[Rezension] „Romeo oder Julia“ | Gerhard Falkner

„Romeo oder Julia“ von Gerhard Falkner steht auf der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises. Letztes Jahr – in 2016 – schafft er es mit seinem Roman „Apollokalypse“ auf die Longlist. Falkner hat noch etliche weitere Preise zu verzeichnen, aber um einen Eindruck für die Reichweite seiner Sprachkraft zu gewinnen, reicht die Information: nominiert für den Deutschen Buchpreis vollkommen aus. (Keine Ironie!)

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In „Romeo oder Julia“ begibt sich der Ich-Erzähler Kurt Prinzhorn zu einem Schriftstellertreffen nach Innsbruck. Hier vereint sich allerhand – nicht nur, aber auch – menschlich Kurioses. Ebenfalls kurios ist die Tatsache, dass sich während Kurts Abwesenheit wohl jemand in seinem Zimmer aufgehalten haben muss und das nicht einfach so oder mit der Absicht etwas Wertvolles zu stehlen, nein, er oder sie scheint ein ausgedehntes Schaumbad genossen zu haben und hat dabei, neben Seifenresten, auch ein großes Haarbüschel hinterlassen. Kurze Zeit später wird Kurts Schlüsselbund entwendet, von dem oder der Täterin fehlt nach wie vor jede Spur. Auch während seines Aufenthalts in Moskau und später in Madrid kommt es zu mysteriösen Ereignissen. Kurt ist ratlos. Dann trifft er durch Zufall auf genau das fehlende Puzzleteil in der Beweiskette und findet sich plötzlich ganz tief vergraben in seiner eigenen Vergangenheit wieder…

Eine (obsessive) Liebe gepaart mit Skurrilität trifft auf die Leidenschaft zur (Welt)literatur.

Nachdem ich die Leseprobe von „Romeo oder Julia“ gelesen hatte, stand für mich sofort fest, dass der Roman zu meinen persönlichen Highlights des diesjährigen Deutschen Buchpreises gehört. Bereits auf diesen wenigen Seiten im Leseprobenheft habe ich mehrmals laut lachen müssen und mir einige Stellen markiert, weil Falkner so herrlich zynisch und schwarzhumorig schreibt.

„Während aber die Erste sich mit den Haaren und Brillen erstaunliche Freiheiten erlaubte, büßte die Zweite ihren gesellschaftlichen Status mit Frisuren, die keine Experimente duldeten.“

Im ganzen Text verteilt sich der rabenschwarze Humor zwar leider etwas, ist aber dennoch vorhanden. Dazu kommt Falkners ganz eigene Art selbst die sonst langatmigsten Beschreibungen von Landschaften und Dingen lebendig und spritzig zu gestalten, so dass es auch auf mehreren Seiten ausgedehnt faszinierenderweise trotzdem noch sehr lesbar bleibt.

„Die cremefarbenen Sonnenschirme spannten sich melancholisch über der von ihnen beschatteten Leere, da sich trotz der milden, sogar warmen Abendluft alle Gäste in der Halle aufhielten.“  

Sprachlich bin ich also mehr als begeistert von dem Buch. Auch inhaltlich bleibt die Spannung bis beinahe zum Schluss, aber leider verpufft am Ende alles irgendwie ein wenig wie bei einem Ballon, der erst prall gefüllt ist und mit einem Mal platzt. Ebenfalls ein wenig störend empfinde ich Kurts chauvinistische Art, die zwar zu einem großen Teil mit Humor zu lesen ist, aber doch in manchen Passagen etwas frauenfeindlich und arg überheblich daherkommt. Es ist nicht so, dass mich das grundlegend gestört hätte, denn es passt zum Buch, aber wäre diese Figur in einem anderen Roman, mit einer anderen sprachlichen Gestaltung, in einem anderen Kontext aufgetaucht, hmm, da würde ich salopp sagen: das geht gar nicht. So kann ich darüber hinwegsehen. Doch muss ich zugeben, dass das einige Sympathiepunkte Abzug gekostet hat. Leider. Bevor ich jetzt zu negativ ende, was ich gar nicht will, betone ich gerne nochmals die absolute Sprachbrillanz des Romans und bin gespannt, ob Falkner damit zum Buchpreisträger 2017 wird!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH |272 S. | ISBN: 978-3-8270-1358-3

2 Kommentare zu „[Rezension] „Romeo oder Julia“ | Gerhard Falkner“

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