[Rezension] „Geständnisse“ | Kanae Minato

Kanae Minato erzielte mit „Geständnisse“ in Japan einen sensationellen Erfolg und gewann hierfür den Japan Booksellers‘ Award (in der Zwischenzeit ist das Buch sogar verfilmt worden). Mittlerweile ist der Roman aber nicht mehr nur in Japan ein Thema, sondern zählte u. a. 2014 in den USA zu den zehn besten Thrillern und wird nun auch in Europa viel und wohlwollend besprochen.

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Jede(r) hält mehr oder wenige große Geheimnisse in sich verborgen. Sei es die kleine Notlüge von gestern, die Flunkerei von letzter Woche oder etwas weitaus Tiefergehendes bis Bösartiges. In „Geständnisse“ von Kanae Minato geht es um eben jene Dinge, die einen bis hin zum Äußersten leiten und quälen können:

Moriguchis vierjährige Tochter ist im schuleigenen Schwimmbad ertrunken. Ein Unfall, so heißt es. Einige Wochen später kündigt Moriguchi ihre Stelle, verlässt die Schule aber nicht ohne ihrer Klasse einen letzten Vortrag zu halten, der den Schülern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sie weiß, dass einige Schüler Schuld am Tod ihrer Tochter tragen und sie offenbart eine Rache, wie sie böser kaum sein könnte. Ein Reigen aus Schuld, Sühne und Rache entspinnt sich, der Dinge zu Tage befördert, die man nicht für möglich gehalten hätte. Hier bleibt niemand verschont.

Es ist ein Buch, das einen von der ersten Minute an fesselt und in einen Sog aus ungläubigem Staunen und tiefer Erschütterung zieht. Selten bin ich in letzter Zeit so gespannt darauf gewesen, was wohl noch passieren mag, wie bei diesem Buch. Sicher klingt manches sehr haarsträubend bis hin zu an den Haaren herbeigezogen, doch Minato schafft es dennoch durch eine klare und kühle Sprache eine Distanz zu wahren, die das Erzählte nicht unsinnig wirken lässt, sondern vielmehr noch wirklich glaubhaft. Dies gelingt ihr zudem noch durch den Kniff, jedes Kapitel aus der Sicht einer anderen – am maßgeblichen Geschehen beteiligten – Person zu schildern. Die Tat und ihre Konsequenzen werden aus immer wieder neuen und anderen Blickwinkeln betrachtet. So wird zusätzlich Spannung gewahrt. Das erste Kapitel mag noch ein wenig verwirren und dahinplätschern, aber ist man erst einmal im Buch angekommen, so hält es einen bis zum Schluss gefangen.

Ich kann den Roman jedem empfehlen, der Thriller mag und gerne Bücher liest, die jenseits der (gesellschaftlichen) Norm liegen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Japanischen von Sabine Lohmann – C. Bertelsmann Verlag – 272 S. – ISBN: 978-3-570-10290-9

[Rezension] „Blaupause“ | Theresia Enzensberger

Theresia Enzensberger schreibt in ihrem Debütroman über genau das eine Thema, welches mir persönlich besonders am Kunst-, Design und Architekturherzen liegt: Bauhaus. Oft und gerne habe ich schon ziemlich früh (sicherlich familiär bedingt – ein Hallo an Papa!)  in der zugehörigen Literatur gestöbert und empfand dabei immer wieder aufs Neue eine gewisse Faszination für das Bauhaus, das so viel Innovatives hervorgebracht hat, dass man auch heute noch nur darüber staunen kann. Selbstverständlich habe ich mich da sehr auf Theresia Enzensberger Roman gefreut.

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In „Blaupause“ – so lautet der treffende Titel des Buches – arbeitet Enzensberger mit historischen Figuren und Fakten sowie fiktiv Erdachtem, kombiniert also fiktives mit realem und lässt so den Bauhaus-Mythos in der Gegenwart wieder auferstehen:

Luise Schilling kommt Anfang der 20er Jahre an das Weimarer Bauhaus. Sie ist jung. Sie ist naiv. Sie ist voller Ideen und Tatendrang. Am Bauhaus lernt sie neben gestandenen Professoren (die uns namentlich heute sehr bekannt sein dürften) wie Gropius, Klee und Kandinsky auch die Naturmystiker um Johannes Itten kennen. Luise ist hin und hergerissen zwischen ihrem Traum als Architektin (!) erfolgreich zu werden und dem bestätigenden Gefühl der Zugehörigkeit und Akzeptanz. Diese Bestätigung sucht sie zuerst in der Gruppe um Itten, wo sie auf Jakob trifft. Hier entspinnt sich eine erste Romanze. Später wird Luise Hermann kennenlernen. Beide Männer verdrehen ihr den Kopf (wie man so schön sagt), so dass alles Weitere beinahe unwichtig wird. Dennoch versucht Luise immer wieder sich als Frau am Bauhaus durchzusetzen – aller Widrigkeiten zum Trotz.

Wie eingangs bereits erwähnt, gehört das Bauhaus zu einer für mich äußerst faszinierenden Zeit. Eine Welt im Umbruch, nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich – und das in vielerlei Hinsicht. Zwischen zwei Weltkriegen, Verlustangst und Lebensfreude, mehr oder weniger erfolgreichen Emanzipationsversuchen der Frau und neuen Lebenseinstellungen blitzen doch immer wieder noch die alten Werte durch. Das ist nicht immer schön, aber im Falle des Bauhauses soll und wird es das sein – zumindest im ästhetischen Sinn. Der Grundgedanke, die Kunst von der Industrialisierung zu entbinden – Kunst also als solche wieder begreiflich und dennoch funktional zu gestalten – hat etwas sehr Altmodisches und zugleich Modernes an sich. Diesen Gedanken greift Enzensberger auf und verwebt ihn gekonnt und detailreich in „Blaupause“. Processed with VSCOcam with t1 preset

Was mich dabei aber leider etwas gestört hat ist die Überfülle an Detailwissen, die Enzensberger in jeden noch so kurzen Absatz packt. Es scheint fast so, als würde hier das journalistische Schreiben durchkommen, denn häufig schiebt sie in einem Nebensatz das wer/wie/was/wo ein, welches an dieser Stelle (oder manchmal auch gar nicht) von Belang ist. Dadurch wirken ihre Sätze etwas hölzern, nicht greifbar und oft ein wenig leidenschaftslos. Diese Leidenschaftslosigkeit versucht die Geschichte an anderer Stelle mit kleinen Romanzen („Männergeschichten“) und anderen Problemen der Protagonistin Luise (z.B. in der Familie, mit Freunden oder als Frau an sich) wieder wett zu machen. Das gelingt eher mäßig. Luise überzeugt leider weder als Hauptfigur noch als emanzipierte Frau. Die Protagonistin will rebellisch, revolutionär und selbstbestimmt sein, verstrickt sich aber viel zu oft in naiven, anderen (vor allem Männern) hinterherlaufenden Gedanken. Sie versucht und versucht ihren Weg zu gehen, aber auch wenn sie sich letztlich von einigen Dingen (auch hier gilt: vor allem Männern) losreißen kann, hakt es doch irgendwie. Hier ein Beispiel: „Ich möchte nicht, dass mein Name auf diesem langweiligen und unpraktischen Entwurf steht, aber alleine kann ich nichts gegen Karl ausrichten. Ich tröste mich mit dem Gedanken an meine Siedlungsentwürfe, auf die ich mehr Zeit verwenden kann, wenn ich mich hier nicht verausgabe.“ Aus dem Zusammenhang gerissen klingt es gar nicht so unterwürfig, aber im Kontext hat es mich doch sehr gestört. Es tut mir furchtbar leid das so zu schreiben, weil ich sowohl Thema als auch Idee des Buches wirklich grandios finde und man merkt, dass Enzensberger viel Zeit und Mühe in ihre Recherchearbeit investiert hat, aber leider überzeugen mich weder Inhalt noch Schreibstil ausreichend, um es vorbehaltlos empfehlen zu können. – Wer sich nun jedoch wie ich für das Bauhaus, Architektur, Design und die 1920er interessiert, der sollte hier ruhig mal reinlesen! Außerdem ist dies lediglich mein persönliches Empfinden, zum Beispiel findet ihr auf fluffywordsblog eine äußerst lesenswerte Besprechung zu „Blaupause“, die ich euch nur ans Herz legen kann.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Hanser Verlag – 256 S. – ISBN: 978-3-446-25643-9

[Rezension] „Fast eine Liebe. Carson McCullers und Annemarie Schwarzenbach.“ | Alexandra Lavizzari

„Fast eine Liebe“ von Alexandra Lavizzari befasst sich mit der tragischen Liebesgeschichte zwischen den beiden Schriftstellerinnen Carson McCullers („Das Herz ist ein einsamer Jäger“) und Annemarie Schwarzenbach („Das glückliche Tal“), die, wie der Titel schon sagt, nur fast eine Liebe ist.

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Carson McCullers gilt mit Anfang 20 als ‚Shooting Star‘ der US-amerikanischen Literaturszene der 1940er Jahre und steht von einem Tag auf den anderen plötzlich im grellen Licht der Öffentlichkeit. In diesem ersten Jahr als „Berühmtheit“ lernt die zunächst schüchterne Carson McCullers die Reiseschriftstellerin Annemarie Schwarzenbach in New York kennen, welche ihr sofort imponiert und die sie in eine Art magischen Bann zieht. Beide freunden sich an, die Anziehungskraft ist enorm, beinahe greifbar, aber doch bleiben sie für die je andere ein Stück weit unerreichbar. Ihre Liebe lässt sich schwer in Worte fassen, handelt es sich doch um viel mehr und gleichzeitig viel weniger als das. Es ist eine Art Seelenverwandtschaft, die beide zugleich immer wieder verspüren, selbst wenn sie sich weit voneinander entfernt aufhalten. Man könnte im Nachhinein sagen, dass sich schlichtweg nie der richtige Zeitpunkt für sie ergeben hat. Nicht, weil Carson McCullers verheiratet und Annemarie Schwarzenbach mit der Ehefrau Heinz von Opels liiert – beide also bei ihrer ersten Begegnung „vergeben“ – gewesen sind, sondern weil es die jeweiligen Lebensumstände nicht zugelassen haben. Krankheiten, Drogen, Skandale und ein zeitweilen unfreies Herz Schwarzenbachs (welches für Erika Mann geschlagen hat) standen ihnen beiden im Weg.

Alexandra Lavizzari zeichnet auf sehr feinfühlige Art und Weise das Leben beider Autorinnen nach, indem sie eine Doppelbiografie schreibt, die sich sowohl mit Carson McCullers als auch mit Annemarie Schwarzenbach als Einzelpersonen befasst, aber auch genügend Raum für die Liebe der beiden, die eigentlich keine „richtige“ ist, lässt. McCullers und Schwarzenbach sind an sich grundverschieden, aber doch gleich – gerade darin liegt der Zauber ihrer Anziehungskraft. Lavizzari berichtet von den unterschiedlichen Schicksalen beider, von der Schlüsselfigur Erika Manns, der Krankheit McCullers (die aber auch dem Alkohol nicht abgeneigt gewesen ist) und der Drogensucht Schwarzenbachs, ihrer Seelenverwandtschaft zueinander, ihrem stetigen Streben nach Liebe und Anerkennung, die beide zugleich wieder abstoßen und ihrem schriftstellerischen Wirken, welches sie gegenseitig bewundert haben. Es ist eine tragische, aber auch eine schöne Geschichte, die Lavizzari äußerst gelungen erzählt, ohne dabei wertend zu sein (was nicht immer einfach ist) und die leicht federnd in einem nachhallt.

Ich bin erst mit diesem Buch auf den Verlag „ebersbach & simon“ aufmerksam geworden, aber schon jetzt sehr begeistert. Im Fokus des Verlages stehen Bücher und Kalender von und über außergewöhnliche Frauen, die allesamt durch ihre liebevolle Aufmachung mit qualitativ hochwertigen Inhalten bestechen. Es ist ein kleiner, unabhängiger Verlag, der pro Jahr circa 20 neue Titel auf den Markt bringt, die wohl gewählt ins Programm passen. (Quelle: hier) Für mich wird es mit Sicherheit nicht das letzte Buch aus diesem Verlag gewesen sein.

Ich danke dem ebersbach & simon Verlag ganz herzlich für das Rezensionsexemplar!

ebersbach & simon Verlag – Reihe: blue notes 65 – 144 S. – ISBN: 978-3-86915-139-7

 

[Weil ich ein Leben habe] #6

Die Sache mit den Nebenwirkungen – oder: Warum bin ich so müde, so müde, so müde?

Nie bin ich so häufig wie in den letzten zwei Jahren gefragt worden: Na, müde? Und nie bin ich so häufig an den unmöglichsten und unpassendsten Stellen eingeschlafen wie in diesem Zeitraum. Ich schlafe in Zügen, im Auto, in Straßenbahnen, im Bus, auf dem Sofa, in der Badewanne, manchmal im Sitzen, ab und zu auch im Stehen, am häufigsten aber doch – zum Glück – im Bett ein. Filme und Serien zu schauen ist für mich zu einer Herausforderung geworden, denn ich schaffe es einfach nicht, bis zum Schluss wach zu bleiben. Selbst bei der spannendsten Folge ‚Game of Thrones‘ fallen mir einfach die Augen zu und wenn ich dann versuche NICHT einzuschlafen, ist das so anstrengend, dass ich mich eigentlich nur noch darauf konzentriere – de facto also nichts mehr von Film oder Serie mitbekomme. Bücher fallen mir auf die Nase oder auf den Boden. Entweder trage ich Kratzer davon oder das Buch, aber einen trifft es immer. Lesen kann ich also fast nur noch in unbequemer Position, wenn ich nicht will, dass mir nach einem Satz die Augen zufallen. (Man hat mir schon nahegelegt, meine Augen mit Streichhölzern aufzuhalten. Ich schwöre, ich würde mit offenen Augen schlafen!) Ja, ihr sagt jetzt bestimmt: Ach, das kenne ich auch. Abends schlafe ich permanent vor dem Fernseher ein und morgens oder nach der Arbeit gerne mal im Zug. Richtig, das glaube ich euch, aber es ist eine andere Art von Müdigkeit, die mich plagt. Meine Müdigkeit ist beinahe schon komatös. Ich kenne den Unterschied zwischen müde sein, weil der Tag lang oder die Nacht kurz war und kräftezehrend totalausfallartig müde sein, obwohl man eigentlich nicht viel gemacht hat. Jeder Gang an die Arbeit – und sei es nur für ein paar wenige Stunden: anstrengend. Ja, sogar jede kleine Besorgung im Supermarkt um die Ecke: anstrengend. Man fühlt sich als würde man ständig einen Marathon laufen, nur eben ohne Marathon. Und ohne laufen.

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Ich habe mich dann gefragt: Eh, ja, bleibt das jetzt so? Denn es ist nicht das erste Mal, dass ich mich so fühle.  Als Kind habe ich in der Schule Schlangenlinien gemalt, weil ich während des Unterrichts einfach eingenickt bin und auch aus der Uni kenne ich solche Zeiten. (Das Wiederherstellen meiner Mitschriften wurde zum munteren Rätselraten.) Mein Körper kann einfach aus verschiedenen Gründen nicht so viel leisten wie andere, braucht mehr Ruhe, mehr Schlaf. Logisch, wenn man bedenkt, dass bei einer Autoimmunerkrankung der eigene Körper der Endgegner ist. Innerlich also permanent Kämpfe ausgetragen werden, die man selbst zwar spürt (Entzündungen in all ihren Formen und Farben), so aber für kaum jemanden auf Anhieb als solche zu erkennen sind. Und dann kommt da noch eine weitere Sache erschwerend hinzu: Nebenwirkungen. Nebenwirkungen nicht nur im einfachen Sinn als Nebenwirkung der Grunderkrankung, sondern auch als Nebenwirkung von Medikamenten, die die eigentliche Erkrankung bekämpfen, abschwächen oder zumindest das Leben damit etwas erträglicher machen sollen. Es gibt keine – und ich betone es – KEINE Medikamente ohne Nebenwirkungen. Auch keine pflanzliche Medizin. (Selbst wenn das gerne so dargestellt wird.) Alles, was man dem Körper in irgendeiner Form gibt, wird verwertet, so hat dies logischerweise Konsequenzen. Es kommt natürlich immer darauf an, was man nimmt (oder nehmen muss, weil man auch nicht wirklich eine große Wahl hat), wie viel man nimmt, wie lange man etwas nimmt und wie der Körper so darauf reagiert, denn: jeder ist anders. Es gibt Menschen, die spüren kaum Nebenwirkungen. Es gibt Menschen, die spüren sehr viele Nebenwirkungen. Das ist einfach so. Leider werden Nebenwirkungen im einfachen wie im doppelten Sinn gerne mal unter den Teppich gekehrt. Sowohl von medizinischer Seite als auch im eigenen Umfeld. Mal solle sich nicht so anstellen. Das sei schon nicht so schlimm. Und beim Beispiel Müdigkeit: Jeder sei mal müde. Dazu kann ich nur sagen, wer selbst noch nie in der Form Krankheit oder Nebenwirkungen gespürt hat, der kann es nicht nachempfinden. Selbst, wenn man es versucht. Das meine ich nicht böse, es ist einfach so. Erst kürzlich sagte mir ein Arzt, dass die Nebenwirkungen ja nachlassen würden, je länger man ein Medikament nehmen würde. (Im Sinne von, dann ist doch alles nur noch halb so wild.)

Das ist ja alles schön und gut. Ja, Medikamente können mit der Zeit sowohl ihre Wirkung als auch ihre Nebenwirkung verlieren, viel häufiger aber nur ihre Wirkung. Nebenwirkungen bleiben, zwar vielleicht abgeschwächt, aber sie bleiben und häufig entwickelt sich daraus sogar eine neue, eigenständige Erkrankung wie z.B. Asthma, chronische Magen-Darmbeschwerden oder, oder, oder. Häufig wird argumentiert, dass man dies in Kauf nehmen müsse. Das sei nun mal so. Hmm, ja, das mag sein, aber das macht es nicht gleich weniger unangenehm, oder? Das ist nämlich der Punkt. Nebenwirkungen sind immer lebenseinschränkend, auch, wenn man keine Alternative hat.

Im Falle meiner desaströsen Müdigkeit verhält es sich nun folgendermaßen: Ich bin SO müde, dass ich kaum noch ein Sozialleben habe. Das tut weh. Ich verbarrikadiere mich nicht zuhause, nein, aber wenn man schwach und müde und fertig ist, hat man auf einer Party keinen Spaß. (Zumal ja noch die eigentliche Erkrankung hinzukommt, die eh schon alles erschwert. Oder habt ihr schon mal mit einem dicken entzündeten Fuß getanzt? Oder mit einem Körper, der sich vor Muskelzuckungen und Tremor schüttelt? Das fetzt nur bedingt.) Ja, noch nicht mal im Kino. Alles wird doppelt und dreifach anstrengend und irgendwann stellt man sich dann gänzlich in Frage. Bin ich eigentlich noch halbwegs menschlich oder doch schon ein kleines Alien?

PS: Versteht mich nicht falsch, ich komme damit klar, aber nur weil ich mich damit abfinden muss z.B. einfach mal wochenlang komatös müde zu sein, heißt es noch lange nicht, dass es okay ist, oder? Chronisch krank zu sein, also dauerhaft Beschwerden zu haben inkl. Nebenwirkungen im einfachen wie im doppelten Sinn bedeutet nicht, dass man diese weniger spürt, man gewöhnt sich nur daran, weil man es muss. Das macht es aber nicht weniger schlimm. Punkt. Aus.

 

[Rezension] „From Hopper to Rothko. America’s Road to Modern Art“ |Dr. Ortrud Westheider (Hrsg.), Michael Philipp (Hrsg.)

Es ist mal wieder an der Zeit für ein wenig Kunst hier auf dem Blog, oder? „From Hopper to Rothko. America’s Road to Modern Art“ aus dem Prestel Verlag widmet sich amerikanischer moderner Kunst (klingt irgendwie merkwürdig auf Deutsch, also besser: American Modern Art) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die erstaunlicherweise noch relativ unbekannt in Europa ist. Klar, von Edward Hopper und Mark Rothko hat man sicher schon mal irgendwann etwas gehört, aber was ist zum Beispiel mit Milton Avery, Marsden Hartley, Georgia O’Keeffe oder John Sloan?

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Dem Kunstsammler und Mäzen Duncan Phillips ist es zu verdanken, dass 1921 das erste Museum für Moderne Kunst in den USA eröffnet werden konnte (noch vor dem allseits bekannten Museum of Modern Art in 1929). Nämlich in seinem eigenen Haus. Später wird das gesamte Wohnhaus zum Museum werden und als solches (meines Wissens nach) auch heute noch dienen. Die Sammlung der sogenannten „Phillips Collection“ beherbergt und verdeutlicht die Entwicklung der amerikanischen Malerei der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mittels drei dominierender Themengebiete: Landschaften, Portraits und Stadtbilder. Aktuell kooperiert die Phillips Collection mit dem Museum Barberini Potsdam und zeigt vom 17. Juni bis 03. Oktober 2017 ausgewählte Werke. Wer sich diese (wie ich) leider nicht persönlich anschauen kann, der freut sich vielleicht über das thematisch begleitende Buch hierzu.

In „From Hopper to Rothko. America’s Road to Modern Art“ findet sich neben bebilderten Essays von Susan Behrends Frank, Miriam Häßler, Alexia Pooth, Susanne Scharf, Corinna Thierolf, Ortrud Westheider und Sylvia Yount allerhand Wissenswertes über Duncan Phillips und die Phillips Collection sowie je kurze Künstlerbiografien zu den einzeln genannten Künstlern am Ende des Bandes. Die Essays behandeln chronologisch die Entwicklung und Veränderung der American Modern Art von Anfang des 20. Jahrhunderts bis nach dem 2. Weltkrieg. Von Portrait-Malerei, über den Einfluss des Impressionismus aus Frankreich, die Werke Marsden Hartleys, der psychologisch-innerlichen Städtebetrachtung Edward Hoppers, die abstrakten Landschaftsbilder Arthur Doves und Georgia O’Keeffes bis hin zur abstrakten Malerei z.B. Mark Rothkos (und mehr!). Ausstellung und Buch zeigen nicht nur die verschiedenen Künstler und Kunstwerke, sondern vielmehr noch auch eine gesellschaftliche, kulturelle und künstlerische Entwicklung Amerikas.

Alle Essays sowie Vorwort und bibliographische Angaben sind auf Englisch verfasst. Es sollte aber sprachlich aufgrund der vielen Bildbeispiele kaum ein Problem geben. Inhaltlich sind die Essays knapp und nüchtern, aber gut verständlich und sinnvoll aufgebaut verfasst. Genau deswegen finde ich „From Hopper to Rothko. Americas’s Road to Modern Art“ äußerst gelungen. Ob nun aus Interesse an American Modern Art bis 1945 oder als Ausstellungskatalog ist dieser Band nicht nur ansehens- sondern vor allem auch lesenswert und informativ!

Prestel Verlag | 248 S. | 219 farbige Abbildungen | ISBN: 978-3-7913-5693-8

Kleines Plädoyer gegen Neid, Missgunst und Wettbewerbsdruck

Ich bin kein Freund von Wettbewerben. In Wettbewerben muss man sich vergleichen. Wenn man sich vergleicht, fängt man automatisch an, darüber nachzudenken, wer oder was besser und wer oder was schlechter ist. Das alleine ist schon eine Sache, die mir gegen den Strich geht, (weil jeder seine eigenen Stärken und Schwächen hat), aber noch schlimmer finde ich das Resultat daraus: Neid und Missgunst. Natürlich bin ich nicht strikt gegen Wettbewerbe und Ehrungen. Manche Dinge und Menschen haben es schlichtweg einfach verdient, mehr Anerkennung für ihr Können und ihre Leistung zu erhalten. Doch leider schwingt auch immer irgendwo dieser Neid mit, der zwar menschlich, aber doch so falsch ist.

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Mit 6 oder 7 Jahren gewann ich meinen ersten und einzigen Goldpokal – und das völlig „unabsichtlich“ im Sinne von: ich hatte keine Ahnung, dass es ein Wettbewerb war. Einmal im Jahr in der ersten Sommerferienwoche fanden bei uns die „Ferienspiele“ statt. Eine Woche Bespaßung für Grundschulkinder mit kleinen Ausflügen und Verpflegung, u.a. Schwimmbadbesuche oder Fahrten an den See, ein Aktionstag bei der hiesigen Feuerwehr oder des Countryclubs (ja, ich weiß, wie das klingt, aber es war toll!), bei schlechtem Wetter ging es auch mal ins Kino und und und. Das Highlight und gleichzeitig das Ende der Ferienspiele bildete der Freitag mit Minigolfen und anschließendem Camping. Was ich damals noch nicht wusste: das Minigolfen (später auch Kegeln) sollte bewertet werden. Je nach Alter gab es unterschiedliche Schwierigkeitsstufen und unsere erwachsenen Aufpasser schrieben die Punkte auf, die später ausgewertet wurden. Die drei mit der höchsten Punktzahl gewannen dann einen Minigolfpokal in ihrer jeweiligen Stufe bei der abendlichen Siegerehrung. Ich hatte an dem Tag eine ganze Menge Spaß gehabt und mich sehr gefreut, dass ich viele Punkte geholt hatte, aber mir war überhaupt nicht bewusst gewesen, dass ich dafür etwas gewinnen könnte. Umso überraschter war ich nun, als ich plötzlich mit einem goldglänzenden Pokal in der Hand dastand. Für einen Moment war ich unheimlich stolz und glücklich, doch auf dem Heimweg redete meine Freundin kein Wort mehr mit mir. Anstatt sich mit mir zu freuen, war sie sauer auf mich, weil ich einen Pokal und sie lediglich eine Urkunde bekommen hatte. Und ich, ich verstand die Welt nicht mehr, versuchte zu erklären, dass ich nicht mit Absicht gewonnen hätte und sie deswegen doch nicht gleich weniger wert sei, ich hätte einfach nur Glück gehabt, aber sie hörte gar nicht richtig zu. Wir haben uns später wieder vertragen und ich weiß, dass sie das absolut nicht böse gemeint hat, sondern einfach nur traurig war, aber doch hat mich dieses Ereignis geprägt. Vor allem, weil ich nicht weiß, ob ich nicht vielleicht genauso wie sie reagiert hätte?

Heute steht der Pokal immer noch bei meinen Eltern in einer Vitrine, er sollte dort aber alleine bleiben. Ich beschloss, nie wieder etwas zu gewinnen und stand fortan Wettbewerben misstrauisch gegenüber. Sie spiegeln ganz einfach häufig nur eine Momentaufnahme wieder. Nicht mehr und nicht weniger. Ähnliches gilt für Schulnoten. (Generell ist die Schule ein einziger großer Wettbewerb.)

Ich kam in die zehnte Klasse einer Gesamtschule. Es ist die Zeit, in der sich alles für deine weitere Zukunft entscheidet. Alles ist ein einziger Kampf um gute Noten und Anerkennung. Für mich war es zum Teil sehr hart mit einer chronischen Erkrankung, irgendwie immer noch mitten in der Pubertät steckend und trotzdem darauf hinarbeitend, einen guten Abschluss zu machen. (Damit will ich nicht sagen, dass andere nicht auch ihre Probleme gehabt haben!) Mathe fiel mir dabei besonders schwer. Zahlen waren mir fremd, ich konnte mit ihnen nichts anfangen. Die Logik und das Verständnis dafür setzten sich einfach nicht in meinem Kopf fest. Egal, wie viel ich auch lernte. Unglücklicherweise hatte unsere neue Mathelehrerin da so ein System uns zu zeigen, dass wir uns mehr anstrengen müssten. Wöchentlich gab es sogenannte „Tägliche Übungen“, kurz „TÜs“. Diese TÜs bestanden aus zehn Kopfrechenaufgaben, für die wir je eine halbe Minute Zeit hatten. Das überforderte mich und es hagelte schlechte Noten. Nicht, dass das schon schlimm genug gewesen wäre. Nein, die Noten wurden laut und namentlich vor der gesamten Klasse, manchmal auch der gesamten Stufe (wenn wir mal wieder alle zusammen in der Aula Matheunterricht hatten) vorgelesen. Nach meiner ersten „ungenügend“ trotz Nachhilfe verkroch ich mich heulend in meinem Bett und wollte nie wieder in die Schule gehen. Mitschüler tuschelten offensichtlich über mich, erzählten es zuhause ihren Eltern, die wiederum nichts Besseres zu tun hatten als dies ebenso weiterzutratschen. Oh, dieses Dorf! Die schlechten Noten in Mathe wirkten sich fortwährend auf mein gesamtes (Schul-)Leben aus. Es belastete mich so sehr, dass ich in allen Fächern deutlich abrutschte und lernen für mich zur Qual wurde. Das wurde ich nie mehr los.

Um auf den Punkt zu kommen, Noten sind subjektiv. Sie sagen nur teilweise etwas über das tatsächliche Können eines jeden aus. Man „braucht“ sie, um vergleichbar zu sein. Nicht aber, um tatsächlich etwas über den Menschen aussagen zu können. Nirgends steht neben der drei in Englisch, dass man zuvor mehrere Wochen im Krankenhaus verbracht hat und dass man es trotz fehlenden Unterrichtsstoffes geschafft hat, eine einigermaßen gute Note zu erlangen, die, so gesehen eine eins wert wäre. Nirgends steht geschrieben, dass einen Mitschüler|innen gemobbt haben und dass es da natürlich schwerfällt sich zu konzentrieren, wenn man in der Pause mit dreckigen Schwämmen beworfen wird und praktisch 45 Minuten Unterrichtszeit nur daran denkt, wie man dem bestmöglichst aus dem Weg gehen kann. Nirgends steht geschrieben, dass manche Lehrer|innen dich absichtlich schlechter bewerten, weil sie der Meinung sind, dass du zu viel Zeit im Unterricht gefehlt hast und sie es nicht so aussehen lassen wollen, als würden sie dich bevorteilen. Eine Note bleibt eine Zahl bleibt ein logisch messbares Ding, gibt aber wenig Auskunft darüber, wie viel man wirklich kann.

Schlechte Noten oder das Nicht-gut-genug-sein-Gefühl, wenn man bei einem Wettbewerb nicht auf den vordersten Plätzen landet, wirken sich negativ auf das eigene Selbstwertgefühl aus. Nicht nur, weil man sich selbst Gedanken darüber macht, warum man nicht gut genug sei, sondern vor allem, weil einem andere dieses Gefühl geben. Dabei ist das so unsinnig und unnötig! Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Der eine weiß sie gekonnt einzusetzen, der andere vielleicht nicht, aber dieser permanente Leistungsgedanke da draußen, der geht mir so sehr gegen den Strich! Wir sind alle auf unsere eigene Art und Weise toll und einzigartig toll! Wir müssen aufhören, uns mit XY zu vergleichen, zu schauen, wer wie wo was macht und wenn es jemand „besser“ macht, dürfen wir nicht denken, der|die macht es besser, nein, er|sie macht es nur anders gut. Und wir müssen lernen, anderen etwas zu gönnen. Das ist wichtig! Nicht nur im „echten Leben“, sondern vor allem auch im Internet! Jeder darf machen, was ihm|ihr Spaß macht und wenn er|sie das gut kann, wieso das dann nicht auch mal sagen und anerkennen? Aus Angst, man könne dann selbst in Vergessenheit geraten? Ach was! Auch wenn ich mich wiederhole, aber jeder ist einzigartig gut. Punkt. Ausrufezeichen. Mehr braucht es nicht, um zu verstehen, dass der Mensch zählt, nicht die Note, nicht der Platz und erst recht nicht die Followerzahl.

 

[Rezension] „Sieh mich an“ | Mareike Krügel

„Sieh mich an“ ist Mareike Krügels vierter Roman und wird mit folgenden Worten vom Verlag kurz zusammengefasst: „Man kann ja nicht einfach sterben, wenn die Dinge noch ungeklärt sind. Das denkt Katharina, seit sie vor Kurzem das Etwas in ihrer Brust entdeckt hat. Niemand weiß davon, und das ist auch gut so. Denn an diesem Wochenende soll ein letztes Mal alles wie immer sein. Und so entrollt sich das Chaos eines ganz normalen Freitags vor ihr. Während sie aber einen abgetrennten Daumen versorgt, ihren brennenden Trockner löscht und sich auf den emotional nicht unbedenklichen Besuch eines Studienfreundes vorbereitet, beginnt ihr Vorsatz zu bröckeln, und sie stellt sich große Fragen: Ist alles so geworden, wie sie wollte? Ihre Musik, ihre Kinder, die Ehe mit dem in letzter Zeit viel zu abwesenden Costas? Als der Tag fast zu Ende ist, beschließt sie, endlich ihr Geheimnis mit jemandem zu teilen, den sie liebt. – Die Heldin in Mareike Krügels rasantem, klugem Roman gehört ganz sicher zu den einnehmendsten Frauengestalten in der deutschen Gegenwartsliteratur.“ (Quelle: Piper Verlag)

Ich persönlich habe bereits nach den ersten Zeilen des Verlagstextes beschlossen, dass ich das Buch lesen muss. Nein, muss möchte. Es verspricht ein ernstes, sensibles und heikles Thema in authentischen Humor zu verpacken, der ja gerade bei solchen Dingen unfassbar wichtig ist.

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Kathi ist Mama zweier Kinder, einem halberwachsenen und recht ruhigen Jungen (Alex) und einer hibbeligen, lauten, anstrengenden, aber doch äußerst sympathischen Tochter (Helli). Costas, Kathis Mann, ist aufgrund seiner Arbeit die meiste Zeit nicht Zuhause, weshalb der Alltag an Kathi hängenbleibt. Klingt jetzt nach Klischee, ist aber so humorvoll beschrieben, dass es das absolut wettmacht. Zu Beginn des Buches finden wir uns mit Kathi und Helli in deren Schule wieder. Helli hat Nasenbluten (mal wieder) und treibt damit und mit ihrer Nasenblutspur die Sekretärin in den Wahnsinn. Kathi nimmt es gelassen und ihre Tochter mit nach Hause, ihren Termin muss sie absagen, dafür aber einen Vermerk in ihrem Notizheft machen: Tampons für Helli kaufen. Nach und nach erfahren wir als Leser|in, dass sich da ein Etwas in Kathis Brust befindet. Weshalb Kathi sich eigentlich wünscht, alles bliebe so wie immer. Ihre Gedanken, Gefühle und Ängste diesbezüglich behält sie für sich und vertraut sich lediglich ihrem Notizbuch an. Wir als Leser|in erfahren durch die Ich-Erzählweise sowie Rückblenden Kathis mehr über sie, Costas und ihr gemeinsames Familienleben, all ihre Sorgen und Erlebnisse und tauchen auf diese Weise tiefer in ihre Familiengeschichte ein, die uns verstehen lässt, wieso Kathi so und nicht anders handelt – und vor allem, was sie bewegt.

Ich habe wirklich oft gelacht und mich der Familie, trotz Katastrophenmodus und manchmal doch leicht überzogener Realität sehr nahe gefühlt. Es ist so wichtig, heiklen Themen wie Krankheit und Tod, die leider allgegenwärtig sind, mit Humor zu begegnen. Man darf das Leben nicht als ein Trauerspiel begreifen, man muss sich mit Lachen und Humor den „bösen“ Dingen des Lebens entgegenstellen. Nur so wird es erträglich!

Achtung: Spoiler!

Die Rückblenden habe ich sehr gerne gelesen, wodurch wir als Leser|innen sehr viel mehr über die eigentlichen Gründe für Kathis Verhalten erfahren können und auch so manches kleine Geheimnis aufgedeckt wird. Bis zum Schluss bin ich schier begeistert gewesen, aber leider haben mir die letzten knapp 50 Seiten weniger zugesagt. Die finale Szene auf der Party empfand ich als zu an den Haaren herbeigezogen, auch wenn es perfektes Kinomaterial ist. Ebenfalls eher missfallen hat mir die Tatsache, dass Kathis Krankheit „offen bleibt“. Bis zum Schluss wird immer vom nahen Tod gesprochen, aber letztlich stellt sich heraus, dass Kathi erst noch untersucht werden muss. Da sollte man vielleicht doch etwas vorsichtig sein. Einen Knoten in der Brust zu haben heißt nicht gleich sterben zu müssen. Dass man sich angesichts eines solchen Befundes Gedanken über sein ganzes bisheriges und auch sein zukünftiges Leben macht, ist klar und absolut verständlich. Dies macht das Buch auch sehr gut deutlich, indem Kathi sich und alles in ihrem Leben hinterfragt, sich nach dem „was wäre, wenn?“ umschaut und sich ihre Kinder in Zukunft ohne sie vorstellt. Leider verpasst die Autorin es aber, hier eine Grenze zu ziehen – zwischen „ich bin tatsächlich todkrank“ und zwischen „ich befürchte, ich bin todkrank“ – und lässt so am Ende die Geschichte und vor allem Kathi etwas unglaubwürdig, zumindest aber überzogen dastehen. Vielleicht bin ich da auch aufgrund meiner eigenen Erfahrungen etwas pingelig, aber dies ist nun mal meine persönliche und subjektive Meinung und ich bitte euch, mir das nicht übel zu nehmen. Nichtsdestotrotz hat mir das Buch (abgesehen vom letzten Teil) außerordentlich gut gefallen, vor allem aufgrund des klugen Witzes, des trockenen Humors und des eingängigen Schreibstils!

Herzlichen Dank an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar!

Piper Verlag |256 S. |Hardcover mit Schutzumschlag | ISBN: 978-3-492-05855-1

 

[Rezension] „Die neunte Stadt“ | J. Patrick Black

Ich habe einen kleinen Ausflug ins Genre des Sci-Fi gewagt, oder besser gesagt in eine Dystopie: „Die neunte Stadt“ von J. Patrick Black verspricht ein aufreibendes Zukunftsszenario zu sein. Mit allem, was so dazugehört. Aliens, die die Menschheit bedrohen; ein Kampf um die Erde; geheimnisvolle Kräfte; einige wenige auserlesene Helden, die die Erde retten sollen. Das mag jetzt abgedroschen klingen und diejenigen unter euch, die generell weder Fantasy noch Science-Fiction mögen, werden vielleicht sogar mit den Augen rollen und sich denken: Was für ein Käse. Aber bitte nicht vorschnell urteilen. In den meisten Geschichten steckt sehr viel mehr drin, als man vermuten würde und auch wenn ich keine regelmäßige Sci-Fi-Leserin bin, finde ich es doch ab und zu sehr gut, darin einzutauchen und einen anderen Blickwinkel einzunehmen. (Vielleicht auch einfach nur, um der Realität zu entfliehen.)

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„Die Erde in der Zukunft: Ausgerechnet am Valentinstag wurde die Menschheit von einer unbekannten, mächtigen Alien-Spezies angegriffen. Innerhalb kürzester Zeit wurden Länder zerstört und Städte dem Erdboden gleichgemacht. Und doch waren die Menschen nicht völlig wehrlos, denn der Angriff der Aliens stattete sie mit einer Macht aus, die sie bisher ins Reich der Magie verbannt hatten. Nun, fünfhundert Jahre später, tobt der Kampf um die Erde noch immer, und das Schicksal der gesamten Menschheit ruht auf den Schultern von acht ungleichen Helden. Dies ist ihre Geschichte…“ (Verlagsbeschreibung; Quelle: hier)

Es dauert ein Weilchen, bis man wirklich in der Geschichte angekommen ist. Zunächst werden dem|der Leser|in die verschiedenen Protagonisten Jax, Naomi, Torro, Vinneas, Rae, Imway und Kizabel vorgestellt, was bei der Anzahl der Figuren natürlich einige hundert Seiten dauert. Der Autor J. Patrick Black lässt die Personen je aus der Ich-Perspektive erzählen und so aus ihrer Sicht das Geschehen schildern. Da es sich um recht unterschiedliche Charaktere mit je besonderen Eigenarten handelt, ist es als Leser|in ab und an – vor allem zu Beginn – etwas schwierig, den roten Faden des Buches zu finden bzw. der Geschichte folgen zu können. Die Story an sich nimmt so auch erst nach ca. 200 Seiten richtig an Fahrt auf. Man muss also wirklich etwas Ausdauer beweisen, sollten einem lange Personenbeschreibungen, die zwar das wieso, weshalb und warum erörtern, aber doch etwas langatmig wirken können, eher stören. Sobald man den eigentlich spannenden Teil der Geschichte erreicht hat, wird es sehr detail- und bildhaft. Black lässt eine Welt auferstehen, die nach Kinosaal und Popcorn ruft. Das ist zwar sehr gut, an manchen Stellen allerdings so viel, dass man ein wenig den Überblick verliert. Ich habe aber auch noch keinen Roman dieser Art gelesen, bei dem das nicht der Fall ist. Ein bisschen verwirrt zu sein ist wohl einfach eine normale Begleiterscheinung eines „Kampfchaos“ (egal ob Film oder Buch) – vielleicht liegt es aber auch nur an mir selbst.

„Die neunte Stadt“ beinhaltet keine noch nie dagewesene Geschichte, dafür gibt es einfach auch viel zu viel Konkurrenz, aber doch ist seine Umsetzung recht gut gelungen, sodass sich einige angenehme Lesestunden verbringen lassen. Es ist allerdings kein Buch, welches man unbedingt gelesen haben muss – und das soll gar nicht böse klingen – denn es hat definitiv noch Luft nach oben (dafür ist es auch Black’s Debütroman), aber wer Lust auf eine gute Mischung aus Dystopie, Sci-Fi und vielleicht ein bisschen Fantasy hat, der wird hier sicher fündig.

Aus dem Amerikanischen von Markus Mäurer | Heyne Verlag | 800 S. | ISBN: 978-3-453-31788-8

[Lesemonat] Juli 2017

Der Juli in Büchern war durchwachsen, aber dennoch ganz gut. Lesetechnisch gefehlt hat mir ein weiteres Sachbuch bzw. eine richtige (Auto-)biografie. Eigentlich stand Marie Curie „auf dem Plan“ (der bei mir gar nicht existent ist, aber ich hatte Lust, mehr über sie zu erfahren), bin aber leider in der hiesigen Bibliothek nicht fündig geworden – so muss das noch ein wenig warten.

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„Lily und der Oktopus“ | Steven Rowley

Ein Roman über eine große Liebe: von Mensch zu Hund; und umgekehrt. Was passiert mit einem, wenn der treueste Begleiter plötzlich krank wird, weil er einen Oktopus auf dem Kopf sitzen hat? Stellenweise tragisch-schön, manchmal aber auch ein wenig zu viel des Guten (z.B., wenn Lily in Hundesprache spricht). Ich mochte es aber dennoch gerne. Kurz: „Lily und der Oktopus“ ist ein herzerwärmendes, aber auch trauriges Buch, das vor allem durch die Skurrilität und den Fantasiereichtum des Autors lebt. Es ist ein fluffiges und zugleich nicht fluffiges Buch. Für Fans von „Das Rosie-Projekt“ und schweren Themen, die schön und leicht locker verpackt sind, eine klare Empfehlung!

„Magonia“ | Maria D. Headley

Ein Jugendbuch, das besonders sein soll. Magisch wunderbar, zum der Realität entschwinden. Leider konnte mich „Magonia“ nicht ganz überzeugen, da ich weder mit der Protagonistin, noch mit der Geschichte warmgeworden bin. Vielleicht falle ich auch einfach nur nicht in die Zielgruppe, aber ich hatte mich auf eine magische Geschichte gefreut, die mich letzten Endes überhaupt nicht fesseln konnte. Dafür haben mir die Sprachspielereien der Autorin sehr gefallen. Bitte mehr davon und weniger patzige Protagonistin beim nächsten Mal!

„Giacinta“ | Luigi Capuana

Ein Klassiker wird neu entdeckt. „Giacinta“ besticht durch seine herrliche Sprache, die elegant kühl und gleichzeitig wohlig wärmend ist sowie durch seine Protagonistin Giacinta Marulli. Eine eigenwillige, zielstrebige, moderne Frau, die sich durch nichts so leicht unterkriegen lässt – so scheint es. In ihrem Inneren brodelt es. „Giacinta“ ist ein Roman, der es inhaltlich wie sprachlich sehr gut mit den geläufigen Klassikern zum Thema „dramatisches Frauenschicksal“ (klingt blöd, aber in meiner Rezension könnt ihr nachlesen, was ich meine) aufnehmen kann: „Anna Karenina“, „Madame Bovary“, „Effi Briest“. Sehr lesenswert!

„The Hate U Give“ | Angie Thomas

DAS Buch der Stunde. Angie Thomas trifft mit „THUG“ mitten ins Herz der Leser|innen und des politischen wie gesellschaftlichen Geschehens. „The Hate U Give“ ist sicherlich auf mehreren Ebenen ein wichtiges Buch. Nicht nur, weil es Rassismus und Polizeigewalt thematisiert, sondern auch, weil es sehr lebensecht und (nicht nur) für Jugendliche nachvollziehbar geschrieben ist. Ein paar Stellen empfand ich als „zu glatt“ und auch manchmal als etwas zu „kindlich“ bzw. „jugendlich“, aber das ist Kritik auf hohem Niveau. Ich halte dieses Buch für sehr, sehr lesenswert, wenn ihr mögt, dann am besten sogar im Original.

„Exit West“ | Mohsin Hamid

Dieser Roman erscheint erst im August (genauer: am 22.08.2017), daher kann ich noch nicht allzu viele Worte darüber verlieren. Es ist ein gutes, ein wichtiges, ein politisches Buch, das zum Nachdenken anregt. Mich konnte es – mit Abstrichen – überzeugen.

„Too Much and Not the Mood“ | Durga Chew-Bose

Essays, mitten aus dem Leben gegriffen – fürs Herz, die ans Herz gehen. Mehr brauche ich eigentlich nicht dazu zu schreiben. Ihr werdet euch beim Lesen auf jeden Fall das ein oder andere Mal wiederfinden und vielleicht sogar manche Dinge mit anderen Augen sehen. Absolut empfehlenswert!

„Livealbum“ – Benjamin v. Stuckrad-Barre

Der (wenn ich mich jetzt nicht täusche) zweite Roman von Stuckrad-Barre. Hier begleiten wir ihn auf Lesereise. Gewohnt schlagfertig werden hier das Umfeld und so auch die Gesellschaft (aber auch Stuckrad-Barre selbst) gekonnt analysiert und aufs Korn genommen, sprachlich eine Wohltat. Ich mags. Sehr!

 

[Rezension] „The Hate U Give“ | Angie Thomas

Über kein anderes Buch wurde in der letzten Zeit so viel, so oft, so positiv gesprochen wie über „The Hate U Give“ von Angie Thomas. Im englischsprachigen Raum ist „THUG“ begeistert von Kritikern und Lesern aufgenommen worden und landete prompt auf Platz 1 der New York Times-Bestsellerliste. Kein Wunder, denn das Buch behandelt zwei enorm wichtige Grundthematiken bzw. -probleme: Rassismus und Erwachsenwerden in einer solchen, von Rassismus und willkürlicher Polizeigewalt durchdrungenen Welt.

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Starr ist 16 und lebt mit ihrer Familie in Garden Heights, dem ‚schwarzen Viertel‘. Als einzige Farbige besucht sie die Williamson Prep, eine ‚weiße Privatschule‘. Hier prallen zwei Welten aufeinander, auch wenn Starr versucht, beide strikt zu trennen. Zu Hause ist sie die Starr, die ihrem Vater im Laden aushilft, die sich mit ihren Eltern, ihren Geschwistern über Belanglosigkeiten streitet, die aber auch miterlebt, was Drogen, Armut und Perspektivlosigkeit aus Menschen machen können und wie es sich anfühlt, als Farbige in einem von weißer Überheblichkeit dominierten Land zu leben. In der Schule versucht Starr ihre Erlebnisse abzuschütteln, so „normal“ und unauffällig wie möglich zu sein, auch wenn sie immer einen besonderen Status innehat. Spätestens nachdem ihr bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, geraten beide Welten Starrs aus den Fugen. Khalil wird in den Medien als Gangmitglied dargestellt, sein Tod als unvermeidbare Notwehr deklariert, doch Starr weiß es als einzige Zeugin besser. Wie soll sie weiterleben mit diesen Bildern vor Augen, die eine ganz andere, aber reale, Geschichte erzählen? Wie soll sie weiteratmen, mit dieser Ungerechtigkeit im Herzen? Egal, ob Starr sich der Öffentlichkeit mit der Wahrheit entgegenstellt oder nicht, beide Wege werden Konsequenzen für sie, ihre Familie und ihr Viertel haben…

„The Hate U Give“ ist sicherlich auf mehreren Ebenen ein wichtiges Buch. Nicht nur, weil es Rassismus und Polizeigewalt thematisiert, sondern auch, weil es sehr lebensecht und (nicht nur) für Jugendliche nachvollziehbar geschrieben ist. Gleich zu Beginn wird man als Leser|in in diese Starr-Welt hineingesogen und pendelt zwischen anhaltender Spannung und mehr oder weniger normalem Teenagergehabe hin und her. Die Autorin versucht alltägliche Probleme eines Teenagers (Liebeskummer, Ärger mit den Eltern, Geschwistern, an der Schule, die Frage nach dem wer bin ich und wer will ich sein?) mit dem tagtäglichen Rassismus, dem die Protagonistin begegnet, in Einklang zu bringen – und das gelingt ihr außerordentlich gut. Angie Thomas schreibt eingängig, nutzt Slangwörter und kreiert so eine sehr authentische, wenn auch an manchen Stellen minimal überzogene, Geschichte, die sicher im Original noch etwas besser klingt (in der Übersetzung ist es manchmal doch etwas befremdlich, wenn plötzlich vom „Boyfriend“ gesprochen wird). Die Gespräche zwischen Heranwachsenden und Erwachsenen laufen zwar auch hier nach einem recht bekannten Schema ab (belehrend, aber liebevoll) und manche Dialoge kann man sich im Vorfeld bereits ausmalen, aber das hat mich so nicht weiter gestört. Dafür ist es eben ein Jugendbuch und ohne solche Dialoge würde das Buch irgendwie auch ein wenig am Thema vorbeischlittern. (Soll heißen, wenn ich als Erwachsene ein Jugendbuch lese, muss ich damit rechnen, solche Gespräche vorzufinden, das gehört eben einfach dazu und ist total in Ordnung.) Starr, Starrs Familie und Freunde und ihre beiden Welten wachsen einem während des Lesens zunehmend ans Herz, man fiebert mit, man lernt mit, man wird zusammen (noch mal) groß und ist ab und an erstaunt, ob der Ungerechtigkeit, die tatsächlich so auch existiert. Leider.

Ich habe das Buch sehr, sehr gerne gelesen, wenn ich auch ein paar Stellen für etwas zu glattgeschliffen halte. Klar, das muss man als Autor|in machen, damit eine Geschichte passt, damit sie spannend wird und bleibt, damit man als Leser|in mitfiebern kann, deshalb ist es auch eine Kritik auf hohem Niveau, welche ich dennoch erwähnen möchte, da es mir eben das ein oder andere Mal aufgefallen ist und mich doch teils etwas gestört hat. (Details kann ich, ohne zu spoilern, nicht erwähnen!) „The Hate U Give“ kommt mit ganz viel Liebe und Herz daher und macht deutlich, wie wichtig Zusammenhalt und Familie sind und wie wichtig es ist, über Themen nachzudenken, zu schreiben, sie öffentlich zu machen, über die man sonst zwar auch oft spricht, aber doch irgendwie nur beiläufig. Daher: Lest bitte dieses Buch, ihr werdet es bestimmt nicht bereuen! Und, ein netter Nebeneffekt: Ganz plötzlich habt ihr wieder Lust „Der Prinz von Bel-Air“ zu schauen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner | cbt Verlag | 512 S. | ISBN: 978-3-570-16482-2