[Rezension] „Saint Mazie“ | Jami Attenberg

„Saint Mazie“ ist nach „Die Middlesteins“ Jami Attenbergs zweiter ins Deutsche übersetzter Roman mit einer außergewöhnlichen und eindringlichen Erzählkraft.

Es sind die 1920er Jahre in New York. Mazie Phillips könnte man als ein typisches Flapper Girl bezeichnen, das selbstbestimmt tagsüber ihrer Arbeit nachgeht und abends lebenslustig um die Häuser zieht. Könnte man. Wäre da nicht ihr immens großes Herz, das sie zwischen ihrer Tätigkeit im Kassenhäuschen des Lichtspieltheaters (in ihrer „Zelle“) und ihrer liebevoll ruppigen Fürsorge für die Familie nun auch während der Weltwirtschaftskrise denjenigen zukommen lässt, die nichts bis weniger als nichts haben. Solchen, die auf der Straße leben, kein Geld für Seife oder gar etwas zu essen übrighaben, oft dem Alkohol und anderen Substanzen verfallen. Mazie würde ihr letztes Hemd für diese Menschen geben, die sie meistens nicht mal kennt, dabei hat auch sie nicht gerade wenige Probleme. In der eigenen Familie, in der Liebe, mit sich selbst.

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Mazie Phillips ist sowas wie eine New Yorker Legende, eine Art Heilige, die tatsächlich gelebt hat. Jami Attenberg nimmt sich ihrer an und schreibt um die Fakten und Mythen der Saint Mazie herum eine Mischung aus fiktiven Tagebucheinträgen und Zeitzeugenberichten. Das klingt erst einmal kurios. Kann das wirklich funktionieren? Ja, definitiv! Für mich war es zunächst ein wenig verwirrend, all die Personen auseinanderzuhalten, wer spricht wann und worum geht es gerade, aber nach wenigen Seiten ist man drin, in dem Mythos der Saint Mazie – und man muss sie einfach lieben! Besonders gelungen finde ich die übergreifenden Anspielungen, die Attenberg immer wieder einbringt. Personen, die neben Mazies Tagebucheinträgen das Geschehen wiedergeben, greifen oft Themen oder Dinge auf, von denen Mazie spricht und erläutern diese oder geben ihre eigene Meinung darüber ab. Sie erzählen die Geschichte aus der Außenperspektive. So erfährt man nach und nach immer mehr Details fernab der Inneneinsichten durch die Tagebücher Mazies. Auch Attenbergs ganz eigener Schreibstil und Humor sind grandios! Dass hier keine direkte wörtliche Rede mit den entsprechenden Satzzeichen benutzt wird, fällt kaum auf und lässt das Geschehen noch unmittelbarer wirken als so schon. Dadurch entsteht das Gefühl, man würde etwas wirklich „Echtes“ lesen, was theoretisch auch so ist, eben nur durch die Elemente der Fiktion. Mazie wirkt zu Beginn des Romans noch etwas flach und schwer greifbar, dies relativiert sich jedoch mit dem Voranschreiten des Erzählten recht schnell (zumindest für mich).

Die Geschichte erstreckt sich von Mazies erstem Tagebucheintrag in 1907 (da war sie zehn Jahre alt) bis hin zu ihrem letzten Eintrag sowie darüber hinaus bis zu ihrem Tod in 1964 und gibt so ein beinahe komplettes Leben wieder. Sie erzählt davon, wie Mazie zuerst selbst aus ihrer eigenen Vergangenheit gerettet werden musste, um dann selbst zur Retterin zu werden. Davon, dass Mazie nach Liebe sucht, sie findet, aber nicht halten kann. Davon, dass es immer Hoffnung gibt, selbst wenn alles verloren scheint.

Ich muss ehrlich zugeben, dass mich das Buch überrascht hat. So viele verschiedene Personen zu Wort kommen zu lassen (auch wenn es fiktiv ist), kann leicht nach hinten losgehen. Das tut es in diesem Fall aber ganz und gar nicht. Mazie als Hauptfigur sowie viele der Nebenfiguren sind mir durch diese Erzählweise sehr ans Herz gewachsen und auch die Stadt New York sowie die Zeit, vor allem die 20er, werden hier so plastisch – nicht immer unbedingt wohlwollend, dafür aber authentisch – dargestellt, dass es einfach Spaß macht, diesen Roman zu lesen. „Saint Mazie“ unterhält auf kluge, eingängige und humorvolle Weise und trifft mit dem Thema genau das, was ich gerne lese. Von mir gibt es daher eine klare Leseempfehlung!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Barbara Christ | Schöffling & Co. | 384 S. | ISBN: 978-89561-203-9