[Rezension] & [DIY-Tipps] „NaturLiebe“ | Rebecca Wallenta

Einen wesentlichen Teil meiner Kindheit habe ich in der Werkstatt meines Papas verbracht. Man sollte also meinen, ich sei was das Heimwerken angeht doch zumindest ein wenig begabt. Nun, ich fürchte, das Gegenteil ist der Fall. Es scheint, als sei ich mit zwei linken Händen geboren worden zu sein. Darum bin ich froh, dass es so tolle Sachen wie DIY-Bücher gibt, die neben Deko-Ideen gleich eine komplette Anleitung mitschicken. Da sollte dann eigentlich nichts mehr schiefgehen, oder?

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„NaturLiebe“ von Rebecca Wallenta vereint zwei Dinge, die ich sehr gerne mag. Natur und Dinge selber bauen/basteln. Dass Zweiteres nicht immer klappt, habe ich eingangs bereits kurz erwähnt, aber das heißt ja nicht, dass ich es nicht noch mal versuchen möchte. Das Buch ist in sieben Kapitel plus Vor- und Nachwort in Form eines Anhangs eingeteilt. Die Kapitel beschäftigen sich mit je unterschiedlichen Materialien und Farben (z.B. Holz, Beton, Kork usw.) und in diesen Unterkategorien finden sich verschiedene Deko-Ideen zum Nachmachen, deren Schwierigkeitsgrade unterschiedlich sind. Jeder einzelne Vorschlag ist übersichtlich und verständlich aufgebaut. Links ein Bild der nachzubastelnden Idee, rechts eine Übersicht der benötigten Materialien sowie die voraussichtlich benötigte Zeit und je nachdem ein bis zwei Seiten bebilderte und beschriebene Bastelanleitung. Hierbei wird in knappen, gut nachvollziehbaren, Worten beschrieben, welche Arbeitsschritte zu durchlaufen sind. Ich bin durchaus positiv überrascht, muss aber sagen, dass mir zum einen genauere Angaben in der Materialliste fehlen (z.B. wie viel genau man von einem Material benötigt) und zum anderen genauere Hilfestellungen. Wer als Anfänger keine bis wenig Erfahrung hat mit beispielsweise Laubsägearbeiten, Lackfarben etc. hat, der wird hier sicher kleinere Probleme haben. Im Anhang finden sich zwar nähere Erläuterungen zu den wichtigsten Tools, das ist aber so kurz ausgefallen, da muss man als Unwissende|r zusätzlich leider Doktor Google befragen. Processed with VSCOcam with t1 preset

Nichtsdestotrotz finde ich die Deko-Ideen zu einem großen Teil sehr gelungen, auch wenn einige Sachen dabei sind, die man als Anfänger mit zwei linken Händen und ohne heimische Werkstatt schlecht nachbauen kann. Das ist aber total in Ordnung, denn es gibt ja auch eine Menge äußerst begabter Bastler|innen da draußen. Ich habe mich zunächst für einen Wandbehang aus Holzkugeln und Fimoblättchen entschieden. (S.97) Die Materialkosten belaufen sich auf ca. 40€, was schon eine Menge ist, mit der ich tatsächlich so nicht gerechnet habe. (Angaben zu Kosten fehlen leider gänzlich im Buch.) Vieles davon kann man sicher weiterverwenden, aber wer hofft, sich durchs Selberbasteln Geld zu sparen, den muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Auch die angegebenen 2h Arbeitszeit (ohne Trocknungszeit) haben sich bei mir glatt verdreifacht – das ist aber normal (vor allem als Anfängerin), denke ich. Man kennt Ähnliches von Kochrezepten. Ich bin mit den Arbeitsschritten und Tipps der Autorin sehr gut zurechtgekommen, hätte mir allerdings an mancher Stelle ein paar mehr Details gewünscht. Zum Beispiel müssen die Fimo-Plättchen vor dem Aushärten im Ofen mit Löchern versehen werden. Hierbei wird versäumt zu erwähnen, dass man darauf achten muss, welche Dicke die Lederbänder haben, die man zum Auffädeln benutzt (diese Angabe fehlt generell in der Materialliste). Es ist anschließend kein großes Problem, dies auszubessern – sieht allerdings nicht mehr ganz so schön aus.

Alles in allem bin ich jedoch sehr zufrieden und werde sicher die ein oder andere Idee noch ausprobieren. Gerade jetzt zur Weihnachtszeit finden sich einige schöne Geschenkideen (z.B. Kerzenhalter aus Fimo, Monstera-Untersetzer, Passepartout, Hängeregal aus Kupfer) zum Nachbauen und Verschenken. Das Thema der Naturliebe ist – wie ich finde – gut und vor allem anschaulich getroffen und Freunde von Holz, Kork, Blumen usw. werden hier bestimmt fündig werden. Ich empfehle dennoch eine kleine Hobbywerkstatt zuhause zu haben, dann wird es mit Sicherheit leichter, auch die umfangreicheren Ideen (z.B. den tollen Lampenschirm aus Holz) umzusetzen!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

DVA | 160 S. mit ca. 250 Farbabbildungen | ISBN: 978-3-421-04084-8

[Weil ich ein Leben habe] #8

Warum sind für mich Ausflüge so etwas Besonderes – und warum fahre ich nicht einfach öfter mal weg? Beide Fragen lassen sich aus meiner Perspektive sehr leicht und sehr schnell beantworten. Für Außenstehende mag es aber vielleicht doch etwas schwieriger nachzuvollziehen sein, darum versuche ich dies nun zu erläutern. Fernab der finanziellen Mittel sind Ausflüge oder Urlaube für mich einfach vor allem eines: anstrengend! Das hat weniger damit zu tun, dass ich mir – wie jeder – Gedanken um Reise, Gepäck, Unterbringung etc. mache (also Stress habe), sondern vielmehr damit, dass mein Körper eben kein normal funktionierender Körper ist. Der hat seine Kraftreserven oft schon am Morgen verbraucht. Wenn ich nun aber wegfahre, möchte ich die Zeit genießen. Ich möchte nicht auf dem Zimmer bleiben müssen, weil ich gerade nicht laufen kann. Ich möchte nicht so oft Pausen machen, weil ich ALLES sehen will. Ich möchte nicht nur wenig einplanen, weil ich weiß, dass ich eh nur einen Bruchteil davon wirklich machen kann. Ich möchte danach nicht eine ganze Weile lang wieder Kraftreserven auftanken müssen, nur weil ich mal drei Tage lang „etwas mehr“ gemacht habe. Darauf habe ich manchmal eben einfach keine Lust. Es ist ein Kraftakt, der mir vor Augen führt, was ich oft nicht wahrhaben möchte. Trotzdem ist nur daheim bleiben auch keine Option.Processed with VSCOcam with t1 preset

(Empfindliche Gemüter lesen den folgenden Absatz jetzt besser nicht. Ich muss diese Geschichte jedoch erzählen, um den Kontext besser verständlich zu machen.)

Meine einzige richtige Klassenfahrt fand in der dritten oder vierten Klasse statt. Damals fuhren wir in ein Landschulheim, nicht weit von daheim entfernt und auch nur für wenige Tage. Ich fand es sehr schön (nicht das Landschulheim, aber die Sache an sich), hatte kaum Heimweh (naja, ein bisschen), aber schon damals habe ich mich so bemüht möglichst auffällig normal zu sein, dass das Ergebnis war: wieder daheim habe ich mich als allererstes übergeben müssen. Ja, das klingt lustig und ist auch an sich überhaupt nicht schlimm, es zeigt nur, wie ein chronisch kranker Körper und ein sturer Mensch, dem er gehört, nicht immer ganz konformgehen. Ich habe dort weder das Essen vertragen, noch die anstrengenden Wanderungen, noch sonst etwas. Das alles habe ich so lange unterdrückt, bis es dann zuhause, nun ja, zum Vorschein kam.

In der siebten Klasse fuhren wir nach Fehmarn. Ganze zwei Tage war ich dort, mit einem dick geschwollenen Knie, unfassbar unverständigen Lehrern, um dann von dort aus direkt von meinen Eltern abgeholt und in die Rheumaklinik gefahren zu werden, wo ich für mehrere Wochen stationär blieb. Das war toll! Nicht. Ich glaube, da habe ich mir geschworen, dass ich sowas nie wieder mitmache. Nicht, weil ich nicht gewollt hätte, sondern weil ich nicht immer diejenige sein wollte, wegen der man irgendetwas beachten muss. Kann dies nicht. Darf das nicht. Ich fand das unangenehm und deprimierend. Von diesem Moment an habe ich mich von solchen Ausflügen und Klassenfahrten distanziert. Natürlich hatte dies zur Folge, dass ich irgendwie nicht mehr so ganz zur Klasse gehörte, aber wenn wir ehrlich sind, habe ich das nie. Processed with VSCOcam with t1 preset

Und das ist auch heute noch der Grund, warum mir Ausflüge schwerfallen, wenn ich jetzt auch sehr viel erwachsener und reifer bin und mit einigen Dingen ganz anders umgehen kann. Es gibt überall Menschen, die kein Verständnis für ihre Mitmenschen zeigen können. Das könnte man jetzt traurig finden und anprangern, aber das bringt nichts. Es ist einfach so. Darum kann ich zum einen nur mit Menschen verreisen, die dafür Verständnis haben und zum anderen muss ich mir im Vorfeld schon klarmachen: du wirst nicht alles schaffen, was du gerne schaffen würdest. Dann ist es für mich auch ok. Dennoch geschehen immer wieder Dinge, die mir nachhängen, die mich verletzen und die wie ein schwarzer Schatten über eigentlich schönen Erinnerungen hängen. Ich sollte glücklich an Amsterdam vor drei Wochen zurückdenken, wirklich! Wir waren im Anne-Frank-Haus, haben Van Goghs und Vermeers gesehen, uns nicht stressen lassen und gefühlte Tonnen an Pommes gegessen. Außerdem waren wir am Meer. AM MEER! Und doch ist da diese eine Situation in der Straßenbahn passiert, die mich nicht loslässt. Ich spüre immer noch den pieksenden Finger der schwangeren Frau, die mich damit demonstrativ zum Aufstehen aufgefordert hat, obwohl ich gerade nicht konnte (was tatsächlich nicht zu übersehen war), woraufhin ich mühselig meine Sachen zusammensuchte, versuchte aufzustehen, um dann von fremden Menschen festgehalten und auf einen anderen Platz bugsiert zu werden. Es war einfach erniedrigend. Ich weiß nicht, ob man das nachvollziehen kann, wenn man nicht in meiner Haut steckt und wenn man nicht dabei gewesen ist. Es ist auch nicht so, dass ich kein Verständnis für die Dame gehabt hätte. Das Ding ist nur, dass sie gesehen hat, dass es mir nicht gut ging. Dass sie sich auf jeden anderen Platz hätte setzen können. Und es nicht gemacht hat. Ja, ich bin eine junge Frau. Ja, meistens sieht man mir nichts an. Aber in dem Moment hat es mir die Tränen in die Augen schießen lassen und diese ganze doofe Geschichte hängt mir noch so dermaßen nach, dass ich wütend auf mich bin. Einfach, weil es so blöd ist, dass ich nicht immer das machen kann, was ich will. (Ich wäre ja gerne zackig aufgestanden, aber es war mir körperlich in diesem Moment nicht möglich). Klingt wie ein stures, bockiges Kind, aber mal ehrlich, wer fände das nicht mies? Sicher passiert mir sowas auch zuhause, aber ich kann in meinem „normalen“ Umfeld potentiell unangenehme Situationen weitestgehend ausgrenzen. Nicht immer, klar, und manchmal stelle ich mich bewusst solchen Situationen, um mir selbst etwas zu beweisen, aber man hat auch dafür schlichtweg nicht immer die Kraft. Das ist menschlich.

Um abschließend noch einmal auf das Kernthema des Textes zurückzukommen: ich verreise selten, weil ich mit meinen Energiereserven haushalten muss, um ein halbwegs gutes Leben zu führen. Also muss ich schauen, was mir möglich ist, was mir guttut, was ich mir körperlich leisten kann. Ich kann eben nicht nach allem greifen, worauf ich gerade so Lust habe, sondern muss schauen, was geht und was nicht und was ich dafür bereit bin stattdessen zu lassen. Das klingt jetzt irgendwie deprimierend, aber so meine ich das gar nicht. Es ist für mich einfach in Ordnung, auch mal längere Zeit nichts zu machen, so lange ich mir dennoch immer mal wieder etwas vornehme. Zum Beispiel mit der Option, dass man das Zimmer noch bis zum Anreisetag stornieren kann. Oder, dass man zur Not die Konzerttickets noch verkaufen kann. Oder, dass man in Kauf nimmt, sich dann halt eine Woche auskurieren zu müssen. Aber ich muss das abwägen. So gerne ich spontan überall hinfahren würde: es geht nicht. Und auch hier gilt – wie immer – es gibt Bücher, die mich immer und jederzeit an einen ganz anderen Ort bringen können. Danke dafür!

[Rezension] „Schwimmen“ | Sina Pousset

Es ist nicht so, dass ich diesen Monat eine richtige Leseflaute gehabt hätte, aber doch hat mir dieses eine spezielle Buch gefehlt. Jenes, welches einen nachts wachhält, wie gebannt Seite um Seite umblättern und alles um einen herum vergessen lässt. In „Schwimmen“, das mir überraschend vom Verlag zugesandt wurde (vielen lieben Dank dafür!), wollte ich eigentlich nur kurz hereinlesen. Ich las die ersten Zeilen, aus denen schnell Seiten wurden, aus denen fix in einem Rutsch der ganze Roman wurde. Das nennt man wohl Binge-Reading? Und ja, das ist ein sehr gutes Zeichen!

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Es ist ein kalter Morgen in der Stadt. Milla Anton, die junge Protagonistin in Sina Poussets Debütroman, ist auf dem Weg zu Arbeit in den Verlag, muss aber zuvor noch die kleine Emma in den Kindergarten bringen. Jan, der Vater der Kleinen, ist verstorben. Emma kennt ihn nicht. Schnell wird klar, dass es sich nicht um ein „einfaches“ Familiendrama handelt, sondern dass sehr viel mehr dahintersteckt, als man zunächst vermuten würde. Denn als Milla an diesem Tag an der Arbeit auf Jans Tagebuch stößt, das sie bewusst lange unter einem hohen Stapel aus noch abzuarbeitenden Manuskripten verborgen hält, weiß sie: sie muss sich ihrer Vergangenheit stellen. Dem, was wirklich mit Jan passiert ist. In dem einen Sommer, in welchem sie, Jan und Kristina, seine Freundin, gemeinsam ans Meer gefahren sind und ohne Jan zurückkehren.

„Schwimmen“ ist ein sehr bewegender Roman über die Liebe, Sehnsucht und Freundschaft, der tief in die Gefühlswelt seiner Protagonisten hereinreicht. Im Fokus Milla, die immer wieder in kurzen und längeren Rückblenden davon erzählt wie es „früher“ war, mit Jan, ihrem Freund aus Kindertagen – und wie es „heute“ ist, jetzt, da Jan nicht mehr da ist. Wir als Leser|innen wissen (noch) nicht, was geschehen ist, können aber erahnen, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Nicht nur, weil dies mehr oder weniger deutlich lesbar ist, sondern vor allem in der Atmosphäre, in die der Roman gebettet ist. Er strahlt förmlich eine Art Kühle und Bedrücktheit aus, die den|die Leser|in ansatzweise fühlen lassen, was die Figuren empfinden. Die Autorin deutet vieles nur an, ertränkt den Plot nicht in zu ausschweifenden Erzählungen und das macht den Roman zugleich dynamisch sowie spannend und man kann gar nicht aufhören zu lesen, obwohl man sich eigentlich wünscht, man dürfe ewig in dieser schönen Sprache verweilen, die zugleich poetisch wie auch klug und einfach nur wunderschön ist.

„Draußen geht das Leben weiter. Beim Bäcker gehen die Menschen ein und aus und tragen Duft auf die Straße. Ein Kind baut im Kindergarten Klötze aufeinander und will mittags Kroketten mit den Fingern essen. Milla ist dazwischen, irgendwo.“ (S. 24)

In Sina Poussets Debütroman geht es um die Vergangenheit, die einen jeden schmerzhaft früher oder später wieder einholt. Es geht um die Liebe, die sich niemand je aussuchen kann. Um Freundschaften, die erwachsen werden (müssen) und um den Umgang mit Verlust, der Menschen an den Rand des Abgrunds bringen kann. „Schwimmen“ schafft es trotz schweren Themas ein Gefühl der Wärme zu erzeugen. Es ist ein zugleich tieftrauriger und Hoffnung gebender Roman, dessen Sprache und Inhalt den|die Leser|in von der ersten bis zur letzten Seite tragen und der noch lange nachhallt.

Ullstein fünf | 224 S. | ISBN: 978-3-96101-007-3

[Rezension] & [Geschenktipp] „Pinguine sind kitzlig, Bienen schlafen nie, und keiner schwimmt so langsam wie das Seepferdchen. Verblüffendes aus der Tierwelt.“ | Maja Säfström

Wer sich schon mal so langsam auf die Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für kleine und große Tierfreunde und/oder Fans von zauberhaften Illustrationen machen möchte (weil, es geht doch immer so schnell und zack, da ist schon Weihnachten!), für den habe ich einen Tipp: „Pinguine sind kitzlig, Bienen schlafen nie, und keiner schwimmt so langsam wie das Seepferdchen. Verblüffendes aus der Tierwelt.“

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Wie der Titel bereits vermuten lässt, findet sich in dem Buch, allerhand Wissenswertes und auch viel Lustiges aus dem Bereich der Tierwelt. Einige wenige Dinge sind mir vorher schon bekannt gewesen, doch vieles habe ich nicht mal geahnt und so habe ich ein ums andere Mal verblüfft oh!, erstaunt ah! und beinahe erschüttert igitt! ausgerufen (zum Beispiel bei Fliegen und Ziegen). Oder habt ihr gewusst, dass sich Seeotter beim Schlafen im Wasser einander die Hand halten, damit sie nicht auseinandertreiben? (vgl. S. 30), dass Kühe im Stehen schlafen können, jedoch nur im Liegen träumen? (vgl. S. 96) und dass im Fell von Faultieren Grünalgen wachsen, weil sie SO langsam sind (vgl. S. 110)?

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„Faultiere sind so langsam, dass in ihrem Fell Grünalgen wachsen.“ (S.110/111)

Die Fakten alleine sind schon ziemlich toll zu lesen und zu erfahren, aber die zugehörigen Zeichnungen der Illustratorin Maja Säfström runden das Ganze zu einem richtig schönen Buch ab, das man gerne erneut in die Hand nimmt. Zum nochmal Nachlesen und zum nochmal Anschauen. Ihre Illustrationen sind schlicht, in schwarz/weiß gedruckt und sehr minimalistisch gehalten, dafür aber umso liebevoller gestaltet – auch in den kleinen Details. Ich bin ganz begeistert und alle, die bisher mit mir durchgeblättert haben ebenfalls! (Übrigens die ganze Familie!) Einziger Wermutstropfen: es ist viel zu schnell ausgelesen! Aber das Gute daran? Man kann einfach wieder von vorne anfangen! Von daher bin ich ziemlich sicher, dass dieses Buch perfekt als Geschenk (auch an sich selbst) geeignet ist – und zwar für die ganze Familie!

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„Unter dem schwarzen Fell ist die Haut der Pandas schwarz und unter dem weißen Fell rosa.“ (S.14/15)

PS: Die Autorin & Illustratorin findet ihr unter anderem auch auf Instagram unter: @majasbok! Wer sich also vorab noch ein paar Illustrationen anschauen möchte oder so begeistert ist, dass er|sie noch mehr Inspiration benötigt (kann ich sehr gut verstehen), der wird dort sicher fündig!

 

 

 

 

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Elvira Willems | Penguin Verlag | 120 S. | ISBN: 978-3-328-10152-9

Happy Birthday, liebste Nordbreze!

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Einer meiner liebsten Blogs feiert dieser Tage Bloggeburtstag – und zwar nicht bloß irgendeinen, sondern seinen zehnten. 10 Jahre Nordbreze und so (in so oder so ähnlicher Aufmachung, mit so oder so ähnlichen Inhalten), das muss man erst mal in diesem ominösen Internet schaffen! An dieser Stelle nochmals die herzlichsten Glückwüsche! Ich hoffe stark auf weitere zehn Jahre und mehr, weil ich die Nordbreze unbekannterweise sehr, sehr gerne mag.

Dort und auf anderen Social-Media-Kanälen gibt es Buchtipps, Flohmarktbesuche, viel Humor und ganz viel Herz (das u.a. für die Fitzgeralds, die 1920er Jahre, neuerdings Grünzeug in Form von Sukkulenten und den Norden schlägt) – auch auf ihrem Instagram-Account, den ich besonders wegen der manchmal urkomischen, immer aber unfassbar liebevoll-sympathischen Stories bewundere! Und jetzt alle mal bei der Nordbreze vorbeigeschaut, da gibt’s aktuell und anlässlich des Bloggeburtstages neben Buchempfehlungen sogar einen Bücherscheck zu gewinnen! Und selbst wenn es den nicht abzustauben gäbe, gewinnen tut ihr so oder so: nämlich einen neuen Lieblingsblog.

[Rezension] „Ehemänner“ | Jami Attenberg

„Ehemänner“ ist nach „Die Middlesteins“ und „Saint Mazie“ Jami Attenbergs dritter auf Deutsch erschienener, äußerst vielversprechender Roman. Nachdem mir „Saint Mazie“ bereits so zugesagt hat (was ihr, wenn ihr möchtet, hier nachlesen könnt), bin ich dementsprechend gespannt gewesen, ob auch „Ehemänner“ meinen Lesenerv treffen würde.

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In Attenbergs drittem Roman geht es weder um eine neurotische jüdische Familie, noch um das New York der 1920er Jahre. Stattdessen befinden wir uns im New York der heutigen Zeit. Genauer gesagt in dem durchaus hippen Viertel Williamsburg, welches sich freiheitsliebende, kreative und kunstbegeisterte Menschen mittlerweile erobert haben. Hier lebt Jarvis Miller, Ehefrau des berühmten Künstlers Martin Miller, der vor sechs Jahren einen tragischen Unfall erlitten hat und seitdem im Koma liegt. Jarvis befindet sich in einer Art Blase, vor fast allem und jedem zurückgezogen, ganz besonders vor dieser ominösen und fordernden Kunstwelt, die vielleicht über mehr Schein als Sein verfügt, aber doch eine ganz gewisse Anziehungskraft auf sie ausübt. Durch einen Zufall trifft sie eines Tages in einem Waschsalon auf drei junge Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Mal, der gefühlt seit Jahren an seinem Roman arbeitet. Tony, der gutaussehende Immobilienmakler mit Hang zur Schauspielerei. Scott, der fürsorgliche Familienvater. Doch alle suchen sie im Wachsalon Zuflucht. Zuflucht vor ihrem Leben. Zuflucht vor sich selbst. So auch Jarvis, für die diese Männer mehr als ein kleiner Flirt sind. Sie helfen ihr – zunächst unabsichtlich – zurück ins Leben.

Klug und voller Wortwitz entfaltet sich hier eine Identitätssuche der etwas anderen Art. Zu Beginn des Romans weiß man noch nicht ganz, wo die Geschichte hinführen soll. Die Charaktere werden vorgestellt, die Sachlage erklärt, man bekommt als Leser|in ein Gefühl für die Situation, in der Jarvis sich befindet und für die Protagonistin selbst. Nicht zuletzt durch die Ich-Perspektive, in der aus Jarvis Sicht berichtet wird. Weiterhin erfahren wir in Rückblenden Dinge aus der gemeinsamen Vergangenheit Jarvis‘ und Martins aus der Zeit vor dem Unfall: Jarvis und Martin als Ehepaar. Von einer großen Liebe, die, wie alle großen Lieben, nicht vor Schwierigkeiten gefeit ist. Das hilft zusätzlich zu verstehen, wie Jarvis sich fühlen muss und wieso sie so und nicht anders denkt und handelt.

Die Geschichte ist in drei Abschnitte plus Prolog und Epilog eingeteilt, wobei jeder Abschnitt einer Entwicklungsstufe Jarvis entspricht. Ungefähr ab Teil zwei beginnt sich der Plot zu verdichten. Jarvis ist nun nicht mehr vollends die vom Ehemann abhängige Frau, sondern auf dem Weg sich abzunabeln, sich zu emanzipieren. Vor allem auch aufgrund dessen, was ans Licht gekommen ist. Aber natürlich ist sich selbst neu zu finden und zu definieren in einer solchen Situation wie der ihren alles andere als einfach. Wie soll man einen Mann verlassen, der seit sechs Jahren im Koma liegt, ohne gefühlskalt und egoistisch zu wirken? Das ist ein Thema, das ich für sehr wichtig und gleichzeitig sehr schwierig halte und bin daher erstaunt, wie feinfühlig Attenberg dies darstellt, ohne dabei zu wertend zu sein. Auch wenn sie natürlich Martin irgendwie als Buhmann dastehen lässt, macht sie dennoch die innere Zerrissenheit Jarvis deutlich und zeigt, dass es nie leicht ist, sich zu trennen oder jemanden gehen zu lassen. Egal aus welchen Gründen und ganz besonders, wenn noch Liebe vorhanden ist. Dennoch: Jarvis muss und will zurück ins Leben, um nicht als Phantom an der Seite eines komatösen Ehemannes immer kleiner und kleiner zu werden, bis sie selbst verschwunden ist. Sie will und muss sich wieder lebendig fühlen – und genau das ist es, worum es in „Ehemänner“ vorrangig geht. Nicht um Krankheit, nicht um Kunst, nicht um ein hippes Leben in Williamsburg, nicht um Affären, (wenn auch alles eine Rolle spielt) sondern um das Leben, das trotz aller Widrigkeiten voranschreitet und um das, was wirklich wichtig und gut ist.

Auch wenn ich gegen Ende ein klein wenig skeptisch der Geschichte gegenüber geworden bin, so bin ich doch vom Schreibstil und der Empathiefähigkeit Attenbergs restlos begeistert. Ich würde sagen, hier habe ich eine neue Lieblingsautorin gefunden.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Barbara Christ | Schöffling & Co. Verlag | 328 S. | ISBN: 978-3-89561-204-6

[Rezension] „Das Wunder der wilden Insel“ | Peter Brown

Oha, jetzt liest sie auch noch Kinderbücher. Ich könnte mich jetzt damit „verteidigen“, dass ich generell keinem Genre komplett abgeneigt bin (ok, bis auf totalen Kitsch und Horror) und/oder, dass ich ein Buch suche, das sowohl Kindern als auch Erwachsenen zugänglich gemacht werden kann und somit perfekt zum Vorlesen geeignet ist. Allerdings ist es so, dass mich „Das Wunder der wilden Insel“ einfach sofort hatte. Ich sah das Cover und dachte mir, nunja, ich dachte gar nicht, ich wollte nur noch lesen und in den wunderbaren Illustrationen versinken.

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Auf dem Cover dieses Buches von Peter Brown, das für Kinder ab 10 Jahren empfohlen wird, befindet sich ein kleiner, minimalistisch gehaltener Roboter mit ausdrucksstarken Augen (man sieht nämlich nur diese von seinem Gesicht, sonst nichts) auf einem steinigen Hügel. Im Hintergrund ein dichter Wald, davor ein Fluss. Es sind genau die Augen – eigentlich nur zwei dicke Kreise -, die mich dazu bewegt haben, das Buch lesen zu wollen. Sie wecken in mir eine Art Beschützerinstinkt und gleichzeitig Neugier. Was macht ein Roboter (wie sich später herausstellen wird: ein Robotermädchen) auf einem Berg aus Steinen?! Mitten in einem Wald?! Alleine?! Nun, genau dies werden wir in der Geschichte erfahren. Unsere Protagonistin, das Robotermädchen Roz, landet unter widrigen Umständen auf einer einsamen Insel. Sie weiß weder wie sie dort hingekommen ist, noch warum – und Roz hat so gar keine Ahnung vom Leben auf einer Insel, umgeben von Gefahren und unbekannten Dingen sowie Tieren, die sie für ein Monster halten! Doch Roz ist ein starkes Mädchen. Nach einigen Rückschlägen lernt sie, sich anzupassen, die Sprache der Tiere zu lernen, wird Mama eines hilflosen Gänsekükens, baut mithilfe der Biber ein Haus und, und, und. Die Tiere der Insel erkennen, das Roz kein Ungeheuer ist und fassen langsam Vertrauen. Doch dann braucht Roz selbst Hilfe…

„Das Wunder der wilden Insel“ ist eine warmherzige Geschichte über Freundschaft, Liebe, Vertrauen und das „Anderssein“, die nicht nur für Kinder geeignet, aber doch kindgerecht ist. Ich hatte jede Menge Freude an Roz und den vielen, recht eigensinnigen, aber liebenswürdigen Tieren der Insel, die alle ganz wunderbar gezeichnet sind – und das im doppelten Wortsinn! Peter Browns Illustrationen gehen mitten ins Herz, sie sind so liebevoll, detailreich, dabei aber nicht zu ausgeschmückt, dass man stundenlang durch das Buch blättern möchte. Seine Zeichnungen sind relativ minimalistisch gehalten, was mir besonders gut gefällt, so wirkt die Geschichte nicht zu überladen. Ebenso der Inhalt, welcher in 80 kurze Kapitel unterteilt perfekt zum Vorlesen und Wegträumen geeignet ist! Die Sprache ist dabei relativ einfach und verständlich gehalten, aber keineswegs stumpf und gibt immer wieder Denkanstöße. Was ich ebenfalls gerne noch hervorheben möchte ist der Kontrast von Natur und Technik, der in unserer schnelllebigen, von technischen Geräten (und Robotern!) durchdrungenen Welt umso aktueller ist. Peter Brown zeigt hier Schwierigkeiten und Lösungen auf, die zwar – klar – nicht ganz so ernst zu nehmen sind, aber doch das gewisse Etwas haben.

Roz und die ganze wundersame Welt der wilden Insel sind mir schrecklich (im positiven Sinne) ans Herz gewachsen und ich freue mich schon sehr darauf, diese Geschichte bald mit jüngeren Leser|innen teilen zu dürfen!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn | cbt Verlag | 288 Seiten mit s/w Illustrationen | ISBN: 978-3-570-16483-9

[Blogbuster 2018] Preis der Literaturblogger

Kurz vorab: Dieser Text sollte eigentlich bereits gestern auf meinem Blog erscheinen. Wie das Leben aber so spielt, hat es mich gesundheitlich ein wenig aus den Latschen kippen lassen und ich kann ihn leider erst jetzt mit euch teilen. (Man beachte auch die Ironie zu Beginn des Textes.) Weiterhin kann ich selbst aus dem eben genannten Grund nicht auf der Buchmesse sein. Schade! Sehr schade! Aber nächstes Jahr bestimmt wieder!

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Es ist soweit. Morgen, am Buchmesse-Freitag (ein Freitag, der Dreizehnte, was in diesem Fall bestimmt kein böses Omen ist!) startet die neue Staffel des Blogbuster Preises. Wie bereits im vorherigen Jahr suchen 15 Literaturblogger in Zusammenarbeit mit einem Verlag (letztes Jahr Tropen/Klett-Cotta, dieses Jahr Kein & Aber), der Literaturagentur Elisabeth Ruge und der Frankfurter Buchmesse ein literarisches Nachwuchstalent. (Für mehr Informationen einfach diesem Link folgen!)

Jede|r Autor|in ohne Verlagsvertrag kann, darf und soll sich gerne mit einem Exposé und einer Leseprobe bei einem der 15 teilnehmenden Blogs bewerben. Wir (alle Blogs, die dieses Jahr in der Blogjury sind, findet ihr hier ) – und ja, genau, ich bin mit dabei, was mich sehr freut! – lesen Eure eingereichten Manuskripte und suchen je eines aus, für das wir sozusagen die Patenschaft übernehmen. Eine Fachjury entscheidet anschließend, welches Manuskript einen Verlagsvertrag bei Kein & Aber gewinnen wird. Im letzten Jahr – also theoretisch noch in diesem – ist es „Wer ist B. Traven“ von Torsten Seifert im Tropen/Klett-Cotta Verlag geworden, welches nun genau morgen auf der Buchmesse vorgestellt wird. Gleichzeitig bedeutet dies auch den Startschuss für die zweite Staffel, in der nun neue Exposés und Leseproben, wenn angefordert auch ganze Manuskripte, eingereicht werden können.

Wer Lust hat, live mit dabei zu sein, kann entweder direkt zum Orbanism Space in Halle 4.1 / B 91 kommen oder den Stream via Internet verfolgen.

Ich freue mich auf die kommende Zeit mit hoffentlich vielen interessanten und eindrucksvollen Manuskripten und bin sehr gespannt, was sich vielleicht aus dem ein oder anderen Text entwickeln wird!

PS: Wenn ihr vorhabt Euch zu bewerben, lest Euch bitte die Teilnahmebedingungen und weitere Informationen auf der Seite des Blogbuster-Preises noch mal durch.

[Rezension] „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ | Madeleine Thien

Madeleine Thiens neuester Roman „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ (Originaltitel: ‚Do Not Say We Have Nothing‘) wurde nicht nur mit zahlreichen, renommierten Literaturpreisen Kanadas ausgezeichnet, sondern stand auch auf der Shortlist des Man Booker Prizes 2016. Ja, ich bin mir dessen bewusst, dass man eigentlich nicht unbedingt ausschließlich danach gehen sollte, welche|r Autor|in für welches Buch welchen Preis gewonnen hat, aber aus persönlicher Erfahrung heraus weiß ich, dass Bücher, die für den Man Booker Prize nominiert gewesen sind (oder gar den Preis erhalten haben), genau meins sind. So. Damit wäre fast schon geklärt, warum ich „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ unbedingt lesen wollte. Fast. Inhaltlich trifft der Roman nämlich auch ein Thema, das mich sehr interessiert, wenn ich auch – zugegeben – nicht allzu viel darüber weiß.

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Der Roman umfasst die Geschichte zweier (Musiker)Familien im China der 1940er Jahre bis heute. Es geht um ihr Schicksal und ihre Liebe zur Musik, die durch politische Willkür, Gewalt und Unterdrückung bedroht sind. Nicht nur das Leben und das Freiheitsgefühl der Familien sind in Gefahr, sondern vielmehr auch ihr persönlicher Ausdruck, ihre Kreativität und freie Form der Entfaltung, denn, wie soll ein Mensch sich selbst treu bleiben können, wenn er sich in permanenter Angst vor Verrat und Verhaftung entweder verstecken oder vor anderen verstellen muss?

Wir als Leser|innen begleiten Marie, die Hauptfigur in Thiens Roman, durch mehrere Zeiten und Ebenen hinweg an einen Ort, der gleichwohl fremd und vertraut ist, denn obwohl Marie nicht in China aufgewachsen ist, hat sie doch dort ihre Wurzeln. Marie ist ein junges Mädchen, das mit ihrer Mutter zusammen in Kanada lebt. Ihr Vater ist zuerst zurück nach China gegangen, um anschließend dort Selbstmord zu begehen – für Marie bricht eine Welt zusammen, denn sie kann das Wieso und Weshalb nicht nachvollziehen. Was soll es für einen Sinn machen, in ein Land zurückzukehren, das so viel Leid über ihre Familie gebracht hat, um dann noch mehr Leid zu verursachen? Es fühlt sich an wie Verrat. Als Marie 10 Jahre alt ist (in 1990) kommt Ai-Ming, die nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aus Peking hat fliehen müssen, zu ihnen nach Kanada. Ai-Ming ist anders als Marie, in ihrem Verhalten, in ihrer Art und Weise, in ihrem Denken, denn sie hat viel erlebt – darunter jede Menge Schlechtes – und doch ahnt Marie, dass die beiden etwas verbindet. Etwas, das in ihrer gemeinsamen Vergangenheit liegt. Etwas, das es gilt herauszufinden. Und so beginnt Ai-Ming Marie die Geschichte ihrer beider Familien zu erzählen. Die Geschichte ihrer Väter und Familien, die schon so lange miteinander verbunden sind.

In einer weichen und fließenden Sprache schildert Madeleine Thien einen wunderbaren, aber auch schmerzhaften Generationenroman, der sich mit einem ganz besonderen Thema befasst. Für mich war es zu Beginn ein wenig schwierig, die vielen unterschiedlichen Personen auseinanderzuhalten (die oft zusätzlich auch noch Spitznamen tragen) und so konnte ich dem roten Faden zunächst nicht ganz folgen. Etwas erschwerend kommt hinzu, dass ich von der Geschichte Chinas leider nicht allzu viel weiß – eigentlich ein Grund mehr, das Buch zu lesen, aber so fehlte mir hier etwas Hintergrundwissen, was für den Fortgang des Romans von Nutzen gewesen wäre. So dauert es seine Zeit, bis man im Buch angekommen ist, mitunter bleibt aber doch immer ein ganz klein wenig Distanz erhalten. Was mir dafür neben der außerordentlichen Erzählkraft der Autorin sehr zugesagt hat, ist die Art und Weise, wie sie hier zwei Sprachen, zwei Staaten, zwei Leben und Lebensansichten miteinander verbindet. Thien baut immer wieder die Bedeutung einzelner chinesischer Schriftzeichen in den Text mit ein, erklärt, welch unterschiedliche Bedeutung ein einzelner Wortlaut haben kann und schafft mit Ai-Ming und Marie zwei solch unterschiedliche und doch ähnliche Charaktere, dass man hier sofort einen Zugang zu diesen Personen und somit zur Geschichte selbst findet. Beide wirken einerseits zart und zerbrechlich, aber doch so stark – wie der Roman selbst.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Anette Grube | Luchterhand Literaturverlag | 656 S. | ISBN: 978-3-630-87520-0

[Lesemonat] September 2017

Ach. Schon wieder ein Monat rum. Dabei hat man das Gefühl, es sei nichts und doch so viel passiert. Gerade politisch und gesellschaftlich fühlt es sich ein wenig so an, als sei es plötzlich (oder vielleicht auch nicht so plötzlich) eine ganz andere Welt da draußen. Doch – wie so oft – zum Glück gibt es Bücher. Daher folgt ein Überblick meiner gelesenen Bücher im September. Mit Sicherheit habe ich wieder etwas vergessen, manches habe ich auch schon vorher angefangen zu lesen. Der Lesemonat soll generell nur einen inhaltlichen Überblick geben, aber nicht demonstrieren, wie viel ich gelesen habe. Ich weiß, dass es viel ist, aber ich bin da wirklich kein Maßstab!

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„Vernunft & Gefühl“ | Jane Austen

Der Monat fing ganz klassisch an. Denn, ich muss es gestehen, bis zu diesem Buch hatte ich noch nie einen Roman von Jane Austen beendet. Ja. Wirklich. Und ich weiß noch nicht einmal so genau, wieso eigentlich. Diese Neuübersetzung des Klassikers einer der heute beliebtesten Schriftstellerinnen aller Zeiten überzeugt, wenn mir auch leider ein wenig der altmodische Originalton gefehlt hat. „Vernunft & Gefühl“ ist Austens erster Roman, damals noch unter dem Pseudonym „Von einer Dame“ veröffentlicht und hat alles, was ein Liebesroman im klassischen Sinne benötigt, ohne dabei zu kitschig oder zu romantisch zu sein. Im Fokus steht vor allem die Rolle der Frau und das Gesellschaftsbild des 19. Jahrhunderts. Ich gelobe Besserung und hoffe demnächst „Stolz und Vorurteil“ zu beenden!

„Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ | Walter Moers

So leid es mir tut, aber dieses Buch gehört zu meinen persönlichen Flops des Monats. Inhaltlich kommt es leider nicht an die Vorgänger heran, wobei es keineswegs schlecht ist. Vor allem Walter Moers Einfallsreichtum, seine unfassbar klugen Spielereien mit der Sprache und Lydia Rodes Illustrationskunst sind positiv hervorzuheben. Dennoch. Es hat etwas gefehlt und dieses Etwas kann ich nicht mal genau benennen. Die Prinzessin und der alptraumfarbene Nachtmahr garantieren einen netten Ausflug nach Zamonien und in die Gehirnwindungen der schlaflosesten Prinzessin aller schlaflosen Prinzessinnen hinein. Mehr aber (meiner Meinung nach) leider nicht.

„Romeo oder Julia“ | Gerhard Falkner

Dieser Roman steht auf der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises und konnte mich vor allem durch seine Sprachbrillanz und den bitteren, leicht süffisanten Humor begeistern. Inhaltlich flacht das Buch leider gegen Ende hin stark ab, bis dahin bleibt es aber spannend und vor allem sehr lesbar. Selten haben mich seitenweise beschreibende Erzählungen so gut unterhalten wie hier! Ich denke aber, dass es für den Buchpreis letztlich nicht ganz ausreicht. Doch ich lasse mich gerne überraschen und bin gespannt!

„Die Gabe der Könige. Die Chronik der Weitseher 1.“ | Robin Hobb

Oh, endlich wieder gute Fantasy, die mich vollends überzeugt! „Die Gabe der Könige“ ist zwar eine Neuauflage des 1999 erstmalig auf Deutsch erschienenem Roman – damals noch unter dem Titel „Der Weitseher“ -, aber deshalb nicht weniger lesbar. Im Gegenteil. Es ist eine Geschichte, die sowohl historische als auch magische Elemente aufweist, deren Schwerpunkt auf der Entwicklung der einzelnen Charaktere liegt und erinnert somit an George R.R. Martins Erfolgsreihe „Das Lied von Eis und Feuer“. Ich habe „Die Gabe der Könige“ sehr gerne gelesen und freue mich ganz arg auf den zweiten Band in neuer Auflage Mitte Oktober, damit ich endlich weiß, wie es weitergeht. Es ist nämlich so eine Geschichte, in die man (perfekt zum Herbst) so richtig eintauchen kann!

„Die Seefahrerin“ | Catherine Poulain

Ein Abenteuerroman mit einer weiblichen Protagonistin: einer Seefahrerin. Ich habe dieses Buch gerne gelesen, das – atmosphärisch kühl und rau – sehr authentisch wirkt. Die Autorin selbst hat mehrere Jahre auf den Meeren Alaskas verbracht und weiß daher genau, wovon und worüber sie schreibt. Das merkt man! Die Protagonistin selbst wirkt manchmal etwas naiv, was aber einfach in ihrem Naturell der etwas wortkargen, zupackenden Person gehört und lässt die Geschichte dadurch noch realer wirken. Der Roman greift mit dem Thema „starke Frau“ zwar etwas gerade durchaus Populäres auf, relativiert dies aber mit der Kombination „Seefahrerin“ zu einer Erzählung, die durchaus noch rar ist. Sein Potential hat das Buch vielleicht nicht ganz ausgeschöpft, aber man kann es durchaus verzeihen.

„Otto Dix. The Evil Eye. Der böse Blick.“ | Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.)

Ein Kunstband, der eine Teilbiografie des Künstlers in Verbindung mit Zeitgeschichte und seinen Werken birgt. Da ich ein großer Bewunderer Otto Dix bin, mag ich es sehr. Seine Bilder sind ausdrucksstarke Impressionen einer krisengeschüttelten, aber gleichzeitig lebenslustigen und atemberaubenden Zeit, die mich sehr fasziniert. Dix wird dem Realismus und „Der neuen Sachlichkeit“ zugeordnet und eckt damals wie heute mit seiner Kunst an. Das ist gut. Kunst muss polarisieren, unterschiedliche Meinungen hervorrufen und Diskussionen bereichern. Das schafft Dix. Damals. Wie heute.

„Saint Mazie“ | Jami Attenberg

Attenberg greift die wahre Geschichte der Mazie Phillips aus dem New York der 1920er Jahre auf und konstruiert daraus einen Roman, der auf fiktiven Tagebucheinträgen Mazies und Zeitzeugenberichten basiert. Das hätte leicht danebengehen können – ist es aber nicht! Mir ist die Heldin Mazie Phillips, die die Armen und Hilfsbedürftigen unterstützt, wo sie nur kann, sehr ans Herz gewachsen. Auch Attenbergs Schreibstil begeistert durch klugen Wortwitz gepaart mit Humor und Einfallsreichtum! Bitte mehr!

„Die zwölf Leben des Samuel Hawley“ | Hannah Tinti

Oh, wie hat mich dieses Buch überrascht! Dieses mit knapp 600 Seiten doch recht dicke Buch habe ich innerhalb kürzester Zeit praktisch inhaliert. Es ist eine Mischung aus Abenteuer- und Entwicklungsroman und hat genau das, was ein Roman benötigt, um einen immer weiterlesen zu lassen. Atmosphärisch etwas düster, unterhaltsam und spannend erzählt. Aber ich mag gar nicht zu viel verraten, lest es am besten gleich selbst!

„Westlich des Sunset“ | Stewart O’Nan

Ein biografischer Roman über die Fitzgeralds in den 1930er Jahren. Er setzt also nach der „wilden Zeit“ der beiden ein. Zelda befindet sich in einer Nervenheilanstalt, während Scott versucht, beruflich Fuß zu fassen. Beide haben sich voneinander entfernt. Trotzdem (auch trotz Scotts neuer Liebe zu Sheila Graham) ist da immer noch eine Anziehungskraft und mehr noch, ein Verantwortungsgefühl Scotts gegenüber Zelda – und das von einem, der sein Leben aufgrund zahlreicher Alkoholeskapaden selbst alles andere als im Griff hat. Aber er versucht es. Auch für ihre gemeinsame Tochter. Wir tauchen nicht nur tief in die Fitzgeraldsche Geschichte nach den 1920ern ein (die in Rückblenden immer mal wieder angedeutet wird), sondern auch ins Hollywood der 1930er Jahre, treffen bekannte Persönlichkeiten und werfen einen Blick hinter die Kulissen. Sind mit dabei, wie Scott immer tiefer fällt, aber auch aufsteht und beginnt, an seinem letzten Roman (‚The Last Tycoon‘) zu arbeiten. Das alles ist wunderbar elegant und schön geschrieben, kein bisschen plump oder kitschig. Einzig ein wenig schwer im Magen liegt mir die Tatsache, dass Zelda viel zu kurz kommt. Es wird nur aus Scotts Perspektive berichtet, das zwar wohlwollend, dabei bleibt aber doch fast völlig unerwähnt, wie viel Einfluss sie literarisch auf ihn gehabt haben soll und welche Gründe dazu geführt haben, dass sie letztlich eingewiesen werden musste (er war da sicher kein Unschuldslamm) – und Zelda nicht bloß das „verrückte Flapper Girl“ gewesen ist. Letztlich haben sich wohl beide gegenseitig zerstört und die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

„Die Farbe von Milch“ | Nell Leyshon

Ein wunderbares Buch, das vor allem durch seine ungewöhnliche Grammatik und „einfache“, aber umso eindringlichere Sprache besticht. Mir hat es sehr gefallen, insbesondere die Atmosphäre, die sehr an „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent erinnert! (Ich habe mich allerdings immer ein wenig dabei ertappt, wie ich gedanklich Kommas setzen wollte, die im Text fast komplett weggelassen werden – da muss man sich ein wenig dran gewöhnen!)

„Wie man es vermasselt“ | George Watsky

Eine Sammlung autobiografischer Stories, die sich allesamt ums Vermasseln drehen. Wer kennt das nicht? Das Leben ist nun mal alles andere als perfekt! Watsky berichtet humorvoll, klug und dabei sehr unterhaltsam von seinen eigenen „Vermasslungs-Geschichten“ und wirkt dabei vor allem unfassbar sympathisch!

„Der Baum auf dem Dach“ | Viktorija Tokarjewa

Dieses schmale Büchlein habe ich ihm Rahmen der „russian reading challenge“ gelesen. Die ersten knapp dreißig Seiten lasen sich ganz hervorragend und erinnerten entfernt an eine russische Version des kunstseidenen Mädchens von Irmgard Keun. Danach allerdings beschäftigt sich der Roman primär mit einer Dreiecksbeziehung und verliert somit für mich etwas an Substanz. Schade!