Lost Generation – Bücher aus und in den 1920ern #1

In den 1920ern steckte man zwischen Vergessen, Neubeginn und dem zarten Wittern von Gefahr fest. Eine explosive Mischung, die sich auf Buchseiten gedruckt, in Filmen verewigt und in ihrer Kunst für jedermann greifbar macht. Es ist nicht nur das Eintauchen in dieses Flair, das die 20er so anziehend macht, sondern auch die Vorstellung, dass das Heute dem Gestern gar nicht mal so unähnlich ist, obwohl knapp 100 Jahre dazwischen liegen und eine Menge passiert ist.

Ich habe hier (auf dem Foto) ein paar Bücher zusammengetragen, für alle, die die 1920er ebenso gerne lesen wie ich. Es ist nur eine kleine Auswahl abgebildet, aber das heißt nicht, dass ich nur diese paar Bücher für erwähnenswert halte. Seht es einfach als Teil I einer neuen Reihe hier auf dem Blog.

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„Berlin in den 1920er Jahren“ | Rainer Metzger

Ich finde, diesen Kunstband, der viel mehr ist als „nur“ das, sollte jeder gelesen und durchgeschaut haben, der sich für diese Zeit interessiert. Hier geht es zwar vordergründig um die Kunstwelt in Berlin in den 1920er Jahren, aber Literatur ist eben auch Kunst und alles spielt zusammen. Besonders in der sogenannten Zeit der „Lost Generation“. Berlin boomt in den 20ern und übt eine Faszination auf alle aus, nicht nur Künstler und Literaten, sondern auch die, die was erleben wollen, die sich etwas versprechen, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen in einer Zeit, in der alles ins Wanken gerät. Vom ersten Weltkrieg gebeutelt, durch die Weltwirtschaftskrise geschüttelt, auf der Suche nach dem großen Glück. Berlin übt immer noch diese gewisse Magie auf viele aus, aber bei weitem nicht mehr so ausdrücklich wie in den 1920ern – daher unbedingt reinschauen!

„Das kunstseidene Mädchen“ | Irmgard Keun

Diesen Roman ordnet man eher den 1930ern zu, aber ich mag es trotzdem an dieser Stelle erwähnen und empfehlen, da es mir so gut gefallen hat. „Das kunstseidene Mädchen“ spielt während der Weltwirtschaftskrise und verfolgt das Leben der jungen Doris, die von der Provinz in die großen Weiten nach Berlin zieht, um dort ihr Glück zu suchen. Vornehmlich im Film, aber auch in der Liebe. Dass das nicht einfach ist, dürfte klar sein. Der Roman erzählt von Massenarbeitslosigkeit, Armut und dem Willen, trotzdem etwas zu erreichen. Besonders ist hier die Sprache, die schnell und hektisch sowie gleichzeitig lebendig durch die direkte Übernahme von Slangs und Grammatikfehlern ist.

„Auf Messers Schneide“ | William Somerset Maugham

Der Titel mag ein wenig irreführen, wenn man denkt, es erwarte einen nun ein Krimi oder gar ein Thriller. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Roman um einen hochphilosophischen im Sinne, dass hier die Protagonisten – allen voran Larry -, von denen der Ich-Erzähler (Maugham selbst) berichtet, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind. Und das in einer Zeit, in der alles scheinbar golden glänzt, in der der erste Weltkrieg gerade vorbei ist und man stattdessen lieber Charleston tanzt und die Champagnerkorken knallen lässt, während die nächste Krise schon auf die Schulter klopft. Das Besondere ist nicht nur die Tatsache, dass diese Zeit ein ganz klein wenig auf die Schippe genommen, zumindest aber unter einem kritischen Aspekt beleuchtet wird und, dass Maugham selbst als Ich-Erzähler in Kraft tritt, als hätte er die Geschichte miterlebt. Er schreibt dabei sanft und elegant, was ich sehr gerne mag, auch wenn es stellenweise ein wenig langatmig wird und ich es nicht am Stück lesen konnte.

„Blaupause“ | Theresia Enzensberger

Über diesen Roman habe ich vor ein paar Wochen bereits berichtet. Es fällt mir schwer hier eine klare Empfehlung auszusprechen, da ich so meine Schwierigkeiten mit dem Schreibstil und manchen Teilen der Geschichte hatte, aber doch möchte ich es erwähnen, weil ich die Idee eine Art Entwicklungsroman zur Zeit des Bauhauses zu schreiben sehr, sehr gut finde. Leider hakt es – meiner persönlichen Meinung nach – etwas in der Umsetzung und das ist schade. Vor allem die Protagonistin Luise hat mich letztlich nur noch genervt, was mich umso mehr ärgert, weil diese Geschichte so viel Potential hat und man genau merkt, worauf die Autorin abzielt und dann kommt das (bei mir zumindest) so gar nicht rüber. Ich habe aber auch gegenteilige, äußerst begeisterte Stimmen gehört, von daher lasst euch von mir bitte nicht abschrecken, wenn euch das Thema interessiert! Der Roman ist sehr gut recherchiert, was das Bauhaus und die zeitlichen Umstände angeht und das ist ein Grund, auf jeden Fall mal hereinzulesen, sofern einen das Bauhaus und die 1920er Jahre thematisch ansprechen.

„Saint Mazie“ | Jami Attenberg

Diesen Roman habe ich ebenfalls kürzlich auf meinem Blog besprochen. (Dies ist ein ganz dezenter Hinweis dahingehend, dass ihr gerne dort noch mehr Details nachlesen könnt, wenn ihr möchtet.) Jami Attenbergs Geschichte versetzt uns mit der direkten, offenen, aber herzensguten Mazie Phillips als Hauptfigur mitten hinein ins New York der 20er Jahre. Hier ähnlich wie bei Keun und Maugham im Hinblick darauf, dass eine gewisse Perspektivlosigkeit herrscht. Gleichzeitig ist Mazie aber auch „Saint Mazie“, die Heilige Mazie (angelegt nach einem realen Vorbild), die ein so gutes Herz hat, dass sie sich um obdachlose, in Armut lebende Mitmenschen kümmert, auch wenn es Zeiten gibt, in denen sie selbst kämpfen muss. Besonders hier auch wieder die Sprache und die Art, wie der Roman konstruiert ist. Attenberg verfasst ein fiktives Tagebuch für Mazie und lässt gleichzeitig – ebenfalls fiktiv – Nachbarn, Freunde, Bekannte zu Wort kommen, um das Bild abzurunden. Sehr lesenswert, wenn es auch zu Beginn ein wenig Durchhaltevermögen benötigt.

„Der große Gatsby“ | F. Scott Fitzgerald

Der Roman steht stellvertretend für seine Zeit, wie der Autor Stellvertreter seiner Generation ist (und wie das Buch an dieser Stelle im Blog für all seine anderen Werke sowie die Texte seiner Frau steht). Ok, genug Stellvertreter-Dings. Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich noch irgendetwas über den Inhalt erzählen soll? Wenn ihr das Buch noch nicht gelesen habt, dann habt ihr doch aber mit Sicherheit eine der zahlreichen Verfilmungen gesehen. oder? Oder? ODER? Also, wenn nicht, dann schleunigst ändern, bitte. Für mich war der Roman Auftakt zu einer großen Liebe (ja, genau, ich meine die 1920er) und ich mag ihn bis heute unfassbar gerne.

„Paris: Ein Fest fürs Leben“ | Ernest Hemingway

Mit diesem Roman, dem letzten und meines Wissens unvollendeten, den Hemingway geschrieben hat, taucht man ein ins Paris der 1920er Jahre, mitten hinein in seine Anfänge. Hier hat sich beinahe jeder mit Rang und Namen vereint, in Cafés geschrieben und in Bars getanzt – morgens der Kaffee, abends der Cognac, manchmal auch umgekehrt. Eine turbulente, chaotische und durchaus kunstvolle Zeit rund um den Dunstkreis von Gertrude Stein (u.a.), man trifft sicher viele bekannte Gesichter/Namen. Mich hat der Roman ganz entfernt an Woody Allens Film „Midnight in Paris“ erinnert, in dem die künstlerischen wie literarischen (wobei ich finde, dass Literatur ebenso Kunst ist) Größen der verlorenen Generation aufeinander treffen.

4 Kommentare zu „Lost Generation – Bücher aus und in den 1920ern #1“

  1. Danke für deine Zusammenstellung! Mich interessiert die Zeit um die Jahrhundertwende und die „Goldenen“ Zwanziger auch sehr. Bisher habe ich vor allem viele Biografien aus dieser Zeit gelesen, aber einige deiner vorgestellten Bücher hören sich wirklich gut an und machen Lust zum Lesen.

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  2. Huhu!

    Danke für die schöne Zusammenstellung! „Das kunstseidene Mädchen“ will ich eigentlich schon wirklich Ewigkeiten lesen… Ich habe da hinten ein Regal nur mit größtenteils ungelesenen Klassikern. Von Somerset Maugham kenne ich ehrlich gesagt bisher nur „Des Menschen Hörigkeit“.

    „Saint Mazie“ muss auch mal auf die Leseliste, und „Der große Gatsby“ möchte ich schon seit vielen Jahren endlich nochmal lesen, weil es wirklich Ewigkeiten her ist!

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

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  3. Hallöchen,
    zuerst einmal: Ich mag deinen Schreibstil total! Der liest sich einfach so leicht und bringt mich unweigerlich zum Lächeln. Du hast mit mir also eine begeisterte neue Leserin gefunden :)

    Jetzt zum Beitrag an sich: Ich liebe die 20er. Ich mag die Kleidung, die Art, die Stimmung. Aber ich muss auch gestehen, dass ich eher die schillernde Flapper-Seite dieses Jahrzehnts kenne. Deshalb bin ich gerade sehr angetan von diesem Beitrag. Denn so lerne ich diese Zeit vielleicht noch von einer anderen Seite kennen.
    Liebste Grüße, Kate

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    1. Hallo :)

      das freut mich sehr – vielen lieben Dank!

      Die eine schließt die andere Seite ja nicht kategorisch aus. Die hellen wie die dunklen Zeiten gehen Hand in Hand und gerade das finde ich sehr spannend und faszinierend zu lesen, zu schauen, nachzuempfinden (so gut es geht).

      Liebe Grüße
      Mia

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