[Rezension] „Ehemänner“ | Jami Attenberg

„Ehemänner“ ist nach „Die Middlesteins“ und „Saint Mazie“ Jami Attenbergs dritter auf Deutsch erschienener, äußerst vielversprechender Roman. Nachdem mir „Saint Mazie“ bereits so zugesagt hat (was ihr, wenn ihr möchtet, hier nachlesen könnt), bin ich dementsprechend gespannt gewesen, ob auch „Ehemänner“ meinen Lesenerv treffen würde.

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In Attenbergs drittem Roman geht es weder um eine neurotische jüdische Familie, noch um das New York der 1920er Jahre. Stattdessen befinden wir uns im New York der heutigen Zeit. Genauer gesagt in dem durchaus hippen Viertel Williamsburg, welches sich freiheitsliebende, kreative und kunstbegeisterte Menschen mittlerweile erobert haben. Hier lebt Jarvis Miller, Ehefrau des berühmten Künstlers Martin Miller, der vor sechs Jahren einen tragischen Unfall erlitten hat und seitdem im Koma liegt. Jarvis befindet sich in einer Art Blase, vor fast allem und jedem zurückgezogen, ganz besonders vor dieser ominösen und fordernden Kunstwelt, die vielleicht über mehr Schein als Sein verfügt, aber doch eine ganz gewisse Anziehungskraft auf sie ausübt. Durch einen Zufall trifft sie eines Tages in einem Waschsalon auf drei junge Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Mal, der gefühlt seit Jahren an seinem Roman arbeitet. Tony, der gutaussehende Immobilienmakler mit Hang zur Schauspielerei. Scott, der fürsorgliche Familienvater. Doch alle suchen sie im Wachsalon Zuflucht. Zuflucht vor ihrem Leben. Zuflucht vor sich selbst. So auch Jarvis, für die diese Männer mehr als ein kleiner Flirt sind. Sie helfen ihr – zunächst unabsichtlich – zurück ins Leben.

Klug und voller Wortwitz entfaltet sich hier eine Identitätssuche der etwas anderen Art. Zu Beginn des Romans weiß man noch nicht ganz, wo die Geschichte hinführen soll. Die Charaktere werden vorgestellt, die Sachlage erklärt, man bekommt als Leser|in ein Gefühl für die Situation, in der Jarvis sich befindet und für die Protagonistin selbst. Nicht zuletzt durch die Ich-Perspektive, in der aus Jarvis Sicht berichtet wird. Weiterhin erfahren wir in Rückblenden Dinge aus der gemeinsamen Vergangenheit Jarvis‘ und Martins aus der Zeit vor dem Unfall: Jarvis und Martin als Ehepaar. Von einer großen Liebe, die, wie alle großen Lieben, nicht vor Schwierigkeiten gefeit ist. Das hilft zusätzlich zu verstehen, wie Jarvis sich fühlen muss und wieso sie so und nicht anders denkt und handelt.

Die Geschichte ist in drei Abschnitte plus Prolog und Epilog eingeteilt, wobei jeder Abschnitt einer Entwicklungsstufe Jarvis entspricht. Ungefähr ab Teil zwei beginnt sich der Plot zu verdichten. Jarvis ist nun nicht mehr vollends die vom Ehemann abhängige Frau, sondern auf dem Weg sich abzunabeln, sich zu emanzipieren. Vor allem auch aufgrund dessen, was ans Licht gekommen ist. Aber natürlich ist sich selbst neu zu finden und zu definieren in einer solchen Situation wie der ihren alles andere als einfach. Wie soll man einen Mann verlassen, der seit sechs Jahren im Koma liegt, ohne gefühlskalt und egoistisch zu wirken? Das ist ein Thema, das ich für sehr wichtig und gleichzeitig sehr schwierig halte und bin daher erstaunt, wie feinfühlig Attenberg dies darstellt, ohne dabei zu wertend zu sein. Auch wenn sie natürlich Martin irgendwie als Buhmann dastehen lässt, macht sie dennoch die innere Zerrissenheit Jarvis deutlich und zeigt, dass es nie leicht ist, sich zu trennen oder jemanden gehen zu lassen. Egal aus welchen Gründen und ganz besonders, wenn noch Liebe vorhanden ist. Dennoch: Jarvis muss und will zurück ins Leben, um nicht als Phantom an der Seite eines komatösen Ehemannes immer kleiner und kleiner zu werden, bis sie selbst verschwunden ist. Sie will und muss sich wieder lebendig fühlen – und genau das ist es, worum es in „Ehemänner“ vorrangig geht. Nicht um Krankheit, nicht um Kunst, nicht um ein hippes Leben in Williamsburg, nicht um Affären, (wenn auch alles eine Rolle spielt) sondern um das Leben, das trotz aller Widrigkeiten voranschreitet und um das, was wirklich wichtig und gut ist.

Auch wenn ich gegen Ende ein klein wenig skeptisch der Geschichte gegenüber geworden bin, so bin ich doch vom Schreibstil und der Empathiefähigkeit Attenbergs restlos begeistert. Ich würde sagen, hier habe ich eine neue Lieblingsautorin gefunden.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Barbara Christ | Schöffling & Co. Verlag | 328 S. | ISBN: 978-3-89561-204-6

2 Kommentare zu „[Rezension] „Ehemänner“ | Jami Attenberg“

  1. Hey,
    Unter den Titel konnte ich mir nicht si richtig was vorstellen, aber deine Rezension hat Licht Ins Dunkle gebracht.
    Ein Buch über Identitätssuche klingt interessant. Mal sehen, ob ich es dieses Jahr noch lesen kann.
    Liebe Grüße
    Lisa

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