[Rezension] „Der Sympathisant“ |Viet Thanh Nguyen

„Der Sympathisant“ von Viet Thanh Nguyen wurde 2016 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Ein Medienpreis, den ich für sehr wichtig und aussagekräftig halte, weshalb ich mir kurze Zeit später das Buch in seiner englischen Originalfassung („The Sympathizer“) kaufte. Leider kam ich nicht recht voran, was weniger am Inhalt, sondern an der Sprachbarriere gelegen hat. Ich lese regelmäßig Bücher im englischen Original, was meistens recht gut klappt, aber hier fiel es mir aufgrund einiger spezifischer Vokabeln schwer, dem roten Faden zu folgen und ich kam an meine Grenzen. Daher freut es mich sehr, das Buch nun in der deutschen Übersetzung lesen zu können (an meinen Fremdsprachen-Kenntnissen arbeite ich weiterhin, versprochen!).

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Es ist April 1975, das gewaltige und dramatische Ende eines langen und auszehrenden Krieges in Sicht, als eine Gruppe südvietnamesischer Offiziere von Saigon in die USA ausgeflogen wird. Unter ihnen befindet sich ein Adjutant eines hochrangigen Generals, dessen Aufgabe aber eigentlich eine ganz andere ist: kommunistische Spionage. In Los Angeles beginnt ihm sein Doppelleben über den Kopf zu wachsen. All die Dinge, die als Spion von ihm verlangt werden und die er notgedrungen erledigt, während gleichzeitig die Konsumgesellschaft an jeder Ecke mit Verlockungen wirbt. Und dann ist da auch noch er selbst und die Frage nach dem: wer bin ich eigentlich?

Dieses Buch ist ein Spionagethriller, gar keine Frage, aber es ist auch weitaus mehr, denn es behandelt ein Thema – den Vietnamkrieg – aus einer gänzlich anderen Perspektive. Der namenlose Protagonist berichtet aus einer Art Exil von seinem Leben als kommunistischer Spion und den damit einhergehenden Absurditäten wie Verlockungen. Es zeigt sich, dass in ihm eine zutiefst gespaltene Persönlichkeit steckt. Sozusagen wortwörtlich, denn er soll einerseits als kommunistischer Spion tätig sein, andererseits aber auch seiner Arbeit als Adjutant des Generals nachgehen und ebensolche Spione ausfindig machen (und bestenfalls vielleicht sogar gleich beseitigen). Dass das Schwierigkeiten nach sich zieht ist selbstverständlich. Es fällt mir an dieser Stelle schwer, Details zu nennen, denn so würde ich einerseits zu viel vom Inhalt verraten, andererseits würde sich dies auch unmöglich in ein paar Sätzen wiedergeben lassen. Denn es ist – trotz des Stempels „Spionagethriller“ – ein anspruchsvoller Roman, der den Vietnamkrieg und die Zeit danach aus vietnamesischer Sicht thematisiert. (Also mal nicht „typisch amerikanisch“ à la „Full Metal Jacket“ oder „Good Morning, Vietnam“). Der Autor, der selbst nach dem Fall Saigons 1975 mit seinen Eltern in die USA flieht, nutzt so sicher ein wenig seine eigenen Erfahrungen, seine Sichtweise über die USA und Vietnam und deren Gegensätze. Die Schwierigkeiten, in einer fremden Welt groß zu werden und dabei die Vergangenheit der Familie und des Landes, in dem er geboren worden ist, permanent mit dabei im Hinterkopf.

Ja, es ist ein politisches Buch, aber doch schafft es Viet Thanh Nguyen dies mit seiner bildhaften Sprache, den spannenden Szenenwechseln und dem ab und an aufblitzenden Humor den|die Leser|in fast vergessen zu lassen. Manchmal hat mich die teilweise leicht vulgäre, grobe Sprache oder auch die ein oder andere Szene etwas abgeschreckt – auch wenn man beides mit einer gewissen Ironie betrachten und lesen sollte. Es ist jedoch passend zur Thematik und letztlich einfach Geschmackssache.

Wer nun denkt, in diesem Roman würde die Perspektive einfach bloß umgedreht werden, der irrt. Viet Thanh Nguyen macht es sich nicht einfach, sondern versucht beide Seiten – die vietnamesische und amerikanische – zu beleuchten, das macht alleine schon seine im äußersten Zwiespalt steckende Hauptfigur deutlich. Ein sehr lesenswerter, durch und durch spannender Roman, bei dem wir auf eine Fortsetzung hoffen dürfen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Leseexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller | Blessing Verlag | 528 S. | ISBN: 978-3-89667-596-5

3 Kommentare zu „[Rezension] „Der Sympathisant“ |Viet Thanh Nguyen“

  1. Liebe Mia,
    vielen Dank für diese schöne Rezension! Ich spiele schon länger mit dem Gedanken, mir das Buch im englischen Original anzuschaffen, da mir eine Unidozentin, mit der ich mich gelegentlich angeregt über Bücher austausche, den Roman ebenfalls empfohlen hat. Was mich bisher allerdings zögern ließ: Das Genre (ich lese äußerst selten Thriller) und die Tatsache, dass ich mich mit dem Vietnamkrieg bzw. Vietnam im Allgemeinen bis jetzt nur grob auseinandergesetzt und deshalb Angst habe, mich nur schwer in der Geschichte zurechtzufinden. Der politische Aspekt und gerade die Beleuchtung unterschiedlicher Perspektiven reizen mich aber sehr. Ich glaube, ich werde Dem Buch nun eine Chance geben. 🙂
    Viele Grüße,
    Elena

    Gefällt mir

    1. Du kannst dem Buch auf jeden Fall eine Chance geben! Es ist zu Beginn durchaus etwas schwierig in die Thematik einzusteigen, aber das gibt sich mit der Zeit. Man „muss“ allerdings dranbleiben und ab und an ist es auch mal etwas arg anstrengend. Es lohnt sich aber, wie ich finde! 🙂

      Gefällt 1 Person

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