[Weil ich ein Leben habe] #8

Warum sind für mich Ausflüge so etwas Besonderes – und warum fahre ich nicht einfach öfter mal weg? Beide Fragen lassen sich aus meiner Perspektive sehr leicht und sehr schnell beantworten. Für Außenstehende mag es aber vielleicht doch etwas schwieriger nachzuvollziehen sein, darum versuche ich dies nun zu erläutern. Fernab der finanziellen Mittel sind Ausflüge oder Urlaube für mich einfach vor allem eines: anstrengend! Das hat weniger damit zu tun, dass ich mir – wie jeder – Gedanken um Reise, Gepäck, Unterbringung etc. mache (also Stress habe), sondern vielmehr damit, dass mein Körper eben kein normal funktionierender Körper ist. Der hat seine Kraftreserven oft schon am Morgen verbraucht. Wenn ich nun aber wegfahre, möchte ich die Zeit genießen. Ich möchte nicht auf dem Zimmer bleiben müssen, weil ich gerade nicht laufen kann. Ich möchte nicht so oft Pausen machen, weil ich ALLES sehen will. Ich möchte nicht nur wenig einplanen, weil ich weiß, dass ich eh nur einen Bruchteil davon wirklich machen kann. Ich möchte danach nicht eine ganze Weile lang wieder Kraftreserven auftanken müssen, nur weil ich mal drei Tage lang „etwas mehr“ gemacht habe. Darauf habe ich manchmal eben einfach keine Lust. Es ist ein Kraftakt, der mir vor Augen führt, was ich oft nicht wahrhaben möchte. Trotzdem ist nur daheim bleiben auch keine Option.Processed with VSCOcam with t1 preset

(Empfindliche Gemüter lesen den folgenden Absatz jetzt besser nicht. Ich muss diese Geschichte jedoch erzählen, um den Kontext besser verständlich zu machen.)

Meine einzige richtige Klassenfahrt fand in der dritten oder vierten Klasse statt. Damals fuhren wir in ein Landschulheim, nicht weit von daheim entfernt und auch nur für wenige Tage. Ich fand es sehr schön (nicht das Landschulheim, aber die Sache an sich), hatte kaum Heimweh (naja, ein bisschen), aber schon damals habe ich mich so bemüht möglichst auffällig normal zu sein, dass das Ergebnis war: wieder daheim habe ich mich als allererstes übergeben müssen. Ja, das klingt lustig und ist auch an sich überhaupt nicht schlimm, es zeigt nur, wie ein chronisch kranker Körper und ein sturer Mensch, dem er gehört, nicht immer ganz konformgehen. Ich habe dort weder das Essen vertragen, noch die anstrengenden Wanderungen, noch sonst etwas. Das alles habe ich so lange unterdrückt, bis es dann zuhause, nun ja, zum Vorschein kam.

In der siebten Klasse fuhren wir nach Fehmarn. Ganze zwei Tage war ich dort, mit einem dick geschwollenen Knie, unfassbar unverständigen Lehrern, um dann von dort aus direkt von meinen Eltern abgeholt und in die Rheumaklinik gefahren zu werden, wo ich für mehrere Wochen stationär blieb. Das war toll! Nicht. Ich glaube, da habe ich mir geschworen, dass ich sowas nie wieder mitmache. Nicht, weil ich nicht gewollt hätte, sondern weil ich nicht immer diejenige sein wollte, wegen der man irgendetwas beachten muss. Kann dies nicht. Darf das nicht. Ich fand das unangenehm und deprimierend. Von diesem Moment an habe ich mich von solchen Ausflügen und Klassenfahrten distanziert. Natürlich hatte dies zur Folge, dass ich irgendwie nicht mehr so ganz zur Klasse gehörte, aber wenn wir ehrlich sind, habe ich das nie. Processed with VSCOcam with t1 preset

Und das ist auch heute noch der Grund, warum mir Ausflüge schwerfallen, wenn ich jetzt auch sehr viel erwachsener und reifer bin und mit einigen Dingen ganz anders umgehen kann. Es gibt überall Menschen, die kein Verständnis für ihre Mitmenschen zeigen können. Das könnte man jetzt traurig finden und anprangern, aber das bringt nichts. Es ist einfach so. Darum kann ich zum einen nur mit Menschen verreisen, die dafür Verständnis haben und zum anderen muss ich mir im Vorfeld schon klarmachen: du wirst nicht alles schaffen, was du gerne schaffen würdest. Dann ist es für mich auch ok. Dennoch geschehen immer wieder Dinge, die mir nachhängen, die mich verletzen und die wie ein schwarzer Schatten über eigentlich schönen Erinnerungen hängen. Ich sollte glücklich an Amsterdam vor drei Wochen zurückdenken, wirklich! Wir waren im Anne-Frank-Haus, haben Van Goghs und Vermeers gesehen, uns nicht stressen lassen und gefühlte Tonnen an Pommes gegessen. Außerdem waren wir am Meer. AM MEER! Und doch ist da diese eine Situation in der Straßenbahn passiert, die mich nicht loslässt. Ich spüre immer noch den pieksenden Finger der schwangeren Frau, die mich damit demonstrativ zum Aufstehen aufgefordert hat, obwohl ich gerade nicht konnte (was tatsächlich nicht zu übersehen war), woraufhin ich mühselig meine Sachen zusammensuchte, versuchte aufzustehen, um dann von fremden Menschen festgehalten und auf einen anderen Platz bugsiert zu werden. Es war einfach erniedrigend. Ich weiß nicht, ob man das nachvollziehen kann, wenn man nicht in meiner Haut steckt und wenn man nicht dabei gewesen ist. Es ist auch nicht so, dass ich kein Verständnis für die Dame gehabt hätte. Das Ding ist nur, dass sie gesehen hat, dass es mir nicht gut ging. Dass sie sich auf jeden anderen Platz hätte setzen können. Und es nicht gemacht hat. Ja, ich bin eine junge Frau. Ja, meistens sieht man mir nichts an. Aber in dem Moment hat es mir die Tränen in die Augen schießen lassen und diese ganze doofe Geschichte hängt mir noch so dermaßen nach, dass ich wütend auf mich bin. Einfach, weil es so blöd ist, dass ich nicht immer das machen kann, was ich will. (Ich wäre ja gerne zackig aufgestanden, aber es war mir körperlich in diesem Moment nicht möglich). Klingt wie ein stures, bockiges Kind, aber mal ehrlich, wer fände das nicht mies? Sicher passiert mir sowas auch zuhause, aber ich kann in meinem „normalen“ Umfeld potentiell unangenehme Situationen weitestgehend ausgrenzen. Nicht immer, klar, und manchmal stelle ich mich bewusst solchen Situationen, um mir selbst etwas zu beweisen, aber man hat auch dafür schlichtweg nicht immer die Kraft. Das ist menschlich.

Um abschließend noch einmal auf das Kernthema des Textes zurückzukommen: ich verreise selten, weil ich mit meinen Energiereserven haushalten muss, um ein halbwegs gutes Leben zu führen. Also muss ich schauen, was mir möglich ist, was mir guttut, was ich mir körperlich leisten kann. Ich kann eben nicht nach allem greifen, worauf ich gerade so Lust habe, sondern muss schauen, was geht und was nicht und was ich dafür bereit bin stattdessen zu lassen. Das klingt jetzt irgendwie deprimierend, aber so meine ich das gar nicht. Es ist für mich einfach in Ordnung, auch mal längere Zeit nichts zu machen, so lange ich mir dennoch immer mal wieder etwas vornehme. Zum Beispiel mit der Option, dass man das Zimmer noch bis zum Anreisetag stornieren kann. Oder, dass man zur Not die Konzerttickets noch verkaufen kann. Oder, dass man in Kauf nimmt, sich dann halt eine Woche auskurieren zu müssen. Aber ich muss das abwägen. So gerne ich spontan überall hinfahren würde: es geht nicht. Und auch hier gilt – wie immer – es gibt Bücher, die mich immer und jederzeit an einen ganz anderen Ort bringen können. Danke dafür!

2 Kommentare zu „[Weil ich ein Leben habe] #8“

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