[Rezension] „Blaupause“ | Theresia Enzensberger

Theresia Enzensberger schreibt in ihrem Debütroman über genau das eine Thema, welches mir persönlich besonders am Kunst-, Design und Architekturherzen liegt: Bauhaus. Oft und gerne habe ich schon ziemlich früh (sicherlich familiär bedingt – ein Hallo an Papa!)  in der zugehörigen Literatur gestöbert und empfand dabei immer wieder aufs Neue eine gewisse Faszination für das Bauhaus, das so viel Innovatives hervorgebracht hat, dass man auch heute noch nur darüber staunen kann. Selbstverständlich habe ich mich da sehr auf Theresia Enzensberger Roman gefreut.

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In „Blaupause“ – so lautet der treffende Titel des Buches – arbeitet Enzensberger mit historischen Figuren und Fakten sowie fiktiv Erdachtem, kombiniert also fiktives mit realem und lässt so den Bauhaus-Mythos in der Gegenwart wieder auferstehen:

Luise Schilling kommt Anfang der 20er Jahre an das Weimarer Bauhaus. Sie ist jung. Sie ist naiv. Sie ist voller Ideen und Tatendrang. Am Bauhaus lernt sie neben gestandenen Professoren (die uns namentlich heute sehr bekannt sein dürften) wie Gropius, Klee und Kandinsky auch die Naturmystiker um Johannes Itten kennen. Luise ist hin und hergerissen zwischen ihrem Traum als Architektin (!) erfolgreich zu werden und dem bestätigenden Gefühl der Zugehörigkeit und Akzeptanz. Diese Bestätigung sucht sie zuerst in der Gruppe um Itten, wo sie auf Jakob trifft. Hier entspinnt sich eine erste Romanze. Später wird Luise Hermann kennenlernen. Beide Männer verdrehen ihr den Kopf (wie man so schön sagt), so dass alles Weitere beinahe unwichtig wird. Dennoch versucht Luise immer wieder sich als Frau am Bauhaus durchzusetzen – aller Widrigkeiten zum Trotz.

Wie eingangs bereits erwähnt, gehört das Bauhaus zu einer für mich äußerst faszinierenden Zeit. Eine Welt im Umbruch, nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich – und das in vielerlei Hinsicht. Zwischen zwei Weltkriegen, Verlustangst und Lebensfreude, mehr oder weniger erfolgreichen Emanzipationsversuchen der Frau und neuen Lebenseinstellungen blitzen doch immer wieder noch die alten Werte durch. Das ist nicht immer schön, aber im Falle des Bauhauses soll und wird es das sein – zumindest im ästhetischen Sinn. Der Grundgedanke, die Kunst von der Industrialisierung zu entbinden – Kunst also als solche wieder begreiflich und dennoch funktional zu gestalten – hat etwas sehr Altmodisches und zugleich Modernes an sich. Diesen Gedanken greift Enzensberger auf und verwebt ihn gekonnt und detailreich in „Blaupause“. Processed with VSCOcam with t1 preset

Was mich dabei aber leider etwas gestört hat ist die Überfülle an Detailwissen, die Enzensberger in jeden noch so kurzen Absatz packt. Es scheint fast so, als würde hier das journalistische Schreiben durchkommen, denn häufig schiebt sie in einem Nebensatz das wer/wie/was/wo ein, welches an dieser Stelle (oder manchmal auch gar nicht) von Belang ist. Dadurch wirken ihre Sätze etwas hölzern, nicht greifbar und oft ein wenig leidenschaftslos. Diese Leidenschaftslosigkeit versucht die Geschichte an anderer Stelle mit kleinen Romanzen („Männergeschichten“) und anderen Problemen der Protagonistin Luise (z.B. in der Familie, mit Freunden oder als Frau an sich) wieder wett zu machen. Das gelingt eher mäßig. Luise überzeugt leider weder als Hauptfigur noch als emanzipierte Frau. Die Protagonistin will rebellisch, revolutionär und selbstbestimmt sein, verstrickt sich aber viel zu oft in naiven, anderen (vor allem Männern) hinterherlaufenden Gedanken. Sie versucht und versucht ihren Weg zu gehen, aber auch wenn sie sich letztlich von einigen Dingen (auch hier gilt: vor allem Männern) losreißen kann, hakt es doch irgendwie. Hier ein Beispiel: „Ich möchte nicht, dass mein Name auf diesem langweiligen und unpraktischen Entwurf steht, aber alleine kann ich nichts gegen Karl ausrichten. Ich tröste mich mit dem Gedanken an meine Siedlungsentwürfe, auf die ich mehr Zeit verwenden kann, wenn ich mich hier nicht verausgabe.“ Aus dem Zusammenhang gerissen klingt es gar nicht so unterwürfig, aber im Kontext hat es mich doch sehr gestört. Es tut mir furchtbar leid das so zu schreiben, weil ich sowohl Thema als auch Idee des Buches wirklich grandios finde und man merkt, dass Enzensberger viel Zeit und Mühe in ihre Recherchearbeit investiert hat, aber leider überzeugen mich weder Inhalt noch Schreibstil ausreichend, um es vorbehaltlos empfehlen zu können. – Wer sich nun jedoch wie ich für das Bauhaus, Architektur, Design und die 1920er interessiert, der sollte hier ruhig mal reinlesen! Außerdem ist dies lediglich mein persönliches Empfinden, zum Beispiel findet ihr auf fluffywordsblog eine äußerst lesenswerte Besprechung zu „Blaupause“, die ich euch nur ans Herz legen kann.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Hanser Verlag – 256 S. – ISBN: 978-3-446-25643-9

2 Kommentare zu „[Rezension] „Blaupause“ | Theresia Enzensberger“

  1. Wir sehen das also ähnlich! Ich würde auch nicht sagen: „Lies es nicht!“ – da ist ja jeder anders – aber mit dem Schreibstil, der Detailflut und den endlosen, langweiligen Männergeschichten kam ich auch überhaupt nicht klar. Schade, sehr schade!

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