Kleines Plädoyer gegen Neid, Missgunst und Wettbewerbsdruck

Ich bin kein Freund von Wettbewerben. In Wettbewerben muss man sich vergleichen. Wenn man sich vergleicht, fängt man automatisch an, darüber nachzudenken, wer oder was besser und wer oder was schlechter ist. Das alleine ist schon eine Sache, die mir gegen den Strich geht, (weil jeder seine eigenen Stärken und Schwächen hat), aber noch schlimmer finde ich das Resultat daraus: Neid und Missgunst. Natürlich bin ich nicht strikt gegen Wettbewerbe und Ehrungen. Manche Dinge und Menschen haben es schlichtweg einfach verdient, mehr Anerkennung für ihr Können und ihre Leistung zu erhalten. Doch leider schwingt auch immer irgendwo dieser Neid mit, der zwar menschlich, aber doch so falsch ist.

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Mit 6 oder 7 Jahren gewann ich meinen ersten und einzigen Goldpokal – und das völlig „unabsichtlich“ im Sinne von: ich hatte keine Ahnung, dass es ein Wettbewerb war. Einmal im Jahr in der ersten Sommerferienwoche fanden bei uns die „Ferienspiele“ statt. Eine Woche Bespaßung für Grundschulkinder mit kleinen Ausflügen und Verpflegung, u.a. Schwimmbadbesuche oder Fahrten an den See, ein Aktionstag bei der hiesigen Feuerwehr oder des Countryclubs (ja, ich weiß, wie das klingt, aber es war toll!), bei schlechtem Wetter ging es auch mal ins Kino und und und. Das Highlight und gleichzeitig das Ende der Ferienspiele bildete der Freitag mit Minigolfen und anschließendem Camping. Was ich damals noch nicht wusste: das Minigolfen (später auch Kegeln) sollte bewertet werden. Je nach Alter gab es unterschiedliche Schwierigkeitsstufen und unsere erwachsenen Aufpasser schrieben die Punkte auf, die später ausgewertet wurden. Die drei mit der höchsten Punktzahl gewannen dann einen Minigolfpokal in ihrer jeweiligen Stufe bei der abendlichen Siegerehrung. Ich hatte an dem Tag eine ganze Menge Spaß gehabt und mich sehr gefreut, dass ich viele Punkte geholt hatte, aber mir war überhaupt nicht bewusst gewesen, dass ich dafür etwas gewinnen könnte. Umso überraschter war ich nun, als ich plötzlich mit einem goldglänzenden Pokal in der Hand dastand. Für einen Moment war ich unheimlich stolz und glücklich, doch auf dem Heimweg redete meine Freundin kein Wort mehr mit mir. Anstatt sich mit mir zu freuen, war sie sauer auf mich, weil ich einen Pokal und sie lediglich eine Urkunde bekommen hatte. Und ich, ich verstand die Welt nicht mehr, versuchte zu erklären, dass ich nicht mit Absicht gewonnen hätte und sie deswegen doch nicht gleich weniger wert sei, ich hätte einfach nur Glück gehabt, aber sie hörte gar nicht richtig zu. Wir haben uns später wieder vertragen und ich weiß, dass sie das absolut nicht böse gemeint hat, sondern einfach nur traurig war, aber doch hat mich dieses Ereignis geprägt. Vor allem, weil ich nicht weiß, ob ich nicht vielleicht genauso wie sie reagiert hätte?

Heute steht der Pokal immer noch bei meinen Eltern in einer Vitrine, er sollte dort aber alleine bleiben. Ich beschloss, nie wieder etwas zu gewinnen und stand fortan Wettbewerben misstrauisch gegenüber. Sie spiegeln ganz einfach häufig nur eine Momentaufnahme wieder. Nicht mehr und nicht weniger. Ähnliches gilt für Schulnoten. (Generell ist die Schule ein einziger großer Wettbewerb.)

Ich kam in die zehnte Klasse einer Gesamtschule. Es ist die Zeit, in der sich alles für deine weitere Zukunft entscheidet. Alles ist ein einziger Kampf um gute Noten und Anerkennung. Für mich war es zum Teil sehr hart mit einer chronischen Erkrankung, irgendwie immer noch mitten in der Pubertät steckend und trotzdem darauf hinarbeitend, einen guten Abschluss zu machen. (Damit will ich nicht sagen, dass andere nicht auch ihre Probleme gehabt haben!) Mathe fiel mir dabei besonders schwer. Zahlen waren mir fremd, ich konnte mit ihnen nichts anfangen. Die Logik und das Verständnis dafür setzten sich einfach nicht in meinem Kopf fest. Egal, wie viel ich auch lernte. Unglücklicherweise hatte unsere neue Mathelehrerin da so ein System uns zu zeigen, dass wir uns mehr anstrengen müssten. Wöchentlich gab es sogenannte „Tägliche Übungen“, kurz „TÜs“. Diese TÜs bestanden aus zehn Kopfrechenaufgaben, für die wir je eine halbe Minute Zeit hatten. Das überforderte mich und es hagelte schlechte Noten. Nicht, dass das schon schlimm genug gewesen wäre. Nein, die Noten wurden laut und namentlich vor der gesamten Klasse, manchmal auch der gesamten Stufe (wenn wir mal wieder alle zusammen in der Aula Matheunterricht hatten) vorgelesen. Nach meiner ersten „ungenügend“ trotz Nachhilfe verkroch ich mich heulend in meinem Bett und wollte nie wieder in die Schule gehen. Mitschüler tuschelten offensichtlich über mich, erzählten es zuhause ihren Eltern, die wiederum nichts Besseres zu tun hatten als dies ebenso weiterzutratschen. Oh, dieses Dorf! Die schlechten Noten in Mathe wirkten sich fortwährend auf mein gesamtes (Schul-)Leben aus. Es belastete mich so sehr, dass ich in allen Fächern deutlich abrutschte und lernen für mich zur Qual wurde. Das wurde ich nie mehr los.

Um auf den Punkt zu kommen, Noten sind subjektiv. Sie sagen nur teilweise etwas über das tatsächliche Können eines jeden aus. Man „braucht“ sie, um vergleichbar zu sein. Nicht aber, um tatsächlich etwas über den Menschen aussagen zu können. Nirgends steht neben der drei in Englisch, dass man zuvor mehrere Wochen im Krankenhaus verbracht hat und dass man es trotz fehlenden Unterrichtsstoffes geschafft hat, eine einigermaßen gute Note zu erlangen, die, so gesehen eine eins wert wäre. Nirgends steht geschrieben, dass einen Mitschüler|innen gemobbt haben und dass es da natürlich schwerfällt sich zu konzentrieren, wenn man in der Pause mit dreckigen Schwämmen beworfen wird und praktisch 45 Minuten Unterrichtszeit nur daran denkt, wie man dem bestmöglichst aus dem Weg gehen kann. Nirgends steht geschrieben, dass manche Lehrer|innen dich absichtlich schlechter bewerten, weil sie der Meinung sind, dass du zu viel Zeit im Unterricht gefehlt hast und sie es nicht so aussehen lassen wollen, als würden sie dich bevorteilen. Eine Note bleibt eine Zahl bleibt ein logisch messbares Ding, gibt aber wenig Auskunft darüber, wie viel man wirklich kann.

Schlechte Noten oder das Nicht-gut-genug-sein-Gefühl, wenn man bei einem Wettbewerb nicht auf den vordersten Plätzen landet, wirken sich negativ auf das eigene Selbstwertgefühl aus. Nicht nur, weil man sich selbst Gedanken darüber macht, warum man nicht gut genug sei, sondern vor allem, weil einem andere dieses Gefühl geben. Dabei ist das so unsinnig und unnötig! Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Der eine weiß sie gekonnt einzusetzen, der andere vielleicht nicht, aber dieser permanente Leistungsgedanke da draußen, der geht mir so sehr gegen den Strich! Wir sind alle auf unsere eigene Art und Weise toll und einzigartig toll! Wir müssen aufhören, uns mit XY zu vergleichen, zu schauen, wer wie wo was macht und wenn es jemand „besser“ macht, dürfen wir nicht denken, der|die macht es besser, nein, er|sie macht es nur anders gut. Und wir müssen lernen, anderen etwas zu gönnen. Das ist wichtig! Nicht nur im „echten Leben“, sondern vor allem auch im Internet! Jeder darf machen, was ihm|ihr Spaß macht und wenn er|sie das gut kann, wieso das dann nicht auch mal sagen und anerkennen? Aus Angst, man könne dann selbst in Vergessenheit geraten? Ach was! Auch wenn ich mich wiederhole, aber jeder ist einzigartig gut. Punkt. Ausrufezeichen. Mehr braucht es nicht, um zu verstehen, dass der Mensch zählt, nicht die Note, nicht der Platz und erst recht nicht die Followerzahl.

 

1 Kommentar zu „Kleines Plädoyer gegen Neid, Missgunst und Wettbewerbsdruck“

  1. Ein sehr schönes und auch sehr weises Plädoyer! Es ist wirklich schade, dass durch die Zahlen eine solche Objektivität und Vergleichbarkeit suggeriert wird. Eigentlich sollten Schulnoten abgeschafft werden. Sie sagen so wenig aus, wenn man mal länger darüber nachdenkt.
    Das Erlebnis mit dem Pokal und deiner Freundin finde ich sehr eindrucksvoll. Ich habe eine ähnliche Situation mal mit einer Schulnote gehabt und die Freundschaft hat sich nie wieder von diesem Neid und dem gefühlten Ungleichgewicht, das seitdem in unserer Beziehung herrschte, erholt.
    Und ich merke es auch zunehmend als Erwachsene, das sich (und dich) ständig alle vergleichen und unzufrieden sind.
    Wie heißt es so schön: Der Drittbeste freut sich, dass er auf dem Treppchen gelandet ist. Der Zweitbeste ärgert sich, dass er nicht Erster wurde.
    Warum sind wir Menschen so?
    VG Jennifer

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