[Rezension] „Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst“ | Franziska Seyboldt

Rattatatam, da ist sie, die Angst. Jeder kennt sie. Jeder weiß, wie sie sich anfühlt. Manchmal aufwühlend, das Herz poltern lassend, manchmal einengend, sich ganz klein machen wollend. Die Angst kommt in vielen Formen und Farben, mal mehr, mal weniger stark und sie kann über ihre eigentliche Aufgabe, das Warnen und Beschützen hinauswachsen. Nämlich dann, wenn die Angst übermächtig wird und vor Situationen warnt, die uns eigentlich ganz alltäglich vorkommen. Beim Bäcker in der Schlange stehen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, vor anderen Menschen reden, zu einer Routineuntersuchung zum Arzt gehen. (Um nur einige wenige Beispiele zu nennen.)

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Genau darüber schreibt Franziska Seyboldt in „Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst.“ Ein Titel, der nicht nur toll und sehr persönlich gewählt ist, sondern gleich zeigt, dass hier viel mehr drinsteckt als ein blasses Sachbuch mit Ratgeberanteil. Die Autorin berichtet von sich selbst, wie es ihr geht und ergeht mit dieser ominösen, meist nicht greifbaren, oft irrational denkenden und handelnden Angst zu leben, in welchen Situationen sie sie begleitet und wie sie lernt, mit einem zu viel an Angst umzugehen. Nämlich von den Tagen, an denen sie aufwacht und keine Schildkröte, sondern vielmehr ein Sieb ist, das Geräusche, Gerüche, Farben hindurchplätschern lässt. (Vgl. S. 15/16) Darüber zu schreiben gelingt ihr scheinbar mit einer Leichtigkeit, hinter der vermutlich sehr viel Mut steckt und mit einem Humor, unter dem sich sehr viel Stärke verbirgt. Franziska Seyboldt breitet vor uns, ihren Leser|innen, ihr ganzes Leben mit der Angst dar, von der lange Zeit kaum jemand wusste. Wann sie sich zum ersten Mal anschlich, nicht leise, sondern direkt mit einem – BAMM – zuschlug, wie sie sich bei ihr einnistete und wie sie beschloss zu bleiben. So lange, bis sich die Autorin entscheidet, einen Weg zu finden, wie sie ihr die Stirn bieten kann – noch mehr, als sie es bisher schon getan hat. Dabei geht es in dem Buch aber keineswegs hauptsächlich darum: wie besiege ich die Angst?, sondern vielmehr zeigt es einen authentischen Blick in den Alltag mit ihr – und das ist wichtig, dass man, wenn man kann, darüber spricht und nicht schweigt. Daher werden sich in diesem Buch nicht nur explizit Betroffene wiederfinden, sondern vielleicht sogar ein Stück weit jeder und wenn nicht, so schafft sie es doch mit viel Witz und Sachverstand, die Thematik der Angst und der Angststörung spielend leicht verständlich zu machen. So, dass auch Leser|innen, die mit diesem Thema bisher nicht in Berührung gekommen sind, einen Zugang finden.

Deshalb ist dieses Buch nicht nur ein gutes, sondern vor allem auch ein wichtiges, denn immer mehr Menschen leiden unter einer Angststörung, aber kaum einer mag öffentlich darüber reden. Aus dem „einfachen Grund“: Angst. Angst davor, was andere denken. Angst davor, nicht mehr ernst genommen zu werden. Angst davor, Job und Freunde zu verlieren. – Mir hat an manchen Stellen noch ein wenig Tiefgang im Text gefehlt und der Humor der Autorin, den ich zwar wichtig und gut finde, um das Thema aufzulockern und verständlich zu machen, versteckt doch ab und an etwas die Ernsthaftigkeit des Themas. Davon abgesehen halte ich das Buch für enorm wichtig und absolut lesenswert – sowohl für Betroffene als auch nicht explizit Betroffene.

Kiepenheuer & Witsch Verlag | 251 S.

2 Kommentare zu „[Rezension] „Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst“ | Franziska Seyboldt“

  1. Hallo Mia,

    eine richtig tolle Rezension von dir! Du kannst so schön schreiben & jetzt habe ich richtig Lust darauf, dieses Buch zu lesen! Nicht zuletzt, weil auch ich manchmal Angst habe. Aber wer nicht…

    Liebe Grüße,
    Pia

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