[Weil ich ein Leben habe] #9

Die Sache mit der Angst treibt mich immer noch an. Mich erreichten in den letzten Tagen zahlreiche Nachrichten, die sich alle um dieses wichtige Thema drehten und da ist mir noch einmal bewusst geworden, wie notwendig es ist, darüber zu reden und zu schreiben, sofern man die Möglichkeit hat – und darum tue ich das nun auch. Ich weiß ganz sicher, wie schwer es sein kann, seine Gedanken bezüglich Erkrankungen auszusprechen, gerade an der Arbeit, in der Uni/Schule oder unter Bekannten und Freunden – einige reagieren leider immer mit Unverständnis sowie Stigmatisierung, das tut weh, ist erniedrigend und ein gefundenes Fressen für die Angst.

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Ich würde mich eigentlich als sehr mutigen Menschen bezeichnen, aber dennoch habe ich Angst. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Bereits als Kleinkind geriet ich in Situationen, die sich in mein Gedächtnis eingegraben haben und die ich, so sehr ich es versuche, nie ganz loswerde, zu fest sind sie verwurzelt. Ärzte, die es vermeintlich besser wussten und mich nicht ernst genommen haben. Medikamente, die ich nehmen musste und die ich nicht vertragen habe, was man mir ebenfalls oft nicht geglaubt hat, bis man schwarz auf weiß Nebenwirkungen sehen konnte (bis ich ihnen buchstäblich vor die Füße kotzte), Freunde, die nach längeren Krankenhausaufenthalten keine Freunde mehr waren, Lehrer, die kein Verständnis aufbringen konnten oder wollten. Um nur einige Beispiele zu nennen. Meine erste Angst war also die vor der Schule, vor dem Mobbing, vor dem Alleinsein, dann kam parallel die Angst vor neuen Ärzten (und da hab ich echt Sachen erlebt, die mag man gar nicht glauben). Vor etwas über zwei Jahren setzte dann bei mir ein Tremor ein, der eine körperliche Ursache hat. (Ich habe in meinen anderen Texten bereits darüber geschrieben.) Da man Tremor aber gemeinhin oft „nur“ als Zittern kennt, wenn man beispielsweise im Stress ist, Angst (!) hat oder zu wenig gegessen hat, haben mich viele Menschen auch so behandelt – und tun es bis heute noch. Ich soll mich doch nicht so aufregen und ruhig bleiben (mit entsprechender Handgeste). Ob ich genug gegessen hätte, ich würde so dünn aussehen. Das alles ist nicht der Fall. Sicher kenne auch ich das Angstzittern oder das Stresszittern, das fühlt sich aber ganz anders an. Mein Körper zittert nicht ein bisschen, er hat sozusagen kleine Krampfanfälle, die in die Richtung Parkinson gehen. Manchmal nickt mein Kopf stundenlang und die Schultern heben sich dazu. Das hat nichts mit Angst zu tun. Doch weil mich so viele Menschen beäugen, in Gesprächen scheinbar gut gemeinte Ratschläge geben und dabei durchblicken lassen, dass sie eigentlich denken, ich hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank, hat sich sowas wie eine Angst vor der Angst entwickelt. Ich habe Angst davor, dass man denkt, ich hätte Angst – und das führt dazu, dass ich tatsächlich Angst bekomme. Das klingt vielleicht paradox und irrational, aber genau das ist es doch, was die Angst ausmacht. Sie unterliegt keinen rationalen Denkweisen. Angst ist Angst.

Ich habe mir schon immer Wege gesucht, wie ich mit dem, was passiert, bestmöglich umgehen kann, aber noch nie ist es mir so schwer gefallen. Mittlerweile habe ich gelernt (und bin noch dabei), mir Stück für Stück wieder den Mut anzueignen, den ich über Monate durch Blicke und Kommentare verloren habe. Es ist einfach ein beschämendes Gefühl, wenn selbst gute Freunde nicht mit der Erkrankung umgehen können und man überall diese Blicke erntet, die irgendwo zwischen Spott und Mitleid hängen bleiben. Beschämend, weil man immer denkt: mit mir stimmt etwas nicht; ich bin nicht normal, was dazu führt, dass man sich selbst die Schuld an etwas gibt, wofür man einfach nichts kann – und das macht einen so richtig mürbe und eben, ja, manchmal auch ängstlich.

Ich kann und darf nicht alle Situationen vermeiden, die für mich unangenehm sind, durch vieles muss ich mich durchkämpfen (was nicht heißt, dass es nicht manchmal auch in Ordnung ist, solche Sachen zu vermeiden). Zum Beispiel mit der Straßenbahn zu fahren, eine meiner Angst-Situationen par excellence, weil nirgends mehr geschaut wird und man gleichzeitig für eine bestimmte Zeit diesen Blicken und manchmal Kommentaren nicht entfliehen kann. Das Durchkämpfen tue ich, in dem ich mir im Kopf immer eine Art Fluchttaktik ausdenke – das hilft meistens schon – und im Allgemeinen nehme ich mir ganz bewusst Zeit für mich selbst. „Nein“ ist eines meiner neuen Lieblingsworte geworden, auch wenn ich da noch ziemlich dran arbeiten muss und ich erzähle von meiner Erkrankung, auch wenn ich weiß, dass es für viele sehr, sehr schwer nachzuvollziehen ist. Das tue ich aus dem ganz egoistischen Grund: um mir selbst die Angst zu nehmen. Wenn ich weiß, mein Gegenüber weiß, ich zittere nicht aus Angst oder Stress, ist das eine enorme Erleichterung für mich. Wenn ich aber denke, mein Gegenüber könnte möglicherweise denken, ich zittere aus Angst oder Stress, bin ich so angespannt, dass es meinen Tremor, der so oder so da ist, verschlimmert, weil dann nämlich Tremor plus Stresszittern zusammen kommen – und das ist so richtig anstrengend.

Es gibt also einige Tricks, die ich mir mit der Zeit angeeignet habe, aber das heißt nicht, dass ich keine Angst habe. Da gibt es keinen Schalter für. Man kann nur Wege suchen und hoffentlich finden, wie man sich das Leben irgendwie leichter machen kann – und man sollte sich dafür nicht schämen müssen. Auch nicht, wenn man professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Gesundheit ist so viel wichtiger als darüber nachdenken zu müssen, was andere jetzt von einem halten, aber ja, ich weiß ganz sicher, dass das nicht einfach ist. Dennoch: wenn es irgendwie möglich ist, redet über eure Ängste, das entwaffnet sie und macht sie ein kleines bisschen kleiner. Vielleicht sogar irgendwann so klein, dass ihr sie kaum noch wahrnehmt und wenn nicht, dann seid euch bewusst: es ist ok, nicht ok zu sein.

[Rezension] „Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst“ | Franziska Seyboldt

Rattatatam, da ist sie, die Angst. Jeder kennt sie. Jeder weiß, wie sie sich anfühlt. Manchmal aufwühlend, das Herz poltern lassend, manchmal einengend, sich ganz klein machen wollend. Die Angst kommt in vielen Formen und Farben, mal mehr, mal weniger stark und sie kann über ihre eigentliche Aufgabe, das Warnen und Beschützen hinauswachsen. Nämlich dann, wenn die Angst übermächtig wird und vor Situationen warnt, die uns eigentlich ganz alltäglich vorkommen. Beim Bäcker in der Schlange stehen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, vor anderen Menschen reden, zu einer Routineuntersuchung zum Arzt gehen. (Um nur einige wenige Beispiele zu nennen.)

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Genau darüber schreibt Franziska Seyboldt in „Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst.“ Ein Titel, der nicht nur toll und sehr persönlich gewählt ist, sondern gleich zeigt, dass hier viel mehr drinsteckt als ein blasses Sachbuch mit Ratgeberanteil. Die Autorin berichtet von sich selbst, wie es ihr geht und ergeht mit dieser ominösen, meist nicht greifbaren, oft irrational denkenden und handelnden Angst zu leben, in welchen Situationen sie sie begleitet und wie sie lernt, mit einem zu viel an Angst umzugehen. Nämlich von den Tagen, an denen sie aufwacht und keine Schildkröte, sondern vielmehr ein Sieb ist, das Geräusche, Gerüche, Farben hindurchplätschern lässt. (Vgl. S. 15/16) Darüber zu schreiben gelingt ihr scheinbar mit einer Leichtigkeit, hinter der vermutlich sehr viel Mut steckt und mit einem Humor, unter dem sich sehr viel Stärke verbirgt. Franziska Seyboldt breitet vor uns, ihren Leser|innen, ihr ganzes Leben mit der Angst dar, von der lange Zeit kaum jemand wusste. Wann sie sich zum ersten Mal anschlich, nicht leise, sondern direkt mit einem – BAMM – zuschlug, wie sie sich bei ihr einnistete und wie sie beschloss zu bleiben. So lange, bis sich die Autorin entscheidet, einen Weg zu finden, wie sie ihr die Stirn bieten kann – noch mehr, als sie es bisher schon getan hat. Dabei geht es in dem Buch aber keineswegs hauptsächlich darum: wie besiege ich die Angst?, sondern vielmehr zeigt es einen authentischen Blick in den Alltag mit ihr – und das ist wichtig, dass man, wenn man kann, darüber spricht und nicht schweigt. Daher werden sich in diesem Buch nicht nur explizit Betroffene wiederfinden, sondern vielleicht sogar ein Stück weit jeder und wenn nicht, so schafft sie es doch mit viel Witz und Sachverstand, die Thematik der Angst und der Angststörung spielend leicht verständlich zu machen. So, dass auch Leser|innen, die mit diesem Thema bisher nicht in Berührung gekommen sind, einen Zugang finden.

Deshalb ist dieses Buch nicht nur ein gutes, sondern vor allem auch ein wichtiges, denn immer mehr Menschen leiden unter einer Angststörung, aber kaum einer mag öffentlich darüber reden. Aus dem „einfachen Grund“: Angst. Angst davor, was andere denken. Angst davor, nicht mehr ernst genommen zu werden. Angst davor, Job und Freunde zu verlieren. – Mir hat an manchen Stellen noch ein wenig Tiefgang im Text gefehlt und der Humor der Autorin, den ich zwar wichtig und gut finde, um das Thema aufzulockern und verständlich zu machen, versteckt doch ab und an etwas die Ernsthaftigkeit des Themas. Davon abgesehen halte ich das Buch für enorm wichtig und absolut lesenswert – sowohl für Betroffene als auch nicht explizit Betroffene.

Kiepenheuer & Witsch Verlag | 251 S. | ISBN: 978-3-462-05047-9

[Lesemonat] Dezember 2017

Der Dezember hatte auch seine guten Seiten.

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Der Weihnachtosaurus | Tom Fletcher mit Illustrationen von Shane Devries

Dass ich gerne mal zu einem Kinderbuch greife, dürfte mittlerweile allen bekannt sein. Ich habe für mich festgestellt, dass in Büchern speziell für Kinder und Jugendliche sehr oft Wahrheiten und Weisheiten stecken, wie man sie in „Büchern für Erwachsene“ so nicht mehr findet. Pluspunkt: man betrachtet die Welt noch einmal mit Kinderaugen und das schadet nie. „Der Weihnachtosaurus“ ist ein liebevoll geschriebener, voll Sprachwitz steckender und mit ganz viel Freude am Detail illustrierter Roman für alle Altersklassen. Da wird einem selbst als Grinch warm ums Herz. Oh, heiliger Spekulatius ist das ein schönes Weihnachtsbuch!

TEE. Sorten, Anbau, Geschichte, Zubereitung, Rezepte und vieles mehr“ | Louise Cheadle & Nick Kilby

Darf’s ein bisschen Tee sein? Denn: Tee ist der neue Wein! Wer mehr über die Geschichte des Tees, Anbaugebiete, verschiedene Teesorten, Rezepte und allerhand weiteres Wissenswertes rund um dieses wohlig warme Getränk, das viel mehr kann als nur den Durst zu stillen, wissen möchte, der sollte hier auf jeden Fall einen Blick hineinwerfen. Ihr lernt hier auch, wie man den perfekten Matcha-Tee zubereitet (ob der dann wirklich perfekt ist weiß ich nicht, Matcha mag ich nämlich ehrlich gesagt nicht, aber ich glaube dem Buch einfach mal). Ein klein wenig schade ist es allerdings, dass in dem Buch kaum auf die Themen fair trade und faire Arbeitsbedingungen eingegangen wird.

In einer Person | John Irving

Ein Irving wirbelt ja immer ordentlich auf. So auch hier. Es geht um sexuelle Orientierung, Transgender und ganz viel sich selbst finden in einer Welt, die zwar sämtliche Möglichkeiten in der Theorie bietet, in der Praxis dann aber vorverurteilt. Irving bricht hier galant diese (gesellschaftlichen) oft immer noch Tabuthemen und öffnet damit so manch moralisch klemmende Schublade. Hier ein Zitat aus „In einer Person“: „Ich glaube wirklich (…), dass Fragen der sexuellen Orientierung Shakespeare viel weniger wichtig waren als offenbar uns heute“ und meint damit u.a., dass jede|r die Freiheit haben sollte, zu sein, zu bleiben oder zu werden, wer er oder sie sein möchte. Gut. Und vor allem: wichtig in einer Welt, die scheinbar täglich rückständiger und weniger tolerant zu werden scheint.

Rimini | Sonja Heiss

Dieser Roman ist ziemlich bissig, unfassbar komisch, etwas überzogen ( und das macht den Charme aus!) und betrifft uns irgendwie alle. Zu Beginn fand ich es noch etwas gewöhnungsbedürftig, weil man plötzlich in eine Welt geschmissen wird, die der Realität zwar entspricht, aber doch eben auch ein wenig too much ist. (Da merkt man das Filmische der Autorin, die auch Regisseurin ist – u.a. „Hedi Schneider steckt fest“.) Rimini ist unterhaltsam und mit einer Ehrlichkeit geschrieben, die einfach nur gut tut.

Mehr Schwarz als Lila | Lena Gorelik

Sprachlich bin ich von diesem Buch sehr angetan. Die Geschichte allerdings wirkt nicht ganz rund, irgendwie schon zig mal so in der Art gehört, gelesen, bietet sie wenig Neues, reißt nicht so mit, nervt sogar ein wenig. Gegen Ende kommt dann noch mal ordentlich Schwung rein, bevor es in einem fast schon plumpen Schluss gipfelt. Das hinterlässt eine Leere, die nicht angenehm wie bei Kurzgeschichten nachwirkt, sondern einfach nur ärgert. Ich mag das Buch aber trotzdem empfehlen, wenn man wie ich die deutsche Sprache gerne mag. Denn, was die Autorin hier ein ums andere Mal beweist: Deutsch ist eine wunderbare Sprache. Das Deutsche, das kann was.

DNA | Yrsa Sigurðardóttir

Das Buch habe ich für einen Euro im Regalladen gefunden und dachte: da machste nix mit verkehrt. Hab ich auch nicht. Spannend für die kalten Tage, aber nichts, was das eigene Leben grundlegend verändert. Das soll ein Thriller ja auch nicht, der soll einen bitte gut unterhalten und das kann dieses Buch. Zwischendurch zieht es sich auch mal, puh, ja, aber zum Glück ist es so gut und intelligent geschrieben, dass man weiterliest. Aber: nichts für schwache Nerven, denn es ist schon recht blutig.

Dann schlaf auch du | Leïla Slimani

Dieses Buch kommt so unscheinbar daher und dann haut es einem den Boden unter den Füßen weg. Eingebettet in eine relativ bekannte Story: berufstätiges, engagiertes und gesellschaftlich angesehenes Ehepaar stellt eine Nanny ein, die auf die zwei kleinen Kinder aufpasst, während die Eltern arbeiten, steckt ein literarischer Psychothriller, den man gar nicht mehr aus der Hand legen kann und mag. Neben der Geschichte ist es vor allem der Erzählstil, der die Spannung ausmacht. Was geschehen ist, weiß man als Leser|in von Anfang an, aber wie ist es dazu gekommen? Wie gut kennt man einen Menschen wirklich, selbst wenn man glaubt, diesen zu kennen? Und, wem kann man überhaupt trauen? „Dann schlaf auch du“ ist ein düsteres Buch, eines, das einen komplett gefangen nimmt und noch lange im Kopf bleibt.

Außerdem: diverse Weihnachtsbücher. (u.a. „Der kleine König Dezember“ – ich liebe ihn!)

[Rezension] „Leere Herzen“ | Juli Zeh

Juli Zeh ist für mich eine bewundernswerte und inspirierende Schriftstellerin, von der man ganz ungeniert und neidlos behaupten kann, dass sie „zu den großen deutschen Autor|innen“ zählt. Ich tastete mich vorsichtig an ihre Texte heran. Zuerst in der Uni, in einem Kurs, der sich mit deutscher Gegenwartsliteratur befasste und dann später mit Romanen wie „Spieltrieb“, „Nullzeit“ und „Unterleuten“. Immer etwas gesellschaftskritisch. Immer etwas politisch. Und immer sehr klug und wortgewandt, mit diesem gewissen scharfen Blick, den man als genaue Beobachterin zum Verfassen solcher Texte benötigt.

Ihr neuester Roman „Leere Herzen“ befasst sich nun mit der aktuellen gesellschafts- politischen Lage Deutschlands, verpackt in ein Deutschland der nahen Zukunft. So, wie es sein könnte.

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Britta Söldner, Hauptfigur des Romans, leitet mit Babak Hamwi „Die Brücke“, eine Einrichtung, die nach außen hin den Schein als psychotherapeutische Heilpraxis wahrt. Was sich tatsächlich hinter der Fassade verbirgt, ist aber etwas ganz anderes. Britta und Babak machen Geschäfte mit dem Tod, genauer mit potentiellen Selbstmördern bzw. Selbstmordattentätern – und das nicht gerade wenig. Britta und Babak nutzen also die gegenwärtige Lage zu ihren Gunsten. Während Britta viel Geld mit zwielichtigen, moralisch grenzwertigen Deals macht, verdient ihr Mann Richard vergleichsweise wenig. Auch Brittas Freunde Janina und Knut entsprechen quasi dem Gegenentwurf zu Britta. Sie leben als Künstler vom bedingungslosen Grundeinkommen – gut, aber auch nicht herausragend. Sowohl Britta und Richard, als auch Janina und Knut haben je eine Tochter. Zwei Familien, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, aber doch mit einem gemeinsamen Fixpunkt: gesellschaftliche und politische Desillusion geschuldet der Flüchtlingskrise, Brexit, Trump, einer zweiten Finanzkrise und dem schnellen Aufstieg der BBB (Besorgte-Bürger-Bewegung). Eigentlich läuft das Leben wie gewohnt vor sich hin, bis sich plötzlich die Ereignisse überschlagen. Irgendjemand scheint sich Brittas und Babaks Geschäftsidee zu eigen machen zu wollen und droht nicht nur ihre Firma zu ruinieren, sondern auch Brittas Familie sowie ihres und Babaks Leben zu bedrohen.

„Leere Herzen“ ist ein zukunftsorientierter Politthriller, der erschreckend an die tatsächliche Welt da draußen erinnert. Wir begleiten Britta, tauchen tief in ihre Gedanken und Gefühlswelt ein und da geschieht etwas, was fast noch bedenklicher ist: wir spüren die Desillusion, welche die Figuren im Buch eingenommen hat und diese scheint fast auf uns Leser|innen übergreifen zu wollen. Juli Zeh schreibt intelligent, wie gewohnt wortgewandt und unterkühlt, leicht zynisch, vielleicht ist es auch ironisch von einem Deutschland, das sich selbst verliert, von einer Gesellschaft, die sich in Teilen zerstört. Das ist gut, das ist durchdacht, das soll die Augen öffnen. Britta wirkt durch diese Schreibweise und auch durch ihre Art sowie durch die erzählte Geschichte leider äußerst unsympathisch – und ohne Sympathieträger fällt es beim Lesen schwer, eine Bindung zu dem Gelesenen aufzubauen. Vielleicht soll das so. Wenn ja, es funktioniert, die Botschaft kommt an. Unglücklicherweise lässt sich das aber nicht auf den ganzen Roman übertragen. Die Autorin verknüpft Roman, Zukunftsvision und Politthriller – das ist ein Punkt zu viel. Man weiß nicht ganz, welchem Faden man folgen soll. Dem politischen wie gesellschaftlichen Zukunftsszenario oder dem Politthriller? Dadurch hängt man als Leser|in ein wenig in den Seilen. Mir persönlich hätte eine Richtung, auf die man sich ganz einlassen kann, vollkommen ausgereicht. Damit möchte ich aber keineswegs sagen, dass der Roman nicht gut sei. Ich persönlich habe aber den Eindruck, dass da noch mehr Potential drinsteckt. „Leere Herzen“ ist sicher ein wichtiges Buch, mit einer dringlichen indirekten Warnung, welches durchaus lesenswert ist, aber es holpert auf dem Weg ein wenig.

Luchterhand Literaturverlag| 352 S. | ISBN: 978-3-630-87523-1