[Rezension] „Sieh mich an“ | Mareike Krügel

„Sieh mich an“ ist Mareike Krügels vierter Roman und wird mit folgenden Worten vom Verlag kurz zusammengefasst: „Man kann ja nicht einfach sterben, wenn die Dinge noch ungeklärt sind. Das denkt Katharina, seit sie vor Kurzem das Etwas in ihrer Brust entdeckt hat. Niemand weiß davon, und das ist auch gut so. Denn an diesem Wochenende soll ein letztes Mal alles wie immer sein. Und so entrollt sich das Chaos eines ganz normalen Freitags vor ihr. Während sie aber einen abgetrennten Daumen versorgt, ihren brennenden Trockner löscht und sich auf den emotional nicht unbedenklichen Besuch eines Studienfreundes vorbereitet, beginnt ihr Vorsatz zu bröckeln, und sie stellt sich große Fragen: Ist alles so geworden, wie sie wollte? Ihre Musik, ihre Kinder, die Ehe mit dem in letzter Zeit viel zu abwesenden Costas? Als der Tag fast zu Ende ist, beschließt sie, endlich ihr Geheimnis mit jemandem zu teilen, den sie liebt. – Die Heldin in Mareike Krügels rasantem, klugem Roman gehört ganz sicher zu den einnehmendsten Frauengestalten in der deutschen Gegenwartsliteratur.“ (Quelle: Piper Verlag)

Ich persönlich habe bereits nach den ersten Zeilen des Verlagstextes beschlossen, dass ich das Buch lesen muss. Nein, muss möchte. Es verspricht ein ernstes, sensibles und heikles Thema in authentischen Humor zu verpacken, der ja gerade bei solchen Dingen unfassbar wichtig ist.

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Kathi ist Mama zweier Kinder, einem halberwachsenen und recht ruhigen Jungen (Alex) und einer hibbeligen, lauten, anstrengenden, aber doch äußerst sympathischen Tochter (Helli). Costas, Kathis Mann, ist aufgrund seiner Arbeit die meiste Zeit nicht Zuhause, weshalb der Alltag an Kathi hängenbleibt. Klingt jetzt nach Klischee, ist aber so humorvoll beschrieben, dass es das absolut wettmacht. Zu Beginn des Buches finden wir uns mit Kathi und Helli in deren Schule wieder. Helli hat Nasenbluten (mal wieder) und treibt damit und mit ihrer Nasenblutspur die Sekretärin in den Wahnsinn. Kathi nimmt es gelassen und ihre Tochter mit nach Hause, ihren Termin muss sie absagen, dafür aber einen Vermerk in ihrem Notizheft machen: Tampons für Helli kaufen. Nach und nach erfahren wir als Leser|in, dass sich da ein Etwas in Kathis Brust befindet. Weshalb Kathi sich eigentlich wünscht, alles bliebe so wie immer. Ihre Gedanken, Gefühle und Ängste diesbezüglich behält sie für sich und vertraut sich lediglich ihrem Notizbuch an. Wir als Leser|in erfahren durch die Ich-Erzählweise sowie Rückblenden Kathis mehr über sie, Costas und ihr gemeinsames Familienleben, all ihre Sorgen und Erlebnisse und tauchen auf diese Weise tiefer in ihre Familiengeschichte ein, die uns verstehen lässt, wieso Kathi so und nicht anders handelt – und vor allem, was sie bewegt.

Ich habe wirklich oft gelacht und mich der Familie, trotz Katastrophenmodus und manchmal doch leicht überzogener Realität sehr nahe gefühlt. Es ist so wichtig, heiklen Themen wie Krankheit und Tod, die leider allgegenwärtig sind, mit Humor zu begegnen. Man darf das Leben nicht als ein Trauerspiel begreifen, man muss sich mit Lachen und Humor den „bösen“ Dingen des Lebens entgegenstellen. Nur so wird es erträglich!

Achtung: Spoiler!

Die Rückblenden habe ich sehr gerne gelesen, wodurch wir als Leser|innen sehr viel mehr über die eigentlichen Gründe für Kathis Verhalten erfahren können und auch so manches kleine Geheimnis aufgedeckt wird. Bis zum Schluss bin ich schier begeistert gewesen, aber leider haben mir die letzten knapp 50 Seiten weniger zugesagt. Die finale Szene auf der Party empfand ich als zu an den Haaren herbeigezogen, auch wenn es perfektes Kinomaterial ist. Ebenfalls eher missfallen hat mir die Tatsache, dass Kathis Krankheit „offen bleibt“. Bis zum Schluss wird immer vom nahen Tod gesprochen, aber letztlich stellt sich heraus, dass Kathi erst noch untersucht werden muss. Da sollte man vielleicht doch etwas vorsichtig sein. Einen Knoten in der Brust zu haben heißt nicht gleich sterben zu müssen. Dass man sich angesichts eines solchen Befundes Gedanken über sein ganzes bisheriges und auch sein zukünftiges Leben macht, ist klar und absolut verständlich. Dies macht das Buch auch sehr gut deutlich, indem Kathi sich und alles in ihrem Leben hinterfragt, sich nach dem „was wäre, wenn?“ umschaut und sich ihre Kinder in Zukunft ohne sie vorstellt. Leider verpasst die Autorin es aber, hier eine Grenze zu ziehen – zwischen „ich bin tatsächlich todkrank“ und zwischen „ich befürchte, ich bin todkrank“ – und lässt so am Ende die Geschichte und vor allem Kathi etwas unglaubwürdig, zumindest aber überzogen dastehen. Vielleicht bin ich da auch aufgrund meiner eigenen Erfahrungen etwas pingelig, aber dies ist nun mal meine persönliche und subjektive Meinung und ich bitte euch, mir das nicht übel zu nehmen. Nichtsdestotrotz hat mir das Buch (abgesehen vom letzten Teil) außerordentlich gut gefallen, vor allem aufgrund des klugen Witzes, des trockenen Humors und des eingängigen Schreibstils!

Herzlichen Dank an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar!

Piper Verlag |256 S. |Hardcover mit Schutzumschlag | ISBN: 978-3-492-05855-1

 

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