[Rezension] „The Hate U Give“ | Angie Thomas

Über kein anderes Buch wurde in der letzten Zeit so viel, so oft, so positiv gesprochen wie über „The Hate U Give“ von Angie Thomas. Im englischsprachigen Raum ist „THUG“ begeistert von Kritikern und Lesern aufgenommen worden und landete prompt auf Platz 1 der New York Times-Bestsellerliste. Kein Wunder, denn das Buch behandelt zwei enorm wichtige Grundthematiken bzw. -probleme: Rassismus und Erwachsenwerden in einer solchen, von Rassismus und willkürlicher Polizeigewalt durchdrungenen Welt.

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Starr ist 16 und lebt mit ihrer Familie in Garden Heights, dem ‚schwarzen Viertel‘. Als einzige Farbige besucht sie die Williamson Prep, eine ‚weiße Privatschule‘. Hier prallen zwei Welten aufeinander, auch wenn Starr versucht, beide strikt zu trennen. Zu Hause ist sie die Starr, die ihrem Vater im Laden aushilft, die sich mit ihren Eltern, ihren Geschwistern über Belanglosigkeiten streitet, die aber auch miterlebt, was Drogen, Armut und Perspektivlosigkeit aus Menschen machen können und wie es sich anfühlt, als Farbige in einem von weißer Überheblichkeit dominierten Land zu leben. In der Schule versucht Starr ihre Erlebnisse abzuschütteln, so „normal“ und unauffällig wie möglich zu sein, auch wenn sie immer einen besonderen Status innehat. Spätestens nachdem ihr bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, geraten beide Welten Starrs aus den Fugen. Khalil wird in den Medien als Gangmitglied dargestellt, sein Tod als unvermeidbare Notwehr deklariert, doch Starr weiß es als einzige Zeugin besser. Wie soll sie weiterleben mit diesen Bildern vor Augen, die eine ganz andere, aber reale, Geschichte erzählen? Wie soll sie weiteratmen, mit dieser Ungerechtigkeit im Herzen? Egal, ob Starr sich der Öffentlichkeit mit der Wahrheit entgegenstellt oder nicht, beide Wege werden Konsequenzen für sie, ihre Familie und ihr Viertel haben…

„The Hate U Give“ ist sicherlich auf mehreren Ebenen ein wichtiges Buch. Nicht nur, weil es Rassismus und Polizeigewalt thematisiert, sondern auch, weil es sehr lebensecht und (nicht nur) für Jugendliche nachvollziehbar geschrieben ist. Gleich zu Beginn wird man als Leser|in in diese Starr-Welt hineingesogen und pendelt zwischen anhaltender Spannung und mehr oder weniger normalem Teenagergehabe hin und her. Die Autorin versucht alltägliche Probleme eines Teenagers (Liebeskummer, Ärger mit den Eltern, Geschwistern, an der Schule, die Frage nach dem wer bin ich und wer will ich sein?) mit dem tagtäglichen Rassismus, dem die Protagonistin begegnet, in Einklang zu bringen – und das gelingt ihr außerordentlich gut. Angie Thomas schreibt eingängig, nutzt Slangwörter und kreiert so eine sehr authentische, wenn auch an manchen Stellen minimal überzogene, Geschichte, die sicher im Original noch etwas besser klingt (in der Übersetzung ist es manchmal doch etwas befremdlich, wenn plötzlich vom „Boyfriend“ gesprochen wird). Die Gespräche zwischen Heranwachsenden und Erwachsenen laufen zwar auch hier nach einem recht bekannten Schema ab (belehrend, aber liebevoll) und manche Dialoge kann man sich im Vorfeld bereits ausmalen, aber das hat mich so nicht weiter gestört. Dafür ist es eben ein Jugendbuch und ohne solche Dialoge würde das Buch irgendwie auch ein wenig am Thema vorbeischlittern. (Soll heißen, wenn ich als Erwachsene ein Jugendbuch lese, muss ich damit rechnen, solche Gespräche vorzufinden, das gehört eben einfach dazu und ist total in Ordnung.) Starr, Starrs Familie und Freunde und ihre beiden Welten wachsen einem während des Lesens zunehmend ans Herz, man fiebert mit, man lernt mit, man wird zusammen (noch mal) groß und ist ab und an erstaunt, ob der Ungerechtigkeit, die tatsächlich so auch existiert. Leider.

Ich habe das Buch sehr, sehr gerne gelesen, wenn ich auch ein paar Stellen für etwas zu glattgeschliffen halte. Klar, das muss man als Autor|in machen, damit eine Geschichte passt, damit sie spannend wird und bleibt, damit man als Leser|in mitfiebern kann, deshalb ist es auch eine Kritik auf hohem Niveau, welche ich dennoch erwähnen möchte, da es mir eben das ein oder andere Mal aufgefallen ist und mich doch teils etwas gestört hat. (Details kann ich, ohne zu spoilern, nicht erwähnen!) „The Hate U Give“ kommt mit ganz viel Liebe und Herz daher und macht deutlich, wie wichtig Zusammenhalt und Familie sind und wie wichtig es ist, über Themen nachzudenken, zu schreiben, sie öffentlich zu machen, über die man sonst zwar auch oft spricht, aber doch irgendwie nur beiläufig. Daher: Lest bitte dieses Buch, ihr werdet es bestimmt nicht bereuen! Und, ein netter Nebeneffekt: Ganz plötzlich habt ihr wieder Lust „Der Prinz von Bel-Air“ zu schauen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner | cbt Verlag | 512 S. | ISBN: 978-3-570-16482-2