[Weil ich ein Leben habe] #7

Gleich vorab: Die Bilder, die ich diesem Beitrag hinzugefügt habe, dienen keineswegs der Selbstdarstellung und sind zum Teil aus meinem „Fotofundus“, also nicht unbedingt professionell und eigentlich sehr privat. Diese Fotos sollen lediglich verdeutlichen, was Worte nicht in vollem Umfang ausdrücken können. Ich bitte euch, das zu respektieren, denn diese Bilder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen fällt mir nicht eben leicht. Ohne Fotos würde man jedoch das Ausmaß des Ganzen nicht ganz nachvollziehen können und ich möchte anderen mit meiner Geschichte Mut machen. Dankeschön! 🙂

img_4190-e1506246894740.pngIn letzter Zeit haben mir sehr viele gesagt, meine Frisur sei so toll, die Haare schön und generell, Kurzhaarschnitte bei Frauen seien ja so hip. In solchen Momenten wird mir immer ein wenig bang und ich denke: nun, wenn ihr wüsstet… Versteht mich nicht falsch, ich nehme solche Kommentare niemandem übel – wer kann einem Menschen schon in den Kopf schauen? – und ich weiß, dass das nett und ehrlich gemeint ist. Aber doch mag ich die Hintergründe zu meiner Frisur erläutern und deutlich machen, warum man nie allein vom Äußeren her urteilen sollte.

Lange Haare waren für mich früher immer Ausdruck meiner eigenen Identität. Ich kannte mich selbst nur mit einer Langhaarfrisur, kurz waren meine Haare nur als Kleinkind (lustigerweise habe ich jetzt exakt diese Frisur wieder) und selbst wenn ich unter starkem Haarausfall litt, ließ sich das Haar immer noch so weit retten, dass ich sie nicht gänzlich abschneiden lassen musste und so „nur“ darauf wartete, dass sie wieder voller und länger wurden.

img_4189-e1506246955325.pngMit dem massiven Haarausfall, unter dem ich im letzten Jahr litt, begann auch ein Stück meiner selbst zu bröckeln. Lange Haare dienten mir immer als eine Art Schutzschild. Wenn es mir schlechtging, ich mich unwohl fühlte oder es einfach „nicht mein Tag“ war, konnte ich mich hinter einem Vorhang aus mehr oder weniger dichtem Haar verstecken. Das ging nun plötzlich nicht mehr und ich war schutzlos, mein Gesicht, meine Gefühle für jedermann auf den ersten Blick ersichtlich. Stattdessen versuchte ich, meine immer dünner und weniger werdende Haarpracht (die nun leider nicht mehr als „Pracht“ zu bezeichnen war) zu kaschieren. Das ging zunächst noch recht gut. Ich nutzte dicke Schals, Mützen, Stirnbänder und Tücher, band mein mir verbliebenes Haar mit einem dicken samtenen Scrunchie zu einem Dutt (das lernte ich später so weit zu perfektionieren, dass es mir selbst mit nur einer einzigen übrig gebliebenen Haarsträhne gelang). Irgendwann war da nur noch 15% Haar in allen möglichen Längen und 85% Haargummi.

Aber von vorne.

Ich leider seit meiner Geburt (diagnostiziert mit 2 Jahren) unter mehreren chronischen Erkrankungen. Allen voran: Rheuma. Nein, das haben nicht nur „ältere Menschen“, ganz im Gegenteil, es sind auch sehr viele junge Patienten|Patientinnen davon betroffen. Denn so viele Formen und Gesichter Rheuma hat, so viele unterschiedliche Menschen und Altersgruppen leiden darunter. Eine chronische Erkrankung sieht man dem|der Erkrankten im seltensten Fall an, denn meistens versucht man so normal und unauffällig wie möglich zu leben – und leidet im Stillen. Nicht nur an der oder den Erkrankung|en selbst, sondern auch an den Nebenwirkungen dieser und der sehr wahrscheinlichen medikamentösen Behandlung sowie der Tatsache, dass man häufig nicht ernstgenommen wird. Das bedeutet im Klartext: Wer krank ist, muss nicht zwangsläufig auch so aussehen. Und: Wem es schlecht geht, dem|der sieht man dies oft gar nicht an.

img_4195-e1506247037449.pngVor drei Jahren ist also dieses Bild entstanden, auf dem ich die vollste und tollste Haarpracht hatte, die ich mir nur wünschen konnte. Zur gleichen Zeit litt ich unter einem schlimmen rheumatischen Schub. Es ging mir körperlich also nicht gut. Das kann man mir nicht ansehen – und das soll man auch gar nicht. Es folgten weitere schwere Schübe und ich musste medikamentös neu eingestellt werden. Kurze Zeit nach diesem Foto gingen mir die Haare durch Nebenwirkungen aus. Nicht zum ersten Mal. Ich dachte, das würde sich regeln.

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Tat es aber nicht und in relativ kurzer Zeit, verlor ich mehr und mehr Haar – und nichts half. Gesundheitlich war ich mittlerweile an einem Tiefpunkt angelangt. Die neuen Medikamente hatten eine bösartige Nebenwirkung bzw. neue Krankheitswirkung in Gang gesetzt, die sich nun auch äußerlich bemerkbar machte (und dies bis heute tut, wie ich es bereits in meinen anderen Texten erwähnt habe).

 

 

 

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Zum Glück wuchsen am Kopf weiterhin Babyhärchen, sodass ich immer noch so gut es ging alles verstecken konnte (wie oben erwähnt). Wenn man nun aber ständig büschelweise Haare in den Händen hält, der Fußboden davon bedeckt ist, sich kaum noch traut die Haare zu waschen, geschweige denn zu kämmen und dabei überall – auf der Straße und vor allem in der vermaledeiten Werbung (die man plötzlich überdeutlich wahrnimmt) – Frauen mit glänzendem und langem Haar sieht, geht das ganz schön an die Substanz.

IMG_4204Zwei Krankenhausaufenthalte und etliche Arztbesuche später hatte ich zwar wieder sowas wie eine Frisur (meine Haare waren ungefähr bis zum Ohransatz nachgewachsen, alles andere war sehr dünn, aber mit Potential – auf dem Foto habe ich also staaark getrickst), doch ich kam um eine erneute neuartige medikamentöse Behandlung nicht umhin.

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Dies ging unter anderem einher mit dem schlimmsten Haarausfall, den ich je hatte. Was nun erschwerend hinzu kam, war die Tatsache, dass ich noch nicht viele neue Haare auf dem Kopf hatte. So also das Wenige, was sich mühsam erholt hatte, auch wieder ausfiel. Von dieser Zeit gibt es tatsächlich keinerlei Fotos, da ich mich nicht mal mehr im Spiegel anschauen mochte. Ich entschied mich für eine Perücke in der Übergangsphase und bestellte mir im Internet zwei, drei zur Anprobe, um zu sehen, wie das so ist. Erstaunlicherweise viel natürlicher als man sich das gemeinhin so vorstellt. Jedoch rate ich davon ab, sich sein Zweithaar im Internet zu bestellen, da diese nicht richtig an den eigenen Kopf angepasst werden können und zum Teil auch von schlechterer Qualität sind. Denn, was ganz arg wichtig ist: man muss sich wohlfühlen. Das gilt natürlich auch für die Beratung und ich bin immer noch dankbar und froh, dass mir eine gute Bekannte mit Rat und Tat zur Seite stand. Wer da jetzt Bedenken haben sollte, weil ihr|ihm das unangenehm ist: das muss es nicht. Alles wird sehr diskret in einem Nebenraum oder einer Einzelkabine besprochen.

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Ich stellte so also fest, dass mir blond definitiv nicht steht (in echt sah ich damit unfassbar blass aus) …

 

 

 

 

 

 

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… dass man mit dem falschen Haar plötzlich sehr merkwürdig aussehen kann ….

 

 

 

 

 

 

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… und, dass man verblüffenderweise fast wie früher aussehen kann! (Das Modell passte mir leider nicht richtig am Kopf.)

 

 

 

 

 

 

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Dieses dafür schon. (Nach einigen Wäschen und mehrmaligem Durchkämmen sieht es sehr viel natürlicher aus.) Das Zweithaar hat mir sehr geholfen, mich wieder zu akzeptieren – mit all den neuen Dingen, mit denen ich nun umgehen muss. Dazu gehören neben täglichen Einschränkungen auch viele medikamentöse Nebenwirkungen, die ich gut und gerne bewusst oft für mich behalte. Dennoch ist nicht alles gold, was glänzt.

 

 

 

IMG_4209Denn, nur weil meine Haare mittlerweile gut nachgewachsen sind (dennoch ab einer gewissen Länge aber einfach „nö“ sagen) und ich Lippenstift trage, geht es mir nicht gut. Ich mache absolut das Beste aus meinem Leben und das sollten wir alle jeden Tag tun, auch wenn es nicht immer leichtfällt. Und ja, meine langen Haare vermisse ich – an manchen Tagen mehr, an manchen weniger, aber nicht aus Schönheitsgründen, sondern weil ich immer lange Haare hatte und sie ein Teil meiner selbst waren. Egal, was war, ich wollte dahingehend nie in der Form vor meiner Erkrankung und medikamentösen Nebenwirkungen einknicken (was ich sicher in anderen Bereichen meines Lebens schon oft tun musste). Aber manchmal, da muss man neue Wege einschlagen.

Denn, wenn das Leben dir Zitronen gibt:

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Es ist auch heute manchmal nicht einfach für mich, mich mit kurzen Haaren zu akzeptieren. Das mag viele überraschen, ist doch eine Kurzhaarfrisur bei Frauen aktuell besonders „hip“ und „trendbewusst“. Das ist nicht mein Ansinnen. Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich die ganze vergangene Zeit mit all den unliebsamen Dingen, die mein Leben so vollkommen umgekrempelt haben. Wenn ich das Bedürfnis habe, mir die Haare zusammenzubinden und dann feststelle, da ist ja gar nix mehr, dann wird mir wieder bewusst, was sich alles verändert hat. Und das ständig zu spüren und zu wissen, ist nicht immer leicht. Daher stört es mich manchmal, wenn jemand meine Frisur lobt, auch wenn ich weiß, dass das nie und nimmer so gemeint ist. Aber kaum jemand kennt die Geschichte dahinter, kaum jemand weiß, wie sehr ich darunter gelitten habe und auch heute noch daran knabbern muss. Ich bin mir sehr bewusst (nicht erst seit dieser Sache), dass es unfassbar viele Menschen gibt, denen man nie ansehen würde, was sie alles erdulden müssen und können. Daher bin ich äußerst vorsichtig im vorschnellen Urteilen. Einfach, weil jede|r (!!!) Mensch seine Geschichte/n hat.

6 Kommentare zu „[Weil ich ein Leben habe] #7“

  1. Hallöchen 🙂 Ich kann dich so gut verstehen und gerade deswegen weiß ich wie viel Kraft und Mut es dich gekostet haben muss diesen wirklich tollen Text zu schreiben. Du sprichst hier ein ganz wichtiges Thema an und dafür hast du nichts als Respekt verdient. Ich wünsche dir alles Gute , Ganz liebe Grüße

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  2. Wow, danke für deinen Text und den Einblick in dein Leben mit dieser Erkrankung!
    Ich bin nur zufällig hier hereingestolpert, möchte dich aber bei der Gelegenheit auf eine Seite hinweisen, die ich ganz wundervoll finde. Es ist das Projekt Schönlinge https://schoenlinge.wordpress.com/
    Dort geht es eigentlich um kreisrunden Haarausfall und den Umgang damit bzw. wunderschöne Bilder von betroffenen Frauen, die zeigen, wie eingefahren wir auch oft in unseren Sehgewohnheiten sind.
    Ich wünsche dir alles Gute!
    Hummel

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  3. Hey meine Liebe,
    ich finde es unglaublich toll von dir, dass du so offen über deine Krankheit sprichst. 🙂
    Ich bin seit Januar (oder vielleicht auch schon früher?) an Multiple Sklerose erkrankt und hatte seitdem mehrere Schübe und war ständig im Krankenhaus. Mein Leid behalte ich auch oft für mich und versuche damit klarzukommen. Ich finde deine Worte dazu übrigens wirklich sehr sehr passend! Man sieht es mir übrigens auch GAR NICHT an und das ist auch gut so, denn sobald ich es erwähne, werden die Menschen oft „komisch“. Leider. :/
    Vielleicht werde ich auch einmal einen Beitrag dazu schreiben. 🙂
    LG und danke das du deine Geschichte mit uns teilst.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft.
    Angelina 🙂

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    1. Mach das, wenn du dich dazu bereit fühlst! 🙂 Mir hilft es ungemein, meine Gedanken zu verarbeiten und auch mich selbst zu verstehen, weil es natürlich nie einfach ist mit Erkrankungen zu leben – egal welcher Art. Wenn ich schreibe, kann ich die Dinge zum Ausdruck bringen, die schon lange in meinem Kopf herumgeistern und das tut mir gut. Vielleicht hilft es auch anderen zu lesen, dass sie nicht alleine sind – selbst in dem größten Dilemma!

      Ich habe auch sehr oft Schübe und manchmal würde ich gerne einfach mal die Stop-Taste drücken, weil zu viel manchmal einfach zu viel ist, aber die gibt es in dem Fall leider nicht. Da ist es gut, wenn man Dinge und Menschen um sich hat, die einem Halt geben – und niemals aufgeben, sondern sich immer bewusst machen, dass auch wieder gute Tage kommen! Das ist so wichtig!

      Ich wünsche dir alles Liebe!

      Mia

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  4. Ein wirklich starker und toller Text, toll, dass du deine Geschichte hier teilst. Und du siehst übrigens super aus, ob mit kurzen, langen, wenig oder vielen Haaren. Ein hübsches Gesicht soll man ohnehin nicht unter zu viel Pony verbergen. Ganz liebe Grüße und alles Gute weiterhin für dich. 🙂

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