[Rezension] „Vernunft & Gefühl“ | Jane Austen

Ich muss es leider zugeben: ich habe (bisher) noch nie einen Roman aus der Feder – im wahrsten Sinne des Wortes – Jane Austens gelesen. „Stolz und Vorurteil“ habe ich vor Jahren mal angefangen, aber nie beendet, weil… das weiß ich leider auch nicht. Den Inhalt ihrer Romane kenne ich natürlich trotzdem. Da dieses Jahr – 2017 – aber den 200. Todestag Jane Austens beherbergt (feiert kann man wohl nicht sagen), habe ich mir das zum Anlass genommen, eine Bildungslücke dahingehend zu schließen. Und, warum auch nicht? Jane Austen gilt heute als eine der beliebtesten Schriftstellerinnen. Um 1813, zur Zeit des Erscheinens von „Stolz und Vorurteil“ ist es jedoch alles andere als selbstverständlich als unabhängige im Sinne auch von unverheiratete Frau erfolgreich zu sein – und dann noch als Schriftstellerin, also: gebildet zu sein. Jane Austen schreibt vor allem über damalige vorherrschende gesellschaftliche Gepflogenheiten. Immer im Mittelpunkt: die Rolle der Frau. Berühmt wurde sie Zeit ihres Lebens nicht, dafür hallen ihre Werke heute umso stärker nach. Austen karikiert ihre Figuren, überspitzt die Situationen, beobachtet dennoch ganz genau und legt vor allem die Liebe und Romantik in den Fokus ihrer Romane, ohne dabei zu kitschig zu werden.

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„Vernunft & Gefühl“ – Jane Austens erster Roman, damals noch unter dem Pseudonym „Von einer Dame“ veröffentlicht – hat auf den ersten Blick alles, was ein typischer Liebesroman benötigt. Ein wenig Herz und Schmerz, unerwiderte Liebe, erwiderte Liebe (aber zum falschen Zeitpunkt) den Verlust der Liebe (einhergehend mit offenen Fragen, Streit, Unmut usw.) und natürlich ganz viel Dramatik.

Marianne und Elinor Dashwood sind Schwestern, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Während die eine temperamentvoll und aufbrausend ist („Gefühl“), ist die andere ruhig und in sich gekehrt („Vernunft“). Beide wachsen bei ihrem Vater und ihrer Mutter, der zweiten Ehefrau Mr. Henry Dashwoods, in Norland Park auf. Dieses Anwesen geht nach dem Tod Henry Dashwoods auf seinen Sohn John aus erster Ehe über, der sich nun um seine beiden Halbschwestern zu kümmern hat. Seine Frau jedoch, gewitzt und bestimmend, verhindert, dass sich John als allzu großzügig ihnen gegenüber verhält. Dies führt dazu, dass Mrs. Henry Dashwood und ihre Töchter Norland Park verlassen müssen und ein kleineres Anwesen in Barton Park beziehen. Natürlich geht das alles nicht ohne Herzschmerz vonstatten, denn Elinor lernt vor ihrer Abreise aus Norland Park den Bruder ihrer gehässigen Schwägerin kennen: Mr. Edward Ferrars, der ein liebenswürdiger und ehrlicher Mensch zu sein scheint. Doch bevor sich etwas Ernsthaftes entwickeln kann, muss Elinor Norland Park verlassen.

In Barton Park leidet nun nicht nur Elinor unter Liebeskummer, sondern mittlerweile auch Marianne, die durch Glück im Unglück John Willoughby kennengelernt hat. Beide gehen ganz offen mit ihren Gefühlen um, während Elinor und Mr. Ferrars diese eher versteckt gehalten haben. Doch plötzlich verschwindet Willoughby und mit ihm Mariannes Fröhlichkeit und Lebensenergie. Wird es für die beiden ungleichen Schwestern dennoch ein „Happy End“ geben?

In „Vernunft & Gefühl“ arbeitet Jane Austen auf wunderbare Weise zwei gegensätzliche Charaktermerkmale heraus und zeigt, dass trotz Unterschiedlichkeit der Wunsch nach Liebe und Geborgenheit doch immer gleich ist. Es ist faszinierend, wie genau Austen die Gesellschaft beleuchtet und auch ein wenig aufs Korn nimmt. Die Suche nach einer „guten Partie“ ist sowohl für Frauen als auch Männer obligatorisch, aber keineswegs immer gewollt. Austens Sprache ist angenehm, in der Neuübersetzung durch Andrea Ott aber ein wenig verfremdet worden. Damit möchte ich keineswegs ausdrücken, dass diese schlecht sei, aber ich persönlich bevorzuge doch die alte Übersetzung oder womöglich beim nächsten Mal gleich das Original (auch wenn ich da mit Sicherheit nur die Hälfte verstehen werde). Mir wäre das wahrscheinlich gar nicht groß aufgefallen, wenn ich nicht in Teilen das Hörbuch nebenbei hätte laufen lassen, wodurch mir die Unterschiede stärker bewusstgeworden sind. Die Austen Romane sind nun einmal vor rund 200 Jahren geschrieben worden, ein wenig Staub und ältere Ausdrucksweisen gehören dazu. Alles andere wirkt unauthentisch. Nichtsdestotrotz ist „Vernunft & Gefühl“ ein durchaus sehr lesbarer Roman, der mir – bis auf ein paar langatmige Stellen – äußerst gut gefallen hat. Demnächst versuche ich es dann doch noch mal mit „Stolz und Vorurteil“.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Andrea Ott | Manesse Verlag | 416 S. | ISBN: 978-3-7175-2354-3

2 Kommentare zu „[Rezension] „Vernunft & Gefühl“ | Jane Austen“

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