[Rezension] „Otto Dix. The Evil Eye / Der böse Blick“ | Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.)

Die 1920er Jahre üben auf mich nicht erst seit gestern eine gewisse Faszination aus. Ich kann es nicht genau beschreiben, wahrscheinlich liegt es an der explosiven Mischung dieser Zeit in einer Welt, die von einer Krise in die nächste schlitterte und dabei doch so viel zeigen und beweisen wollte. Eine Welt, die jede Menge kluge und interessante Köpfe hervorgebracht hat. So einen wie Otto Dix.

Processed with VSCOcam with t1 preset

Otto Dix war ein Maler und Grafiker, der sich dem Realismus verpflichtete (seine Gemälde zählen später zur „Neuen Sachlichkeit“). Mein Lieblingszitat von ihm trifft es da ganz gut auf den Punkt: „Der Maler ist das Auge der Welt.“ Dix Werke sind auf den ersten Blick alles andere als schön im herkömmlichen Sinn. Sie zeigen Kriegsverwundete, Prostituierte, in Armut und Elend lebende Menschen, fratzenhafte Köpfe und verformte Körper, den Tod in all seinen Facetten – aber eben auch die Lebenslust, den Tanz, den Mut, die Schönheit in großen Augen, arbeitenden Händen, einem ausdrucksstarken Gesicht, in einem runden Körper.  All jene Dinge, die wirklich wichtig und schön zugleich sind. Vor einigen Jahren stand ich in einer Ausstellung zum Thema Berlin und Wien in den 1920er Jahren vor einem seiner Gemälde und konnte mich nicht sattsehen. So geht es mir auch heute noch. Da freut es mich besonders, dass „Otto Dix. Der böse Blick“ vor kurzem zweisprachig in Englisch und Deutsch im Prestel Verlag in Zusammenarbeit mit der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf erschienen ist. Hierin wird Dix Schaffen vor den gesellschaftlichen Hintergründen, in denen seine Werke entstanden sind und die Veränderung seiner künstlerischen Tätigkeiten zu einem (Ausstellungs)-Katalog vereint, der nicht nur Einblick in Dix Werke gibt, sondern auch in den Künstler, den Menschen Otto Dix selbst, der es zeit seines Lebens nicht unbedingt leicht gehabt hat. Seine Kunst war und ist provokativ – in den 1920er Jahren gar schockierend – und wurde unter der Machtergreifung der Nationalsozialisten zuerst propagierend als „Entartete Kunst“ ausgestellt, anschließend beschlagnahmt und verboten. Aus dieser Zeit, seinen eigenen Erfahrungen im ersten und später im zweiten Weltkrieg, dem Elend, der Angst, der Armut und der gleichzeitig in den 1920er Jahren aufkommenden Hoffnung und Lebenslust, gestaltet sich eine Kunst, die atemberaubend ist.

In „Otto Dix. Der böse Blick“ geben die verschiedenen Kapitel eine Vorstellung dieser aufregenden und zugleich bemerkenswerten Schaffenszeit des Künstlers. Aus allgemeinen Hintergrundinformationen, über seine Selbstinszenierung als Dandy, seine (Künstler)-Freunde und (Nicht)Gönner, sein Familienleben und seine unterschiedlichen grafischen wie malerischen Techniken in Kombination mit jeweils passenden Abbildungen seiner Werke (bekannte wie relativ unbekannte!) – unterteilt in jeweils unterschiedliche Kapitel zu den jeweiligen Schaffenszeiten – ergibt sich so ein großes Ganzes: der „böse Blick“ auf die Welt, wie Otto Dix sie sah.

Ich finde den Katalog aus mehreren Gründen äußerst gelungen. Zum einen, weil die Unterteilung der Kapitel so gut passt, dass man auch als Laie die Hintergründe sehr gut nachvollziehen und verstehen kann. Denn nach dem Text folgen sofort in einem eigenständigen Abschnitt Abbildungen zu den vorangegangenen Informationen. So fehlt einem nicht der Zugang zu den Bildern, deren Entstehungsgeschichte und Bedeutung man vielleicht nicht immer auf den ersten Blick parat hat.  Zum anderen, weil Dix nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch gezeigt wird. Klar, es handelt sich hier um keine umfassende Biografie – auch wenn sich am Ende des Katalogs eine solche Kurzbiografie eingefügt findet – aber doch ergibt sich dem Leser bzw. Betrachter ein Bild des Malers, des Grafikers, des Sohns, des Ehemanns, des Vaters, des Geliebten, des Kriegsveteranen, des Mannes, mit dem bösen, eindringlichen, wahrheitsgetreuen Blick, der sagte: „Ich brauche die Verbindung zur sinnlichen Welt, den Mut zur Hässlichkeit, das Leben ohne Verdünnung.“ Eine Aussage, die heute nicht weniger aktuell ist.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Prestel Verlag | 240 S. | 153 farbige Abbildungen | 120 s/w Abbildungen| ISBN: 978-3-7913-5630-3

1 Kommentar zu „[Rezension] „Otto Dix. The Evil Eye / Der böse Blick“ | Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.)“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s