[Lesemonat] September 2017

Ach. Schon wieder ein Monat rum. Dabei hat man das Gefühl, es sei nichts und doch so viel passiert. Gerade politisch und gesellschaftlich fühlt es sich ein wenig so an, als sei es plötzlich (oder vielleicht auch nicht so plötzlich) eine ganz andere Welt da draußen. Doch – wie so oft – zum Glück gibt es Bücher. Daher folgt ein Überblick meiner gelesenen Bücher im September. Mit Sicherheit habe ich wieder etwas vergessen, manches habe ich auch schon vorher angefangen zu lesen. Der Lesemonat soll generell nur einen inhaltlichen Überblick geben, aber nicht demonstrieren, wie viel ich gelesen habe. Ich weiß, dass es viel ist, aber ich bin da wirklich kein Maßstab!

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„Vernunft & Gefühl“ | Jane Austen

Der Monat fing ganz klassisch an. Denn, ich muss es gestehen, bis zu diesem Buch hatte ich noch nie einen Roman von Jane Austen beendet. Ja. Wirklich. Und ich weiß noch nicht einmal so genau, wieso eigentlich. Diese Neuübersetzung des Klassikers einer der heute beliebtesten Schriftstellerinnen aller Zeiten überzeugt, wenn mir auch leider ein wenig der altmodische Originalton gefehlt hat. „Vernunft & Gefühl“ ist Austens erster Roman, damals noch unter dem Pseudonym „Von einer Dame“ veröffentlicht und hat alles, was ein Liebesroman im klassischen Sinne benötigt, ohne dabei zu kitschig oder zu romantisch zu sein. Im Fokus steht vor allem die Rolle der Frau und das Gesellschaftsbild des 19. Jahrhunderts. Ich gelobe Besserung und hoffe demnächst „Stolz und Vorurteil“ zu beenden!

„Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ | Walter Moers

So leid es mir tut, aber dieses Buch gehört zu meinen persönlichen Flops des Monats. Inhaltlich kommt es leider nicht an die Vorgänger heran, wobei es keineswegs schlecht ist. Vor allem Walter Moers Einfallsreichtum, seine unfassbar klugen Spielereien mit der Sprache und Lydia Rodes Illustrationskunst sind positiv hervorzuheben. Dennoch. Es hat etwas gefehlt und dieses Etwas kann ich nicht mal genau benennen. Die Prinzessin und der alptraumfarbene Nachtmahr garantieren einen netten Ausflug nach Zamonien und in die Gehirnwindungen der schlaflosesten Prinzessin aller schlaflosen Prinzessinnen hinein. Mehr aber (meiner Meinung nach) leider nicht.

„Romeo oder Julia“ | Gerhard Falkner

Dieser Roman steht auf der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises und konnte mich vor allem durch seine Sprachbrillanz und den bitteren, leicht süffisanten Humor begeistern. Inhaltlich flacht das Buch leider gegen Ende hin stark ab, bis dahin bleibt es aber spannend und vor allem sehr lesbar. Selten haben mich seitenweise beschreibende Erzählungen so gut unterhalten wie hier! Ich denke aber, dass es für den Buchpreis letztlich nicht ganz ausreicht. Doch ich lasse mich gerne überraschen und bin gespannt!

„Die Gabe der Könige. Die Chronik der Weitseher 1.“ | Robin Hobb

Oh, endlich wieder gute Fantasy, die mich vollends überzeugt! „Die Gabe der Könige“ ist zwar eine Neuauflage des 1999 erstmalig auf Deutsch erschienenem Roman – damals noch unter dem Titel „Der Weitseher“ -, aber deshalb nicht weniger lesbar. Im Gegenteil. Es ist eine Geschichte, die sowohl historische als auch magische Elemente aufweist, deren Schwerpunkt auf der Entwicklung der einzelnen Charaktere liegt und erinnert somit an George R.R. Martins Erfolgsreihe „Das Lied von Eis und Feuer“. Ich habe „Die Gabe der Könige“ sehr gerne gelesen und freue mich ganz arg auf den zweiten Band in neuer Auflage Mitte Oktober, damit ich endlich weiß, wie es weitergeht. Es ist nämlich so eine Geschichte, in die man (perfekt zum Herbst) so richtig eintauchen kann!

„Die Seefahrerin“ | Catherine Poulain

Ein Abenteuerroman mit einer weiblichen Protagonistin: einer Seefahrerin. Ich habe dieses Buch gerne gelesen, das – atmosphärisch kühl und rau – sehr authentisch wirkt. Die Autorin selbst hat mehrere Jahre auf den Meeren Alaskas verbracht und weiß daher genau, wovon und worüber sie schreibt. Das merkt man! Die Protagonistin selbst wirkt manchmal etwas naiv, was aber einfach in ihrem Naturell der etwas wortkargen, zupackenden Person gehört und lässt die Geschichte dadurch noch realer wirken. Der Roman greift mit dem Thema „starke Frau“ zwar etwas gerade durchaus Populäres auf, relativiert dies aber mit der Kombination „Seefahrerin“ zu einer Erzählung, die durchaus noch rar ist. Sein Potential hat das Buch vielleicht nicht ganz ausgeschöpft, aber man kann es durchaus verzeihen.

„Otto Dix. The Evil Eye. Der böse Blick.“ | Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.)

Ein Kunstband, der eine Teilbiografie des Künstlers in Verbindung mit Zeitgeschichte und seinen Werken birgt. Da ich ein großer Bewunderer Otto Dix bin, mag ich es sehr. Seine Bilder sind ausdrucksstarke Impressionen einer krisengeschüttelten, aber gleichzeitig lebenslustigen und atemberaubenden Zeit, die mich sehr fasziniert. Dix wird dem Realismus und „Der neuen Sachlichkeit“ zugeordnet und eckt damals wie heute mit seiner Kunst an. Das ist gut. Kunst muss polarisieren, unterschiedliche Meinungen hervorrufen und Diskussionen bereichern. Das schafft Dix. Damals. Wie heute.

„Saint Mazie“ | Jami Attenberg

Attenberg greift die wahre Geschichte der Mazie Phillips aus dem New York der 1920er Jahre auf und konstruiert daraus einen Roman, der auf fiktiven Tagebucheinträgen Mazies und Zeitzeugenberichten basiert. Das hätte leicht danebengehen können – ist es aber nicht! Mir ist die Heldin Mazie Phillips, die die Armen und Hilfsbedürftigen unterstützt, wo sie nur kann, sehr ans Herz gewachsen. Auch Attenbergs Schreibstil begeistert durch klugen Wortwitz gepaart mit Humor und Einfallsreichtum! Bitte mehr!

„Die zwölf Leben des Samuel Hawley“ | Hannah Tinti

Oh, wie hat mich dieses Buch überrascht! Dieses mit knapp 600 Seiten doch recht dicke Buch habe ich innerhalb kürzester Zeit praktisch inhaliert. Es ist eine Mischung aus Abenteuer- und Entwicklungsroman und hat genau das, was ein Roman benötigt, um einen immer weiterlesen zu lassen. Atmosphärisch etwas düster, unterhaltsam und spannend erzählt. Aber ich mag gar nicht zu viel verraten, lest es am besten gleich selbst!

„Westlich des Sunset“ | Stewart O’Nan

Ein biografischer Roman über die Fitzgeralds in den 1930er Jahren. Er setzt also nach der „wilden Zeit“ der beiden ein. Zelda befindet sich in einer Nervenheilanstalt, während Scott versucht, beruflich Fuß zu fassen. Beide haben sich voneinander entfernt. Trotzdem (auch trotz Scotts neuer Liebe zu Sheila Graham) ist da immer noch eine Anziehungskraft und mehr noch, ein Verantwortungsgefühl Scotts gegenüber Zelda – und das von einem, der sein Leben aufgrund zahlreicher Alkoholeskapaden selbst alles andere als im Griff hat. Aber er versucht es. Auch für ihre gemeinsame Tochter. Wir tauchen nicht nur tief in die Fitzgeraldsche Geschichte nach den 1920ern ein (die in Rückblenden immer mal wieder angedeutet wird), sondern auch ins Hollywood der 1930er Jahre, treffen bekannte Persönlichkeiten und werfen einen Blick hinter die Kulissen. Sind mit dabei, wie Scott immer tiefer fällt, aber auch aufsteht und beginnt, an seinem letzten Roman (‚The Last Tycoon‘) zu arbeiten. Das alles ist wunderbar elegant und schön geschrieben, kein bisschen plump oder kitschig. Einzig ein wenig schwer im Magen liegt mir die Tatsache, dass Zelda viel zu kurz kommt. Es wird nur aus Scotts Perspektive berichtet, das zwar wohlwollend, dabei bleibt aber doch fast völlig unerwähnt, wie viel Einfluss sie literarisch auf ihn gehabt haben soll und welche Gründe dazu geführt haben, dass sie letztlich eingewiesen werden musste (er war da sicher kein Unschuldslamm) – und Zelda nicht bloß das „verrückte Flapper Girl“ gewesen ist. Letztlich haben sich wohl beide gegenseitig zerstört und die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

„Die Farbe von Milch“ | Nell Leyshon

Ein wunderbares Buch, das vor allem durch seine ungewöhnliche Grammatik und „einfache“, aber umso eindringlichere Sprache besticht. Mir hat es sehr gefallen, insbesondere die Atmosphäre, die sehr an „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent erinnert! (Ich habe mich allerdings immer ein wenig dabei ertappt, wie ich gedanklich Kommas setzen wollte, die im Text fast komplett weggelassen werden – da muss man sich ein wenig dran gewöhnen!)

„Wie man es vermasselt“ | George Watsky

Eine Sammlung autobiografischer Stories, die sich allesamt ums Vermasseln drehen. Wer kennt das nicht? Das Leben ist nun mal alles andere als perfekt! Watsky berichtet humorvoll, klug und dabei sehr unterhaltsam von seinen eigenen „Vermasslungs-Geschichten“ und wirkt dabei vor allem unfassbar sympathisch!

„Der Baum auf dem Dach“ | Viktorija Tokarjewa

Dieses schmale Büchlein habe ich ihm Rahmen der „russian reading challenge“ gelesen. Die ersten knapp dreißig Seiten lasen sich ganz hervorragend und erinnerten entfernt an eine russische Version des kunstseidenen Mädchens von Irmgard Keun. Danach allerdings beschäftigt sich der Roman primär mit einer Dreiecksbeziehung und verliert somit für mich etwas an Substanz. Schade!