[Rezension] „Das Mädchen im blauen Mantel“ | Monica Hesse

Der Zweite Weltkrieg umfasst eine Zeit voller Schrecken und Grauen. Eigentlich unnötig, das hier noch mal explizit zu erwähnen, denn das sollte als Mahnmal im Kopf fest verankert sein. Andererseits schadet es aber auch nicht, sich das immer wieder bewusst zu machen, denn die Vergangenheit lehrt uns doch manchmal mehr als die Gegenwart. „Das Mädchen im blauen Mantel“ ist also ein historischer Roman, zeitlich einzuordnen in die Zeit des Zweiten Weltkrieges – genauer 1943 – und spielt in Amsterdam. Amsterdam? Ja, klingelt da was? Genau! Amsterdam, wo auch Anne Frank gelebt hat und in ihrem Versteck wichtige Zeilen schrieb, die nie vergessen werden sollen. Jetzt könnte man denken, dieser Roman hier sei ähnlich. Ist er in gewisser Weise auch, denn er beschäftigt sich mit demselben historischen Ereignis, aber doch anders.

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Hanneke, die Protagonistin des Romans, ist eine Schwarzmarkthändlerin. Als junges Mädchen, deren Vater eine Verletzung aus dem ersten Weltkrieg arbeitsunfähig macht und deren Mutter durch den zweiten Weltkrieg wie gelähmt erscheint, weiß sie, wie sie die Polizei und Aufseher becircen kann. Nicht, dass sie darauf stolz wäre, aber die Not treibt sie an, macht sie erfinderisch und härtet sie ab. Es ist ein Akt der Rebellion. Eines Tages bittet sie eine Kundin um einen ungewöhnlichen Gefallen. Sie soll für sie ein Mädchen finden, das sie versteckt gehalten hat und das nun auf unerklärliche Weise verschwunden ist. Auf der Suche nach dem Mädchen gerät Hanneke in ein Netz aus Rebellion, Lügen, Schuld, Verrat und Geheimnissen..

Was diesen Roman so besonders macht, ist nicht nur die Geschichte an sich, sondern die Art, wie sie erzählt wird. Hanneke ist keine „typische“ Rebellin, wie wir sie vielleicht aus anderen historischen Romanen dieser Art kennen. Hanneke wirkt egoistisch und selbstsüchtig, auch wenn sie anderen hilft. Sie ist auf ihren Vorteil bedacht und den ihrer Familie. Doch auch in Hanneke schlummert etwas, das schwer schwiegt, das sie antreibt, Dinge zu tun, die ihr verhasst sind. Es ist, als würde sie sich bestrafen für etwas, woran sie sich die Schuld gibt. Im Verlauf des Romans beobachtet man als Leser*in die Entwicklung Hannekes. Als sie sich auf die Suche nach dem Mädchen im blauen Mantel macht, lernt sie junge Untergrundaktivisten kennen, die ihr zunächst helfen sollen. Aus Eigennutz, wieder mal. Doch Hilfe bekommt sie nur gegen Hilfe ihrerseits. Und so steckt sie plötzlich mittendrin. Da gerät fast die eigentliche Story in den Hintergrund, nämlich die Suche nach dem Mädchen – und diese gestaltet sich nicht nur als schwierig, sondern auch als besonders spannend zu lesen.

„Das Mädchen im blauen Mantel“ ist ein Roman, der für Jugendliche gedacht ist, den aber auch Erwachsene lesen sollten. Die Protagonistin wächst einem nicht sofort ans Herz, sie ist zunächst mehr eine Antiheldin, aber eine authentisch beschriebene, denn sicher war nicht jeder in dieser Zeit von vornherein selbstlos und mutig genug, für andere einzustehen – eher im Gegenteil. Diese Geschichte zeigt, dass es manchmal einer Entwicklung bedarf und dass sich diese lohnt. Sie zeigt, wie wichtig es ist, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, in Zeiten der Not Hilfe zu leisten sowie Mut und Stärke zu beweisen, selbst wenn man sich selbst ganz klein fühlt.

Aus dem Amerikanischen von Cornelia Stoll | cbj Verlag

6 Kommentare zu „[Rezension] „Das Mädchen im blauen Mantel“ | Monica Hesse“

  1. Gerade der Aspekt, dass die Protagnostin keine klassische Heldin ist, gefällt mir sehr gut.
    Denn man stellt sich doch immer wieder die Frage, wie man selbst sich zu der Zeit verhalten hätte. Was bleibt einem von seiner Nächstenliebe, wenn es vor allem um das eigene Leben und das seiner Liebsten geht?
    Sehr spannendes Thema finde ich!
    Viele Grüße
    Saskia

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