[Rezension] „Schwimmen“ | Sina Pousset

Es ist nicht so, dass ich diesen Monat eine richtige Leseflaute gehabt hätte, aber doch hat mir dieses eine spezielle Buch gefehlt. Jenes, welches einen nachts wachhält, wie gebannt Seite um Seite umblättern und alles um einen herum vergessen lässt. In „Schwimmen“, das mir überraschend vom Verlag zugesandt wurde (vielen lieben Dank dafür!), wollte ich eigentlich nur kurz hereinlesen. Ich las die ersten Zeilen, aus denen schnell Seiten wurden, aus denen fix in einem Rutsch der ganze Roman wurde. Das nennt man wohl Binge-Reading? Und ja, das ist ein sehr gutes Zeichen!

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Es ist ein kalter Morgen in der Stadt. Milla Anton, die junge Protagonistin in Sina Poussets Debütroman, ist auf dem Weg zu Arbeit in den Verlag, muss aber zuvor noch die kleine Emma in den Kindergarten bringen. Jan, der Vater der Kleinen, ist verstorben. Emma kennt ihn nicht. Schnell wird klar, dass es sich nicht um ein „einfaches“ Familiendrama handelt, sondern dass sehr viel mehr dahintersteckt, als man zunächst vermuten würde. Denn als Milla an diesem Tag an der Arbeit auf Jans Tagebuch stößt, das sie bewusst lange unter einem hohen Stapel aus noch abzuarbeitenden Manuskripten verborgen hält, weiß sie: sie muss sich ihrer Vergangenheit stellen. Dem, was wirklich mit Jan passiert ist. In dem einen Sommer, in welchem sie, Jan und Kristina, seine Freundin, gemeinsam ans Meer gefahren sind und ohne Jan zurückkehren.

„Schwimmen“ ist ein sehr bewegender Roman über die Liebe, Sehnsucht und Freundschaft, der tief in die Gefühlswelt seiner Protagonisten hereinreicht. Im Fokus Milla, die immer wieder in kurzen und längeren Rückblenden davon erzählt wie es „früher“ war, mit Jan, ihrem Freund aus Kindertagen – und wie es „heute“ ist, jetzt, da Jan nicht mehr da ist. Wir als Leser|innen wissen (noch) nicht, was geschehen ist, können aber erahnen, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Nicht nur, weil dies mehr oder weniger deutlich lesbar ist, sondern vor allem in der Atmosphäre, in die der Roman gebettet ist. Er strahlt förmlich eine Art Kühle und Bedrücktheit aus, die den|die Leser|in ansatzweise fühlen lassen, was die Figuren empfinden. Die Autorin deutet vieles nur an, ertränkt den Plot nicht in zu ausschweifenden Erzählungen und das macht den Roman zugleich dynamisch sowie spannend und man kann gar nicht aufhören zu lesen, obwohl man sich eigentlich wünscht, man dürfe ewig in dieser schönen Sprache verweilen, die zugleich poetisch wie auch klug und einfach nur wunderschön ist.

„Draußen geht das Leben weiter. Beim Bäcker gehen die Menschen ein und aus und tragen Duft auf die Straße. Ein Kind baut im Kindergarten Klötze aufeinander und will mittags Kroketten mit den Fingern essen. Milla ist dazwischen, irgendwo.“ (S. 24)

In Sina Poussets Debütroman geht es um die Vergangenheit, die einen jeden schmerzhaft früher oder später wieder einholt. Es geht um die Liebe, die sich niemand je aussuchen kann. Um Freundschaften, die erwachsen werden (müssen) und um den Umgang mit Verlust, der Menschen an den Rand des Abgrunds bringen kann. „Schwimmen“ schafft es trotz schweren Themas ein Gefühl der Wärme zu erzeugen. Es ist ein zugleich tieftrauriger und Hoffnung gebender Roman, dessen Sprache und Inhalt den|die Leser|in von der ersten bis zur letzten Seite tragen und der noch lange nachhallt.

Ullstein fünf | 224 S. | ISBN: 978-3-96101-007-3

12 Kommentare zu „[Rezension] „Schwimmen“ | Sina Pousset“

    1. Hallo du – ja, das habe ich gelesen, aber die beiden Bücher haben ehrlich gesagt nicht viel gemeinsam. (Finde ich.) „Und es schmilzt“ kann man zwar auch nicht mehr weglegen, aber es ist doch ein sehr deprimierendes Buch. Und diese Sequenz gegen Ende. 😱 Dennoch kein schlechtes Buch, nur äußerst frustrierend. Das ist bei „Schwimmen“ nicht so. 😊

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      1. Hallo nochmal 🤗 Ich habe „Und es schmilzt“ jetzt beendet (bald kommt dazu noch eine ausführliche Rezension) und ich kann vollkommen nachvollziehen, was du mit deprimierend meintest.. Vor allen Dingen das Ende 😳 Aber insgesamt war es schon ein eindrucksvolles, tiefgründiges Buch 🙂

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      2. Ja, das ist es. Ich schwanke aber dennoch in meinen Gefühlen zu dem Buch zwischen außerordentlich gut und abstoßend. Wahrscheinlich will es der Roman so. Grenzen austesten. Die Belastbarkeit des Lesers strapazieren. Man wird sich noch lange an das Buch erinnern, das steht fest.

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