[Rezension] „Jenseits von Afrika“ | Tania Blixen

„Jenseits von Afrika“ zählt heute mit zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts. Die meisten werden wahrscheinlich sowohl Titel als auch Inhalt eher durch den gleichnamigen Film mit Meryl Streep und Robert Redford in den Hauptrollen kennen – vielleicht irre ich mich da aber. Ich selbst muss gestehen: ich habe weder den Film gesehen (hat mich nie so gereizt), noch hatte ich die Romanvorlage gelesen. Nun kommt dieses Buch, das Truman Capote als „[e]ines der schönsten Bücher unseres Jahrhunderts“ bezeichnet, als Neuauflage im handlichen kleinen Format mit Zebras auf dem Cover, einem hübschen Vorsatzblatt sowie Anmerkungen und einem Nachwort im Manesse Verlag daher. Ein Grund, das eigene Klassiker-Defizit ein wenig auszugleichen? Ja!

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Tania Blixen, eines von vielen Pseudonymen der Autorin, beschreibt in „Jenseits von Afrika“ ihre eigenen Erfahrungen in Afrika, das Leben auf einer Farm, das Leben als Frau und ihre durchaus starken Emanzipationsversuche (wobei man „Versuche“ hier fast schon streichen kann). Sie selbst hat von 1914 an mehrere Jahre in Kenia gelebt und während dieser Zeit einiges an Erinnerungen gesammelt. Diese Eindrücke und Erlebnisse verarbeitet sie gemeinsam mit fiktiven Elementen zu einem Text, den man nicht eindeutig einem Genre zuordnen kann. In „Jenseits von Afrika“ finden sich thematisch unterschiedliche Schwerpunkte, unter anderem auch eine Liebesgeschichte, die allerdings sehr viel weniger Raum einnimmt als man erwarten würde. Im Fokus stehen ganz klar die Liebe zur Natur und zu Afrika sowie Begegnungen mit Einheimischen .

Die Neuauflage „Jenseits von Afrika“ ‘s orientiert sich in der Übersetzung an der ersten dänischen textkritischen Ausgabe und ist ungekürzt. Dabei fällt auf, dass Begriffe wie „Neger“, „Negermädchen“ und dergleichen nicht durch aus heutiger Sicht weniger rassistische Worte ersetzt werden. Das mag vielleicht einige stören, was ich durchaus nachvollziehen kann, aber man sollte doch immer auch den Kontext betrachten. Die Autorin hat sicherlich in keiner Weise rassistische Gedanken damit verfolgt, sondern spiegelt vielmehr in ihrer Ausdrucksform das Leben zu dieser Zeit wieder. Von daher finde ich es in Ordnung, dass die Originalworte der Autorin für diese Ausgabe verwendet werden, weil diese, wie es in der editorischen Notiz heißt: „bei ihr […] Bezeichnungen für die Ureinwohner Afrikas“ sind und „als typisches Merkmal kolonialen Sprechens in der Übersetzung originalgetreu wiedergegeben“ werden. Wer das Buch liest, wird mit Sicherheit differenzieren können.

Abgesehen davon hat mich Blixens Sprache überrascht. Sie ist klar, sie ist wohl überlegt und in ihren Beschreibungen der Natur fast schon poetisch. Die Autorin vermittelt den Leser|innen das Gefühl vor Ort zu sein, die Hitze und Dürre zu spüren, die Tiere leibhaftig vor sich stehen zu haben. Ab und an neigen ihre Darstellungen dazu, sich etwas auszudehnen, als würde sich die Autorin gerade selbst wieder ein Stück in ihren Erinnerungen verlieren. Das kann für den|die Leser|in etwas anstrengend werden, aber es lohnt sich dennoch weiterzulesen. Was man keinesfalls vergessen darf, ist die Tatsache, dass Blixen hier nicht alles autobiografisch wiedergibt, sondern viele Erlebnisse einfügt, die so tatsächlich nicht geschehen sind bzw. die so nicht ganz der Realität entsprechen. Kurz: sie idealisiert. Das sollte man während des Lesens immer im Hinterkopf behalten, um nicht ein leicht entrücktes Bild des Kontinents, der Einheimischen und der Geschichte selbst zu bekommen. Blixen versucht, ein Afrika auferstehen zu lassen, das es in der Form so nicht gibt bzw. gegeben hat und auch sich selbst stilisiert sie zu einer Figur, die teils nicht mehr richtig greifbar scheint. Sie schreibt aus einer Art weißen Glaskugel heraus, weshalb nie vollends ein authentisches Bild Afrikas entstehen kann, da immer der „weiße Blick“ mitschwingt. Sie ist sich dessen bewusst, überdenkt und überarbeitet ihre Worte und versucht diesen Blick zu vermeiden bzw. nicht allzu deutlich werden zu lassen (und das kann und sollte man ihr zugutehalten), jedoch gelingt es ihr nicht ganz so wie gewünscht.

Mir persönlich hat vor allem der Ausflug in die Weiten Afrikas sehr gefallen und auch inhaltlich überzeugt das Buch, wenn man es auch teils mit einem differenzierteren, kritischen Blick lesen sollte. „Jenseits von Afrika“ ist eine Art idealisierte Liebeserklärung an Afrika und Blixens eigenes Leben dort und sollte auch als solche gelesen wie interpretiert werden.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar

Aus dem Dänischen von Gisela Perlet | Manesse Verlag | 688 S. | ISBN: 978-3-7175-2438-0

[Rezension] & [Geschenktipp] „Vom Leben der Tiere. Wie sie handeln, was sie fühlen“ | Pablo Salvaje

Der spanische Künstler Pablo Salvaje wurde quasi in die Welt des Druckens hineingeboren. Aufgewachsen zwischen riesigen Druckmaschinen in der familieneigenen Druckerei, ist es kaum verwunderlich, dass sein Herz für Papier und Druckerfarbe schlägt. Inspirieren lässt er sich vor allem in der Natur – insbesondere von Tieren -, was sich in „Vom Leben der Tiere. Wie sie handeln, was sie fühlen“ deutlich spüren und selbst erleben lässt. In Zusammenarbeit mit Mia Cassany, die die Geschichten hinter Pablo Salvajes Drucken auf Papier gebracht hat, und Anna Prats, die den zahlreichen sowie vielfältigen Drucken des Künstlers Farbe und Form eingehaucht hat, ist ein Bildband entstanden, der Groß und Klein zu begeistern weiß, weil er die Seele der Tiere sprechen lässt.

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„Diese Seele ist es, die uns das Buch erschaffen ließ, das du nun in den Händen hältst. Damit möchten wir uns zusammen mit dir in die Natur vertiefen und Verhaltensweisen, Kuriositäten, Geschichten und Wahrheiten gemeinsam erkunden – um jene Tierseele zu pflegen und zu verstehen, die uns allen innewohnt.“ (aus dem Vorwort von „Vom Leben der Tiere. Wie sie handeln, was sie fühlen“)

 

Auf knapp 72 Seiten entführt uns dieses farbenfrohe Buch in die Welt der Tiere und geht dabei noch sehr viel weiter. Unter verschiedenen Kapitelüberschriften wie „Liebe“, „Rhythmen“, „Überleben“ „Wandlung“, „Lebensraum“, „Wasser“, „Schätze“ und „Zum Andenken“ plus Vor- und Nachwort werden jede Menge Tiere in äußerst sehenswerten Drucken dargestellt, bei denen es sich lohnt nicht nur ein- oder zweimal kurz drüber zu schauen, sondern die zum längeren Verweilen einladen. Die Texte sind dabei kurz, aber von poetischer Kraft und eignen sich bestens zum Vorlesen. Hier kann man gemeinsam (oder auch alleine) mit einem ganz besonders tiefgründigen Blick in die Welt der Tiere eintauchen. Ein Buch voll Detailliebe, das sich vor allem für kleine und große Entdecker lohnt.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Empfohlen ab 8 J. | Aus dem Katalanischen von Maria Meinel | Prestel junior | 72 S., durchgehend illustriert | ISBN: 978-3-7913-7309-6

[paperandpoetryleseclub] III John Irving | „In einer Person“

Der #paperandpoetryleseclub geht in die dritte Runde! Ab dem 17. November (gerne auch früher oder später, das Datum dient lediglich zur Orientierung!) lesen wir gemeinsam „In einer Person“ von John Irving. Ich freue mich schon sehr und möchte an dieser Stelle nochmals auf die Goodreadsgruppe zum näheren Austausch verweisen.

Processed with VSCOcam with t1 presetAllerdings soll sich niemand verpflichtet fühlen, etwas schreiben zu müssen. Weder im Forum, noch auf Instagram, noch sonst irgendwo. Wer „nur“ lesen mag, ist genauso herzlich willkommen. Ich kenne das schließlich allzu gut, dass einem manchmal einfach Zeit und/oder Elan fehlen, um jedes Kapitel zu besprechen. Ist einfach so. Dennoch finde ich das Gefühl gemeinsam ein Buch zu lesen sehr schön und möchte daher noch mal ein Dankeschön an alle schicken, die bisher mitgemacht haben und die vielleicht sogar in der nächsten Runde erneut dabei sind!

Wer noch nicht weiß worum es geht, der schaut am besten hier vorbei. 😊

[Rezension] „Kafka und Felice“ | Unda Hörner

Kafka fand ich schon immer sehr faszinierend. Nicht nur als Autor, sondern vor allem auch als der Mensch, der sich hinter diesen Texten verbirgt, für die es sogar einen eigenen Namen gibt, weil uns sonst die Worte zum Beschreiben fehlen würden: kafkaesk.

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Felice und Kafka lernen sich 1912 während eines Treffens bei Max Brod kennen. Von da an schreibt Kafka Felice beinahe unermüdlich täglich Briefe, in denen er um sie wirbt. Felice ringt daraufhin immer wieder mit sich selbst und ihren Gefühlen. Was will einer wie Kafka von ihr, die sich selbst weder als besonders hübsch noch belesen genug bezeichnen würde, um mit diesem Mann Schritt halten zu können? Schnell wird deutlich, wofür Kafka wirklich brennt: das Schreiben, denn auch er ringt immer wieder mit sich und seinen Gefühlen und lässt Felice buchstäblich im Regen stehen. Es ist die (Liebes)-Geschichte eines ungleichen Paares: Kafka, der schwermütige Schriftsteller und Felice, die lebenslustige Frau, die ihre Arbeit sehr schätzt, die gleichwohl interessant wie erstaunlich zu lesen ist. Eine Liebe, die beinahe nur auf dem Papier existiert – in einer Zeit, in der alles im Wandel scheint.

Unda Hörners Roman „Kafka und Felice“, der um tatsächliche Briefe des zweimal verlobten und dann wieder entlobten Paares herum konstruiert ist, beschreibt Kafka aus der Sicht von Felice. Leider fehlen die Originalbriefe Felices an Kafka, dafür sind weitestgehend alle aus Kafkas Feder noch vorhanden. So entsteht durch die Autorin und der in den Briefen genannten Details Kafkas ein Bild einer wahrhaft lebenslustigen, mutigen und starken Persönlichkeit (und aus heutiger Sicht unfassbar modern). Dagegen kann Kafka – zumindest in diesem Roman – einpacken. (Kein Witz.) Denn Kafka war wohl eher das genaue Gegenteil: ein asketisch lebender Schwarzmaler mit Hang zum Schwermut. (Wobei das wohl auch wieder das Faszinierende ist.)

Was diesen Roman so toll macht, ist zum einen die Perspektive, die man als Leser einnimmt. Also Kafka aus der Sicht von Felice zu lesen, einer Frau, die seine Werke sicher auch ein wenig mitgeprägt hat – und Kafka aus zeitgeschichtlicher Perspektive zu lesen, eingebettet in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg bis hinein in die 1920er Jahre. Man spürt den Umbruch, man spürt Kafkas Angst vor einem bürgerlichen Leben, das ihn am Schreiben hindern könnte – und man spürt seine innere Zerrissenheit, auch Felice gegenüber. Kafka und Felice – eine Liebe? Das mag man sich während des Lesens des Romans ein ums andere Mal fragen. Wie hat es Felice so lange mit ihm ausgehalten? Wieso handelt Kafka so und nicht anders? Es bereitet einerseits enorm viel Freude, diesen Roman zu lesen und andererseits wirft er viele Fragen auf, was gut ist, denn so wird Kafka, der berühmte Schriftsteller, auch mal in ein anderes Licht gerückt.

Dieser Roman wirkt absolut authentisch, obwohl es kaum Aufzeichnungen über Felice gibt. Unda Hörner schafft es, ein Bild Kafkas und Felices zu zeichnen, das nicht konstruiert, sondern vielmehr echt wirkt, ohne dabei zu übertreiben. So oder so ähnlich hätte es sich tatsächlich zugetragen haben können. Ich bin begeistert von diesem Buch und lege es jedem, der oder die sich für Kafka, die 1920er Jahre oder einfach für klug recherchierte sowie gut geschriebene (biografische) Romane interessiert, sehr ans Herz.

Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar an den Verlag!

ebersbach & simon | 336 S. | ISBN: 978-3-86915-152-6

[Lesemonat] Oktober 2017

Oh, hallo. Der Oktober in Büchern. Ich muss ja gestehen, dass ich am Ende jeden Monats doch ein wenig erstaunt bin, wie hoch der Stapel wird und – zugegeben – ein ganz klein wenig beschämt bin ich manchmal auch. Sieht ja fast so aus, als hätte ich sonst kein Leben. Aber hey, Bücher sind so wunderbar und helfen in allen Lebenslagen, wozu also rechtfertigen?

Es folgt nun, wie gewohnt, ein kleiner Rückblick auf die gelesenen Bücher.

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„Harry Potter (3) and the Prisoner of Azkaban. Illustrated Edition“ – J.K. Rowling

Fangen wir mit dem obligatorischen Herbst-Wohlfühlbuch an: Harry Potter. Sobald der Wind durch die Bäume rauscht, die Blätter fallen und die Herbstsonne alles in ein goldenes Licht taucht, ruft diese Reihe einfach danach, gelesen zu werden. Die Illustrated Edition bietet sich ideal dazu an, die Bücher noch mal (und noch mal und noch mal) zu lesen sowie neue Dinge zu entdecken. Von der dritten Schmuckausgabe bin ich sehr begeistert: liebevoll gestaltet und für Fans der zauberhaften Welt eine tolle Geschenkidee (auch an sich selbst.)

„Turtles All The Way Down“ – John Green

Ach, da ist er wieder. Der Meister der YA-Novels! Hätte mich @mscaulfield nicht daran erinnert, ich hätte es glatt nicht auf dem Schirm gehabt, so war ich aber zu neugierig, um dieser Neuerscheinung aus dem Weg zu gehen. In John Greens neuestem Roman wird das Thema ‚Mental Illness‘ auf typisch Greensche Weise verarbeitet, das ist gut, aber lässt doch deutlich Raum nach oben. Ich habe gut 100 Seiten gebraucht, um überhaupt gepackt zu werden und stehe am Ende mit einem unentschlossenen Gefühl da. Es ist gut, ja, aber noch mal lesen würde ich es nicht. Dazu werden zu viele Aspekte einfach zu oberflächlich behandelt. Aber, mal ehrlich, das war in den Vorgängern eigentlich nicht viel anders. Es ist also ein Buch, das ein unangenehmes Thema anspricht, dieses dabei aber nur am Rande streift und nicht allzu sehr in die Tiefe geht. Davon gibt es – leider – schon zu viele auf dem Markt. Lesenswert, aber nicht preisverdächtig.

„Sag nicht, wir hätten gar nichts“ – Madeleine Thien

Dieses Buch stand u.a. auf der Shortlist des Man Booker Prizes 2016 und hat mich nicht nur deswegen durchaus sehr angesprochen. Thien behandelt in diesem Roman ein Thema, das mich sehr interessiert, von dem ich aber bisher eher wenig Ahnung gehabt habe: Die Geschichte Chinas. Es ist ein Generationenroman, der einen durch mehrere Zeiten und Ebenen hinweg an einen Ort entführt, der gleichwohl fremd und vertraut wirkt. Ich hatte zunächst Schwierigkeiten in die Geschichte einzutauchen, da ich mich mit den historischen Ereignissen Chinas kaum auskenne und ich mich durch die vielen verschiedenen Personen (die zum Teil auch noch Spitznamen tragen) etwas verwirrt gefühlt habe. Die Sprache aber trägt einen bis an den Punkt, an dem es -Klick- macht! Als besonders schön empfand ich die Art und Weise wie Thien hier zwei Sprachen, zwei Staaten, zwei Leben und Lebensweisen miteinander verbindet.

„Der Sympathisant“ – Viet Thanh Nguyen

Dieser Spionagethriller wurde 2016 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet – und den hat er nun wirklich verdient! Die Kennzeichnung „Thriller“ sollte einen dabei nicht abschrecken, denn das Buch ist vielmehr als „nur“ das. Der Roman thematisiert den Vietnamkrieg, aber nicht aus der relativ geläufigen amerikanischen Sichtweise, sondern aus der gegensätzlichen. Dabei bleibt es jedoch nicht. Der Autor setzt einen namenlosen kommunistischen Spion als Protagonisten ein, der innerlich zerrissen ist und in einer Art Zwickmühle steckt. Denn als Spion soll er einerseits als solcher aktiv sein, aber auch in seiner eingeschleusten Rolle als Adjutant eines hochrangigen Generals in den USA solche ausfindig machen. Auf welcher Seite steht er nun? Gibt es überhaupt eine Seite? Und wer ist er selbst? Einerseits die Verlockungen der amerikanischen Konsumgesellschaft im Blick, andererseits die innere Zerrissenheit vor Augen. Spannend, bildhaft geschrieben und dabei doch verständlich politisch.

„Kafka und Felice“ – Unda Hörner

Kafka fand ich schon immer sehr faszinierend. Nicht nur als Autor, sondern vor allem auch als der Mensch, der sich hinter diesen Texten verbirgt, für die es sogar einen eigenen Namen gibt, weil uns sonst die Worte zum Beschreiben fehlen würden: kafkaesk. Unda Hörners Roman, der um tatsächliche Briefe des zweimal verlobten und dann wieder entlobten Paares herum konstruiert ist, beschreibt Kafka aus der Sicht von Felice. Einer wahrhaft lebenslustigen, mutigen und starken Persönlichkeit (und aus heutiger Sicht unfassbar modern). Dagegen kann Kafka – zumindest in diesem Roman – einpacken. (Kein Witz.) Denn Kafka war wohl eher das genaue Gegenteil: ein asketisch lebender Schwarzmaler mit Hang zum Schwermut. (Wobei das wohl auch wieder das Faszinierende ist.) Was diesen Roman so toll macht, ist zum einen die Perspektive, die man als Leser einnimmt. Also Kafka aus der Sicht von Felice zu lesen, einer Frau, die seine Werke sicher auch ein wenig mitgeprägt hat – und Kafka aus zeitgeschichtlicher Perspektive zu lesen, eingebettet in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg bis hinein in die 1920er Jahre. Man spürt den Umbruch, man spürt Kafkas Angst vor einem bürgerlichen Leben, das ihn am Schreiben hindern könnte – und man spürt seine innere Zerrissenheit, auch Felice gegenüber. Kafka und Felice – eine Liebe?

„Das Wunder der wilden Insel“ – Peter Brown

Das Robotermädchen Roz wacht auf einer wundersamen Insel auf und muss sich dort erst einmal zurechtfinden, inmitten all der Tiere und Natürlichkeit. Aus Sicht der tierischen Inselbewohner ist Roz eine Art Monster, daher muss sie sich beweisen und so manches Abenteuer ausstehen. Eine zauberhafte Geschichte um Freundschaft und Anderssein, die auch noch ganz, ganz liebevoll illustriert ist. Die Sprache ist Kindern angemessen und super als Vorlesebuch geeignet. Ich hatte viel Freude damit!

„Schwimmen“ – Sina Pousset

Diesen Roman konnte ich einfach nicht mehr aus der Hand legen. „Schwimmen“ ist dieses eine spezielle Buch, das einen nachts wachhält und wie gebannt Seite um Seite umblättern lässt, in der Hoffnung, es möge nie ausgelesen sein (auch wenn man gleichzeitig alles erfahren möchte.)  Es ist ein durch und durch bewegendes, feinfühliges Buch über Liebe, Freundschaft, Sehnsucht, Verlust und diesem Ding, das man Erwachsenwerden nennt, der tief in die Gefühlswelt seiner Protagonisten hereinreicht. Die Autorin deutet vieles nur an, ertränkt den Plot nicht in zu ausschweifenden Erzählungen und das macht die Geschichte zugleich dynamisch sowie spannend und man kann gar nicht aufhören zu lesen, obwohl man sich eigentlich wünscht, man dürfe ewig in dieser schönen Sprache verweilen, die zugleich poetisch wie auch klug und einfach nur wunderschön ist.

„Die Falle“ – Melanie Raabe

Ein Thriller, der relativ unblutig, dafür aber durchaus spannend bis zum Schluss bleibt. Genau das richtige, um sich mal ein, zwei Abende Zerstreuung zu gönnen. In Teilen hat er mich an die Cliffhanger und Plottwists eines Sebastian Fitzek erinnert – aber cleverer und sprachlich sehr viel schöner gestaltet. Die ersten einhundert Seiten hatte ich noch so meine Bedenken, aber dann konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen. Alles in allem sehr gelungen und als spannende Herbstlektüre äußerst empfehlenswert!

„Der nasse Fisch“ – Volker Kutscher

Die Romanvorlage zu der kürzlich auf Sky veröffentlichten Serie „Babylon Berlin“. Ein Buch, das einen beinahe vergessen lässt, dass es sich um einen Kriminalroman handelt, sondern einem vielmehr das Gefühl der 1920er Jahre vermittelt. Sehr schön! Etwas bemängeln muss ich die teils doch sehr männliche Perspektive und Schreibweise (vor allem im Bezug auf Frauengeschichten), aber damit kann ich leben. Nicht alles überschneidet sich eins zu eins mit der TV-Serie, was durchaus gut ist, denn so kann man getrennt voneinander beides genießen und entdeckt sogar noch neue Seiten an den Figuren und der Geschichte. Einiges ist im Roman ausführlicher, anderes ist wiederum der TV-Serie zugedichtet worden. Mich stört es nicht, im Gegenteil, ich finde: das passt! 20er Jahre Fans werden begeistert sein!

„Sophia, der Tod und ich“ – Thees Uhlmann

Ich bin da so lange drumherum geschlichen und als es nun im Taschenbuchformat erschienen ist, nun ja, da konnte ich nicht nein sagen: zum Glück! So ein schönes Buch. (Schwarzer) Humor trifft auf Tiefsinnigkeit gepaart mit ein wenig Skurrilität. Einzig ein paar Längen in der Mitte könnte man bemängeln, aber, ach, das muss man nicht.

„Ehemänner“ – Jami Attenberg

In Attenbergs drittem Roman geht es weder um eine neurotische jüdische Familie, noch um das New York der 1920er Jahre, dafür aber um das neuzeitige New York inklusive hipper Williamsburger Freigeister. Jarvis Miller muss sich nach dem Unfall ihres Mannes (einem Künstler) neu finden. Ein schwieriger Prozess, vor allem, nachdem sie so einiges aus seiner und ihrer gemeinsamen Vergangenheit aufdeckt. Klug und voller Wortwitz entfaltet sich hier eine Identitätssuche der etwas anderen Art. Zu Beginn des Romans weiß man noch nicht ganz, wo dieser hinführen soll. Die Charaktere werden vorgestellt, die Sachlage erklärt und so langsam entwickelt sich eine Geschichte über eine große Liebe, die, wie alle großen Lieben, nicht vor Schwierigkeiten gefeit ist. Gegen Ende bin ich ein ganz klein wenig skeptisch der Geschichte gegenüber geworden (zu übertrieben), aber doch bin ich von Attenbergs Schreibstil und Empathiefähigkeit begeistert.

Außerdem habe ich mittels „NaturLiebe“ von Rebecca Wallenta einen Wandbehang gebastelt und dank „Pinguine sind kitzlig, Bienen schlafen nie, und keiner schwimmt so langsam wie das Seepferdchen. Verblüffendes aus der Tierwelt.“ von Maja Säfström so einiges (auch Lustiges) über Tiere erfahren. Zauberhaft vor allem aufgrund der tollen Illustrationen.

Puh, falls ihr es bis hierher geschafft habt: seid ihr jetzt genauso platt wie ich?

[Rezension] „Der Sympathisant“ |Viet Thanh Nguyen

„Der Sympathisant“ von Viet Thanh Nguyen wurde 2016 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Ein Medienpreis, den ich für sehr wichtig und aussagekräftig halte, weshalb ich mir kurze Zeit später das Buch in seiner englischen Originalfassung („The Sympathizer“) kaufte. Leider kam ich nicht recht voran, was weniger am Inhalt, sondern an der Sprachbarriere gelegen hat. Ich lese regelmäßig Bücher im englischen Original, was meistens recht gut klappt, aber hier fiel es mir aufgrund einiger spezifischer Vokabeln schwer, dem roten Faden zu folgen und ich kam an meine Grenzen. Daher freut es mich sehr, das Buch nun in der deutschen Übersetzung lesen zu können (an meinen Fremdsprachen-Kenntnissen arbeite ich weiterhin, versprochen!).

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Es ist April 1975, das gewaltige und dramatische Ende eines langen und auszehrenden Krieges in Sicht, als eine Gruppe südvietnamesischer Offiziere von Saigon in die USA ausgeflogen wird. Unter ihnen befindet sich ein Adjutant eines hochrangigen Generals, dessen Aufgabe aber eigentlich eine ganz andere ist: kommunistische Spionage. In Los Angeles beginnt ihm sein Doppelleben über den Kopf zu wachsen. All die Dinge, die als Spion von ihm verlangt werden und die er notgedrungen erledigt, während gleichzeitig die Konsumgesellschaft an jeder Ecke mit Verlockungen wirbt. Und dann ist da auch noch er selbst und die Frage nach dem: wer bin ich eigentlich?

Dieses Buch ist ein Spionagethriller, gar keine Frage, aber es ist auch weitaus mehr, denn es behandelt ein Thema – den Vietnamkrieg – aus einer gänzlich anderen Perspektive. Der namenlose Protagonist berichtet aus einer Art Exil von seinem Leben als kommunistischer Spion und den damit einhergehenden Absurditäten wie Verlockungen. Es zeigt sich, dass in ihm eine zutiefst gespaltene Persönlichkeit steckt. Sozusagen wortwörtlich, denn er soll einerseits als kommunistischer Spion tätig sein, andererseits aber auch seiner Arbeit als Adjutant des Generals nachgehen und ebensolche Spione ausfindig machen (und bestenfalls vielleicht sogar gleich beseitigen). Dass das Schwierigkeiten nach sich zieht ist selbstverständlich. Es fällt mir an dieser Stelle schwer, Details zu nennen, denn so würde ich einerseits zu viel vom Inhalt verraten, andererseits würde sich dies auch unmöglich in ein paar Sätzen wiedergeben lassen. Denn es ist – trotz des Stempels „Spionagethriller“ – ein anspruchsvoller Roman, der den Vietnamkrieg und die Zeit danach aus vietnamesischer Sicht thematisiert. (Also mal nicht „typisch amerikanisch“ à la „Full Metal Jacket“ oder „Good Morning, Vietnam“). Der Autor, der selbst nach dem Fall Saigons 1975 mit seinen Eltern in die USA flieht, nutzt so sicher ein wenig seine eigenen Erfahrungen, seine Sichtweise über die USA und Vietnam und deren Gegensätze. Die Schwierigkeiten, in einer fremden Welt groß zu werden und dabei die Vergangenheit der Familie und des Landes, in dem er geboren worden ist, permanent mit dabei im Hinterkopf.

Ja, es ist ein politisches Buch, aber doch schafft es Viet Thanh Nguyen dies mit seiner bildhaften Sprache, den spannenden Szenenwechseln und dem ab und an aufblitzenden Humor den|die Leser|in fast vergessen zu lassen. Manchmal hat mich die teilweise leicht vulgäre, grobe Sprache oder auch die ein oder andere Szene etwas abgeschreckt – auch wenn man beides mit einer gewissen Ironie betrachten und lesen sollte. Es ist jedoch passend zur Thematik und letztlich einfach Geschmackssache.

Wer nun denkt, in diesem Roman würde die Perspektive einfach bloß umgedreht werden, der irrt. Viet Thanh Nguyen macht es sich nicht einfach, sondern versucht beide Seiten – die vietnamesische und amerikanische – zu beleuchten, das macht alleine schon seine im äußersten Zwiespalt steckende Hauptfigur deutlich. Ein sehr lesenswerter, durch und durch spannender Roman, bei dem wir auf eine Fortsetzung hoffen dürfen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Leseexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller | Blessing Verlag | 528 S. | ISBN: 978-3-89667-596-5