[Weil ich ein Leben habe] #6

Die Sache mit den Nebenwirkungen – oder: Warum bin ich so müde, so müde, so müde?

Nie bin ich so häufig wie in den letzten zwei Jahren gefragt worden: Na, müde? Und nie bin ich so häufig an den unmöglichsten und unpassendsten Stellen eingeschlafen wie in diesem Zeitraum. Ich schlafe in Zügen, im Auto, in Straßenbahnen, im Bus, auf dem Sofa, in der Badewanne, manchmal im Sitzen, ab und zu auch im Stehen, am häufigsten aber doch – zum Glück – im Bett ein. Filme und Serien zu schauen ist für mich zu einer Herausforderung geworden, denn ich schaffe es einfach nicht, bis zum Schluss wach zu bleiben. Selbst bei der spannendsten Folge ‚Game of Thrones‘ fallen mir einfach die Augen zu und wenn ich dann versuche NICHT einzuschlafen, ist das so anstrengend, dass ich mich eigentlich nur noch darauf konzentriere – de facto also nichts mehr von Film oder Serie mitbekomme. Bücher fallen mir auf die Nase oder auf den Boden. Entweder trage ich Kratzer davon oder das Buch, aber einen trifft es immer. Lesen kann ich also fast nur noch in unbequemer Position, wenn ich nicht will, dass mir nach einem Satz die Augen zufallen. (Man hat mir schon nahegelegt, meine Augen mit Streichhölzern aufzuhalten. Ich schwöre, ich würde mit offenen Augen schlafen!) Ja, ihr sagt jetzt bestimmt: Ach, das kenne ich auch. Abends schlafe ich permanent vor dem Fernseher ein und morgens oder nach der Arbeit gerne mal im Zug. Richtig, das glaube ich euch, aber es ist eine andere Art von Müdigkeit, die mich plagt. Meine Müdigkeit ist beinahe schon komatös. Ich kenne den Unterschied zwischen müde sein, weil der Tag lang oder die Nacht kurz war und kräftezehrend totalausfallartig müde sein, obwohl man eigentlich nicht viel gemacht hat. Jeder Gang an die Arbeit – und sei es nur für ein paar wenige Stunden: anstrengend. Ja, sogar jede kleine Besorgung im Supermarkt um die Ecke: anstrengend. Man fühlt sich als würde man ständig einen Marathon laufen, nur eben ohne Marathon. Und ohne laufen.

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Ich habe mich dann gefragt: Eh, ja, bleibt das jetzt so? Denn es ist nicht das erste Mal, dass ich mich so fühle.  Als Kind habe ich in der Schule Schlangenlinien gemalt, weil ich während des Unterrichts einfach eingenickt bin und auch aus der Uni kenne ich solche Zeiten. (Das Wiederherstellen meiner Mitschriften wurde zum munteren Rätselraten.) Mein Körper kann einfach aus verschiedenen Gründen nicht so viel leisten wie andere, braucht mehr Ruhe, mehr Schlaf. Logisch, wenn man bedenkt, dass bei einer Autoimmunerkrankung der eigene Körper der Endgegner ist. Innerlich also permanent Kämpfe ausgetragen werden, die man selbst zwar spürt (Entzündungen in all ihren Formen und Farben), so aber für kaum jemanden auf Anhieb als solche zu erkennen sind. Und dann kommt da noch eine weitere Sache erschwerend hinzu: Nebenwirkungen. Nebenwirkungen nicht nur im einfachen Sinn als Nebenwirkung der Grunderkrankung, sondern auch als Nebenwirkung von Medikamenten, die die eigentliche Erkrankung bekämpfen, abschwächen oder zumindest das Leben damit etwas erträglicher machen sollen. Es gibt keine – und ich betone es – KEINE Medikamente ohne Nebenwirkungen. Auch keine pflanzliche Medizin. (Selbst wenn das gerne so dargestellt wird.) Alles, was man dem Körper in irgendeiner Form gibt, wird verwertet, so hat dies logischerweise Konsequenzen. Es kommt natürlich immer darauf an, was man nimmt (oder nehmen muss, weil man auch nicht wirklich eine große Wahl hat), wie viel man nimmt, wie lange man etwas nimmt und wie der Körper so darauf reagiert, denn: jeder ist anders. Es gibt Menschen, die spüren kaum Nebenwirkungen. Es gibt Menschen, die spüren sehr viele Nebenwirkungen. Das ist einfach so. Leider werden Nebenwirkungen im einfachen wie im doppelten Sinn gerne mal unter den Teppich gekehrt. Sowohl von medizinischer Seite als auch im eigenen Umfeld. Mal solle sich nicht so anstellen. Das sei schon nicht so schlimm. Und beim Beispiel Müdigkeit: Jeder sei mal müde. Dazu kann ich nur sagen, wer selbst noch nie in der Form Krankheit oder Nebenwirkungen gespürt hat, der kann es nicht nachempfinden. Selbst, wenn man es versucht. Das meine ich nicht böse, es ist einfach so. Erst kürzlich sagte mir ein Arzt, dass die Nebenwirkungen ja nachlassen würden, je länger man ein Medikament nehmen würde. (Im Sinne von, dann ist doch alles nur noch halb so wild.)

Das ist ja alles schön und gut. Ja, Medikamente können mit der Zeit sowohl ihre Wirkung als auch ihre Nebenwirkung verlieren, viel häufiger aber nur ihre Wirkung. Nebenwirkungen bleiben, zwar vielleicht abgeschwächt, aber sie bleiben und häufig entwickelt sich daraus sogar eine neue, eigenständige Erkrankung wie z.B. Asthma, chronische Magen-Darmbeschwerden oder, oder, oder. Häufig wird argumentiert, dass man dies in Kauf nehmen müsse. Das sei nun mal so. Hmm, ja, das mag sein, aber das macht es nicht gleich weniger unangenehm, oder? Das ist nämlich der Punkt. Nebenwirkungen sind immer lebenseinschränkend, auch, wenn man keine Alternative hat.

Im Falle meiner desaströsen Müdigkeit verhält es sich nun folgendermaßen: Ich bin SO müde, dass ich kaum noch ein Sozialleben habe. Das tut weh. Ich verbarrikadiere mich nicht zuhause, nein, aber wenn man schwach und müde und fertig ist, hat man auf einer Party keinen Spaß. (Zumal ja noch die eigentliche Erkrankung hinzukommt, die eh schon alles erschwert. Oder habt ihr schon mal mit einem dicken entzündeten Fuß getanzt? Oder mit einem Körper, der sich vor Muskelzuckungen und Tremor schüttelt? Das fetzt nur bedingt.) Ja, noch nicht mal im Kino. Alles wird doppelt und dreifach anstrengend und irgendwann stellt man sich dann gänzlich in Frage. Bin ich eigentlich noch halbwegs menschlich oder doch schon ein kleines Alien?

PS: Versteht mich nicht falsch, ich komme damit klar, aber nur weil ich mich damit abfinden muss z.B. einfach mal wochenlang komatös müde zu sein, heißt es noch lange nicht, dass es okay ist, oder? Chronisch krank zu sein, also dauerhaft Beschwerden zu haben inkl. Nebenwirkungen im einfachen wie im doppelten Sinn bedeutet nicht, dass man diese weniger spürt, man gewöhnt sich nur daran, weil man es muss. Das macht es aber nicht weniger schlimm. Punkt. Aus.

 

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