[Rezension] „Das Wunder der wilden Insel“ | Peter Brown

Oha, jetzt liest sie auch noch Kinderbücher. Ich könnte mich jetzt damit „verteidigen“, dass ich generell keinem Genre komplett abgeneigt bin (ok, bis auf totalen Kitsch und Horror) und/oder, dass ich ein Buch suche, das sowohl Kindern als auch Erwachsenen zugänglich gemacht werden kann und somit perfekt zum Vorlesen geeignet ist. Allerdings ist es so, dass mich „Das Wunder der wilden Insel“ einfach sofort hatte. Ich sah das Cover und dachte mir, nunja, ich dachte gar nicht, ich wollte nur noch lesen und in den wunderbaren Illustrationen versinken.

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Auf dem Cover dieses Buches von Peter Brown, das für Kinder ab 10 Jahren empfohlen wird, befindet sich ein kleiner, minimalistisch gehaltener Roboter mit ausdrucksstarken Augen (man sieht nämlich nur diese von seinem Gesicht, sonst nichts) auf einem steinigen Hügel. Im Hintergrund ein dichter Wald, davor ein Fluss. Es sind genau die Augen – eigentlich nur zwei dicke Kreise -, die mich dazu bewegt haben, das Buch lesen zu wollen. Sie wecken in mir eine Art Beschützerinstinkt und gleichzeitig Neugier. Was macht ein Roboter (wie sich später herausstellen wird: ein Robotermädchen) auf einem Berg aus Steinen?! Mitten in einem Wald?! Alleine?! Nun, genau dies werden wir in der Geschichte erfahren. Unsere Protagonistin, das Robotermädchen Roz, landet unter widrigen Umständen auf einer einsamen Insel. Sie weiß weder wie sie dort hingekommen ist, noch warum – und Roz hat so gar keine Ahnung vom Leben auf einer Insel, umgeben von Gefahren und unbekannten Dingen sowie Tieren, die sie für ein Monster halten! Doch Roz ist ein starkes Mädchen. Nach einigen Rückschlägen lernt sie, sich anzupassen, die Sprache der Tiere zu lernen, wird Mama eines hilflosen Gänsekükens, baut mithilfe der Biber ein Haus und, und, und. Die Tiere der Insel erkennen, das Roz kein Ungeheuer ist und fassen langsam Vertrauen. Doch dann braucht Roz selbst Hilfe…

„Das Wunder der wilden Insel“ ist eine warmherzige Geschichte über Freundschaft, Liebe, Vertrauen und das „Anderssein“, die nicht nur für Kinder geeignet, aber doch kindgerecht ist. Ich hatte jede Menge Freude an Roz und den vielen, recht eigensinnigen, aber liebenswürdigen Tieren der Insel, die alle ganz wunderbar gezeichnet sind – und das im doppelten Wortsinn! Peter Browns Illustrationen gehen mitten ins Herz, sie sind so liebevoll, detailreich, dabei aber nicht zu ausgeschmückt, dass man stundenlang durch das Buch blättern möchte. Seine Zeichnungen sind relativ minimalistisch gehalten, was mir besonders gut gefällt, so wirkt die Geschichte nicht zu überladen. Ebenso der Inhalt, welcher in 80 kurze Kapitel unterteilt perfekt zum Vorlesen und Wegträumen geeignet ist! Die Sprache ist dabei relativ einfach und verständlich gehalten, aber keineswegs stumpf und gibt immer wieder Denkanstöße. Was ich ebenfalls gerne noch hervorheben möchte ist der Kontrast von Natur und Technik, der in unserer schnelllebigen, von technischen Geräten (und Robotern!) durchdrungenen Welt umso aktueller ist. Peter Brown zeigt hier Schwierigkeiten und Lösungen auf, die zwar – klar – nicht ganz so ernst zu nehmen sind, aber doch das gewisse Etwas haben.

Roz und die ganze wundersame Welt der wilden Insel sind mir schrecklich (im positiven Sinne) ans Herz gewachsen und ich freue mich schon sehr darauf, diese Geschichte bald mit jüngeren Leser|innen teilen zu dürfen!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn | cbt Verlag | 288 Seiten mit s/w Illustrationen | ISBN: 978-3-570-16483-9

[Blogbuster 2018] Preis der Literaturblogger

Kurz vorab: Dieser Text sollte eigentlich bereits gestern auf meinem Blog erscheinen. Wie das Leben aber so spielt, hat es mich gesundheitlich ein wenig aus den Latschen kippen lassen und ich kann ihn leider erst jetzt mit euch teilen. (Man beachte auch die Ironie zu Beginn des Textes.) Weiterhin kann ich selbst aus dem eben genannten Grund nicht auf der Buchmesse sein. Schade! Sehr schade! Aber nächstes Jahr bestimmt wieder!

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Es ist soweit. Morgen, am Buchmesse-Freitag (ein Freitag, der Dreizehnte, was in diesem Fall bestimmt kein böses Omen ist!) startet die neue Staffel des Blogbuster Preises. Wie bereits im vorherigen Jahr suchen 15 Literaturblogger in Zusammenarbeit mit einem Verlag (letztes Jahr Tropen/Klett-Cotta, dieses Jahr Kein & Aber), der Literaturagentur Elisabeth Ruge und der Frankfurter Buchmesse ein literarisches Nachwuchstalent. (Für mehr Informationen einfach diesem Link folgen!)

Jede|r Autor|in ohne Verlagsvertrag darf sich mit einem Exposé und einer Leseprobe bei einem der 15 teilnehmenden Blogs bewerben. Wir – ja, genau, ich bin mit dabei! – lesen Eure eingereichten Manuskripte und suchen je eines aus, mit welchem wir dann in den Wettbewerb einziehen. Eine Fachjury entscheidet anschließend, welches Manuskript einen Verlagsvertrag bei Kein & Aber gewinnen wird. Im letzten Jahr – also theoretisch noch in diesem – ist es „Wer ist B. Traven“ von Torsten Seifert im Tropen/Klett-Cotta Verlag geworden, welches nun genau morgen auf der Buchmesse vorgestellt wird. Gleichzeitig bedeutet dies auch den Startschuss für die zweite Staffel, in der nun neue Manuskripte eingereicht werden können.

Wer Lust hat, live mit dabei zu sein, kann entweder direkt zum Orbanism Space in Halle 4.1 / B 91 kommen oder den Stream via Internet verfolgen.

Ich freue mich auf die kommende Zeit mit hoffentlich vielen interessanten und eindrucksvollen Manuskripten und bin sehr gespannt, was sich vielleicht aus dem ein oder anderen Text entwickeln wird!

[Rezension] „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ | Madeleine Thien

Madeleine Thiens neuester Roman „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ (Originaltitel: ‚Do Not Say We Have Nothing‘) wurde nicht nur mit zahlreichen, renommierten Literaturpreisen Kanadas ausgezeichnet, sondern stand auch auf der Shortlist des Man Booker Prizes 2016. Ja, ich bin mir dessen bewusst, dass man eigentlich nicht unbedingt ausschließlich danach gehen sollte, welche|r Autor|in für welches Buch welchen Preis gewonnen hat, aber aus persönlicher Erfahrung heraus weiß ich, dass Bücher, die für den Man Booker Prize nominiert gewesen sind (oder gar den Preis erhalten haben), genau meins sind. So. Damit wäre fast schon geklärt, warum ich „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ unbedingt lesen wollte. Fast. Inhaltlich trifft der Roman nämlich auch ein Thema, das mich sehr interessiert, wenn ich auch – zugegeben – nicht allzu viel darüber weiß.

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Der Roman umfasst die Geschichte zweier (Musiker)Familien im China der 1940er Jahre bis heute. Es geht um ihr Schicksal und ihre Liebe zur Musik, die durch politische Willkür, Gewalt und Unterdrückung bedroht sind. Nicht nur das Leben und das Freiheitsgefühl der Familien sind in Gefahr, sondern vielmehr auch ihr persönlicher Ausdruck, ihre Kreativität und freie Form der Entfaltung, denn, wie soll ein Mensch sich selbst treu bleiben können, wenn er sich in permanenter Angst vor Verrat und Verhaftung entweder verstecken oder vor anderen verstellen muss?

Wir als Leser|innen begleiten Marie, die Hauptfigur in Thiens Roman, durch mehrere Zeiten und Ebenen hinweg an einen Ort, der gleichwohl fremd und vertraut ist, denn obwohl Marie nicht in China aufgewachsen ist, hat sie doch dort ihre Wurzeln. Marie ist ein junges Mädchen, das mit ihrer Mutter zusammen in Kanada lebt. Ihr Vater ist zuerst zurück nach China gegangen, um anschließend dort Selbstmord zu begehen – für Marie bricht eine Welt zusammen, denn sie kann das Wieso und Weshalb nicht nachvollziehen. Was soll es für einen Sinn machen, in ein Land zurückzukehren, das so viel Leid über ihre Familie gebracht hat, um dann noch mehr Leid zu verursachen? Es fühlt sich an wie Verrat. Als Marie 10 Jahre alt ist (in 1990) kommt Ai-Ming, die nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aus Peking hat fliehen müssen, zu ihnen nach Kanada. Ai-Ming ist anders als Marie, in ihrem Verhalten, in ihrer Art und Weise, in ihrem Denken, denn sie hat viel erlebt – darunter jede Menge Schlechtes – und doch ahnt Marie, dass die beiden etwas verbindet. Etwas, das in ihrer gemeinsamen Vergangenheit liegt. Etwas, das es gilt herauszufinden. Und so beginnt Ai-Ming Marie die Geschichte ihrer beider Familien zu erzählen. Die Geschichte ihrer Väter und Familien, die schon so lange miteinander verbunden sind.

In einer weichen und fließenden Sprache schildert Madeleine Thien einen wunderbaren, aber auch schmerzhaften Generationenroman, der sich mit einem ganz besonderen Thema befasst. Für mich war es zu Beginn ein wenig schwierig, die vielen unterschiedlichen Personen auseinanderzuhalten (die oft zusätzlich auch noch Spitznamen tragen) und so konnte ich dem roten Faden zunächst nicht ganz folgen. Etwas erschwerend kommt hinzu, dass ich von der Geschichte Chinas leider nicht allzu viel weiß – eigentlich ein Grund mehr, das Buch zu lesen, aber so fehlte mir hier etwas Hintergrundwissen, was für den Fortgang des Romans von Nutzen gewesen wäre. So dauert es seine Zeit, bis man im Buch angekommen ist, mitunter bleibt aber doch immer ein ganz klein wenig Distanz erhalten. Was mir dafür neben der außerordentlichen Erzählkraft der Autorin sehr zugesagt hat, ist die Art und Weise, wie sie hier zwei Sprachen, zwei Staaten, zwei Leben und Lebensansichten miteinander verbindet. Thien baut immer wieder die Bedeutung einzelner chinesischer Schriftzeichen in den Text mit ein, erklärt, welch unterschiedliche Bedeutung ein einzelner Wortlaut haben kann und schafft mit Ai-Ming und Marie zwei solch unterschiedliche und doch ähnliche Charaktere, dass man hier sofort einen Zugang zu diesen Personen und somit zur Geschichte selbst findet. Beide wirken einerseits zart und zerbrechlich, aber doch so stark – wie der Roman selbst.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Anette Grube | Luchterhand Literaturverlag | 656 S. | ISBN: 978-3-630-87520-0

[Lesemonat] September 2017

Ach. Schon wieder ein Monat rum. Dabei hat man das Gefühl, es sei nichts und doch so viel passiert. Gerade politisch und gesellschaftlich fühlt es sich ein wenig so an, als sei es plötzlich (oder vielleicht auch nicht so plötzlich) eine ganz andere Welt da draußen. Doch – wie so oft – zum Glück gibt es Bücher. Daher folgt ein Überblick meiner gelesenen Bücher im September. Mit Sicherheit habe ich wieder etwas vergessen, manches habe ich auch schon vorher angefangen zu lesen. Der Lesemonat soll generell nur einen inhaltlichen Überblick geben, aber nicht demonstrieren, wie viel ich gelesen habe. Ich weiß, dass es viel ist, aber ich bin da wirklich kein Maßstab!

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„Vernunft & Gefühl“ | Jane Austen

Der Monat fing ganz klassisch an. Denn, ich muss es gestehen, bis zu diesem Buch hatte ich noch nie einen Roman von Jane Austen beendet. Ja. Wirklich. Und ich weiß noch nicht einmal so genau, wieso eigentlich. Diese Neuübersetzung des Klassikers einer der heute beliebtesten Schriftstellerinnen aller Zeiten überzeugt, wenn mir auch leider ein wenig der altmodische Originalton gefehlt hat. „Vernunft & Gefühl“ ist Austens erster Roman, damals noch unter dem Pseudonym „Von einer Dame“ veröffentlicht und hat alles, was ein Liebesroman im klassischen Sinne benötigt, ohne dabei zu kitschig oder zu romantisch zu sein. Im Fokus steht vor allem die Rolle der Frau und das Gesellschaftsbild des 19. Jahrhunderts. Ich gelobe Besserung und hoffe demnächst „Stolz und Vorurteil“ zu beenden!

„Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ | Walter Moers

So leid es mir tut, aber dieses Buch gehört zu meinen persönlichen Flops des Monats. Inhaltlich kommt es leider nicht an die Vorgänger heran, wobei es keineswegs schlecht ist. Vor allem Walter Moers Einfallsreichtum, seine unfassbar klugen Spielereien mit der Sprache und Lydia Rodes Illustrationskunst sind positiv hervorzuheben. Dennoch. Es hat etwas gefehlt und dieses Etwas kann ich nicht mal genau benennen. Die Prinzessin und der alptraumfarbene Nachtmahr garantieren einen netten Ausflug nach Zamonien und in die Gehirnwindungen der schlaflosesten Prinzessin aller schlaflosen Prinzessinnen hinein. Mehr aber (meiner Meinung nach) leider nicht.

„Romeo oder Julia“ | Gerhard Falkner

Dieser Roman steht auf der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises und konnte mich vor allem durch seine Sprachbrillanz und den bitteren, leicht süffisanten Humor begeistern. Inhaltlich flacht das Buch leider gegen Ende hin stark ab, bis dahin bleibt es aber spannend und vor allem sehr lesbar. Selten haben mich seitenweise beschreibende Erzählungen so gut unterhalten wie hier! Ich denke aber, dass es für den Buchpreis letztlich nicht ganz ausreicht. Doch ich lasse mich gerne überraschen und bin gespannt!

„Die Gabe der Könige. Die Chronik der Weitseher 1.“ | Robin Hobb

Oh, endlich wieder gute Fantasy, die mich vollends überzeugt! „Die Gabe der Könige“ ist zwar eine Neuauflage des 1999 erstmalig auf Deutsch erschienenem Roman – damals noch unter dem Titel „Der Weitseher“ -, aber deshalb nicht weniger lesbar. Im Gegenteil. Es ist eine Geschichte, die sowohl historische als auch magische Elemente aufweist, deren Schwerpunkt auf der Entwicklung der einzelnen Charaktere liegt und erinnert somit an George R.R. Martins Erfolgsreihe „Das Lied von Eis und Feuer“. Ich habe „Die Gabe der Könige“ sehr gerne gelesen und freue mich ganz arg auf den zweiten Band in neuer Auflage Mitte Oktober, damit ich endlich weiß, wie es weitergeht. Es ist nämlich so eine Geschichte, in die man (perfekt zum Herbst) so richtig eintauchen kann!

„Die Seefahrerin“ | Catherine Poulain

Ein Abenteuerroman mit einer weiblichen Protagonistin: einer Seefahrerin. Ich habe dieses Buch gerne gelesen, das – atmosphärisch kühl und rau – sehr authentisch wirkt. Die Autorin selbst hat mehrere Jahre auf den Meeren Alaskas verbracht und weiß daher genau, wovon und worüber sie schreibt. Das merkt man! Die Protagonistin selbst wirkt manchmal etwas naiv, was aber einfach in ihrem Naturell der etwas wortkargen, zupackenden Person gehört und lässt die Geschichte dadurch noch realer wirken. Der Roman greift mit dem Thema „starke Frau“ zwar etwas gerade durchaus Populäres auf, relativiert dies aber mit der Kombination „Seefahrerin“ zu einer Erzählung, die durchaus noch rar ist. Sein Potential hat das Buch vielleicht nicht ganz ausgeschöpft, aber man kann es durchaus verzeihen.

„Otto Dix. The Evil Eye. Der böse Blick.“ | Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.)

Ein Kunstband, der eine Teilbiografie des Künstlers in Verbindung mit Zeitgeschichte und seinen Werken birgt. Da ich ein großer Bewunderer Otto Dix bin, mag ich es sehr. Seine Bilder sind ausdrucksstarke Impressionen einer krisengeschüttelten, aber gleichzeitig lebenslustigen und atemberaubenden Zeit, die mich sehr fasziniert. Dix wird dem Realismus und „Der neuen Sachlichkeit“ zugeordnet und eckt damals wie heute mit seiner Kunst an. Das ist gut. Kunst muss polarisieren, unterschiedliche Meinungen hervorrufen und Diskussionen bereichern. Das schafft Dix. Damals. Wie heute.

„Saint Mazie“ | Jami Attenberg

Attenberg greift die wahre Geschichte der Mazie Phillips aus dem New York der 1920er Jahre auf und konstruiert daraus einen Roman, der auf fiktiven Tagebucheinträgen Mazies und Zeitzeugenberichten basiert. Das hätte leicht danebengehen können – ist es aber nicht! Mir ist die Heldin Mazie Phillips, die die Armen und Hilfsbedürftigen unterstützt, wo sie nur kann, sehr ans Herz gewachsen. Auch Attenbergs Schreibstil begeistert durch klugen Wortwitz gepaart mit Humor und Einfallsreichtum! Bitte mehr!

„Die zwölf Leben des Samuel Hawley“ | Hannah Tinti

Oh, wie hat mich dieses Buch überrascht! Dieses mit knapp 600 Seiten doch recht dicke Buch habe ich innerhalb kürzester Zeit praktisch inhaliert. Es ist eine Mischung aus Abenteuer- und Entwicklungsroman und hat genau das, was ein Roman benötigt, um einen immer weiterlesen zu lassen. Atmosphärisch etwas düster, unterhaltsam und spannend erzählt. Aber ich mag gar nicht zu viel verraten, lest es am besten gleich selbst!

„Westlich des Sunset“ | Stewart O’Nan

Ein biografischer Roman über die Fitzgeralds in den 1930er Jahren. Er setzt also nach der „wilden Zeit“ der beiden ein. Zelda befindet sich in einer Nervenheilanstalt, während Scott versucht, beruflich Fuß zu fassen. Beide haben sich voneinander entfernt. Trotzdem (auch trotz Scotts neuer Liebe zu Sheila Graham) ist da immer noch eine Anziehungskraft und mehr noch, ein Verantwortungsgefühl Scotts gegenüber Zelda – und das von einem, der sein Leben aufgrund zahlreicher Alkoholeskapaden selbst alles andere als im Griff hat. Aber er versucht es. Auch für ihre gemeinsame Tochter. Wir tauchen nicht nur tief in die Fitzgeraldsche Geschichte nach den 1920ern ein (die in Rückblenden immer mal wieder angedeutet wird), sondern auch ins Hollywood der 1930er Jahre, treffen bekannte Persönlichkeiten und werfen einen Blick hinter die Kulissen. Sind mit dabei, wie Scott immer tiefer fällt, aber auch aufsteht und beginnt, an seinem letzten Roman (‚The Last Tycoon‘) zu arbeiten. Das alles ist wunderbar elegant und schön geschrieben, kein bisschen plump oder kitschig. Einzig ein wenig schwer im Magen liegt mir die Tatsache, dass Zelda viel zu kurz kommt. Es wird nur aus Scotts Perspektive berichtet, das zwar wohlwollend, dabei bleibt aber doch fast völlig unerwähnt, wie viel Einfluss sie literarisch auf ihn gehabt haben soll und welche Gründe dazu geführt haben, dass sie letztlich eingewiesen werden musste (er war da sicher kein Unschuldslamm) – und Zelda nicht bloß das „verrückte Flapper Girl“ gewesen ist. Letztlich haben sich wohl beide gegenseitig zerstört und die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

„Die Farbe von Milch“ | Nell Leyshon

Ein wunderbares Buch, das vor allem durch seine ungewöhnliche Grammatik und „einfache“, aber umso eindringlichere Sprache besticht. Mir hat es sehr gefallen, insbesondere die Atmosphäre, die sehr an „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent erinnert! (Ich habe mich allerdings immer ein wenig dabei ertappt, wie ich gedanklich Kommas setzen wollte, die im Text fast komplett weggelassen werden – da muss man sich ein wenig dran gewöhnen!)

„Wie man es vermasselt“ | George Watsky

Eine Sammlung autobiografischer Stories, die sich allesamt ums Vermasseln drehen. Wer kennt das nicht? Das Leben ist nun mal alles andere als perfekt! Watsky berichtet humorvoll, klug und dabei sehr unterhaltsam von seinen eigenen „Vermasslungs-Geschichten“ und wirkt dabei vor allem unfassbar sympathisch!

„Der Baum auf dem Dach“ | Viktorija Tokarjewa

Dieses schmale Büchlein habe ich ihm Rahmen der „russian reading challenge“ gelesen. Die ersten knapp dreißig Seiten lasen sich ganz hervorragend und erinnerten entfernt an eine russische Version des kunstseidenen Mädchens von Irmgard Keun. Danach allerdings beschäftigt sich der Roman primär mit einer Dreiecksbeziehung und verliert somit für mich etwas an Substanz. Schade!

 

[Rezension] „Saint Mazie“ | Jami Attenberg

„Saint Mazie“ ist nach „Die Middlesteins“ Jami Attenbergs zweiter ins Deutsche übersetzter Roman mit einer außergewöhnlichen und eindringlichen Erzählkraft.

Es sind die 1920er Jahre in New York. Mazie Phillips könnte man als ein typisches Flapper Girl bezeichnen, das selbstbestimmt tagsüber ihrer Arbeit nachgeht und abends lebenslustig um die Häuser zieht. Könnte man. Wäre da nicht ihr immens großes Herz, das sie zwischen ihrer Tätigkeit im Kassenhäuschen des Lichtspieltheaters (in ihrer „Zelle“) und ihrer liebevoll ruppigen Fürsorge für die Familie nun auch während der Weltwirtschaftskrise denjenigen zukommen lässt, die nichts bis weniger als nichts haben. Solchen, die auf der Straße leben, kein Geld für Seife oder gar etwas zu essen übrighaben, oft dem Alkohol und anderen Substanzen verfallen. Mazie würde ihr letztes Hemd für diese Menschen geben, die sie meistens nicht mal kennt, dabei hat auch sie nicht gerade wenige Probleme. In der eigenen Familie, in der Liebe, mit sich selbst.

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Mazie Phillips ist sowas wie eine New Yorker Legende, eine Art Heilige, die tatsächlich gelebt hat. Jami Attenberg nimmt sich ihrer an und schreibt um die Fakten und Mythen der Saint Mazie herum eine Mischung aus fiktiven Tagebucheinträgen und Zeitzeugenberichten. Das klingt erst einmal kurios. Kann das wirklich funktionieren? Ja, definitiv! Für mich war es zunächst ein wenig verwirrend, all die Personen auseinanderzuhalten, wer spricht wann und worum geht es gerade, aber nach wenigen Seiten ist man drin, in dem Mythos der Saint Mazie – und man muss sie einfach lieben! Besonders gelungen finde ich die übergreifenden Anspielungen, die Attenberg immer wieder einbringt. Personen, die neben Mazies Tagebucheinträgen das Geschehen wiedergeben, greifen oft Themen oder Dinge auf, von denen Mazie spricht und erläutern diese oder geben ihre eigene Meinung darüber ab. Sie erzählen die Geschichte aus der Außenperspektive. So erfährt man nach und nach immer mehr Details fernab der Inneneinsichten durch die Tagebücher Mazies. Auch Attenbergs ganz eigener Schreibstil und Humor sind grandios! Dass hier keine direkte wörtliche Rede mit den entsprechenden Satzzeichen benutzt wird, fällt kaum auf und lässt das Geschehen noch unmittelbarer wirken als so schon. Dadurch entsteht das Gefühl, man würde etwas wirklich „Echtes“ lesen, was theoretisch auch so ist, eben nur durch die Elemente der Fiktion. Mazie wirkt zu Beginn des Romans noch etwas flach und schwer greifbar, dies relativiert sich jedoch mit dem Voranschreiten des Erzählten recht schnell (zumindest für mich).

Die Geschichte erstreckt sich von Mazies erstem Tagebucheintrag in 1907 (da war sie zehn Jahre alt) bis hin zu ihrem letzten Eintrag sowie darüber hinaus bis zu ihrem Tod in 1964 und gibt so ein beinahe komplettes Leben wieder. Sie erzählt davon, wie Mazie zuerst selbst aus ihrer eigenen Vergangenheit gerettet werden musste, um dann selbst zur Retterin zu werden. Davon, dass Mazie nach Liebe sucht, sie findet, aber nicht halten kann. Davon, dass es immer Hoffnung gibt, selbst wenn alles verloren scheint.

Ich muss ehrlich zugeben, dass mich das Buch überrascht hat. So viele verschiedene Personen zu Wort kommen zu lassen (auch wenn es fiktiv ist), kann leicht nach hinten losgehen. Das tut es in diesem Fall aber ganz und gar nicht. Mazie als Hauptfigur sowie viele der Nebenfiguren sind mir durch diese Erzählweise sehr ans Herz gewachsen und auch die Stadt New York sowie die Zeit, vor allem die 20er, werden hier so plastisch – nicht immer unbedingt wohlwollend, dafür aber authentisch – dargestellt, dass es einfach Spaß macht, diesen Roman zu lesen. „Saint Mazie“ unterhält auf kluge, eingängige und humorvolle Weise und trifft mit dem Thema genau das, was ich gerne lese. Von mir gibt es daher eine klare Leseempfehlung!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Barbara Christ | Schöffling & Co. | 384 S. | ISBN: 978-89561-203-9

[Nachgedacht] Bundestagswahl 2017

Die Wahlergebnisse des letzten Sonntags, der Bundestagswahl 2017, liegen mir noch immer sehr schwer im Magen. Es ist nicht so, dass ich mit einem solchen Ergebnis nicht gerechnet oder es mich gar überrascht hätte. In der letzten Zeit war ein Trend in Richtung rechte Parteien deutlich abzusehen und auch gesellschaftlich zu spüren, aber dies alles so schwarz auf weiß beschlossen und endgültig zu sehen, war dann doch ein Schock. In der Nacht von Sonntag auf Montag machte ich kaum ein Auge zu und wusste auch am Montag noch nicht so recht, was tun oder wohin mit meiner Frustration. Mein erster Gedanke war – wie so oft –Flucht nach vorn in Bücher, weshalb ich mir noch Sonntagnacht „Gegen den Hass“ von Carolin Emcke bei der bpb ( http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/241996/gegen-den-hass) bestellte. (Wie ich mittlerweile herausgefunden habe, war ich damit nicht allein. Das könnte lustig sein, wenn es nicht so traurig wäre.) Der zweite Gedanke: Humor. Ich blieb Montag mehr oder weniger frustriert und unmotiviert daheim, weil ich zum Glück keine Termine und andere Verpflichtungen hatte, und gönnte mir einen Rundumschlag aus heute-show, Neo Magazin Royale und sämtlichen ähnlichen Satiremagazinen sowie dazugehörigen Twitter-Kanälen. Das lässt mich zumindest mal kurz auflachen, auch wenn es eigentlich aktuell nicht viel zu lachen gibt. Nun aber bitte auf keinen Fall die Kommentare unter den Sendungen oder ganz besonders den Tweets lesen, sonst bleibt einem das Lachen ganz schnell wieder im Halse stecken!

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Das alles hilft natürlich nur begrenzt. Was ich jetzt wichtig finde, ist sich zu engagieren. Ob politisch, indem man einer Partei (nun, nicht unbedingt einer rechts gesinnten – das ist wohl hoffentlich klar) beitritt und/oder indem man sich ehrenamtlich engagiert, ganz egal, Hauptsache, man wird aktiv. Das schlimmste, was man jetzt machen kann, ist komplett in Politikverdruss zu versinken. Ich kann natürlich nur von mir selbst sprechen, aber mir hilft es, wenn ich weiterhin das politische Geschehen verfolge, zwischendurch zur Erholung auch gerne satirisch, und wirklich aktiv zu sein und nicht bloß zu schreiben: #fckafd. Das glaube ich, hat wohl den wenigsten Erfolg.

Was wir weiterhin tun müssen, ist uns für demokratische Werte stark zu machen und zu beweisen, dass dies alles noch immer von Belang ist und somit nicht hasserfüllt, aber bestimmend rechten Parteien den Wind aus den Segeln zu nehmen. Damit sich in vier Jahren das Wahlergebnis nicht wiederholt oder gar noch katastrophaler ausfällt. Noch ist Zeit etwas zu ändern und es liegt an uns selbst, dies in die Hand zu nehmen. Also: werdet aktiv (das muss ja gar nicht viel sein), aber tut etwas! Der Eintritt in eine Partei kostet ein paar Euro pro Monat und eine ehrenamtliche Tätigkeit findet ihr übers Internet recht schnell, zum Beispiel über die Diakonie, das sind in der Woche vielleicht 1,5 bis 3 Stunden, z.B. Hausaufgabenbetreuung – für einen äußerst guten Zweck! (Ich finde das ziemlich toll!) Wer keine finanziellen Mittel zur Verfügung hat und/oder keine Zeit, der muss nicht den Kopf in den Sand stecken. Es gibt sicher noch viele Möglichkeiten, politisch und sozial-gesellschaftlich aktiv zu sein. Und wenn gar nichts hilft, Bücher helfen immer!

Auch lesenswert: https://liesdochmaleinbuch.wordpress.com/2017/09/28/ich-will-keine-nazis-boxen/