderts heiratet Effia einen Engländer, der im Sklavenhandel zu Reichtum und Macht gelangt. Esi dagegen wird als Sklavin nach Amerika verkauft. Während Effias Nachkommen über Jahrhunderte Opfer oder Profiteure des Sklavenhandels werden, kämpfen Esis Kinder und Kindeskinder ums Überleben: auf den Plantagen der Südstaaten, während des Amerikanischen Bürgerkrieges, der Großen Migration, in den Kohleminen Alabamas und dann, im 20. Jahrhundert, in den Jazzclubs und Drogenhäusern Harlems. Hat die vorerst letzte Generation schließlich die Chance, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, den sie Heimat nennen kann und wo man nicht als Menschen zweiter Klasse angesehen wird?
Mit einer enormen erzählerischen Kraft zeichnet Yaa Gyasi die Wege der Frauen und ihrer Nachkommen über Generationen bis in die Gegenwart hinein. ›Heimkehren‹ ist ein bewegendes Stück Literatur von beeindruckender politischer Aktualität.“ (Quelle des Verlagstextes und der Coverabbildung: http://www.dumont-buchverlag.de/buch/gyasi-heimkehren-9783832198381/)

Zadie Smiths Worte über „Heimkehren“: „Ein kluges Buch voller Schönheit, das Wunden heilt – dazu bestimmt, ein Klassiker zu werden.“

Na, wenn das nicht vielversprechend klingt? Aufgrund der Thematik ein Titel, auf den ich mich – selbstverständlich – besonders freue!

„Underground Railroad“ | Colson Whitehead

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Dieser Roman erscheint am 21.08.2017 auf Deutsch im Hanser Literaturverlag (Originaltitel: ‚The Underground Railroad‘) und ist der diesjährige Pulitzer Preisträger. Das alleine ist schon Grund genug, „Underground Railroad“ lesen zu wollen. Außerdem wurde der Titel mit dem National Book Award ausgezeichnet – noch ein Grund mehr. Dazu soll der Roman die Geschichte der Sklaverei in Verbindung mit phantastischen Elementen behandeln. Ich finde, das klingt nach einer wunderbar aufregenden Mischung zu einem wichtigen Thema.

Der Verlag schreibt über das Buch: „Colson Whiteheads Bestseller über eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte Amerikas – ausgezeichnet mit dem Pulitzer Preis 2017

Cora ist nur eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Alle träumen von der Flucht – doch wie und wohin? Da hört Cora von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk für Sklaven. Über eine Falltür gelangt sie in den Untergrund und es beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Jeder Staat, den sie durchquert, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet am Ende wirklich die Freiheit? Colson Whiteheads Roman ist eine virtuose Abrechnung damit, was es bedeutete und immer noch bedeutet, schwarz zu sein in Amerika.“ (Quelle des Verlagstextes und der Coverabbildung: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/underground-railroad/978-3-446-25655-2/)

Hier spricht mich einfach alles an, ich freue mich sehr auf diesen Titel, wobei ich „Underground Railroad“ sehr wahrscheinlich im Original noch vor dem deutschen Erscheinungstermin lesen werde.

„Und es schmilzt“ | Lize Spit

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Dieses Buch erscheint am 24.08.2017 auf Deutsch im S. Fischer Verlag (Originaltitel: ‚Het Smelt‘) und stand ein Jahr lang nach dem Erscheinen auf der Bestsellerliste in Belgien. Lize Spit, die u.a. Drehbücher schreibt, gewann für „Und es schmilzt“ zahlreiche Preise, wie z.B. den Bronzen Uil Preis für den besten Debütroman. Es ist ein Spannungsroman, der verspricht, von der gängigen Norm abzuweichen.

„Ein Eisblock, eine totgeschwiegene Geschichte, eine Schlinge im Schuppen. Mit großer Zärtlichkeit und erzählerischer Brillanz nimmt Lize Spit den Leser in ihrem Roman »Und es schmilzt« mit auf eine verstörende Reise durch die grausame Unschuld der Jugend. Eine erschütternde Geschichte über Freundschaft, Familie und Verrat.

Mit einem Eisblock im Kofferraum fährt Eva in ihr Heimatdorf, das belgische Bovenmeer. Jahrelang ist sie nicht dort gewesen. Und sie hat nie zurückgeblickt – bis eine Einladung ihrer beiden ältesten Freunde Pim und Laurens alles zurückholt:
Die Schlinge, die der Vater ihr im Schuppen zeigt, die betrunkene Mutter, die Eva vor aller Augen mit der Schubkarre vom Gemeindefest abholen muss. Und den Sommer, in dem Pim und Laurens den bittersten Verrat an Eva begehen; den Sommer, den Eva seit dreizehn Jahren zu vergessen versucht.

Die junge Bestsellerautorin Lize Spit wagt sich mit ihrem ersten Roman »Und es schmilzt« an die Grenzen des Sagbaren.

Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt.

Das radikalste Update zu »Der Fänger im Roggen«!“ (Quelle des Verlagstextes und der Coverabbildung: http://www.fischerverlage.de/buch/und_es_schmilzt/9783103972825)

Ich bin unglaublich gespannt auf dieses Buch, das mich auch ohne Beschreibung alleine vom Cover und Titel her überzeugt hat, es lesen zu wollen.

„Swing Time“ | Zadie Smith

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Dieser Roman erscheint am 17.08.2017 auf Deutsch im KiWi Verlag (Originaltitel ebenfalls ‚Swing Time‘). Zadie Smith hat sich bereits mit einigen anderen Titel, u.a. „Von der Schönheit“, in mein Herz geschrieben, weshalb die Vorfreude auch hier enorm ist. In ihrem neuen Buch geht es um Freundschaft, um die Leidenschaft fürs Tanzen und ums Scheitern und wieder aufstehen. Ach, da freue ich mich wirklich sehr drauf!

„Zwei Mädchen lernen sich beim Tanzen kennen, fortan sind sie unzertrennlich. Die eine hat Talent und die andere hat Ideen: über Rhythmus und Zeit, über schwarze Haut und schwarze Musik, über Stammeszugehörigkeit, Milieu, Bildung und Chancenungleichheit.
Als sich die beiden Mädchen zum ersten Mal begegnen, fühlen sie sich sofort zueinander hingezogen. Die gleiche Leidenschaft fürs Tanzen und für Musicals verbindet sie, doch auch derselbe Londoner Vorort und die Hautfarbe. Ihre Wege trennen sich, als Tracey tatsächlich Tänzerin wird und erste Rollen in Musicals bekommt. Ihre Freundin wiederum jettet als Assistentin der berühmten Sängerin Aimee um die Welt. Als Aimee in Afrika eine Schule gründen will, reist sie ihr voraus und lässt sich durch das Land, in dem ihre Wurzeln liegen, verzaubern und aus dem Rhythmus bringen.
Dieser grandiose Roman von Zadie Smith, der in den USA und in Großbritannien von Presse und Publikum gefeiert wird, erzählt am Beispiel zweier Freundinnen vom Siegen und Scheitern, vom Beginnen und Enden.“ (Quelle des Verlagstextes und der Coverabbildung: http://www.kiwi-verlag.de/buch/swing-time/978-3-462-04947-3/)

„Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ | Joachim Meyerhoff

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Dieser Roman wird am 09.11.2017 im Kiwi Verlag erscheinen und ist der vierte Teil der „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe. Ich habe alle vorigen Bände geliebt, ich habe geweint, ich habe gelacht. Ganz klar, dass ich Band vier sehnsüchtig erwarte!

Endlich verliebt! In Hanna, Franka und Ilse.

Eine blitzgescheite Studentin, eine zu Exzessen neigende Tänzerin und eine füllige Bäckersfrau stürzen den Erzähler in schwere Turbulenzen. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse ist physisch und logistisch kaum zu meistern, doch trotz aller moralischer Skrupel geht es ihm so gut wie lange nicht.
Am Anfang stand eine Kindheit auf dem Anstaltsgelände einer riesigen Psychiatrie mit speziellen Freundschaften zu einigen Insassen und der großen Frage, wer eigentlich die Normalen sind. Danach verschlug es den Helden für ein Austauschjahr nach Laramie in Wyoming. Fremd und bizarr brach die Welt in den Rocky Mountains über ihn herein. Kaum zurück bekam er einen Platz auf der hochangesehenen, aber völlig verstörenden Otto-Falckenberg-Schule, und nur die Großeltern, bei denen er Unterschlupf gefunden hatte, konnten ihn durch allerlei Getränke und ihren großbürgerlichen Lebensstil vor größerem Unglück bewahren.
Nun ist der fragile und stabil erfolglose Jungschauspieler in der Provinz gelandet und begegnet dort Hanna, einer ehrgeizigen und überintelligenten Studentin. Es ist die erste große Liebe seines Lebens. Wenige Wochen später tritt Franka in Erscheinung, eine Tänzerin mit unwiderstehlichem Hang, die Nächte durchzufeiern und sich massieren zu lassen. Das kann er wie kein Zweiter, da es der eigentliche Schwerpunkt der Schauspielschule war. Und dann ist da auch noch Ilse, eine Bäckersfrau, in deren Backstube er sich so glücklich fühlt wie sonst nirgends. Die Frage ist: Kann das gut gehen? Die Antwort ist: nein.“ (Quelle des Verlagstextes und der Coverabbildung: http://www.kiwi-verlag.de/buch/die-zweisamkeit-der-einzelgaenger/978-3-462-04944-2/)

Wer die Meyerhoff Bücher noch nicht kennt oder noch nicht gelesen hat, ich lege sie euch wirklich sehr ans Herz! Manchen mag es etwas schwerfallen in die Thematik und Schreibweise einzusteigen (so habe ich mir sagen lassen – mir ging es nicht so!), aber es lohnt sich! Sehr!

„Wie man es vermasselt“ | George Watsky

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Dieser Titel erscheint am 23.08.2017 auf Deutsch im Diogenes Verlag (Originaltitel: ‚How to Ruin Everything‘) und hat in den USA bereits einen „Kickstart“ vorgelegt. George Watsky ist Rapper, Poetry-Slammer und generell irgendwie ein cooler Typ. Das alles vereint sich nun in seinem Buch „Wie man es vermasselt“ (Originaltitel: ‚How to ruin everything‘). Theoretisch möchte ich es schon lange im Original gelesen haben, aber bisher kam ich noch nicht dazu. Warum eigentlich? Es klingt so vielversprechend!

„Aus dem Leben eines umtriebigen Taugenichts: George Watsky ist Rapper, Poetry Slammer und Schriftsteller. Die Bandbreite seiner autobiographischen Stories reicht von absurd (wie er zum internationalen Elfenbeinschmuggler wurde) über komisch (wie er erfolglos ältere Frauen zu verführen versuchte) bis zu berührend (wie seine Epilepsie sein junges Leben prägte).

Ob er von Backpacker-Reisen durch Europa oder Indien erzählt, von seiner ersten WG in Boston, von der Nordamerika-Tour mit seiner Band in einem schrottreifen Tourbus, oder vom Zusammenhang zwischen Baseball und Tränen – was George Watsky als Autor auszeichnet, ist seine präzise Beobachtungsgabe, der treffsichere Blick für das sprechende Detail, sein Humor und sein Optimismus.

Das Debüt eines vielversprechenden literarischen Talents. Cool, selbstironisch, rotzig, sensibel und sprachlich brillant.“ (Quelle des Verlagstextes und der Coverabbildung: http://www.diogenes.ch/leser/titel/george-watsky/wie-man-es-vermasselt-9783257070071.html)

„Beren und Lúthien“ | J.R.R. Tolkien

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Dieser Roman ist bereits vorgestern auf Deutsch im Klett-Cotta Verlag erschienen (Originaltitel: ‚Beren and Lúthien) – genauer am 10.06.2017. Fantasy darf hier nämlich auch nicht gänzlich fehlen und außerdem: endlich wieder ein Tolkien!

„Ein dramatisches Schicksal überschattet die Liebe von Beren und Lúthien. Sie gehört den unsterblichen Elben an, während er ein Sterblicher ist. In seiner tiefen Abneigung gegen alle Menschen zwingt ihr Vater, ein großer Elbenfürst, Beren eine unlösbare Aufgabe auf: Bevor dieser Lúthien heiraten darf, muss er von Melkors Krone einen Silmaril rauben. Den Leser erwartet die schönste Geschichte Tolkiens.
Speziell für diese Ausgabe hat der bekannte Tolkien-Künstler Alan Lee zahlreiche Farbgemälde und Zeichnungen geschaffen.

Unerschrocken macht sich Beren auf den Weg, den Silmaril für seine Liebe zu gewinnen. Da setzt Melkor, auch Morgoth der Schwarze Feind genannt, die fürchterlichsten Kreaturen – skrupellose Orks und schlaue Wölfe – gegen Beren ein. Aber die Liebe zwischen Lúthien und Beren reicht buchstäblich über den Tod hinaus.

Diese ohne Übertreibung schönste Geschichte Tolkiens ist in nicht endgültiger Form Bestandteil des »Silmarillion«, des »Buchs der Verschollenen Geschichten« und des »Leithian Liedes«. Christopher Tolkien hat versucht, die Erzählung von Beren und Lúthien aus dem umfangreichen Werk, in das sie eingebettet ist, herauszulösen. Er erzählt sie mit den Worten seines Vaters: zunächst in ihrer ursprünglichen Form, dann gemäß späteren Texten.
So wird sie in ihrem Wandel dargestellt. Die hier erstmals zusammen präsentierten Texte enthüllen Aspekte, die sowohl was die Handlung, als auch was die erzählerische Unmittelbarkeit anbelangt, später verlorengegangen sind.“ (Quelle des Verlagstextes und der Coverabbildung: https://www.klett-cotta.de/buch/Weitere_Geschichten/Beren_und_L%C3%BAthien/79954)

Und, hätte ich jetzt genügend Geld übrig, ich würde sofort in den Buchladen stürmen. (Hätte, hätte, Fahrradkette.) So muss ich mich halt noch ein wenig gedulden und stöbere weiter in den Vorschauen, die Wunschliste kann nie lang genug sein!

 

 

[Rezension] „Die Taufe“ | Ann Patchett

Ann Patchett ist Autorin von bereits sieben Romanen und drei Sachbüchern sowie Preisträgerin u.a. des PEN/Faulkner Awards und des britischen Orange Prizes. Das Time Magazine zeichnete sie 2012 als eine der 100 einflussreichsten Personen auf der ganzen Welt aus. Was mir Ann Patchett allerdings so sympathisch macht und wohl im Gedächtnis verbleiben lässt, ist der Name ihres Hundes: Sparky. (Vielleicht hat sie sich gar auch von Tim Burtons ‚Frankenweenie‘ inspirieren lassen?) Ihr neuester Roman „Die Taufe“ (im Englischen ‚Commonwealth‘) ist erst kürzlich auf Deutsch erschienen und konnte bereits den englischsprachigen Raum begeistern.

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Den Inhalt dieses Romans ohne Spoiler wiederzugeben ist mir leider nicht ganz möglich. Ich versuche jedoch, so wenig wie möglich vom eigentlichen Geschehen zu beschreiben, nur gerade so viel, dass man versteht, worum es geht. Wer lieber nur die Kurzfassung lesen mag, für den|die gilt: Zwei Familien, die Keatings und die Cousins, verbunden durch ein Ereignis, die Taufe Franny Keatings.

In den frühen 1960ern lädt die Familie Keating zur Tauffeier ihrer Tochter Franny ein. Dort taucht – uneingeladen – Albert Cousins (kurz: Bert) auf. In der Hand eine Flasche Gin. Mit dieser Flasche und der Taufe beginnt eine neue Zeit der Erinnerung für die Keatings und die Cousins. Durch einen bestimmten Moment auf der Feier werden beide Familien unwiederbringlich miteinander verbunden. Ein kurzer Augenblick, der alles verändert und die Zukunft beider Familien eine neue Richtung zuweist.
Circa zwanzig Jahre später verliebt sich Franny in einen älteren Mann, Leon Posen, einen Schriftsteller mit fehlender Inspiration. Franny berichtet ihm die Geschichte ihrer beiden Familien und wird so plötzlich Teil einer neuen Erzählung, einer auf ihrer wahren Vergangenheit beruhenden – in Leon Posens Buch! Das hat Folgen. Nicht nur für Franny, sondern für den ganzen Keating-Cousins-Clan.

„Die Taufe“ umfasst einen Zeitraum von circa 50 Jahren und wird oft in Rückblenden und Einschüben erzählt. Die Kapitel sind nicht explizit als solche gekennzeichnet, so dass man als Leser|in manchmal nicht ganz weiß (vor allem zu Beginn), wo und bei wem man sich zeitlich gerade befindet. Ist man erst mal in der Geschichte drin, verschwimmt dieses „Problem“ aber ganz schnell.
Ann Patchett schreibt elegant und ruhig von einer Familie und ihren Problemen, wie sich das Verhältnis der Familienmitglieder zueinander und untereinander ändert und verschiebt. Wie sie es aber dennoch schaffen, ein enges Band zu knüpfen, zueinander zu halten, eine Familie zu sein. Vor allem geht es in „Die Taufe“ um Erinnerungen, darum, wie jeder einzelne aufgrund von Erinnerungen sein Leben gestaltet. Schuldgefühle, die sie vielleicht verfolgen. Die daraus resultierende Suche und Bitte um Vergebung. Es geht darum, wie ein einzelner Moment das Leben von zwei Familien durcheinanderwirbelt und was diese daraus machen bzw. gemacht haben. Dem|der Leser|in kommt die Aufgabe zuteil, mit den einzelnen Familienmitgliedern Seite um Seite heranzuwachsen, älter zu werden, die Dinge zu verstehen. Ann Patchett gelingt es dank ihres Erzähltalents wunderbar, dem|der Leser|in die Figuren und deren Leben plastisch darzustellen, so dass man gar nicht anders kann, als mitzufühlen, mitzuleiden, mitzuleben.

„Die Taufe“ ist ein wunderbarer, von der Sprachschönheit der Autorin gezeichneter Familienroman, der weder plump, noch einfallslos daherkommt. Sicher ist es kein gänzlich neues Thema, diese Familienproblematik, aber was macht das schon? Ich habe den Roman sehr genossen, ein wenig hat er mich sogar an „Das Nest“ erinnert oder auch an die TV-Serie ‚The Slap‘, und kann ihn all jenen ans Herz legen, die Lust auf etwas anspruchsvollere Sommerliteratur haben.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Thiesmeyer – Berlin Verlag – 400 S. – ISBN: 978-3-8270-1344-6

[Lesemonat] Mai 2017

Der Mai in Büchern. Wie immer eine recht interessante Mischung an Genres, ich leg mich da nicht so fest. Man merkt es, oder? Ich lese gerne das, worauf ich Lust habe und sehe keinen Sinn darin, nicht auch mal zu einem Buch zu greifen, von dem ich weiß, dass es mich vielleicht sprachlich nicht hundertprozentig überzeugt, aber doch in eine andere Welt trägt. Soll heißen, ich verurteile niemanden für das, was er liest. Ich bin zwar kein ‚Shades of Grey‘ Fan (um ein populäres Beispiel zu nennen), aber wenn jemand daran Gefallen findet, who cares? Ganz ehrlich, Bücher sollen zwar einerseits zum Nachdenken anregen, eine kulturelle, gesellschaftliche, die Intelligenz und das eigene Empathieempfinden fördernde Bereicherung sein (und das ist auch wichtig und gut so!), aber wenn sie einfach mal „nur“ zur Unterhaltung dienen finde ich das auch vollkommen legitim. Ich merke nur in letzter Zeit sehr stark, dass ich unterfordert bin, wenn ich zu solchen Büchern greife – in diesem Monat beispielsweise „Into the Water“ von Paula Hawkins.

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Das soll gar nicht überheblich klingen, aber mir fehlt dann was. Darum greife ich doch vermehrt zu literarisch/sprachlich hochwertigeren Büchern. Nicht immer, aber oft. Wenn ich dann zwischendurch doch mal etwas „leichtere Kost“ brauche, mache ich das. Ich finde es albern die Nase zu rümpfen, wenn man gerne mal einen Krimi, einen Comic, ein Jugendbuch oder einen historischen Roman liest. Da kann auch eine ganze Menge drinstecken! Generell bin ich nicht der Typ Mensch, der gerne vorschnell über andere urteilt – das passiert mir auch, klar, aber ich versuche es zu vermeiden. Und weil oft gesagt wird „Du bist, was du liest“ wird da meiner Meinung nach übereilt geurteilt. Ich kenne aus Erfahrung viele, die sich mit einer literarisch und philosophisch hochwertigen Hausbibliothek schmücken (und schmücken ist dabei das exakt richtige Wort), in echt aber so viel davon verstehen wie eine Scheibe Toastbrot. (Sorry liebes Toastbrot, ich meine es nicht so!) Das hat also nicht immer unbedingt etwas zu sagen. Bitte nehmt mir diesen Vergleich nicht übel, aber manchmal bin ich es so satt, wenn ich höre und sehe, wie über andere aufgrund von Kleinigkeiten geurteilt wird – in allen Lebensbereichen! Es nervt einfach nur noch.

Ich merke schon, ich schweife ab. Zurück zum eigentlichen Thema. Gelesen im Mai:

John Irving – Das Hotel New Hampshire

Im Rahmen des #paperandpoetryleseclub’s erneut gelesen und mich wiederholt in Sprache, Figuren und diesen ganz gewissen Irvingschen Zauber verliebt. Durch den Leseclub allerdings gelernt, dass nicht jeder Irving verfällt, schade, aber ich kann es verstehen. Dennoch: Seine Bücher sind es wert! (Den Leseclub findet ihr mittlerweile auf Goodreads!)

Svenja Gräfen – Das Rauschen in unseren Köpfen

In einer Nacht durchgelesen, so verstanden gefühlt, weil ihre Sprache und Textform berührt. Unbedingt lesen! Auch – oder gerade – wenn Liebesgeschichten nicht euer Ding sind, das hier ist sehr viel mehr. Leben, Liebe, Freundschaft, Gefühl auf einer authentischen Basis. Das könntet ihr sein, das könnte ich sein.

Rainbow Rowell – Eleanor & Park

Fast wäre mir das Buch doch ein wenig zu „kitschig“ gewesen, aber schön, sehr schön. Die erste Liebe in all ihren Facetten. Traurig, berührend und bestimmt nicht nur was für Jugendliche.

Maja Lunde – Die Geschichte der Bienen

Sprachlich und emotional bin ich nicht hundertprozentig überzeugt, aber die Message des Buches und auch wie sich am Ende alles zusammenfügt, lassen mich den Roman mit einem überaus positiven Lesegefühl zurück. Es regt zum Nach-, Über- und Weiterdenken an. Lesenswert!

Bret Easton Ellis – American Psycho

Ich hatte Respekt vor diesem Buch, vor seiner Brutalität und seiner Gewaltsamkeit (zu recht!), aber es hat mich auch beeindruckt. Es ist zugleich abstoßend (die Gewalt) und anziehend (Ellis Beobachtungsgabe). Das bleibt auf jeden Fall haften.

Felix Lobrecht – Sonne und Beton

Dieses Buch hat mich überrascht. Ich hatte etwas sehr viel Leichteres, irgendwie Unausgereifteres erwartet. Figuren, Sprache sowie Geschichte haben mich definitiv überzeugt. Dit is jut!

Marlon James – Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Das ist schon ein Wahnsinnsbuch. Stark und kräftig, gewaltig in der Sprache wie im Inhalt. Nicht immer leicht lesbar, man muss schon in der richtigen Stimmung sein, aber absolut lesenswert!

Paula Hawkins – Into the Water

Mein Flop des Monats. Ich hatte so Lust auf einen Thriller, aber das hier, nee, das war wirklich nix für mich. Weder sprachlich noch inhaltlich. Es ließ mich beides kalt. Schade!

Chimamanda Ngozi Adichie – Dear Ijeawele, or a Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions

Adichie sollte jede|r lesen! Ich mag ihre Texte, weil sie so verständlich geschrieben sind, ohne dabei abgehobene Tipps zu geben oder ihre Meinung aufzuzwingen. Nicht alles überzeugt mich, nicht alles ist neu, aber gerade das ist so authentisch und gut.

The Suffragettes

Ein Minibuch über die Bewegung der Suffragetten – mit kurzen Artikeln, Briefen, Postern und Schriften! Empfehlenswert für die Heimbibliothek und alle, die an dem Thema interessiert sind, sich aber erst mal nur einen Überblick verschaffen möchten.

Megan Hunter – Vom Ende an

Ein schmales Buch mit enormer Wirkkraft. Es beschreibt eine Zukunft, die düster und doch hoffnungsvoll ist. Denn, wo ein Anfang ist, ist auch ein Ende. Ein Roman, der dadurch besticht, dass er anders ist.

[Weil ich ein Leben habe] #4

Eigentlich sollte das hier so halbwegs chronologisch ablaufen. Aber: Es ist mein Blog, meine Geschichte, mein Leben, warum dann nicht über etwas schreiben, was mir gerade auf der Seele liegt?

Vor circa zwei Jahren, kurz vor meinem Geburtstag, ereignete sich etwas, was mein ganzes bisheriges Leben in Frage gestellt hat. Ich hatte Wochen zuvor – wieder mal – über meine Grenzen hinaus gearbeitet. (Und damit meine ich nicht jeden Tag von morgens bis abends, sondern wirklich nur wenig, aber für meinen Körper eben schon: zu viel). Ich spürte es, so wie ich es jeden Tag spürte, aber wenn man einmal drin ist, fordert man seinen Körper so lange heraus wie es geht. Bis es nicht mehr geht. Als ich Urlaub hatte bekam ich einen üblen rheumatischen Schub. Eigentlich abzusehen, aber tatsächlich denkt man immer: Ach komm, dieses Mal wird es gut gehen. Es kann doch nicht sein, dass du es nicht mal schaffst, so ein bisschen durchzuhalten. Mittlerweile weiß ich, was ich in so einem Fall zu tun habe: Cortison erhöhen, Schmerztabletten, abwarten. Es wurde und wurde nicht besser. Den Monat Urlaub verbrachte ich auf der Couch meiner Eltern, lag die Nächte lang wach und wünschte mir, es würde endlich mal besser werden. Die 30 rückte auch da schon immer näher, Zukunftspläne sollten nicht so einfach platzen. Auch mein Rheumatologe war nicht wirklich happy und da Ärzte gerne neue Medikamente ausprobieren (ist ja spannend), ich das schon gewohnt war und es sich eigentlich gut anhörte, wieso nicht? Schlimmer konnte es doch nicht werden. Doch. Kann es. Immer.

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Da saß ich dann also kurze Zeit später im Wartezimmer eines Onkologen und fühlte das, was ich noch nie zuvor in der Form gefühlt hatte. Ich fühlte mich k-r-a-n-k. Ich merkte, dies hier war ernster als bisher. Der Arzt erklärte mir, wie das neue Medikament, das ich erstmalig zwei Mal per Langzeitinfusion bekommen sollte, in meinem Körper wirken würde und dass die Cortison-, Schmerzmittel-, und Histamingabe vorher nur zur Vorsicht seien. Der Notfallkoffer auch. Er zählte mir eine Reihe von Nebenwirkungen auf, ging alles einzeln mit mir durch und strich Haarausfall durch, das könne man absolut ausschließen. Ich empfand das Gespräch als sehr nett, noch nie hatte sich ein Arzt so ausführlich mit mir auseinandergesetzt und mir alles im Detail erklärt. Ich fühlte mich gut aufgehoben und hatte Vertrauen. Wir machten einen Termin für die erste Therapie aus und einige Wochen später fuhr ich mit meiner Familie hin. (Die Praxis lag nicht gerade um die Ecke.) An diesem Morgen ging es mir nicht gut, ich hatte tags zuvor gearbeitet, aber ich wünschte so sehr, dass alles besser werden würde, dass ich unbedingt hinwollte. Insgeheim hatte ich schon auch etwas Angst, ja, aber „krasse“ Medikamente nahm ich schon zuvor, das war also eigentlich nichts Neues. Oder?

In der Praxis angekommen, sah man mir erstaunt in die Augen, als ich erklärte, dass ich diesen speziellen Termin hätte. Ein Fehler der Sprechstundenhilfe. Keine Entschuldigung. Ich hätte es als Zeichen sehen sollen.

Mein Rheumatologe machte daraufhin einen Termin im örtlichen Universitätsklinikum aus. Die ersten zwei Gaben des Medikaments nur unter stationärer Aufsicht. Maximal einen Tag, versprach mein Rheumatologe, für mich schon zu viel (wer so lange und so oft in Krankenhäusern war – und dort so viele, oft schlechte, Erfahrungen gemacht hat, wird mich verstehen können). Aber: Ich wünschte mir Besserung. Also. Augen zu und durch.

Der erste stationäre Aufenthalt lief chaotisch ab. Es fehlten Unterlagen, die mein Rheumatologe scheinbar nicht hingeschickt hatte – passiert – und ich wusste nicht, dass ich am besten meine ganze Krankenakte hätte mitschleppen müssen. („Sie müssen eine Vorzeigepatientin werden!“ – Funfact: Schleppt man seine dicken Akten mit, ist es auch nicht richtig. Dann bekommt man den Stempel: Übermotiviert. Übersensibel.) Aus den zwei Tagen wurden also irgendwie mehr. Der Chefarzt interessierte sich nicht so wirklich für meinen Fall. Ich solle mal zur Reha und mich mit meiner genetischen Vergangenheit auseinandersetzen. Jaaa. Ok. Solche Sprüche machen mich nicht unbedingt zu einer sich wohlfühlenden Patientin. Logisch, oder? Für mich besonders einschneidend: Der Schwangerschaftstest. Das ist so eine Sache, die finde ich sehr persönlich, sehr privat. Man drückte mir halt mal so nebenbei den Pinkelbecher auf dem Flur in die Hand. Ich: Wieso schon wieder? – Ja, du darfst auf keinen Fall schwanger sein, da müssen wir uns absichern. Es war mein erster Schwangerschaftstest, den ich mir irgendwie „bewahren“ wollte. Kann man das verstehen? Nein? Ich erkläre es mal so. Damit ist mir noch mal ein Stückchen Würde genommen worden. Ich verstehe den Sinn dahinter, klar, hab ich auch vollstes Verständnis für, aber trotzdem. Ein wenig Stolz und Würde und Persönlichkeit wird man sich doch noch bewahren dürfen? Lasst euch eins gesagt sein: Wenn ihr krank seid, müsst ihr das alles oft über Bord werfen. (Einschub: Bevor jetzt jemand sauer wird, nach dem Motto, ich würde Krankenhäuser, Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger in ein schlechtes Licht rücken, nein, gar nicht! Es gibt viele von der netten und kompetenten Sorte, aber einiges läuft, auch aufgrund unseres Gesundheitssystems und enormer Einsparungen, eben nicht so gut. Das will ich nicht beschönigen. Dennoch habe ich vollsten Respekt und Verständnis für die harte Arbeit, die in Krankenhäusern, Arztpraxen etc. täglich geleistet wird!)

Nach langem hin und her war es dann soweit. Ich bekam zum ersten Mal besagtes „Wundermedikament“, welches ursprünglich bei Leukämie-Patienten angewandt wurde, nun aber seinen Zweck u.a. auch bei Rheumapatienten erfüllen sollte. Infusionen sind nie besonders schön, man fühlt sich da meistens komisch, aber hier besonders. Vor allem, weil man in unglaublicher Schnelligkeit vier verschiedene Medikamente in seinen Körper gepumpt bekommt. Ihr könnt euch vorstellen, dass man sich da wie durch den Fleischwolf gedreht fühlt. Aber, störrisch wie ich nun einmal bin, bin ich kurze Zeit nach der stundenlangen Infusion aufgestanden, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen und etwas Anderes zu sehen, als dieses ätzende Krankenhauszimmer. (Dass ich dann beinahe auf dem Klo umgekippt bin, habe ich dem Pfleger mal lieber verschwiegen.) Im Ganzen fühlte ich mich schlapp, wie unter einer ziemlich starken Grippe, aber das ist normal, dachte ich – und das versicherte man mir auch, als ich es kurz vor meiner Entlassung erwähnte. Das Immunsystem wird enorm runtergefahren. Der nächste Zyklus sollte ein paar Wochen später stattfinden.

Zuhause fühlte ich mich schlapp. Ich zitterte. Dachte, ich hätte Schüttelfrost. An meinem Körper bemerkte ich rote Flecken, die nach einiger Zeit wieder verschwanden. Aber ehrlich gesagt dachte ich mir nichts weiter dabei außer, dass dies die typischen Symptome seien und das ganz normal wäre. Einen „beweisbaren“ Infekt hatte ich nicht. Ich fühlte mich nur nicht gut. Beim nächsten Krankenhausaufenthalt erwähnte ich alle meine Symptome, aber da meine Werte in Ordnung waren und ich so auch wieder ganz fit war, bekam ich die zweite Dosis. Hinterher fühlte ich mich wieder schlapp. Krank. Einfach müde und richtig, richtig fertig.

Ein paar Tage später hatte ich wieder eine Zitterattacke. Dieses Mal ziemlich heftig. Ich saß auf einem Stuhl in meiner Küche, war zuvor kurz draußen gewesen, und mein ganzer Körper schüttelte und krampfte. Dann „nur“ noch die rechte Seite, wenn ich etwas anfasste. Ich dachte, ich hätte schlimm Schüttelfrost, das würde sich wieder legen. Darum ging ich nicht ins Krankenhaus. Auch aus Angst, man würde mich nicht ernst nehmen. Zwischendurch wurde es wieder besser, aber immer mal wieder tauchte dieses Zittern auf – und es machte mir Angst. Zudem kamen Schwindel, Kribbeln im Körper und später Muskelzuckungen bis hin zu unwillkürlichen Bewegungen meiner Arme und Finger hinzu. Meine Hausärztin telefonierte mit meinem Rheumatologen. Keiner wusste so richtig, was tun. Diese Nebenwirkungen gab und gibt es offiziell nicht. Ich fuhr zu meinem Orthopäden, weil ich dachte, es könne ja auch etwas von der Halswirbelsäule sein. Der machte große Augen, nachdem er diesen Tremor sah und überwies mich sofort zum MRT. Sowas könne nur vom Gehirn aus kommen. Beim MRT schilderte ich erneut meine Probleme, man fragte mich, ob ich genügend essen würde.

P-A-U-S-E.

Ob. Ich. Genügend. Essen. Würde.

Wenn dir das jemand sagt, obwohl es dir wirklich schlecht geht und du nicht mal untergewichtig bist, fühlst du dich einfach verarscht. Nicht ernst genommen. Anders kann ich es leider nicht ausdrücken.

Im MRT fand sich zu diesem Zeitpunkt nichts Aussagekräftiges. Der Radiologe dachte halt, ich würde hungern. Ja. Klar. Entschuldigung, dass es mir schlecht geht und mein Körper so viel Energie verbraucht, weil er permanent auf einem imaginären Balancebord steht und mir enorm viel abverlangt. Du Arsch. Hätte ich gerne gesagt. Habe ich natürlich nicht. Sie machen ja alle nur ihren Job.

Mit diesen Ergebnissen fuhr ich einige Tage später zu einer Neurologin, die ebenso irritiert und fasziniert wie alle Ärzte zuvor schaute und sagte, das habe sie ja noch nie gesehen. Sie überwies mich umgehend in eine neurologische Fachklinik. Dort einen Termin zu bekommen, der in naher Zukunft liegt, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Der früheste Termin in fünf Monaten. Also musste ich weitermachen. Was blieb mir anderes übrig?

Mittlerweile waren ca. drei Monate vergangen und mein Zustand verschlechterte sich immer weiter. So weit, dass ich nicht mehr arbeiten konnte (auch nicht sporadisch einen halben Tag in der Woche) und mich krankmelden musste. So weit, dass ich meinen massiven Haarausfall (den es ja angeblich laut eines Arztes unter diesem Medikament nicht gibt – völliger Unsinn) auch nicht mehr so gut verstecken konnte. Ich zitiere eine liebe Bekannte: Du siehst ja aus wie ein frisch geschlüpftes Vögelchen. Und sie hatte Recht! Ab Kinnhöhe brachen alle Haare ab, wuchsen sporadisch nach, fielen aber eher büschelweise aus und waren furchtbar trocken, spröde, glanzlos. In ihnen spiegelte sich ungefähr das wieder, was ich in meinem Inneren empfand. Zu dieser Zeit fühlte ich mich furchtbar einsam und im Stich gelassen. Mein Sozialleben lag mittlerweile brach, was ziemlich verständlich ist, weil ich keiner normalen Tätigkeit mehr nachgehen konnte. Kino? Shopping? Feiern? No way. Es ist nicht so, dass ich mich gänzlich zurückgezogen hätte, aber ich funktionierte einfach nicht mehr. Ich konnte körperlich nicht, das hatte nichts mit meinem Willen zu tun. (Rausgegangen bin ich trotzdem, ich bin da stur, aber es fühlte sich jedes Mal scheiße an, klappernd am Straßenrand zu stehen und seine Umgebung verzögert wahrzunehmen.) Verständnis außerhalb meiner Familie fand ich nur bei meinem Freund, der hautnah miterlebte, wie schlecht es mir wirklich ging und ein, zwei engen Bekannten. Ehrlich. Ich habe schon viel erlebt, aber das war mein Tiefpunkt. Niemand wusste, was es war, bis ich irgendwann selbst beinahe an mir gezweifelt hätte. Stellt euch vor, euer Körper macht Dinge, die ihr nicht steuern könnt, die körperlich sogar anstrengend und vor allem gruselig sind. Es ist schlimm, wirklich. Irgendwann, da begann ich sogar leicht zu stottern. Irgendwas in meinem Gehirn funktionierte nicht mehr richtig. (Aber was?!) Das waren nur kurze Episoden, aber das war so unfassbar furchtbar für mich. Ein Wort im Kopf zu haben und es einfach nicht aussprechen zu können, weil sich die Worte nicht in der Zunge, im Mund, in den Lippen formen können… Mein Rheumatologe sprach von MS, Parkinson, Epilepsie, Gehirntumor, einer speziellen neurologischen Krankheit, an der man nach einem Jahr stirbt. Ach, aber naja, so schlimm würde es schon nicht sein. Haha. Ich lachte mal kurz mit ihm. Den Humor will man ja nicht verlieren, aber, ganz ehrlich, hier half auch kein Galgenhumor mehr.

Nach etlichen Wochen fand ich mich nun in einem neurologischen Universitätsklinikum ein. Im Flur ein älterer Herr mit Parkinsontremor. Irgendwie fühlte sich das sehr bekannt an. Der Kloß im Hals wuchs. Auch dort begegnete man mir ungefähr so: Huch, was ist das denn? Ab ins MRT, ab zum MEG, Liquorpunktion etc. Alle Tests verliefen so, dass man zumindest „die wilden Sachen“ ausschließen konnte, dass da irgendwas nicht richtig läuft, das sah man jedoch schon. (Aber ich kann euch versichern, dass es nicht unbedingt schön ist, wenn man quasi Stromstöße per Magnetspule ins Gehirn geschossen bekommt und irritierte Blicke von gestandenen Professoren? Ebenfalls nicht schön. Auch nicht die absonderlichen Kopfschmerzen auf Stufe 9, weil das doch alles etwas viel Untersuchung auf einmal war. Details erspare ich euch.) Die erste halbwegs offizielle Diagnose, die man mir aufgrund der Symptomatik und der Test-Ergebnisse geben konnte: Zerebrale Mitbeteiligung. (Und ein kleines Aneurysma). Sprich: Entzündungen im Gehirn und ZNS. Aber eigentlich, so wirklich gibt es das nicht in der Form. Bei MS, ja, aber bei „normalem“ Rheuma? Auslöser unbekannt. (Ich habe da ja schon dieses Medikament im Verdacht, nur mal so, als kleiner Einschub. Aus ärztlicher Sicht wurde dies zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen. Grund: Das hatte noch keiner.) Zu verlieren hatte ich nichts, also versuchten wir es mit einer ganzen Menge Cortison per Infusion – und – ich schwörs euch, der Tremor ließ nach. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Er verschwand nicht ganz, aber es wurde besser. Viel besser. Ich fühlte mich wieder halbwegs wie ein Mensch und das war so ein unbeschreiblich schönes Gefühl, das kann man sich nur ansatzweise vorstellen.

Wieder daheim dachte ich, mein Leben könne von Neuem beginnen. Einige Symptome waren zwar noch da, aber Cortison braucht auch eine Zeit, um vollends zu wirken. Ich hatte also Hoffnung. Sah buchstäblich die Welt mit anderen Augen, weil ich wieder halbwegs funktionierte! Endlich besuchte ich mal wieder einen Laden, ohne das Gefühl zu haben gleich aus den Latschen zu kippen (Licht und schnelle Bewegungen hatten zuvor mein Gehirn immer ganz schön aus der Bahn geworfen). Aber nach vier Wochen, da war alles wieder fast wie vorher.

Ich wurde als Notfall erneut in die Uniklinik eingeliefert. Es ging mir sehr schlecht. Details erspare ich euch auch hier, die waren nicht schön. Erneut in Mengen Cortison, aber dieses Mal half es weniger. Es musste ein neues Basismedikament her. Und ihr könnt euch sicher denken, dass ich nach meiner wunderbaren letzten Erfahrung, die mich ja irgendwie erst so weit gebracht hatte (auch wenn es nicht offiziell bewiesen ist – vielleicht war es ein unglücklicher Zufall, vielleicht hat das Medikament lediglich den Anstoß gegeben, vielleicht ist es aber auch die Ursache allen Übels – niemand kann das so genau sagen) herzlich wenig Lust darauf gehabt hatte. Nur, hatte ich eine andere Wahl? Mein Standardspruch zu dem Zeitpunkt war: Es kann mir scheiße gehen, aber ich will nicht unbedingt auch noch scheiße aussehen. Weil: Ich hatte endlich wieder Haare. Aber ja, es half nichts.

Neues Medikament, neues Glück? Naja. Nicht ganz. Die Eingewöhnungsphase war hart, unter anderem trug ich eine Perücke, aber zusammen mit Cortison kann ich mich halbwegs über Wasser halten. Es ist nicht mehr so schlimm wie anfangs, aber mein Leben hat sich deutlich geändert. Der Tremor ist noch da, auch die Schüttelkrämpfe. Ich kann absolut nicht vorhersagen, wann es mir richtig schlecht geht. Es passiert einfach so. Ob ich völlig entspannt im Bett liege und ein Buch lese oder gerade draußen unterwegs bin. Dass das meinen Alltag enorm einschränkt, erklärt sich von selbst.

Für die meisten Ärzte bin ich weiterhin ein Mysterium. Ich nenn es halt lieber Alien. Und meine Krankenhaus- und Ärztereise hat (leider) noch lange kein Ende gefunden. Es ist immer noch nicht raus, woher das nun eigentlich kommt. Das Medikament ist aber wieder im Gespräch. Fakt ist, mein Gehirn feiert oft ohne mein willentliches Zutun mit meinem restlichen Körper eine Party. Die haben Spaß, ich eher weniger. Meine wunderbare Familie, mein Freund und ich, wir machen da zwar unsere Scherze mit. Ach, reitest du mal wieder. (Arme vorm Körper zitternd verschränkt, die Hände verkrampft, als würde ich eine Leine halten.) Ach, heute Gitarrenspielerin? (Wenn der rechte Arm angewinkelt im Tremor vorm Bauch verkrampft.) Usw. Ich kann darüber lachen, aber manchmal habe ich auch keine Energie mehr. Wenn ich im Büro sitze (wohlgemerkt nicht mehr in meinem vorherigen Job und auch nur für ein paar Stunden die Woche, das ist nichts Halbes und nichts Ganzes, aber immerhin etwas, dafür bin ich sehr dankbar und darauf bin ich auch stolz) und merke, es krampft gleich, bin ich einfach angepisst. Ich WILL arbeiten. Ich will MEHR arbeiten. Ich will mehr SCHAFFEN. Aber ich kann nicht. Und. Ja, das nervt. Dann bin ich mal kurz sauer und wütend und stinkig und bockig. Ich gönn mir das einfach. Irgendwie finde ich, ich darf das.

Zum größten Teil habe ich mich aber dran gewöhnt, sofern man das so sagen kann. Es gehört jetzt zu mir, die „Gehirnscheiße“ ist ein Teil von mir und auch, wenn mir das alles sehr viel genommen hat, hat es mir auch eine ganze Menge gegeben. Ich bin schlagartig ein enormes Stück reifer geworden. Viele Dinge sehe ich aus einem anderen Blickwinkel. Manches ist mir heute gar nicht mehr so wichtig, vor allem das, was andere über mich denken. Ich bin so wie ich bin und das ist gut so. Mein Leben ist nicht einfach und ich wünschte, es würde sich eine Möglichkeit finden, wieder „nur“ Schmerzen und Entzündungen im Körper – und nicht im Gehirn zu haben. Ganz gesund muss gar nicht. Aber so lange das nicht der Fall ist, muss ich einen neuen Weg gehen – und das tue ich. Mein Blog bedeutet mir viel, ich kann von zu Hause aus etwas machen, produktiv sein und wenn ich mal nicht kann, dann kann ich halt nicht und schlaf eine Runde, lass meinen Körper mal krampfen, sich schütteln, ohne dass ich besorgte oder schräge Blicke ernte. Es tut mir gut. Schreiben tut mir gut. Also bitte verzeiht, wenn es hier sehr persönlich wird, aber so bin ich. Und ich mag mich trotz allem ganz gerne.

zu #1

zu #2

zu #3

 

[Rezension] „Into the Water“ | Paula Hawkins

Seitdem Paula Hawkins mit ihrem Spannungsdebüt „Girl on the Train“ solch einen fulminanten Start als Autorin in diesem Genre (es sind ja nicht ihre ersten Werke) hingelegt hat, kennt ihren Namen wohl so gut wie jede|r. Vor allem auch, weil bereits ihr erster Thriller die Gemüter gespalten hat. Mich konnte Hawkins mit „Girl on the Train“ begeistern, weshalb ich mich sehr auf ihren zweiten Spannungsroman „Into the Water“ gefreut habe. Ob sie mich erneut überzeugt hat, könnt ihr weiter unten nachlesen.

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Beckford. Nel Abbott ist tot. Selbstmord im mysteriösen ‚Drowning Pool‘, der schon so manches Opfer gefordert hat – vermutet man. Doch war es das wirklich? Julia Abbott, Nels Schwester, kehrt trotz schlechter Erinnerungen an ihren Heimatort zurück, um sich um Lena, ihre Nichte, zu kümmern. Diese ist davon überzeugt, dass Nel etwas zugestoßen sein muss. Langsam entspinnt sich ein Faden aus Geheimnissen, verdrängten Erinnerungen und der Frage nach dem: Wem kann man noch trauen? Denn, jeder scheint verdächtig.

„Into the Water“ ist ein klassisch aufgebauter Psychothriller. Ein Ort (Beckford) mit einem dunklen Geheimnis (dem ‚Drowning Pool‘). Menschen, die alle etwas zu verbergen haben. Ungeklärte Todesfälle – war es Selbstmord oder Mord? Was könnten die Gründe dafür sein?

Der Roman wird aus zahlreichen Perspektiven geschildert, wobei jede beteiligte Person eine eigene Stimme bekommt und seine eigene Geschichte, seine eigene Sicht der Dinge erzählen darf. Zusätzlich arbeitet Hawkins mit mehreren Zeitebenen. Der Vergangenheit, in der Geschehenes, welche evtl. zum Verstehen von Nel Abbotts Tod führen können, immer wieder durch Rückblenden oder einzelne Kapitel erzählt wird – und der Gegenwart, in der Nel Abbott tot ist und der oder die Gründe für ihren Tod aufgeklärt werden sollen. Das Prinzip an sich finde ich gut, ich mag Romane mit mehreren Erzählperspektiven und Zeitebenen, aber in diesem Fall sind es mir einfach ein paar zu viel gewesen. So verliert man sich beim Lesen, muss oft zurückblättern und sucht verzweifelt nach dem roten Faden, welcher eigentlich durch den Wechsel vorangetrieben werden soll.

Auch die Geschichte an sich habe ich als zu strukturiert gedacht, aber unstrukturiert erzählt empfunden. Vor allem, weil Paula Hawkins eigentlich sehr angenehmer Schreibstil permanent dadurch gestört wird, dass sie ihre Sprache der jeweiligen Personen anpasst – mal jugendlich, mal verrückt, mal schon etwas reifer – dies aber einfach nicht immer passt und dadurch hölzern wirken lässt. Bereits nach den ersten 100 Seiten habe ich die Lust an dem Roman verloren. Die Idee mit dem ‚Drowning Pool‘, den (Selbst?)mordfällen, der Suche nach Geheimnissen in der Vergangenheit finde ich generell gut, ist  aber leider ein Thema, was zur Genüge in Thrillerromanen aufgegriffen wird und hier durch doch sehr hanebüchene Erklärungen gelöst wird. Mir hat dadurch die Spannung gefehlt, es hat mich nicht gepackt. Ich würde gerne etwas Anderes schreiben, aber auch nach Beendigung des Buches kann ich zu keinem anderen Urteil kommen.

Ich bin mir bewusst, dass ich vielleicht etwas hart urteile, aber wenn ich einen Roman aus der Sparte „Spannung“ lese, dann muss es mich auch wirklich packen und ich möchte wissen, was geschehen ist. Ich möchte das Gefühl haben, mit wenigstens einer Person mitzufiebern, mit dieser gemeinsam „den Fall“ zu lösen – und das hat mir hier leider gänzlich gefehlt. Daher kann ich diesen Roman nur bedingt weiterempfehlen. Leider. Aber: Vielleicht werden diejenigen mit „Into the Water“ glücklich, denen „Girl on the Train“ missfallen hat, denn beide Werke ähneln sich meiner Meinung nach nur bedingt im Schreib- und Thrillerstil.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Christoph Göhler – blanvalet – 480 S. – ISBN: 978-3-7645-0523-3